Homophobe homophile Priester: internalisierter Hass verhindert Reformen in der Kirche

Internalisierter Selbsthass wendet sich nach außen: Homophile Kleriker ziehen gegen LSBTIQ-Personen zu Felde. Das ist verlogen und verhindert wesentliche Reformen der Kirche. Von Andreas Heek. 

Frédéric Martel ist ein anerkannter und bekannter schwuler, französischer Journalist. Er konstatiert in seinem Buch „Sodom“: Im Vatikan gibt es keine „homosexuelle Lobby“, wie oft behauptet wird, die gegen den Papst ihre eigene Agenda durchzusetzen versucht. Vielmehr sei der gesamte Vatikan homophil grundiert.[1]

Homophile, homophobe Priester verhindern die nötigen Reformen.

Nach 1.500 persönlichen Gesprächen und Interviews und jahrelanger journalistischer Recherche kommt er auf über 600 Seiten zu dem Schluss, dass wesentliche und wichtige Entscheidungen vor allem die Sexualmoral der Kirche betreffend, von einer widersprüchlichen Eigenschaft vatikanischer Prälaten, Bischöfe und Kardinäle mit beeinflusst wird: der homophilen Neigung kirchlicher Würdenträger einerseits, bei oft gleichzeitiger Abneigung gegen LSBTIQ-Personen andererseits. Mit anderen Worten: Homophile, homophobe Priester verhindern die nötigen Reformen.

Die oft fast ins Hysterische gehende Neigung mancher kirchlicher Vertreter gegen Homosexuelle, gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Genderdiskurse aller Art könnte sich vor diesem Hintergrund zumindest besser verstehen lassen. Die innere Ablehnung der eigenen homophilen Neigung, genährt von einem ambivalenten Verhältnis zur Sexualität durch die Zölibatsverpflichtung, richtet sich paradoxerweise gegen diejenigen, die so fühlen wie sie selbst, die aber, im Gegensatz zu ihnen, sich ermächtigt haben, ihren Gefühlen zu folgen und gleichgeschlechtliche Beziehungen einzugehen und sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen.

Internalisierte Homophobie: Die Ablehnung seiner selbst durch andere wird verinnerlicht.

Ruben Schneider hat daran erinnert, dass homosexuelle Menschen generell unter einem psychischen Handicap leiden, unter denen Minderheiten aller Art zu leiden haben[2]. Diese Belastungsstörung heißt internalisierte Homophobie (IH). Farbige Menschen leiden unter etwas Ähnlichem, nämlich „internalisiertem Rassismus“. Was sich jemand, der sich stets zur Mehrheit zugehörig fühlt, kaum vorstellen kann, ist wissenschaftlich gut erforscht: Die Ablehnung seiner selbst durch andere wird verinnerlicht. Man hasst die Farbigkeit seiner Haut. Gleichzeitig hasst man, dass man sich hasst, und so wird der Hass nach außen getragen.

In Bezug auf die homosexuellen Neigungen vieler Kleriker lässt sich dies, so Schneider, übertragen. Die innere Ablehnung ihrer selbst wendet sich gegen „die eigenen Leute“. Das könnte auch der Fall sein, wenn manchmal das Bewusstsein eigener Homophilie nur latent vorhanden ist, weil sie möglicherweise nicht einmal auf einer eigenen sexuellen Erfahrung beruht. Bei Martel heißt eines von vielen Gesetzmäßigkeiten in Bezug auf Homosexualität, die er im Vatikan beobachtet hat: je homophober ein Prälat, umso homophiler ist er wahrscheinlich. Hier ist der Selbsthass schon gewendet: ich bekämpfe „die“ Homosexualität – und das heißt immer homosexuelle Menschen. Damit könnte eine tragische Hoffnung verbunden sein: Wenn ich Homosexualität im Außen besiegt habe, vielleicht verschwindet dann auch die eigene Homosexualität.

Für homophile Priester fällt der heilsame Weg durch ein Outing komplett weg.

Schlimm genug ist die Tatsache des IH für homophile Menschen insgesamt. Oftmals heilt dieses „Minoritätssyndrom“ durch ein Outing. Die Integration in die queere Community mit einem Gestus des gay-pride und die Versöhnung mit oder Trennung von der eigenen Herkunftsfamilie stärken das eigene Selbstbewusstsein. Für homophile Priester fällt dieser heilsame Weg jedoch komplett weg. Niemals ist ein vollständiges Outing möglich. Immer bleibt die Möglichkeit, kompromittiert oder verraten zu werden. Priester sind dem Zugriff des Dienstherrn, des Bischofs, niemals entzogen. Im Gegenteil. Gehört der Bischof selbst zur „Familie“, so wie ein Codewort unter homophilen Klerikern heißt, ist wahrscheinlich, dass er recht gut informiert ist über die Neigungen der meisten dieser, „seiner“ Priester. Er wird ihn im Zweifelsfall fallen lassen, wenn er damit seine eigene „Tarnung“ aufrechterhalten kann. Oder er wird sich eines unbequemen Priesters entledigen, wenn dieser in Ungnade gefallen ist.

Dies ist der Preis in einer absolutistisch verfassten Kirche. Denjenigen Priestern, die im Bewusstsein ihrer eigenen Homophilie dennoch dabeibleiben, ist dieses Risiko (hoffentlich) bewusst. Viele finden denn auch eine Nische, in der sie mit ihrer Neigung gut Priester sein können und in Ruhe gelassen werden.

Die eigene verheimlichte Homosexualität erscheint vollkommen verlogen, wenn homophile Priester gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu Felde ziehen.

Aber es gibt leider auch viele, zu viele Priester, die sich homophob verhalten. Sie schieben lehramtlich verbriefte Gründe vor, um ihre Ablehnung homosexueller Lebensformen zu begründen. Sie üben an ihren „Brüdern“ und „Schwestern“ in der „Gemeinde“ der homophilen Menschen allerdings Verrat. Sie hindern sie moralisch-spirituell daran, als Gottes Geschöpfe zu leben und zu wachsen, wie er sie geschaffen hat. Dies ist ein Skandal. Und unchristlich dazu.

Die eigene ungelebte oder gelebte, desintegrierte oder bewusst verheimlichte Homosexualität erscheint vollkommen verlogen, wenn diese homophilen Priester gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu Felde ziehen. Gleichzeitig nährt dieses Verhalten den eigenen Selbsthass. Sie kommen nie zur Ruhe. Seltsame „Blüten“ kann dies hervorbringen. In ausgesuchter, priesterlicher Kleidung, leicht overdressed mitunter, wettern sie gegen Schwule, die sogenannte „Gendertheorie“ und dergleichen; im nächsten Moment präsentieren sie sich als liturgische Dragqueen, einschließlich dezent-pompösem Schmuck an Hals und Händen.

Eine Solidarität zwischen homophilen Priestern und homophilen Laien gibt es weitestgehend nicht.

Es gibt aber auch noch einen weiteren Grund, warum die kirchliche Diskussion z.B. um die Segnung von homosexuellen Paaren nicht entscheidend vorankommt. Diejenigen halb- oder ungeouteten homosexuellen Priester, die irgendwie ihren Frieden mit sich gemacht haben und zu sich und ihrer Neigung stehen, setzen sich leider nicht oder nur sehr selten für homosexuelle Menschen ein. Eine Solidarität zwischen homophilen Priestern und homophilen Laien gibt es weitestgehend nicht.

In der persönlichen Seelsorge ist dies meist anders. Aber wo sind homosexuelle Priester, die sich für die gleichgeschlechtliche Partnerschaft stark machen? Wo sprechen die – konservativ geschätzt – 30 Prozent homophile Priester einmal unterstützend für die innerkirchlich marginalisierten homosexuellen Mitbrüder und -schwestern? Wenn viele homophile Priester zusammen gegen die offizielle Lehrmeinung der Kirche rebellierten und sich selbst zu ihrer Homosexualität bekennten, fiele in sich zusammen, was das homophobe Lehrgebäude bislang stützt.

Solange sich die Haltung der Kirche homosexuellen Menschen und Frauen gegenüber nicht verändert, wird die Kirche sich im Kreise drehen, weil sie mit sich selbst nicht im Reinen ist.

Aber wenn es stimmt, dass viele Homosexuelle an IH leiden, und diese wegen der offiziellen Homophobie der Kirche doppelt stark ausgeprägt bzw. verdrängt wird, ist verständlich, warum dies nicht geschieht. Um gerecht zu bleiben, muss aber auch deutlich gesagt werden: die Homophobie kirchlicher Obrigkeit, d.h. Angst vor und Ablehnung von Homosexualität zu gleicher Zeit, ist so stark ausgeprägt, dass es fast unmöglich ist, sich als homosexueller Priester zu outen, ohne in Ungnade beim Bischof zu fallen. Hier wäre enorme Zivilcourage bzw. Klerocourage erforderlich, damit ein solches Massenouting möglich wäre.

Internalisierte Homophobie ist leider kein Problem, das die homosexuellen Priester nur für ihr Privatleben etwas angeht. Solange ihre persönliche Disposition weiter tabuisiert wird und sich die Haltung der Kirche homosexuellen Menschen und Frauen gegenüber nicht verändert, wird die Kirche sich im Kreise drehen, weil sie mit sich selbst nicht im Reinen ist.

Homosexualität muss innerkirchlich dringend enttabuisiert werden.

Aus diesem Grund ist es dringend geboten, Homosexualität zu entmoralisieren. Dass homosexuelles Leben in Beziehung „in sich“ nicht in Ordnung ist, also mit einem ontologischen Imperativ negativ belegt wird, muss dringend revidiert werden. Dass homosexuelle Männer nicht zu Priestern geweiht werden können, wenn sie sich zu ihrer Orientierung bekennen, weil sie als nicht beziehungsfähig gelten, gehört in die kirchengeschichtlichen Archive, nicht aber in ihre den Humanwissenschaften gerecht werdende Lehre. Diese römische Richtlinie[3] verrät nämlich die eigentliche Haltung zu homosexuellen Menschen: sie gehören exkludiert, weil sie einem ausgedachten Ideal von Natürlichkeit nicht entsprechen.

So zeigt sich an der Marginalisierung von Homosexualität für den Klerus die Dramatik, aus der unbedingt ein Ausgang geschaffen werden muss. Homosexualität muss innerkirchlich dringend enttabuisiert werden.

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Andreas Heek, Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge der Bischofskonferenz und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der LSBTIQ-Seelsorger/innen in den deutschen Diözesen.

Bild: cottonbrow / Pexels.com

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[1] Martel, Frédéric, Sodom Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan, Frankfurt a.M. 2019.

[2] Schneider, Ruben, Found Again. Mein Leben als homosexueller Katholik im Kampf mit internalisierter Homophobie, in: Remenyi, Matthias, Schärtl, Thomas (Hg.), Nicht ausweichen. Theologie angesichts der Missbrauchskrise, Regensburg 2019, 38-51

[3] Vgl. Kongregation für den Klerus, Das Geschenk der Berufung zum Priestertum, 8. Dezember 2016, 199-201 (PDF). 


Vom Autor bislang auf feinschwarz.net erschienen:

Theologie angesichts der Missbrauchskrise

Intuitive Männlichkeit

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