Himmel, Herrgott, Sakrament! Warum die Kirche sich verändern muss

Rainer M. Schießler kellnert nicht nur jedes Jahr auf dem Münchner Oktoberfest, seit seinem Buch Himmel, Herrgott, Sakrament ist er auch einer der bekanntesten Pfarrer Deutschlands. Heute kommentiert er nach Christian Hennecke und Paul Weß den Amtsverzicht von Pfarrer Thomas Frings (Münster).

Die schonungslos dargestellte Bestandsaufnahme von Pfr. Frings ist in jedem Punkt absolut zutreffend. Die Zerrissenheit zwischen dem Anhängen an einer vergangenen Wirklichkeit und dem steigenden Servicedenken bei gleichzeitiger persönlicher Entfernung vom aktiven Glaubensleben und gelebter Kirchenpraxis ist eklatant und wohl noch nie so deutlich z.B. von einem Verantwortlichen in der Deutschen Bischofskonferenz so an- und ausgesprochen worden wie von Pfr. Frings.

Seine Erfahrungen sind seit 30 Jahren auch meine Erfahrungen. Auch ich bin 1980 ins Studium eingestiegen, habe 1986 die erste Weihe (Diakon) empfangen (Priesterweihe 1987) und bin seitdem voller Eifer und Leidenschaft in der Pastoral. Zugleich erlebe ich wie Pfr. Frings die völlig selbstverständliche Entfernung vom aktiven kirchlichen Leben und Glaubensleben.

Auch ich erwarte keinerlei Kurskorrekturen in der Kirchenführung

Auch ich erwarte keinerlei Veränderungen oder gar einschneidende Kurskorrekturen in der Kirchenführung, um dadurch die Gemeindepraxis zu öffnen und v.a. mit mehr Personal und bewusster gesuchter Selbständigkeit der Laien die Menschen zu erreichen. Bereits 2011, als ich meine zweite Gemeinde Heilig Geist am Viktualienmarkt übernahm, schrieb und sagte ich öffentlich: „Was hier geschieht, wenn nun ein Pfarrer 2 so große Gemeinden (insgesamt 8000 Seelen) betreut und dann noch ohne festen Mitarbeiter und nur mit Aushilfspriestern, so ist das keine Errungenschaft, sondern Ausdruck der absoluten Hilflosigkeit, in der wir drin stecken.“

Wie Pfr. Frings habe auch ich keine Hoffnung, dass hier seitens der Kirchenleitung wesentliche Änderungen vorgenommen werden. Da ist noch überhaupt keine spürbare Kraft da, sich vom „Gewohnten zu verabschieden“! Von dem Willen, Visionen Wirklichkeit werden zu lassen, ganz zu schweigen. Eher stelle ich fest, dass uns gerade die Mangelsituation in eine klerikale Verhärtung hineintreibt. Es entsteht eine große Kluft zwischen Klerikalismus einerseits und den wenigen noch aufbrechenden Gemeinden andererseits. Die einen suchen ihr Heil in der angesprochenen Tradition, schon nostalgisch rührend, die anderen mühen sich ab, das im pastoralen Erste-Hilfe-Kurs Erlernte irgendwie noch überzeugend umzusetzen.

Mystifizierung

Die Beschreibung, dass gerade auch Kirchenferne die Traditionen unbedingt bewahren, die Amtskirche gleichzeitig die Hoffnung auf Besserung ins Früher nicht aufgeben wollen, trifft es auf den Punkt. Gleichzeitig spüren wir aber auch eine immer stärker werdende Mystifzierung in der Kirche. Im Mittelpunkt stehen Personen wie Bischof Oster aus Passau, der (nach 7 Jahren Beziehung mit einer Frau) eine Lebenswende hin zu Christus vorgenommen hat, die wiederum bedeutete das Ende der Beziehung! Der beziehungslos lebende gottgeweihte Priester feiert neue glorifizierte Urständ, die Partnerschaft bekommt dagegen wieder den Touch einer Abqualifizierung. Man fühlt sich nah an paulinischen Vorstellungen dran, als wenn eben nur die heiraten sollen, die es anders nicht können, obwohl dies die bessere Art wäre. Die Beziehung zu Christus wird hier einseitig hervor gehoben. Jeder sollte am besten so eine Wende in seinem Leben erfahren, rät Oster. Aber was mache ich nun, frage ich mich, wenn mein Leben bis heute einfach nur geradlinig war? Bin ich dann ein schlechterer Priester? Ich hatte kein Erweckungserlebnis im Sinne eines radikalen Lebenswandels. Ich bin nur geliebt, geführt und begeistert worden. Das war meine Berufung und sie ist es bis heute!

Die in diesem Jahr ausfallende Priesterweihe mangels Kandidaten in Passau wird stante pede vom Ordinariat des Bistums beantwortet mit dem Aufruf, noch mehr um Priesterberufe zu beten! Ich tue dies nun bewusst 45 Jahre und erlebe wie Pfr. Frings einen unaufhaltsamen Rückgang und Zusammenbruch. Die offizielle Reaktion offenbart eher die immer deutlicher werdende Hilflosigkeit und den fehlenden Mut, Neues zu wagen. Gebet kann und darf nicht Aktion ersetzen oder gar verhindern.

Grundsätzlich muss jedem engagierten Beitrag unterstellt werden, dass hier einer die Kirche liebend Lösungen sucht für alle.

Bezeichnend sind auch gegenwärtige öffentliche Meldungen einiger Bischöfe wie Ludwig Schick (Bamberg) und Kard. Meisner (ehemals Köln). Es geht immer um die Rückführung des Priesteramtes auf alte verloren gegangene Werte des Priesters. Die Rede ist von „Mätzchen“ und „Showpriestern“, um die Priester anzuklagen, die notwendige Veränderungen dringend einfordern. Dies zu tun, wird so klammheimlich als Verrat an der Kirche vorgestellt. Für mich persönlich eine sehr gefährliche Entwicklung. Grundsätzlich muss jedem engagierten Beitrag unterstellt werden, dass hier einer die Kirche liebend Lösungen sucht für alle. Egoistische Motive pauschal zu unterstellen offenbart ebenso persönliche Mängel wie auch Defizite in der Leitungsaufgabe.

Wie Pfr. Frings arbeite und lebe ich das Priestertum seit 30 Jahren gerne, leidenschaftlich und missionarisch. Schon deswegen verurteile ich derartige pauschale Herabsetzungen. Ich stelle mich auch gerne den neuen Situationen. Dass Kinder vor der Erstkommunion kein Vater-Unser und kein Kreuzzeichen beherrschen, macht mich nicht mürbe. Ich erkläre es einfach, immer wieder und neu. Dann bin ich eben Missionar! Das ist mein Leben und mein Beruf!

Warum ich mich nicht zurückziehe

Warum ich nicht wie Pfr. Frings jetzt die Veränderung bei mir beginne und mich wie er zurückziehe? Weil ich tagtäglich in dieser Veränderung drin stecke und gerade denen, die diese Entwicklung an den Menschen vorbei zu verantworten haben, meine Kirche nicht einfach so überlassen will! Es ist und bleibt meine Kirche! Und wenn ich bis zum Schluss dem Verfall beiwohnen werde, ich werde nicht weichen. Und selbst wenn ich zum berühmten Tropfen auf den heißen Stein werde.Für mich zählt immer noch der einzelne, dem ich jetzt nütze („Der wichtigste Mensch ist der neben Dir, das wichtigste Werk ist die Liebe“, Hildegard von Bingen).

Auch wenn mich diese Einstellung immer mehr auch körperlich sehr fordert, jetzt jenseits der 50 schon deutlicher, ja selbst wenn dies meine Gesundheit direkt gefährden sollte, ich gebe nicht auf. Mein Naturell und meine Erziehung stehen dagegen. Aber ich kämpfe, so wie mit meinem Buch „Himmel, Herrgott, Sakrament“! Der Zuspruch und die Atmosphäre bei ausschließlich ausgebuchten Lesungen bestätigen mich auf diesem Weg.

Hochachtung für Pfarrer Frings

Meine Hochachtung gilt uneingeschränkt Pfr. Frings. Meine Hoffnung ist nicht irreal im Sinne von „es wird alles wieder gut“ oder so wie vor 30 Jahren. Ich hoffe konkret, dass mir nicht zu schnell die Kräfte schwinden und die Leidenschaft bleibt.

Mein Primizspruch stammt aus dem 1. Johannesbrief und lautet übrigens: Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir Euch: „Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm!“ Ich werde nicht einfach zusehen, was andere aus meiner Kirche machen und schön dagegen halten! Bis zum Schluss!

Möge es mir gelingen!

(Bildquelle: Pixelio)
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