Fasziniert vom Gottesdienst

Peter Cornehl

Vor wenigen Tagen ist der Liturgiewissenschaftler Peter Cornehl (1936-2022) gestorben. Ulrike Wagner-Rau über einen Praktischen Theologen, der aufmerksame Beobachtung der Gegenwart mit historischer Tiefe zu verbinden wusste.

„Ich möchte etwas von der Faszination weitergeben, die Gottesdienst und Predigt seit langem auf mich ausüben.“[1] So schreibt Peter Cornehl in der Einleitung zum ersten Band seiner Gottesdiensttheorie. Diese Formulierung trifft, was die Arbeit dieses Praktischen Theologen angetrieben hat: seine Begeisterung für Gottesdienst und Predigt, die sich in zahlreichen Veröffentlichungen und in seiner Lehrtätigkeit als Professor an der Universität Hamburg von 1976–2000 niedergeschlagen hat. Auch in der kirchlichen Praxis kam diese Leidenschaft zum Ausdruck. Von 1977–2000 war er Hamburger Universitätsprediger, hat – stets in Kooperation mit Kolleg:innen und Studierenden – gut besuchte Uni-Gottesdienste in der Hauptkirche St. Katharinen gestaltet. Über Jahrzehnte hinweg engagierte er sich mit theoretischen und praktischen Impulsen in Projekten des Kirchentages (Liturgische Nacht 1971, Forum Abendmahl 1979 und 1981, Forum Taufe 1989). Bis ins hohe Alter hinein wurde er für Kasualgottesdienste angefragt.

Schönheit des Gottesdienstes in all seinen Erscheinungsformen

Die Schönheit des Gottesdienstes in all seinen Erscheinungsformen hatte es ihm angetan, und für sie hat er lebenslang geworben. Auch trotzig angeredet gegen Stimmen, die den Gottesdienst in den Modernisierungsschüben und den religionskulturellen Umbrüchen der Gegenwart auf verlorenem Posten sehen. Zwar war er sich der Herausforderungen und Probleme sehr bewusst, denen sich besonders der Sonntagsgottesdienst in den letzten Jahrzehnten stellen muss. Aber: „Der Gottesdienst ist wesentlich, er ist Zentrum und Kraftquelle.“[2] Hier zu investieren – so seine Überzeugung – würde sich auszahlen. Denn im Medium der biblischen Texte, in ihrer Beziehung zu den Themen der gegenwärtigen Lebenswelt, begegne Gott. Hier werde lebendig, was die christliche Tradition für die Probleme der Gegenwart an Ermutigung, Trost und produktiver Herausforderung zu bieten hat.

im Medium der biblischen Texte, in ihrer Beziehung zu den Themen der gegenwärtigen Lebenswelt, begegne Gott

Bei aller Wertschätzung der Tradition und in seiner Liebe zur Bibel war Peter Cornehl zugleich ein menschlich aufmerksamer und politisch wacher Zeitgenosse. Genaue Wahrnehmung ging seinen analytischen Überlegungen und seinen Gestaltungsvorschlägen voraus. Seine Texte sind voller präziser Beobachtungen und einfühlsamer Beschreibungen liturgischer Phänomene, die er nicht nur in den Kirchen, sondern in der Lebenswelt insgesamt entdeckt. Höchst private wie auch öffentlich-politische Anlässe werden im Blick auf den Gottesdienst reflektiert und gewürdigt. Man kann etwas über seine eigene Taufe im Januar 1937 im Magdeburger Dom lesen (mit Familienfotos!) und findet eine Analyse der interreligiösen Feier in New York nach den Anschlägen von 9/11. Überlegungen zum unterschiedlichen Abendmahlsverständnis der Konfessionen stehen neben der Auseinandersetzung mit dem „Politischen Nachtgebet“. Tauffeste am Elbufer und anderswo reflektiert er im Horizont der Katastrophe von Fukushima. Große Aufmerksamkeit widmete er den Gottesdiensten an den Festtagen im Jahres- und Lebenslauf, bei denen die Stärken der christlichen Traditionen und Themen deutlich zum Tragen kommen. Es sei ja kein Wunder, so Cornehl, dass die Menschen sich durch solche liturgischen Ereignisse angezogen fühlen, bei denen sich Tradition und Situation überzeugend verbinden.

mehr an Differenz und offenen Fragen interessiert als an einem generalisierenden theoretischen Entwurf

Die gottesdienstlichen Phänomene treten in seinen Darstellungen lebendig vor Augen. Sie werden eingehend und kenntnisreich reflektiert, aber nicht in einem umfassenden theoretischen Horizont eingeebnet. Peter Cornehl war mehr an Differenz und offenen Fragen interessiert als an einem generalisierenden theoretischen Entwurf. Insofern verfolgt er in seinen Veröffentlichungen bewusst einen „mittleren Grad von Abstraktheit“[3], der Raum lässt für Anschauung und Konkretion und darin der gottesdienstlichen Landschaft gerecht zu werden sucht. Oft ist es ihm dabei gelungen, etwas von der ästhetischen Qualität der Gottesdienste zu bewahren, die Schönheit der biblischen Texte, Räume, Gesten und der Musik durchscheinen zu lassen. Schon dies macht es reizvoll, seine vielen Aufsätze zu lesen.

die ästhetische Qualität der Gottesdienste im Schreiben durchscheinen lassen

Aber nicht nur unterschiedliche Phänomene sucht er zu integrieren, sondern ebenso theologische Forschung verschiedener Richtungen und die Perspektiven anderer Wissenschaften. Durch seine Mitwirkung bei den Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen der EKD, aber auch weit darüber hinaus hat er von soziologischen und gesellschaftsanalytischen Ansätzen gelernt. Besonders wirkmächtig war seine luzide Analyse des Kirchgangverhaltens aus den Daten der zweiten KMU, in der er den Blick der Praktischen Theologie für die unterschiedlichen Logiken der Kirchenmitgliedschaft geöffnet und über den Kreis der Hochverbundenen hinaus geweitet hat.[4]

Die historische Tiefenschärfe lag ihm besonders am Herzen, ohne die gegenwärtige Entwicklungen nicht verstanden werden können. Viele seiner Beiträge erhellen die Geschichte des Gottesdienstes und der Predigt. Seine umfassenden historischen Kenntnisse und seine eigenständige Lesart der Geschichte haben sich nicht zuletzt in dem großen TRE-Artikel zum Gottesdienst von der Reformation bis zur Neuzeit niedergeschlagen.[5] Unermüdlich rezipierte er die historische Forschung, war er auf der Suche nach unerschlossenen Quellen vergangener Epochen. Und stets hat er die Kolleg:innen in  der Praktischen Theologie gemahnt und angeregt, die Zeugnisse bedeutsamer Ereignisse der Zeitgeschichte – z.B. der Jahre der Friedlichen Revolution um 1989 herum – zu sichern und auszuwerten.

unermüdlich auf der Suche nach unerschlossenen Quellen vergangener Epochen und der Zeitgeschichte

Die Zielperspektive Peter Cornehls war eine integrative Gottesdiensttheorie und -praxis „im Zeichen der Konziliarität“[6]. Biblische, historische Kontur und neuzeitliche Wirklichkeit, Unterschiede im Verständnis des Gottesdienstes und konfessionelle Differenzen, Predigt und liturgisches Handeln, die privaten und die politischen Anlässe, die kirchennahen und die distanzierten Gottesdienstbesucher:innen, die „kleinen“ und die „großen“ Formen, – in dieser Breite hat er Reiz und Kraft des gottesdienstlichen Lebens zur Geltung gebracht. Zugleich war Peter Cornel eine klar identifizierbare, wichtige Stimme in der Praktischen Theologie der letzten Jahrzehnte. Sein Ausgangspunkt bei der Gottesdiensttheorie Friedrich Schleiermachers[7] und sein Interesse an dem Ineinander von Kultur und Kult, das biblisch geprägte Selbstverständnis und der politisch informierte Blick, die liebevolle Aufmerksamkeit für Menschen und Ereignisse – all dies geht in seine Texte ein. Sie sind unverkennbar, „typisch Cornehl“.

Von dem Vorhaben, Wahrnehmungen und Überlegungen, die durch die Jahre gewachsen waren, im Ruhestand in einem dreibändigen Werk zu bündeln, konnte Peter Cornehl nur den ersten Band vollenden. Was noch geplant war, ein Band zur Geschichte des Gottesdienstes und einer zum Programm einer „integrativen Gottesdienstpraxis“[8], ist in manche Hinsicht in den zahlreichen Aufsätzen, die er geschrieben hat, bereits realisiert. Es lohnt sich, diese wieder zu lesen. Vielleicht ist das Unvollendete ja signifikant für einen Wissenschaftler und Autor, dem es darum ging, einer durch Pluralität und beständigen Wandel gekennzeichneten Praxis gerecht zu werden. Seine Texte und Gedanken werden weiterwirken, obwohl oder weil sie alles andere als zeitlos sind.

das Unvollendete vielleicht signifikant für einen Wissenschaftler, der einer durch Pluralität und beständigen Wandel gekennzeichneten Praxis gerecht  werden wollte

Nicht nur die Forschung und die Texte, sondern auch der Mensch Peter Cornehl hat die Praktische Theologie über Jahrzehnte mitgeprägt als Kollege, Lehrer und Freund. Er war ein Meister des Dialogs, immer interessiert daran, nicht nur die eigene Meinung, sondern auch die der anderen zu hören und sich davon anregen zu lassen. Wenigen in der Wissenschaft ist es wie ihm gegeben, die Anliegen der Jüngeren im Fach wertzuschätzen und zu fördern. Nach einem Gespräch mit ihm hat man nicht nur gehört, was er selbst über die Sache denkt, sondern ist vor allem in den eigenen Gedanken weitergekommen. Zahlreiche Dissertationen zu unterschiedlichsten Themen konnten auf diese Weise mit seiner Begleitung zu einem guten Abschluss kommen. Auch in den Kirchen war er als Gesprächspartner geschätzt, der in der Lage war, wissenschaftliche Einsichten in die Praxis hinein zu vermitteln. Bis in seine letzten Lebensmonate interessierte er sich dafür, Neues zu hören und zu denken, sich auszutauschen, zu lernen.

Am 15. Mai 2022 ist Peter Cornehl gestorben. Seine Stimme wird fehlen.

Prof. Dr. Ulrike Wagner-Rau ist Professorin i.R. für Praktische Theologie an der Philipps-Universität Marburg.

Bild: Rainer Rahlmeier


 

[1] Der Evangelische Gottesdienst – Biblische Kontur und neuzeitliche Wirklichkeit, Bd. 1, Stuttgart 2006, 11.

[2] „Die Welt ist voll von Liturgie“. Studien zu einer integrativen Gottesdienstpraxis, Stuttgart 2005, 40.

[3] Zit. a.a.O., 21.

[4] Teilnahme am Gottesdienst. Zur Logik des Kirchgangs – Befunde und Konsequenzen, in: J. Matthes (Hg.): Kirchenmitgliedschaft im Wandel. Untersuchungen zur Realität der Volkskirche, Gütersloh 1990, 15-53.

[5] Vgl. Gottesdienst VIII. Evangelischer Gottesdienst von der Reformation bis zur Gegenwart, in: Theologische Realenzyklopädie 14 (1985), 54-85

[6] Der evangelische Gottesdienst, a.a.O., 12.

[7] Vgl. den grundlegenden Artikel Gottesdienst, in: F. Klostermann/R. Zerfaß (Hg.): Praktische Theologie heute, München/Mainz 1974, 449-463.

[8] Vgl. Der Evangelische Gottesdienst, a.a.O., 15-17.

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