Haltet fest an der Liebe! Über Probleme der Anerkennung in verhärteten Zeiten

Viele Menschen sehen in stärkerer Abschottung und Abgrenzung die Lösung globaler Probleme. Dabei verroht auch das öffentliche Gespräch immer mehr. Aber nicht ein neuer Kulturkampf ist der Ausweg, sondern Anerkennung und Teilhabe. Das muss in Gottes Namen verteidigt werden gegen eine ausgrenzende Wirtschaft und populistische Hetze. Von Stefan Seidel.

Was ist eigentlich mit uns passiert? Seit einigen Jahren hat sich die öffentliche Auseinandersetzung über gesellschaftliche und politische Fragen derartig verschärft und verroht, dass Dinge sagbar wurden, die vorher Tabu waren. Kein Tag vergeht, an dem nicht eine Hassparole durch die Medien geistert, im weltweiten Netz gehetzt wird oder gar Morddrohungen an Journalisten oder Politikerinnen und Politiker gehen. Der Wind hat sich gedreht, sagen viele. Er ist kälter und schärfer geworden. Angst liegt in der Luft, vor allem aber eine scheinbar unzähmbare Wut, ein Hass, von dem man sich fragen muss, wie er zu erklären ist. Wir bewegen uns auf eine gefährliche Kultur der Demütigung, Entwürdigung, der Ausgrenzung und Verächtlichmachung zu. Es scheint an der Zeit zu sein, eine tiefergehende Analyse der Verwerfungen und Verrohungen der Gegenwart zu versuchen. Die Problematik dürfte viel mit dem Thema Anerkennung zu tun haben.

Der Wind ist kälter und schärfer geworden.

In diesem Punkt sind sich die Disziplinen – von der Psychologie bis zur Sozialphilosophie – einig: Jeder Mensch lebt davon, sich als anerkannter Teil einer Gemeinschaft zu erleben. Um ein gelingendes und beziehungsfähiges, reifes und reiches Leben zu führen, muss der Mensch möglichst von früh an Anerkennung durch seine Bezugspersonen erfahren haben – und dann in einer Gesellschaft leben, die ihrerseits Anerkennung und soziale Sicherung gewährleistet. Und das bedingungslos, also auch, wenn man in die Position der Schwäche gerät. Denn auch die erste Anerkennung durch die Mutter ist bedingungslos. Erst später kommt die Wechselseitigkeit hinzu und die Erkenntnis, dass die eigene Anerkennung auch davon abhängt, dass man selbst Anerkennung gewährt – auch und gerade dann, wenn die Anderen anders sind.

Die eigene Anerkennung und die Anerkennung anderer ist nicht voneinander zu lösen, sie sind miteinander verschränkt wie die Doppelhelix der DNA. Für die eigene Anerkennung ist es wichtig, dass ein gesicherter Sozialzusammenhang besteht, eine sogenannte „gute Sozialbindungsmatrix“, die das eigene Leben und Überleben garantiert und einen nicht herausfallen lässt aus dem gemeinsamen Netz. Die entscheidende Frage lautet also: Ist in unserer Gesellschaft ein Mindestmaß an Anerkennung gesichert? Dass Eltern ausreichend Möglichkeiten haben, sich intensiv um ihre Kinder zu kümmern, dass ein soziales Netz existiert, welches jeden und jede vor Absturz bewahrt, dass ein Klima der Wertschätzung und des Respekts herrscht?

Ist in unserer Gesellschaft ein Mindestmaß an Anerkennung gesichert?

In Ansätzen ist das (noch) gegeben. Der Sozialstaat, das Elterngeld, der Schutz von Minderheiten, das alles ist theoretisch gewährleistet – aber es ist nicht mehr selbstverständlich. Der Sozialabbau, die totale Ökonomisierung vieler Lebensbereiche und die Abwertung und Stigmatisierung von Menschen – beispielsweise Arbeitsloser – tragen dazu bei, dass „Kämpfe um Anerkennung“ ausbrechen. Davor hatte bereits Anfang der 90-er Jahre der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth in seinem gleichnamigen Buch gewarnt. Doch er blieb ungehört. Der Siegeszug des Neoliberalismus, jener Wirtschaftsform, die letztlich auf das Recht des Stärkeren setzt, zerstört systematisch die Grundlagen, von denen Menschen leben: gesicherte Anerkennung und Versorgung der Grundbedürfnisse.

Wenn dieser Boden sozialer Absicherung und Anerkennung erodiert, brechen Anerkennungskämpfe aus, rutscht eine Gesellschaft in ein neurotisches Notprogramm. Statt die Wurzel des Übels zu erkennen und zu beseitigen – die fehlende soziale Anerkennung der eigenen Existenz im Neoliberalismus – werden neurotische Ersatzkämpfe geführt, beispielsweise gegen den Islam. Dieses Feindbild stabilisiert kurzfristig den Selbstwert und die prekär gewordene Anerkennungssituation. Doch es ist keine Lösung. Es ist ein Ersatzkampf, womöglich sogar ein Verfolgungswahn. Die Lösung kann nur in der Gewährleistung eines solidarischen Lebens liegen.

Die „Entbettung der Ökonomie“.

Der aufstrebende Populismus dürfte also geboren sein aus den um sich greifenden existenziellen Verunsicherungen und Kämpfen um Anerkennung und Teilhabe, die dem Einzelnen im Zuge der Globalisierung zugemutet werden. Lange Zeit war Westeuropa, insbesondere Deutschland ein Profiteur der globalisierten Wirtschaft; während hierzulande ein enormer Wohlstand herrscht, leben 3,4 Milliarden Menschen auf der Welt unter der Armutsgrenze – weil sie von vornherein weniger Chancen der Beteiligung an Märkten und Bildung haben. Das kapitalistische System scheint systematisch Abgeschnittene, Abgehängte, Ausgeschlossene zu produzieren. Sozialwissenschaftler sprechen schon von einer „Entbettung der Ökonomie“ im Zuge der Radikalisierung neoliberal-kapitalistischen Wirtschaftens: Die Wirtschaft steht nicht mehr im Dienst der Menschen, sondern hat sich abgekoppelt und kreist nur noch um sich selbst – Wachstum, Profit und Sieg über Konkurrenten sind die entscheidenden Maßstäbe.

All das erhöht den Druck auf den Einzelnen, der einem Flexiblisierungszwang, einer Entwurzelung oder einer sozialen Prekarisierung unterworfen ist. Psychologen sprechen sogar von Traumatisierungen, die durch die Ausgrenzungsprozesse der neoliberalen Wirtschaft erzeugt werden. Der Einzelne erscheint als potentielles Opfer eines entfesselten Systems, eben einer „entbetteten Ökonomie“.

All die Verunsicherungen und Vereinsamungen.

Um sich wieder selbst zu stabilisieren, liegt die Schaffung von Feindbildern und adressierbarem Widerstand nahe – dabei wird oft die erlittene Ausschlusslogik der Märkte vom Einzelnen wiederum selbst angewendet, in der Regel in Form von Abwehr der Nächstschwächeren im System, zum Beispiel Immigranten, Minderheiten oder als „Andere“ definierte Menschen. Alle im Zuge der kapitalistischen Globalisierung entstandenen diffusen Absturzängste, all die Verunsicherungen und Vereinsamungen und all das An-den-Rand-gedrängt-Werden nutzen populistische Kräften aus und münzen sie auf einen Kulturkampf gegen den Islam. Die plötzliche Gegenüberstellung verfeindeter Kollektive – hier die Deutschen und dort die Muslime – scheint eine derartige Entlastung und Aufwertung zu bringen, dass sie von vielen übernommen wird.

Auch für die Kirchen ergeben sich aus dieser Analyse Folgen. Der verführerischen Diskriminierung des Islam gilt es zu widerstehen. Die höchst absichtsvolle Züchtung dieses Feindbildes durch bestimmte politische Kräfte sollte durchschaut werden als das, was es ist: ein Instrument im Kampf um politisches Kapital und den Ausbau (partei)politischer Machtpositionen. Die Schwierigkeiten im Umgang mit der neuen Vielfalt an kulturellen und religiösen Lebensstilen soll dabei nicht kleingeredet werden. Doch Lösungen können nur im Miteinander, im sachlichen Dialog und mit politischer Besonnenheit gefunden werden. Verteidigen sollte die Kirche ihre Werte: dass jeder Mensch das Antlitz Gottes trägt, ja das Antlitz Christi. Und dass daraus Anerkennung und Liebe erwächst, das heißt: Solidarität.

Jeder Mensch trägt das Antlitz Gottes.

Innerhalb der Erregungsdemokratie, in der mittlerweile derjenige am meisten Aufmerksamkeit und Stimmen bekommt, der am lautesten und unverfrorensten schreit, sollte die Kirche die Liebe verteidigen: denn ihr Gott ist die Liebe. Das heißt: die Anerkennung des Eigenen und des Anderen. Es ist das Festhalten an der Empathie gegen die Raster, mit denen Minderheiten zu hassenswerten Gruppen gemacht werden. Es ist keine Kleinigkeit, wenn zunehmend unwidersprochen Muslime in die Totalverdächtigung geraten, gewaltbereite Zerstörer zu sein. Dagegen muss das Recht des Anderen – im Namen Christi, der das Antlitz des Ausgestoßensten angenommen hat – verteidigt werden. Nicht das Kopftuch bedroht das christliche Abendland, sondern die absichtsvolle Entmenschlichung von Menschen, ihr Ausschluss aus dem Bereich des Menschlichen. Der große Soziologe Zygmunt Bauman (1925-2017) hat Recht, wenn er schreibt: „Die Menschheit befindet sich in der Krise – und es gibt keinen anderen Ausweg aus dieser Krise als die Solidarität zwischen den Menschen.“

Stefan Seidel, Leitender Redakteur DER SONNTAG –  Wochenzeitung für die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, Leipzig.

Photo: Rainer Bucher


Ausführlicher: Stefan Seidel, Für eine Kultur der Anerkennung. Beiträge und Hemmnisse der Religion, Echter Verlag. 224 Seiten, 16,90 Euro.

 

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