„Ich verkündige nicht“: Über einen anderen Modus von Theologie

Christian Kern berichtet von der Inforeihe »Theologie und Beruf«. Dabei skizziert er einen Stil situativ-explorativer Theologie, der Impulse gibt für theologische Ausbildung und Studium.

Coffee talks über theologische Berufswege in Dresden

Am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden hat im zurückliegenden Sommersemester eine Reihe von coffee talks unter dem Thema „Theologie und Beruf“ begonnen. Sie bieten Theologiestudierenden die Möglichkeit, sich über Arbeitsmöglichkeiten mit theologischen Qualifikationen in verschiedensten gesellschaftlichen Feldern zu informieren.

Die coffee talks legen den Schwerpunkt dabei nicht auf die beiden „Klassiker“ theologischer Berufswahl: Lehrer*in oder diözesane Mitarbeiter*in. Eingeladen als Gäste sind Menschen, die entweder innerhalb kirchlicher settings alternative, oft unkonventionelle Wege gehen, und v.a. Menschen, die mit theologischen Qualifizierungen außerhalb diözesaner und schulischer Strukturen unterwegs sind: in Medien und Journalismus, politischer und kultureller Bildungsarbeit, Zivilgesellschaftlichem Engagement und Politik, Gestalttherapie und Feldenkrais-Training, Tourismusarbeit auf Nordseeinseln, Arbeit in Bäckereien oder Kunsthandwerk.

Ein spezifischer Modus von Theologie

Die bisherigen coffee talks waren nicht nur deshalb interessant, weil sie viele hilfreiche Tipps zur Verfügung stellten, um in die jeweiligen Arbeitsfelder reinzuschnuppern oder anzudocken. Die Gäste betonten dabei jeweils wiederholt die Rolle von Praktika als Brücken in die jeweiligen Bereiche, ermutigten zum experimentellen Ausprobieren und unterstrichen, dass theologische Studien dann besonders kraftvoll und relevant werden, wenn sie breit geführt werden und zu differenziertem, perspektivierendem, mehrdimensionalem Denken befähigen.

Sichtbar wird eine „situativ-explorative Theologie“.

Die coffee talks waren über diese Tipps hinaus auch deshalb aufschlussreich, weil sie einen besonderen Typ bzw. Modus von Theologie sichtbar werden lassen. Man könnte diesen Typ als „situativ-explorative Theologie“ bezeichnen und ihn von „institutionsorientierten Theologien“ unterscheiden.

Institutionsorientierte Theologien sind explizit oder implizit ausgerichtet an den Themensetzungen, Formen und Funktionen von Institutionen. Lehrpläne in Schulen etwa legen spezifische Themen fest und formieren die Rolle von Lehrer*innen im Spanungsfeld des Lehrplans und der Lebenswelten der Schule. Pastoralpläne in Diözesen priorisieren Aktivitäten und bestimmen Funktionen, die in diese Rahmen auszufüllen sind. Theologien als institutionsorientierte Theologien werden in einer Art und Weise betrieben, dass sie mehr oder weniger explizit die Bedarfe institutioneller settings bedienen und Anforderungen an Inhalte, Formen und Funktionen erfüllen.

„Situativ-explorative Theologien“ haben etwas Unbestimmt-Offenes.

Theologische Ausbildung dient dann dem Aufbau von Kompetenz, die am Institutionsbedarf orientiert ist. Sie ist dadurch präfiguriert. Darin steckt ein spezifischer Modus theologischer Subjektivierung: die Bereitschaft – der Gehorsam –, sich Inhalte, Formen und Funktionen der Referenzsituation anzueignen und mit didaktischen, kommunikativen, homiletischen etc. Raffinessen zu gestalten. Eine „missio canonica“ oder andere Aussendungen, ebenso wie Weihen, stellen vor diesem Hintergrund die Feststellung der Bereitschaft zur Verkündigung mit Bindung an die Themen, Formen und Funktionen dar.

„Situativ-explorative Theologien“ sind anders: Bei ihnen besteht zunächst keine Apriori-Ausrichtung an institutionalisierte Themen, Formen und Funktionen, die man übernehmen oder übersetzen müsste. Sie haben, wenigstens anfänglich, etwas Unbestimmt-Offenes. Jemand durchläuft ein theologisches Studium, eine theologische Qualifizierungsphase, die später mit oder auch ohne Abschluss beendet wird.

Eine Suche zwischen verschiedenen Polen: was persönlich bedeutsam, was gesellschaftlich relevant und was ökonomisch realisierbar und auskömmlich ist.

Er/sie findet sich in offenen Feldern vor, die eine Vielzahl von Aktivitäten eröffnen und als Hintergrundrauschen die Frage aufwerfen, wo und wie es möglich und sinnvoll sei, das eigene Leben eigenständig zu betreiben. Was mache ich? Wovon lässt sich eventuell leben? In diesem Erfahrungsraum verläuft die Suche zwischen verschiedenen Polen: zwischen dem, was persönlich bedeutsam ist, was gesellschaftlich relevant und brisant erscheint, was theologische Bezüge erschließt und erfordert, sowie – grundsätzlich – was ökonomisch realisierbar und auskömmlich ist.

In einer solchen Situation herrscht keine Apriori-Bindung an die Kanones und Rollen von Institutionen und deren ökonomische Vorsorgemechanismen, sondern sie gehen eher ins Offene. Zugleich handelt es sich nicht um ein idyllisches Freigänger- oder Freelancertum. Denn je weniger institutionelle Apriori-Ausrichtungen oder -Bindungen bestehen, desto mehr sind die Akteure den jeweiligen Situationen ausgesetzt, inklusive deren Kontingenz.

Ein being-exposed ist ein Initialmoment der explorativen Suche nach dem, wofür und wovon sich leben lässt und inwiefern theologische Qualifizierungen hier taugen.

Sie sind wiederholt zur prekären Frage gedrängt: Was tun? Welche Arbeit ergreifen? Welches Leben leben? Dieses being-exposed ist ein Initialmoment der explorativen Suche nach dem, wofür und wovon sich leben lässt und inwiefern theologische Qualifizierungen hier taugen. Ausrichtungen an Strukturen, Gesetzmäßigkeiten, Funktionen erfolgen dann nicht apriori, sondern entstehen aus partikularen Suchprozessen und emergieren darin: Sie sind nicht institutionell präfiguiert, sondern situativ konfiguriert.

Genau diese Arten von Theologie klingen in einigen der Biografien an, die in „Theologie und Beruf“ erzählt werden, besonders bei Personen, die sich außerhalb eines schulischen oder diözesanen Rahmens oder an dessen Rändern bewegen.

Eine Theologie, die entdeckt und entwickelt wird unter den Bedingungen jeweiliger Lebens- und Gesellschaftssituationen.

Ein Gast erzählt, wie sie in den 1980er Jahren Theologie im Osten Deutschlands studiert und den Fall der Mauer erlebt hat. In dieser Umbruchssituation konnte sie gar nicht anders, als theologisch-politisch aktiv zu werden. Später übernimmt sie die Leitung eines Referats in einer Landeszentrale für politische Bildung. Ein anderer Gast findet während des Theologiestudiums zunehmend Interesse für online-publishing. An verschiedenen Orten sammelt er journalistisches Handwerkszeug und gründet später ein Onlinemagazin an der Schnittstelle von Spiritualität, Lifestyle und Gesellschaftskritik.

In solchen biographischen Minipics wird eine andere Performance von Theologie sichtbar. Sie wird entdeckt und entwickelt unter den Bedingungen jeweiliger Lebens- und Gesellschaftssituationen. Darin wird nach modifizierbaren Antworten auf die Fragen gesucht, wie sich hier leben, was sich hier tun und sagen lässt. Es handelt sich dabei um einen theologischen Subjektivierungsmodus, der sich in und aus Situation entspannt, der Kontingenz ausgesetzt ist und darin auch das Risiko zu scheitern nicht ausklammert.

… eine Plattform für Nischenthemen an der Schnittstelle von Lifestyle, Spiritualität und Gesellschaftskritik.

Bisweilen verdichtet sich diese Art der Theologie zu einer bewussten Abgrenzung von präetablierten Ausrichtungen und institutionellen Aufträgen: „Ich verkündige nicht“, sagt einer der Gäste. Und sinngemäß weiter: Ich entwickle eine Plattform für Nischenthemen an der Schnittstelle von Lifestyle, Spiritualität und Gesellschaftskritik.

Dieser andere, situativ-explorativen Modus von Theologie ist weniger einem Schiff vergleichbar, das in einen sicheren, institutionalisierten Hafen einläuft. Er gleicht eher einem Boot, das gerade vom Ufer aufbricht. Die Ruder werden gepackt, und man stößt sich vom sandigen Grund ab, um auf den See hinauszufahren. Das geschieht nicht unbedingt mit dem festen, präfigurierten Wissen, wohin die Fahrt geht, aber mit der Ahnung, dass die Netze womöglich anderswo ausgeworfen werden müssen als üblich. Biblische Texte sind voll von solchen situativ-explorativen Theologien.

Zukunft für Theologie

Gegenüber situativ-explorativen Theologien werden regelmäßig institutionsorientierte Theologien in den Vordergrund gerückt, etwa in den stets wiederkehrenden Diskussionen um Standorte theologischer Ausbildung und des Studiums. Eine beliebte Argumentationsstrategie dabei ist, die Relevanz und Notwendigkeit des eigenen Standortes mit Bezug auf die Ausbildung von Lehrkräften und diözesanen Mitarbeitern, besonders Priestern, zu rechtfertigen.

Die Legitimität eines Standortes wird dann über die Orientierung an institutionellen Bedarfen und den sie absichernden rechtlichen Vereinbarungen angestrebt.

Unterschiedlichste Menschen sind mit theologischen Qualifizierungen manchmal fernab institutioneller settings aktiv und leben, glauben, denken, handeln situativ-explorativ.

Auch hier ist es jedoch aufschlussreich, gezielter auf situativ-explorative Theologien zu schauen. Denn (auch) in ihnen steckt Zukunft, auf andere Weise.  Zunächst gibt es einfach viele Biografien, in denen Theologie ein wichtige Rolle gespielt hat. Die Gäste bei den coffee talks von „Theologie und Beruf“ sind Beispiele für eine Vielzahl von Menschen mit theologiebezogenen Biografien, die sich gerade nicht unter institutionellen Labeln identifiziert oder institutionalisiert haben. Unterschiedlichste Menschen sind mit theologischen Qualifizierungen manchmal fernab institutioneller settings aktiv und leben, glauben, denken, handeln situativ-explorativ.

Wäre es nicht sinnvoll und zukunftsträchtig, diese Formen von Theologie viel mehr in den Blick zu rücken, theologische Ausbildung und Studium von dort her zu gestalten? Läge darin nicht auch eine eigene Relevanz und die Möglichkeit, theologische Arbeit und Ausbildung zu profilieren und zu stärken, ohne sie gleich in den Vorhof der Institution zu führen und über deren Bedarfsbefriedigung zu legitimieren?

Welche Grundkompetenzen braucht es, um situative-explorative Theologien zu entwickeln und davon leben zu können?

Für theologische Ausbildungs- und Studienorte stellt sich die Frage, ob und wie sie bereit sind, gezielter als bisher diese alternativen Wege und Weisen der Theologie zu fördern. Welchen Niederschlag kann dies etwa explizit in Lehrformaten und Modulordnungen bilden? Welche Grundkompetenzen braucht es, um neben institutionsorientierten Theologien explizit und gezielt situative-explorative Theologien zu entwickeln und davon leben zu können? Sicher zählen dazu: Analysekompetenz gegenwärtig brisanter Diskurse, Stilkompetenz und Spürsinn für Spannendes, erfinderische Kreativität und entsprechend abduktives Denken, Sprach- und Übersetzungskompetenz jenseits des disziplinären Kanons, ökonomisches Know-How.

Situativ-explorative Theologien sind keine niederwertige Alternative, sie sind etwas zutiefst und originär Theologisches. Denn wenn Theologie bedeutet, sich auf einen unfassbaren Gott zu beziehen, und diesen unerfassbaren, überraschenden, vitalisierenden Alteritätsbezug im Denken, Handeln, Leben Gestalt werden zu lassen, dann steht an ihrem Anfang die Erfahrung des Unverfügbar-Offenes. Und eben ein solches being-exposed riskieren, verkörpern, performen situativ-explorative Theologien. Sie sind deshalb immer wieder neu ein Desiderat für Theologie.

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Dr. Christian Kern st Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden. Die Reihe „Theologie und Beruf“ wird durchgeführt vom Team des Lehrstuhls für Systematische Theologie unter der Leitung von Prof. Julia Enxing. Im Wintersemester geht es mit weiteren Treffen und neue Gästen. Herzliche Einladung an Studierende auch von außerhalb der TU Dresden. Anmeldung über https://bildungsportal.sachsen.de/opal/auth/RepositoryEntry/29723918350?6.

Bild: Nathan Dumlao on Unsplash.


Vom Autor ebenfalls bei feinschwarz.net erschienen:

Wirksame Verkörperungen des Evangeliums?

Performance-Theologie gegen Missbrauch

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