Hic Rhodus hic salta, oder: Warum Entscheidungen auch irgendwann getroffen werden müssen.

Bild: Maximilian von Lachner, Synodaler Weg

Der Synodale Weg darf keine Episode bleiben – er muss zukunftsfähige Strukturen entwickeln, die ihn als Prozess verstetigen. Von Claudia Lücking-Michel.

Was macht eigentlich die Wandergruppe auf dem Synodalen Weg? Sie erinnern sich: Advent 2019, über 200 Synodale brechen gemeinsam auf. Ihr erklärtes Ziel: Konsequenzen ziehen aus dem Missbrauchsskandal und dafür die nötigen Kirchenreformen angehen. Schon bald nach dem Start brachte Corona einige unfreiwillige Pausen und hie und da gibt es neue römische Hürden. Ausdauer ist gefragt und viel ehrenamtliches Engagement. Wo stecken die Wanderer jetzt?

Wo steht der  Synodale Weg?

Nächste Woche steht das nächste große Etappenziel an. Der IV. Plenarversammlung in Frankfurt liegen bemerkenswerte Handlungstexte zur Abstimmung vor: etwa zur Haltung und zum Umgang der Kirche mit der Vielfalt sexueller Identitäten und Beziehungen. Beim Thema Dienste und Ämter für Frauen in der Kirche wird es am Ende nicht ohne eine vollkommene Gleichberechtigung von Frauen gehen. Ein Handlungstext votiert für eine Abschaffung des Pflichtzölibats. Ein Text zu den Grundrechten der Gläubigen treibt die Debatte um eine lex ecclesiae fundamentalis voran.

Dass wir so weit gekommen sind, dass über diese und weitere Anliegen so offen gesprochen wird, dass diese Voten eingebracht werden konnten, das ist aus meiner Sicht schon äußerst bemerkenswert. Doch damit sind wir noch nicht am Ziel. Es darf nicht bei einem „gut, dass wir darüber geredet haben“ bleiben, die Texte müssen mit den nötigen Mehrheiten verabschiedet werden – bevor uns die Luft ausgeht und der Proviant aufgebraucht ist. Dagegen arbeiten verschiedene Vermeidungsstrategien: Wenn es ernst wird, werden Entscheidungen verzögert, vertagt oder im letzten Moment wieder abgeschwächt. Und es gibt einen Moment, auf denen viele immer genauer schauen: das Ende.

Noch nicht am Ziel

Auf der Tourenkarte der Synodalen steht noch eine weitere Versammlung im Februar 2023, auch diese schon in der coronabedingten Nachspielzeit. Und was kommt dann? Wie geht es weiter, wenn die vorgesehene Zeit um ist, aber die letzte Etappe noch nicht erreicht, die Arbeit noch nicht erledigt ist? Manch Verhinderer wartet schon ungeduldig auf die Zeit, wenn der „ganze Spuk“ mit dem Synodalen Weg vorbei ist. Was im Februar dann nicht verabschiedet ist, kann man, so meinen sie, getrost zu den Akten legen.

Der Synodale Weg mag in einer ganz bestimmten Notsituation gestartet sein. Die einmütige Entscheidung der Bischofskonferenz 2019 in Lingen, einen Synodalen Weg gemeinsam mit dem ZdK zu gehen, war aber gedacht als Konsequenz aus der Erkenntnis, dass es ein systemisches Missbrauchsproblem in der Kirche gibt. Die MHG-Studie forderte deswegen ein Ende der klerikalen Machtstrukturen. Am Beginn des Synodalen Wegs stand also die Überzeugung, dass es darauf systemische Antworten und echte Macht- und Gewaltenteilung geben muss. Jetzt, wenn es ernst wird, gibt es hoffentlich genügend Synodale, die an diesem Anspruch festhalten.

Wirkliche Synodalität muss auf Dauer gestellt sein.

Dabei ist mir ganz wichtig: Wenn Synodalität wirklich ernst gemeint ist, im Sinne echter Mitberatung und nachhaltiger Mitentscheidung, dann kann sie qua definitionem nicht an ein bestimmtes zeitliches Ende geknüpft sein. Alles andere würde nicht nur aktuell und in Zukunft den Sinn und die Ernsthaftigkeit der bisherigen Beteiligung in Frage stellen. Gewaltenteilung kann man, soll sie funktionieren, nicht auf Zeit einrichten. Wenn Synodalität nicht auf Dauer gestellt wird, wird das ganze Projekt Synodaler Weg auch rückwirkend entwertet.

Schauen wir auf die Ausgangslage zunächst auf der Bundesebene. Hier gibt es bisher keine Strukturen, keine synodalen Gremien. Klar, da ist die Bischofskonferenz und da ist auch das ZdK, das die Verbände und Räte repräsentiert. Weitere Bundesvereinigungen wären z.B. die Ordensoberenkonferenz. Aber es gibt kein gemeinsames, auf Dauer gestelltes Organ der Synodalität. Die Würzburger Synode hat zwar die „Gemeinsame Konferenz“ von DBK und ZdK ins Leben gerufen, die seitdem ein kontinuierliches Kommunikationsforum geworden ist. Aber die Gemeinsame Konferenz ist nur ein Beratungs-, sie ist kein Beschlussorgan. Als Gremium hat sie niemals die Bedeutung erlangt, wie sie jetzt für einen „Synodalen Rat“ gefordert wird.

Die Synodalversammlung selbst zeigt, dass es anders geht. Sie endet aber definitiv im nächsten Frühjahr. Genau hier setzt das Forum I an mit dem Handlungstext „Synodalität nachhaltig stärken. Ein Synodaler Rat für die katholische Kirche in Deutschland“. Er denkt über das Ende des sog. „Synodalen Wegs“ hinaus und sucht nach einem dauerhaften Instrument echter Gewaltenteilung als einer systemischen Konsequenz.

Ein künftiger Synodaler Rat

So soll künftig ein Synodaler Rat grundlegende Fragen zur Zukunft der Kirche beraten und entscheiden. Er soll von der DBK und dem ZdK getragen werden, aber auch Raum lassen für Gruppen, die bisher nicht vertreten waren, etwa Ordensleute, Vertreter*innen in kirchlichen, pädagogischen und theologischen Berufen. Dieser Rat soll Beschlüsse fassen können, die im Rahmen des geltenden Rechts verbindlich sind. Dafür braucht es eine gut durchdachte Satzung, ein Statut und eine personelle und finanzielle Ausstattung, die effektive Arbeit garantiert. Für die Entscheidungswege in diesem Gremium gibt es klare Verfahren, die der Idee gemeinsam getragener Verantwortung verpflichtet sind. Wie das konkret zu denken ist, führt ein zweiter Handlungstext aus: „Gemeinsam Beraten und Entscheiden“.

Das alles würde aber nicht reichen, wenn die Synodalen sich nicht auf ein weiteres Prinzip einigen, das der Selbstbindung der Bischöfe. Das Forum I setzt damit auf den Reformwillen der Bischöfe. Wenn die Bischöfe sich und ihre Amtsgewalt selbst unter den hier genannten Kriterien an die Arbeit des Synodalen Rats binden, wäre eine Umsetzung ohne Änderung des Kirchenrechts, ohne Bescheid aus Rom hier und heute möglich. Die einen halten das für anmaßend, wobei die Verfahren ja so ausgestaltet werden, dass niemand überstimmt oder gezwungen wird. Die anderen halten das für traumtänzerisch blauäugig. Wie soll das funktionieren? Die Vorschläge des Forums I setzen auf Vernunft, Beteiligungsbereitschaft und den Willen, die Aufgaben der MHG-Studie konsequent ernst zu nehmen.

Entscheidend ist, dass jetzt klare Mandate erteilt und damit Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass synodale Lösungen auch wirklich pfadabhängig von den Voten der Synodalen entwickelt werden können. Auf keinen Fall sollten wir riskieren, dass wir nach der letzten Synodalversammlung ins Leere fallen und lange nichts passiert. Die jetzige Synodalversammlung muss einen klaren Auftrag erteilen und eine handlungsfähige und rechenschaftspflichtige Nachfolgekonstruktion beschließen, die nach dem Ende des Synodalen Wegs mandatiert ist, ein Durchstarten zu ermöglichen, das Synodalität auf Dauer stellt.

Es braucht eine handlungsfähige und rechenschaftspflichtige Nachfolgekonstruktion.

Konkret machen wir vom Forum „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ den pragmatischen Vorschlag, dass zunächst ein „Synodaler Ausschuss“ gebildet wird, damit der Synodale Rat selbst gut vorbereitet werden kann. Es kommt nicht auf den Begriff an, aber darauf, dass er mit einem klaren Auftrag von der Synodalversammlung zur Arbeit mandatiert wird. Außer dem grundsätzlichen Anliegen sprechen auch andere Argumente für einen solchen Ausschuss:

  • Von den Foren wurden viel mehr Beschlüsse vorbereitet, als wir, trotz der Verlängerung, in der Synodalversammlung werden beraten und entscheiden können. Alle Projekte sind aber wichtig. Was geschieht mit den anderen?
  • Satzungsgemäß wird es drei Jahre nach der letzten Synodalversammlung wieder eine Zusammenkunft geben, die der Evaluation der Beschlüsse dient. Diese Evaluation muss vorbereitet und begleitet werden. Wer soll das tun?
  • Die vier Themen des Synodalen Wegs ergeben sich zwar aus der MHG-Studie, allerdings ist die Aufgabe, die katholische Kirche in Deutschland zukunftsfest zu machen, mit diesen vier Themen bei weitem nicht erschöpft. Wer identifiziert weitere kirchliche Zukunftsfragen?

Mit unserer Beschlussvorlage, die jetzt im September in zweiter Lesung beraten wird, wollen wir jedenfalls Antworten geben, die uns nicht unter Zeitdruck geraten lassen, aber klarstellen, wohin die weitere Reise gehen soll, um eine zukunftsfeste Struktur zu entwickeln.

Zurück zu den Wanderern: Die Stimmung ist angespannt. Alle hoffen darauf, endlich anzukommen. Einige stellen die Frage, ob es überhaupt richtig war, aufzubrechen. Andere wollen kurz vor Ende noch einmal das Ziel neu festlegen. Mancher meint, das einzig Sinnvolle wäre, umgehend zum Ausgangspunkt zurückzukehren.

Der Lärmpegel steigt.

Einige wollen sich noch nicht festlegen, sondern weiter in Ruhe nachdenken und die Entscheidung weiter verschieben. Doch um uns herum bleibt die Zeit ja nicht stehen, viele warten auf Ergebnisse. Inzwischen verliert die Kirche jeden Tag mehr an Glaubwürdigkeit und Vertrauen auf ihre Änderungsbereitschaft. Darunter leidet unsere Überzeugungskraft als Zeug*innen der Frohen Botschaft. Um das zu verhindern, ist der Synodale Weg gestartet. Ich hoffe, jetzt gibt es auch die Kraft und den Willen, den vielen Worten ernsthafte Taten folgen zu lassen. Hic Rhodus, hic salta.
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Photo: privat

Dr. Claudia Lücking-Michel war von 2005 bis 2021 Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und ist zusammen mit Bischof Franz-Josef Overbeck Vorsitzende des Synodalforums „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“.

 

Beitragsbild: Maximilian von Lachner, Synodaler Weg

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