Individueller Gesundheitsschutz versus wirtschaftlicher Schaden in der Krise – ein unlösbares Dilemma?

Nach Wochen des Shut-Downs hat die österreichische Regierung beschlossen, die Wirtschaft schrittweise wieder hochzufahren. Aus ökonomischer Perspektive ist es höchste Zeit, wieder in eine Form der Normalität zurückzukehren, die nicht noch mehr Schaden anrichtet. Andererseits ist dadurch ein Ansteigen der Ansteckungskurve nicht auszuschließen und sind die vulnerablen Personen besonders gefährdet. Von Martina Schmidhuber

Im alltagsmoralischen Verständnis scheint es unangemessen, das höchste Gut, die Gesundheit, gegen wirtschaftliche Interessen abzuwägen. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass Leid nicht nur durch Krankheit hervorgerufen wird, sondern auch durch Arbeitslosigkeit und Armut und auch dies wiederum Studien zufolge krank machen kann – sowohl physisch als auch psychisch (vgl. Schenk/Moser 2010).

Das höchste Gut Gesundheit

Problematisch dabei ist, dass ohnehin jene die „VerliererInnen“ der Krise sind, die weniger gut ausgebildet sind (außer sie sind in einem systemerhaltenden Beruf tätig wie im Lebensmittelhandel). Wenn aber jemand in einem Möbelhaus als VerkäuferIn tätig war, dabei ohnehin nicht viel verdient hat, möglicherweise monatlich mit der Wohnungsmiete und der Versorgung der Familie nur knapp mit dem Einkommen auskommt, ist der Verlust des Arbeitsplatzes eine Katastrophe. Zudem ist zu bedenken, dass viele Menschen Schulden haben – laut einer Statistik der Österreichischen Nationalbank von 2018 handelt es sich um ein Drittel der privaten Haushalte – und mit ihrem regelmäßigen, gleichbleibenden Einkommen rechnen, um etwa eine Eigentumswohnung abbezahlen zu können. All diese Einzelschicksale sind zu berücksichtigen, bevor man allzu leichtfertig der Wirtschaft den Rang nach der Gesundheit zuteilt.

Leid nicht nur durch Krankheit

Kritik wird zum Teil laut, wenn von politischer Seite angekündigt wird, Unternehmen finanziell unterstützen zu wollen. Wo bleibt die ebenso großzügige Unterstützung für die ArbeitnehmerInnen? In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, dass es gerade die Kleinunternehmen sind, die Arbeitsplätze schaffen, die aber häufig auch von Monat zu Monat wirtschaften (müssen). In diversen Medienberichten wurden Schicksale von kleinen Unternehmen gezeigt, die eben nicht einfach ein paar Wochen entspannt zusperren können: Die Miete für die Geschäftsräume ist weiter zu bezahlen, die Ware wird geliefert, läuft z.B. in kleinen Bioläden vielleicht ab und ist nicht mehr verkäuflich. Hier geht es häufig nicht um Gewinnmaximierung, sondern schlicht ums Überleben. Auch hier stehen menschliche Schicksale dahinter, die mit viel Arbeit, Mühe und Herzblut ein kleines Geschäft oder ein Lokal führen, dessen Zukunft – und damit auch ihre persönliche Zukunft – ungewiss ist.

Gesundheit und Wirtschaft dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beides ist wichtig und hängt, wie oben  gezeigt wurde, auch zusammen. Deshalb ist es, wie eingangs konstatiert, der richtige Weg, die österreichische Wirtschaft wieder zum Leben zu erwecken. Trotzdem bleibt zu fragen, wie es gleichzeitig möglich ist, die Ansteckungen weiterhin zu reduzieren.

Gesundheit und Wirtschaft dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Denn sie hängen zusammen.

Einerseits wird an die BürgerInnen appelliert, sich an die Vorschriften wie Abstand und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu halten, andererseits ist es in manchen Situationen nicht vermeidbar, in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen  (z.B. beim Essen im Restaurant mit Personen, die nicht im selben Haushalt leben) und dabei auch das Risiko einer Ansteckung wieder zu erhöhen.

In Schweden wurden bereits am Anfang der Krise ältere Menschen und Menschen mit chronischen Erkrankungen ersucht, zu Hause zu bleiben, damit das „normale“ Leben für die meisten schwedischen BürgerInnen weitergehen kann. Wäre nicht jetzt im Mai 2020 in Österreich der Zeitpunkt, diese Option auch ins Auge zu fassen?

In Selbstverantwortung

Damit wäre es einerseits möglich, dass die meisten Menschen wieder ihrem Beruf nachgehen können, normaler Schulbetrieb wieder umsetzbar ist und die Wirtschaft angekurbelt wird (wenn auch höchstwahrscheinlich sehr langsam, wie ExpertInnen prognostizieren). Andererseits wären die vulnerablen Personengruppen trotzdem geschützt, wenn sie sich dessen bewusst sind, dass sie gefährdet sind, und im Sinne ihrer Selbstverantwortung agieren und Kontakte meiden. Das muss freilich auch der/die ArbeitgeberIn unterstützen und z.B. weiterhin Home Office zugestehen.

Es gibt hierfür durchaus positive Beispiele in Österreich: So arbeiten bei einer großen Firma in Wien, die Apps für DiabetikerInnen  programmiert, viele Menschen, die selbst mit Diabetes leben. Schon mehrere Wochen vor dem Shut-Down haben die MitarbeiterInnen dieser Firma die Möglichkeit erhalten, von zu Hause aus zu arbeiten, um sich selbst zu schützen. Nun ließe sich einwenden, dass sich das nicht bei allen Berufen so leicht machen lässt – ProgrammiererInnen sind sicher prädestiniert, um auch im Home Office produktiv arbeiten zu können.

Unterstützung von staatlicher Seite notwendig

Für andere Personen, die etwa im Handel tätig sind und zur vulnerablen Gruppe gehören, ist es erforderlich, diese tatsächlich von staatlicher Seite finanziell in dieser Zeit so zu unterstützen, dass sie keine allzu großen finanziellen Einbußen hinnehmen müssen. Bleiben noch die älteren Menschen, die auch an Einsamkeit leiden können, vor allem wenn sie alleine wohnen.

Auch Einsamkeit macht krank, wie der Psychiater Manfred Spitzer konstatiert (2018). Hier kann tatsächlich Digitalisierung weiterhelfen (auch wenn dies freilich kein dauerhafter Ersatz ist): Das Skypen mit den Enkelkindern, das Schreiben von SMS mit Freunden und Verwandten – jene, die dies aufgrund der weiten Entfernung ihrer Familie nicht ohnehin schon so betrieben haben, können diese Variante in Zeiten wie diesen nutzen. Dass Besuche in Seniorenheimen wieder möglich sind, wenn auch mit einer Glasscheibe als Schutz zwischen den Personen, ist auch ein Schritt in die richtige Richtung. Dennoch: Berührungen fehlen.

Auch Einsamkeit macht krank

Das betrifft aber viele von uns, die ja auch weiterhin Personen, die nicht im selben Haushalt leben, nur mit Abstand begegnen dürfen. Vielleicht lässt uns diese Zeit der fehlenden Umarmungen, der Begrüßungsküsschen und des fehlenden Händedrucks nach der Krise unsere Leiblichkeit wieder mehr schätzen. Vielleicht beeinflusst dies auch die Diskussion in der Pflege, in der schon seit längerem Roboter ins Spiel gebracht werden.

Auch wenn wir uns stets als rationale Wesen verstehen und stolz darauf sind, führt uns diese Krise vor Augen, was darüber hinaus wichtig ist. Und das ist – neben der Gesundheit, einem Arbeitsplatz und einem Dach über dem Kopf – das Zwischenmenschliche.
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Literatur:
Schenk, Martin/Moser, Michaela (2010): Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut, Wien.
Spitzer, Manfred (2018): Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit, München.

Dr. Martina Schmidhuber ist Professorin für Health Care Ethics an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.

Photo: CDC (unsplash)

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