Identitätsarbeit in Zeiten von Unsicherheit

Überlegungen zur Debatte um die COVID-19-Impfungen. Von Reinhold Esterbauer.

Zu Zeiten immer neuer Wellen von COVID-19 ist die Frage nach der Sicherheit menschlicher Existenz besonders wichtig geworden. Man ist seit der Spanischen Grippe von 1918 bis 1920 davon ausgegangen, dass für den Fall, dass eine ähnliche Gefahr wieder auftreten sollte, entsprechende Gegenmittel und Impfungen zur Verfügung stünden, um den erhofften Normalzustand bald wiederherstellen zu können. Insofern nach wie vor sehr viele Tote zu beklagen und in den Krankenhäusern die Betten auf Normal- und Intensivstationen überfüllt sind, sodass die Lage immer von Neuem zu entgleiten droht, hat SARS-CoV-2 diese Sicherheit erschüttert. Daher richtet sich die Aufmerksamkeit besonders auf die Möglichkeiten, Bedrohung von Gesundheit und Existenz abzuwenden.

Unsicherheit

Peter Wust hat in seiner existenzphilosophischen Bestimmung des Menschen – ebenfalls in unsicherer, wenn auch von anderen Gefahren bedrohter Zeit, nämlich 1937 – die Dialektik von Geborgenheit und Gefährdung ins Zentrum seiner Reflexionen gestellt. Auf der einen Seite träumen seiner Auffassung nach viele einen „Sicherheitstraum“ (Wust 2019, 63), der oft selbst dann noch nicht zu Ende geträumt ist, wenn sich eine vermeintlich unbedenkliche Situation ändert und die eigene Sicherheit bereits in Gefahr ist. Das Festhalten an diesem Traum erscheint dann als Trotz gegen die sich anbahnende Unsicherheit. Auf der anderen Seite spricht Wust vom Menschen als von einem „animal insecurum“ (Wust 2019, 40), also einem generell ungesicherten Wesen. Die Unsicherheit betreffe nicht nur einzelne Bereiche oder Dimensionen menschlicher Existenz, sondern den Menschen generell. Dennoch lassen sich seiner Meinung nach drei Dimensionen menschlicher Unsicherheit unterscheiden.

Drei Dimensionen menschlicher Unsicherheit

Zum Ersten probiere der Mensch, sie aus seiner „vitale[n] Existenz“ (Wust 2019, 68) zu verbannen. Das bedeutet, dass er sich gegen Schicksalsschläge zu schützen sucht, die trotz aller Vorsicht über ihn hereinbrechen können, ohne dass er sie aufhalten kann. Gemeint sind Dinge des alltäglichen Auskommens, Eigentum und Macht, die ein gesichertes Leben versprechen, aber auch Gesundheit und Wohlbefinden. Wird der mehr oder weniger sichere alltägliche Lebenslauf gestört, gilt es nach Wust, eine Option zu treffen und dabei ein gewisses Risiko einzugehen. Im Fall von COVID-19 brachte beispielsweise nicht nur der Versuch, durch Ansteckung Herdenimmunität zu erreichen, Risiken mit sich, sondern auch der Versuch, auf Massenimpfungen zu setzen.

Analog zum bürgerlichen Sicherheitsstreben kennt menschliche Existenz, so Wust, eine weitere Seite der Vermeidung von Unsicherheit, die sich in der Wahrheitssuche manifestiert. Grundsätzlich unterstellen seiner Meinung nach Menschen der Wirklichkeit eine rationale Struktur und rechnen nicht mit Lücken in dieser Vernunftordnung, sondern vertrauen darauf, dass mit der unterstellten Vernünftigkeit der Welt auch Sinn verbunden ist. Forschung komme ihr bloß asymptotisch, aber doch immer näher. So gibt es auch in der Pandemie-Bekämpfung durch große wissenschaftliche Anstrengungen mittlerweile Impfstoffe, die zwar eine sehr hohe Wirkung aufweisen, aber doch zu keiner vollkommenen Immunität führen. Was hingegen Medikamente betrifft, die erst allmählich zugelassen werden, ist die Effektivität noch geringer.

Religiöse Sicherheit?

Vielleicht, so möchte man meinen, könnten es religiöse Menschen in der „übernatürliche[n] Existenz“ (Wust 2019, 68) ihres Glaubens erreichen, Sicherheit für sich und die eigene Zukunft zu erlangen, zumal der Glaube oftmals als Gebiet aufgefasst wird, in dem es möglich ist, den Zweifel im Bereich wissenschaftlicher Rationalität zu überwinden. Doch auch einem solchen Ansinnen erteilt Wust eine Absage. Heilsgewissheit paare sich immer mit Heilsnot. (Wust 2019, 121f.) Wie Petra Bahr mit gleicher Zielrichtung betont, gibt es in der Religion heute generell und in religiösem Sicherheitsstreben angesichts der Pandemie im Besonderen kein „lachendes Jenseits der Unsicherheit“ (Bahr 2020) mehr. Was also tun?

Mir scheint, dass der Suche nach Sicherheit und Gewissheit, der Wust attestiert, dass sie trotz aller Anstrengungen kein Ende finden werde und stets mit Risiko und Wagnis verknüpft bleibe, als ein wesentliches Moment das Streben nach eigener Identität inhärent ist. Die Suche danach, wer man sei – und das womöglich dauerhaft –, strebt nach Sicherheit und dem Ende beständig wiederkehrender Verunsicherung durch alle möglichen Zumutungen, denen man sich ausgesetzt weiß. Gerade gesundheitliche Bedrohungen oder die Angst vor Krankheiten führen in allen drei genannten Bereichen menschlichen Daseins zu Sicherheitsverlust und lassen Entscheidungsnot entstehen.

Identitätsfaktor Immunität

Ein nicht zu vernachlässigender Sicherheits- bzw. Unsicherheitsfaktor ist in der gegenwärtigen COVID-19-Situation offensichtlich die Frage nach Immunität. Das andauernde Testen, um herauszufinden, ob man durch SARS-CoV-2 infiziert ist oder nicht, ist eine ständige Rückfrage an die eigene Immunität und soll bestätigen, dass man sich sicher fühlen darf. Impfungen sind darüber hinaus der Versuch, verlorene Immunität wiederher- oder bestehende sicherzustellen, um damit nicht nur das Pandemie-Geschehen einzudämmen, sondern auch sich selbst gut durch die Krise navigieren zu können. Tests und Impfungen sind zu Immunitätsmarkern geworden, die aber nicht nur in Anspruch genommen, sondern auch heftig diskutiert werden.

Doch Fragen nach eigener Immunität berühren schon in gewöhnlichen Alltagssituationen und umso mehr in Krisenzeiten die eigene Identität. Zu Recht weist Christina Schües auf diesen Zusammenhang hin. (Schües 2020, 38f.) Immunität erzeugt in der Tat Identität, und die Gefährdung eigener Immunität lässt zugleich die eigene Identität fragil werden. Denn nicht nur Existenz-Sicherheit durch die Zeit hindurch gerät in Gefahr, sondern auch die wenigstens teilweise Unabhängigkeit eines Individuums seiner Außenwelt gegenüber sowie die Fähigkeit, sich ihr gegenüber zu behaupten.

Impfung und Identität

In der derzeitigen Corona-Pandemie lässt sich dieser Zusammenhang besonders deutlich an der Frage nach der Impfung ablesen, selbst noch in der Ambivalenz der Stellungnahmen zu Empfehlungen oder gar im Streit um eine mögliche Impfpflicht. Insofern Impfungen Immunität herstellen können, vermögen sie auch einen Beitrag zur Stabilität persönlicher Identität zu leisten. Denn Impfungen garantieren nach virologischen und epidemiologischen Studien hohe Sicherheit, was die Ansteckung durch SARS-CoV-2 betrifft, steigern also Immunität. Das ist auch der Grund, warum sich ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung impfen lassen, zumal sie sich dadurch Sicherheit für sich selbst erwarten. Impfung soll die eigene Immunität erhöhen und kann so bestehende Identität weitgehend fortführen.

Zugleich verweigern viele Menschen aber eine Impfung, nicht, weil sie nicht immun sein oder Sicherheit haben möchten, sondern weil sie gerade um deren Verlust fürchten. Neben oft seltsam anmutenden Verschwörungstheorien, nach denen durch eine Impfung Identität verloren gehe, weil sie die eigene Unversehrtheit und Unabhängigkeit bedrohe, haben Menschen davor Angst, dass eine Impfung ihnen mehr Schaden als Nutzen bringen könnte. Andere wiederum meinen, dass im Unterschied zu den angebotenen Impfstoffen, die schädlich seien, alternative Mittel harmloser, aber dennoch wirksam seien.

Sorgen um die eigene Immunität

In solchen und ähnlichen, manchmal auch absurd anmutenden Reaktionen auf Impfempfehlungen (vgl. Bundesstelle für Sektenfragen 2021, 83–90) sorgen sich auch diese Menschen um die eigene Immunität. Gepaart sind solche Überlegungen nämlich oft mit der Kalkulation, dass trotz fehlender Impfung die eigene Immunität nicht wirklich angegriffen werden könne oder von Natur aus hoch sei. Impfverweiger:innen haben ebenfalls Angst um die eigene Identität, fürchten deren Verlust aber gerade durch eine Impfung, während die Befürworter:innen in Impfungen ein probates Mittel sehen, die eigene Immunität zu stärken und ihre Identität abzusichern.

Wenn die Folgerungen auch oft diametral auseinandergehen, spiegelt die Bewertung von Impfungen in beiden Gruppen die gemeinsame Sorge um die eigene Identität. Die Heftigkeit der Debatten und Maßnahmen rührt, wie ich meine, nicht nur daher, dass es generell nicht leicht ist, eigene Positionen aufzugeben, selbst dann nicht, wenn man Gegenargumente einzusehen beginnt, sondern auch daher, dass mit der eigenen Identität nicht nur periphere und neutrale Fragen abgehandelt werden. Vielmehr geht es dabei um einen selbst – insbesondere, wenn Probleme der eigenen Gesundheit angesprochen sind.

Notwendig: Identitätsarbeit

Sollen sich die festgefahrenen Positionen in der Impfdebatte nicht weiter verhärten, ist in der von Wust konstatierten Situation existentieller Unsicherheit, die ohne das Eingehen eines Risikos nicht zu bewältigen ist, Identitätsarbeit zu leisten. Eine solche pendelt, wie mir scheint, vor allem zwischen den beiden Identitätsbegriffen, die Paul Ricoeur beschrieben und an die beiden lateinischen Begriffe von „ipse:ipsa“ und „idem:eadem“ geknüpft hat. Während „ipse“ eine Identität bezeichnet, die keinen „unwandelbaren Kern der Persönlichkeit impliziert“, bringt Identität im Sinne von „idem“ nach ihm die „Beständigkeit in der Zeit“ zum Ausdruck. (Ricoeur 1996, 11) Im Unterschied zur zeitlichen Permanenz gibt es also auch eine Identität, für die ein Selbst auch anderes, also auch etwas, das es noch nicht ist, integrieren kann, sodass es anders wird, ohne sich zu verlieren. Man denke nur an den biographischen Wandel, den jede Person durchmacht und ohne den sie zu verknöchern droht. Jemand verliert sich auch dann nicht selbst, wenn er bislang Fremdes annimmt und sich selbst wandelt.

Wenn in Zeiten von COVID-19 und den Versuchen, größtmögliche Immunität zu erlangen, unterschiedliche Konzepte von eigener Sicherheit aufeinanderprallen, wird es darauf ankommen zu vermitteln. Dabei ist u. a. klarzumachen, dass die Fortentwicklung der eigenen Identität hin auf bislang Fremdes nicht bedeutet, sich selbst zu verlieren, wenn man sich verändert, sondern dass vielmehr fehlende Offenheit dazu führt, in der Zeit stehen zu bleiben und sich auf diese Weise allmählich selbst untreu zu werden. Was zu einer solchen Arbeit an der eigenen Identität freilich unabdingbar dazugehört, ist der Mut zu einem gewissen Risiko, ohne das Veränderung kaum gelingen kann.
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Reinhold Esterbauer ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.

Literatur
Bahr, Petra (2020): Woran glauben wir jetzt?, in: Die Zeit, Nr. 24,
https://www.zeit.de/2020/24/glaubenskrise-religion-coronavirus-polizeigewalt-anschlaege 1.
Bundesstelle für Sektenfragen (2021): Das Phänomen Verschwörungstheorien in Zeiten der COVID-19-Pandemie. Bericht der Bundesstelle für Sektenfragen an die Bundesministerin für Frauen, Familie, Jugend und Integration, Wien,
https://bmi.gv.at/bmi_documents/2632.pdf 2.
Ricoeur, Paul (1996): Das Selbst als ein Anderer. Aus d. Franz. v. Jean Greisch in Zusammenarbeit mit Thomas Bedorf und Birgit Schaaff, München: Fink (Übergänge 26).
Schües, Christina (2020): Corona-Notstand. Immunität und Verletzlichkeit: Über das Verhältnis zweier Paradigmen, in: Journal Phänomenologie 54, 35–48.
Wust, Peter (2019): Ungewißheit und Wagnis. Neu hgg. im Auftrag der Peter-Wust-Gesellschaft von Werner Schüßler und F. Werner Veauthier. Einleitung und Anmerkungen von Werner Schüßler, Berlin: LIT, 5. Aufl. (Edition Peter Wust 1).

Bild: Rainer Bucher

 

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