Gehen oder bleiben? Kirchenkrise – zwischen Austritt, Frustration und Engagement

Gehen oder bleiben? Unter diesem Titel fand am 24. Juni 2021 ein bemerkenswertes Zoom-Gespräch statt, veranstaltet vom Würzburger Lehrstuhl für Fundamentaltheologie in Kooperation mit der KHG Würzburg. Zu Gast waren u. a. Christiane Florin, Regina Laudage-Kleeberg und Maria Mesrian. Fast 180 Teilnehmende hatten sich zugeschaltet. Die These des Abends: ehrlich bleiben. Matthias Remenyi berichtet.

Gehen oder bleiben? Die Idee zu diesem Online-Format entstand durchaus aus einer existentiellen Betroffenheit und auch aus einer gewissen Ratlosigkeit heraus. Auf der einen Seite folgen die Skandal- und Schreckensmeldungen in der katholischen Kirche in Deutschland in immer kürzeren Abständen aufeinander. Immer schneller dreht sich die Erregungs- und Empörungsspirale. Zugleich machen sich parallel dazu eine gewisse Lähmung, eine Müdigkeit und eine Resignation breit, fast so etwas wie eine kalte Wut darüber, dass sich nichts oder so wenig ändert, dass die Dinge so zögerlich angegangen werden, dass augenscheinlich doch alles so zu bleiben droht, wie es eben ist. Und ob der Synodale Weg, in Deutschland oder der Weltkirche, daran etwas ändern wird, steht – bestenfalls – in den Sternen.

Im Fall der Kirche scheint es, dass gerade die systemischen Dysfunktionalitäten, unter denen so viele Menschen leiden, dazu beitragen, dass das System als Ganzes paradoxerweise stabil bleibt.

Es ist ja was dran an der Beobachtung: Im weltlichen Leben würde ein dysfunktionales System, eine Firma etwa, irgendwann an dieser Dysfunktionalität zugrunde gehen. Im Fall der Kirche scheint es, dass gerade die systemischen Dysfunktionalitäten, unter denen so viele Menschen leiden, dazu beitragen, dass das System als Ganzes paradoxerweise stabil bleibt: einseitige und asymmetrische Macht- und Kommunikationsstrukturen, intransparente Verfahrenswege, Klerikalismus, permanentes Abblenden der Betroffenenperspektive, unbedingter Wille zur Systemstabilisierung auch unter Verweis auf großkirchliche Bindekräfte, unklares Verhältnis zur demokratischen Moderne – um nur einige Stichworte zu nennen.

So wird für viele, gerade für kritische Christinnen und Christen, die Frage existentiell drängend: Gehen oder bleiben? Ist der Kirchenaustritt die einzige Möglichkeit, zur Systemveränderung beizutragen? Ist, wie es ein junger Würzburger Augustinermönch einmal auf den Punkt gebracht hat, der Schritt aus der Kirche ein Schritt in den Glauben? Auch ich persönlich ringe mit der Frage, wie ich mich zu dieser Kirche verhalten will und soll. Ich bin ihr ja zutiefst verhaftet, bin in ihr groß geworden. Sie hat mein Leben, im Guten wie im Anstrengenden, durch und durch geprägt. Zugleich leide ich an ihr, an ihrer Starrheit und Unbeweglichkeit, oft genug auch an ihrer bis zum Verzweifeln lässigen Bräsigkeit. Ich kann meine religiöse Beheimatung nicht einfach ablegen wie ein zu eng oder fleckig gewordenes altes Hemd. Aber ich sehne mich danach, im Glauben zu wachsen, freier zu werden.

Ich will versuchen, beides einzuüben: Kritik und Wertschätzung. Aber vorerst will ich es beim „Trotzdem“ belassen.

Anders solle ich glauben, nicht trotzdem, heißt es in einer aktuellen Publikation. Gut gesagt: „Anders glauben, nicht trotzdem“.[1] Aber wie? Die Kirche habe so viel Kostbares zu bieten, jetzt sei die epochale Chance, sie mitzugestalten, hin zu einem sinnstiftenden Gegenpol. Aus „Kirchenmüdigkeit“ müsse „Kirchenmündigkeit“ werden, so tönt eine andere Stimme dieser Tage.[2] Auch schön gesagt. Ich will in meiner theologischen Arbeit versuchen, die Ängstlichkeit abzulegen, klar zu sprechen, die Dinge anzusehen, wie sie sind. Ich will versuchen, beides einzuüben: Kritik und Wertschätzung. Aber vorerst will ich es beim „Trotzdem“ belassen. Regina Laudage-Kleeberg hat das einmal im WDR auf für mich wunderbare Weise ins Wort gebracht: „…weil ich ein Abo hab“. Ich bleibe, ich gehe nicht, weil ich ein Abo hab. Das bringt die ganze, auch existentielle Ambivalenz der Situation für mich genau auf den Punkt.

Wie kommen wir aus der doppelten Sprachlosigkeit heraus?

Gehen oder bleiben - PlakatWir hatten an diesem Abend vier kurze Statements, ehe die Referentinnen untereinander und dann mit den Teilnehmenden ins Gespräch kamen. Den Anfang machte Linnea Seeger von der Initiative „Vielfalt in der Kirche“ in der KHG Würzburg. Ihre bittere Diagnose: Die Sprachlosigkeit der Kirche mache sprachlos, aber da, wo die Kirche spreche, mache sie auch sprachlos. Wie also kommen wir aus dieser doppelten Sprachlosigkeit heraus? Sie berichtete von vielen ganz konkreten, praktischen Aktionen, vom Einsatz vor Ort gegen diskriminierende Strukturen und Machtmissbrauch, aber auch von der Ratlosigkeit angesichts von eigenen Vorstellungen oder von Lebensentwürfen, die nicht ins kirchlich normierte Schema passen. Gehen oder bleiben? Kein Geringerer als Kardinal Döpfner wurde aufgerufen: Es gehe darum, den Menschen von heute gerecht zu werden. Nicht nur, aber auch durch eine Öffnung der Ämter für alle Menschen.

Trotz allem ganz realen Leid auch irgendwie eine Realsatire; Verhaltensauffälligkeiten, als katholische Normalität präsentiert

Christiane Florin startete ihr Statement: „Konfession: zerrissen-katholisch“ mit einer Rückblende in das Gemeindeleben der 1970er- und 1980er-Jahre. Gleichberechtigung und Emanzipation wurden nicht erstritten, sie wurden in Teestuben und auf Jugendfahrten „erstrickt“. Wie naiv, wie gutgläubig waren wir, war ich damals? – So ihre Frage in der Rückschau angesichts der Abgründigkeit an Verbrechen und Vertuschung, um die wir heute wissen. Hinzu käme die Misogynie in der Kirche, eine andauernde Diskriminierung, die als Gleichwertigkeit bei natürlicher Unterschiedlichkeit verkauft werde. All das sei schreiend ungerecht und nur deshalb zu ertragen, weil es bisweilen auch schreiend komisch sei: trotz allem ganz realen Leid auch irgendwie eine Realsatire; Verhaltensauffälligkeiten, die als katholische Normalität präsentiert würden.

Nachdrücklich pochte sie darauf, genau hinzusehen und sich nicht abspeisen zu lassen, wenn wieder einmal Lügen als Lernprozesse und Systemversagen als bedauerliche Einzelfälle verkauft würden. Die Kirche hat das Kriminelle verharmlost und das Harmlose kriminalisiert, lautete ihre harte Ansage. Eine bischöfliche Gewissensbildungsresistenz sei zu beobachten. Wäre die so oft beschworene Erschütterung wirklich echt, es bliebe kein Stein auf dem anderen. Und die Antwort auf die Themafrage? „Ich habe keine Tipps. So viel kriminelle Energie hätte ich meiner Kirche nicht zugetraut. Gehen oder bleiben? Ich kann die Frage nicht beantworten.“ Nur eines sei sie sich gewiss: Auch die Ausgetretenen hätten die Pflicht, weiter nach der Wahrheit zu fragen. Und die, die blieben, müssten sich fragen: Warum sind die Laien so brav? Das, so ihr Fazit, sei die Lebenslüge auch des liberalen Lagers.

Wie fühlt es sich an, zutiefst und leidenschaftlich katholisch zu sein?

Einen ganz anderen Ton schlug Regina Laudage-Kleeberg an. Ohne die Misere irgend schönzureden, ohne irgendetwas zu verharmlosen, erzählte sie davon, wie es sich anfühlt, zutiefst und leidenschaftlich katholisch zu sein. Weshalb bin ich Christin, weshalb bleibe ich? Warum bin ich in der Kirche? Ihre Antwort umfasste drei Punkte. Ihr erster: Meine Dankbarkeit soll eine Richtung haben! In sehr persönlichen Worten berichtete sie von Glaubenserfahrungen, die sie durchs Leben trügen und für die sie dankbar sei. Diese Dankbarkeit verlange nach einer Form. Ihr zweiter Punkt hängt damit eng zusammen: Es brauche einen rituellen Rahmen für Krisen und Veränderungen, für die großen Lebensschritte und die einschneidenden Lebenswenden. Hier biete die katholische Kirche einen reichen und authentischen Schatz an Sinnangeboten. Und das Dritte: die Hoffnung auf Auferweckung – darauf, dass das, was ist, nicht alles ist, dass im Ende ein neuer Anfang ist; die Hoffnung, dass da ein Gott ist, der uns in Freiheit gestellt hat und der uns doch in Liebe birgt. Aus diesen drei Quellen speise sich ihr Katholischsein und gewänne so eine Tiefe, die sie vieles in der Kirche aushalten lasse.

„Ich blicke in ein zerstörtes System. Das System hat den Bezug zur Wurzel verloren.“

Für Maria Mesrian ist: „Gehen oder bleiben?“ eine Luxusfrage. Für die Betroffenen von sexueller Gewalt nämlich gäbe es kein einfaches Gehen. Ihre Antwort: Ich kann vor dem Geschehenen nicht weglaufen. Aber bleiben kann ich nur unter der Maßgabe, mich nicht abzufinden, zu kämpfen. Vieles sei weggebrochen, ihr Bleiben sei ein Leben in einem Zwischen, ein Zuhause-Sein an beiden Orten. Das Bleiben erzwinge den Mut zum klaren Blick: „Ich blicke in ein zerstörtes System. Das System hat den Bezug zur Wurzel verloren.“ In gewisser Weise verlöre die Alternative: „Gehen oder bleiben?“ auch an Brisanz, denn für den Kampf gegen Unrecht spiele es keine Rolle, ob jemand bleibt oder austritt – die Verpflichtung auf Gerechtigkeit gelte für beides gleichermaßen, für das Bleiben wie für das Gehen. Nur gebe es eine Form des Bleibens, die nicht mehr akzeptabel sei: das schweigende Bleiben. „Die einzige Option, unter der ich bleiben kann, ist, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Auch ich habe viel zu lange geschwiegen.“

Ehrlich bleiben, ohne der Versuchung zur Vereindeutigung zu erliegen.

Das Schlusswort nach vielen Rückfragen und Gesprächssequenzen kam dann Burkhard Hose zu. Früher habe es geheißen: „Wer geht, muss sich rechtfertigen“. Heute heiße es: „Wer bleibt, muss sich rechtfertigen“. So würden die, die gingen, zu einer Anfrage für die, die blieben. Zu erinnern sei aber an die biblischen Wurzeln. Auch das Bleiben des Jesus von Nazaret sei kein bequemes, systemkonformes gewesen. Sein Fazit lautete: „Ein Bleiben kann nur ein ehrliches Bleiben sein!“ Doch die Antwort darauf, wie diese Ehrlichkeit sich lebensweltlich je konkret zeitige, die stehe unter Diversitätsvorbehalt, die sei jedem und jeder einzelnen zu überlassen. Ehrlich bleiben, ohne der Versuchung zur Vereindeutigung zu erliegen – eine These, die geeignet ist, einen denkwürdigen Abend in knappen Worten zusammenzufassen.

[1] Vgl. H.-J. Sander, Anders glauben, nicht trotzdem. Sexueller Missbrauch der katholischen Kirche und die theologischen Folgen. Ostfildern 2021. Der Titel erinnert wohl nicht zufällig an C. Florin, Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben. München 2020.

[2] Vgl. A. Batlogg, Wofür es sich lohnt, in der Kirche zu bleiben, in: Katholisches Sonntagsblatt. Das Magazin für die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Nr. 26 vom 27. Juni 2021, 10-12. Online abrufbar auf: https://andreas-batlogg.de (28.06.2021).

Autor: Matthias Remenyi ist Universitätsprofessor für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Beitragsbild: Grafik von Stefan Weigand; Plakat für die Veranstaltung am 24.6.2021

Ein Dank der ganzen Vorbereitungsgruppe: Lena Beelmann, Johannes Grössl, Burkhard Hose, Ulrike Michel-Schurr, Linnea Seeger und Saskia Wabnitz.

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