Superabile – Kunst der Vielfalt

Vor 15 Jahren, am 13. Dezember 2006, beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen” (Convention on the Rights of Persons with Disabilities – CRPD). Zu diesem Anlass stellt Alexander Notdurfter ein in vielerlei Hinsicht besonderes Kunstprojekt aus Südtirol vor.

Es ist eine wunderbare Geschichte, die das „Teatro La Ribalta. Kunst der Vielfalt“ mit „Superabile“ (zu Deutsch: überwindbar bzw. Überwindbares) auf die Bühne bringt. Erzählt wird aus dem Leben zweier Menschen mit Beeinträchtigungen: von ihrem Alltag und ihren Träumen, von Begrenzungen und Hindernissen, vom Versuch, diese zu überwinden, und den Mühen, damit zurechtzukommen. Die beiden haben im Stück keinen Namen, heißen einfach nur „il ragazzo“ (der Junge oder junge Mann) und „la ragazza“ (das Mädchen, die junge Frau), in der Wirklichkeit hören sie auf Mathias Dallinger und Melanie Goldner. Sie kämpfen sich im Rollstuhl über die Bühne und durch die Welt, abgemagert, mit verkrümmten Gliedern und Schwierigkeiten beim Sprechen, auf Hilfe angewiesen – beim Anziehen, Sich-waschen, Essen, Reden, eigentlich immer; ohne Unterstützung geht wenig.

Diese kommt von „Panciuto“ (Mann mit großem Bauch) – so nennt das Begleitbuch zum Stück1  den Assistenten der ragazzi, auf der Bühne dargestellt von Paolo Grossi. Er ist zwar da, aber oft nicht bei der Sache mit den Gedanken und dem Herzen – und trotzdem unentbehrlich. Verzichten könnten die beiden Rollstuhlfahrer:innen hingegen auf die Begegnungen mit einem anderen, dem Superman und Sonnyboy. Er kann sich frei bewegen, ist wendig und schnell, redegewandt und intelligent, autonom und attraktiv. Sein Leben ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Verkörpert wird die Rolle im Stück von Jason de Majo, einem jungen Mann mit Down-Syndrom.

Raum für einen Traum vom Leben, in dem die Vielfalt Platz hat.

„La Ribalta“ (die Rampe oder Vorbühne) ist ein Ensemble, bei dem Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammen Theater spielen. Gegründet 2009 in Bozen, hat sich die Truppe inzwischen international einen Namen gemacht, in vielen Ländern gastiert und zahlreiche Auszeichnungen bekommen. Geleitet wird sie von Antonio Viganò und Paola Guerra. Die beiden entwickeln die Stücke gemeinsam mit den Schauspieler:innen und Mitarbeiter:innen der Truppe. Sie greifen dabei Themen und Motive aus der Weltliteratur auf und schließen an Erfahrungen aus dem Leben der Beteiligten an. Gearbeitet und geprobt wird in einer Lagerhalle in Bozen-Süd, „T.Raum“ genannt. Sie schafft Raum für einen Traum – vom Leben, in dem die Vielfalt Platz hat; wo Unterschiede nicht als Belästigung oder Bedrohung, sondern als Bereicherung empfunden werden, wo man sich gegenseitig leben lässt und miteinander Leben lernt.

Superabile ist eine Produktion, die seit Jahren auf dem Programm von La Ribalta steht. Es ist ein Stück, das berührt und bewegt. Da wird erzählt, wie sich der junge Mann auf die Schipiste wünscht und in Wasserschier steigen möchte, sich gedanklich Flügel anschnallt und durch die Luft fliegt. Die Frau wird zur Prinzessin, die in Stöckelschuhen auf ihren Prinzen wartet, ihn findet und dann mit ihm vor Glück über den Wolken schwebt. Gezeigt wird aber auch, wie abhängig Menschen mit Beeinträchtigungen sind: Weil man vergisst, die Dusche abzudrehen, steigt das Wasser dem ragazzo bis zum Hals, im letzten Moment wird er gerettet. Die Frau, die aus dem siebten Himmel fällt und auf die Erde zu schlagen droht, wird gerade noch rechtzeitig vom Panciuto aufgefangen.

Leben als Kampfplatz um Respekt.

Die Zuschauer:innen des Stückes können erahnen, wie das alltägliche Leben für Menschen mit Beeinträchtigungen zum Kampfplatz wird – um Respekt, Rechte und Ressourcen; aber auch, wie schnell gut gemeinte Hilfe ins Gegenteil umschlagen kann, weil sie den Selbstsinn raubt, die Intimität verunmöglicht, das Persönliche auflöst, kurzum von einem eigenen Leben abhält. Das Ende des Stückes erinnert daran, wie wichtig dies alles ist. Es zeigt zwei junge Menschen, die für sich bestimmen möchten, wie sie mit ihren Grenzen umgehen, die den Rest an Leben, der ihnen geblieben ist, selbst in die Hand nehmen wollen, weil das ihre Würde ausmacht.

La Ribalta macht Theater mit einem Anspruch, nämlich die Welt zu verändern, zu verbessern. In der letzten Szene blicken denn auch große Augen die Zuschauer:innen an und fragen, wie sie Menschen mit Beeinträchtigung sehen, mit ihnen umgehen und ihnen begegnen. Superabile ist eine Geschichte mit einer Moral, die sich dagegenstemmt. Sie weigert sich das Gewohnte, weil Übliche, zur Regel und zum Gesetz zu machen. Bei alledem verbeißt sich das Stück die Strenge, es kommt nicht von oben herab, verzichtet auf den Zeigefinger. Es bewegt sich leichten Fußes, rollt fast zart über die Bühnenbretter; es kommt bisweilen humorvoll daher, hat Charme, eine Prise Ironie – und bleibt dabei doch tiefgründig und ernst.

Ein Himmel für Menschen im Rollstuhl.

Die Darsteller:innen spielen in einem „cartone animato“ (Comic). Sie interagieren mit Zeichnungen, die auf der Rückwand der Bühne mitlaufen und zu einem Teil des Geschehens werden. Der Unsichtbare, der hier Skizzen bewegt, zeichnend ergänzt und löschend anpasst, stellt dem ragazzo Sprechblasen zur Verfügung; so kann dieser sich mitteilen. Für die Prinzessin liefert er die Kulisse, in der der Prinz auftaucht. Er zertrümmert die Vorurteile, denen die beiden im Rollstuhl ausgeliefert sind, und lässt die Bombe der Aggression platzen, mit der sie sich gegen die Bevormundungen wehren. Er senkt den Wasserpegel ab und lässt in einen Himmel blicken, der Menschen im Rollstuhl gehört.

Dieser unsichtbare Zeichner, er agiert nicht wie ein Regisseur, der alle Fäden in der Hand hält, aber auch nicht wie eine Souffleuse, die nur vorgegebene Texte und Anweisungen zuflüstert. Er lässt das Geschehen auf der Bühne laufen und greift an entscheidenden Punkten ein; er ermöglicht unerwartete Wendungen und korrigiert Fehlgänge; er reguliert das Potential an Verzweiflung herab und hebt den Pegel der Hoffnung – bei den ragazzi; er sorgt für Ausgleich und Gerechtigkeit, Durchsetzungsvermögen und Eigenstand, Leichtigkeit, Fantasie und Ähnliches mehr. Er setzt den Rahmen, in dem aus „Disabili“ (Behinderten bzw. Unfähigen) Menschen werden, für die vieles superabile ist und wird.

Böte La Ribalta nur gutes Theater, es wäre schon viel und zweifellos wertvoll. Freilich könnte man dann einwenden, vielleicht auch vorwerfen, im Letzten würden doch nur schöne Worte gemacht, anspruchsvoll unterhalten, für moralische Entrüstung gesorgt. Weil die Truppe aber nicht nur auf die Bühne drängt, sondern sich als ein soziales Kunstprojekt oder ein künstlerisches Sozialprojekt versteht – man weiß nicht, wie zu benennen ist, was sie tut – weil der T.Raum jedenfalls ein Ort ist, wo ansatzweise gelebt wird, wofür man spielend Stimmung macht, ist La Ribalta mehr: Das Projekt macht Menschen mit Beeinträchtigungen zu Protagonist:innen ihres Lebens – auf und hinter der Bühne, will heißen in den Laboratorien, die die Produktionen flankieren. Und so geschieht es, dass die eine Frau sich hier zum ersten Mal ihr eigenes Geld verdient, die andere sich verliebt, der junge Mann nun allein mit Bus und Bahn von Brixen nach Bozen fährt und dabei wie die gleichaltrigen Jugendlichen im Waggon cool mit seinem Handy durch die Welt telefoniert. La Ribalta wirft – auch das ist mit dem Wort angezeigt – das Steuer um, von disabile auf superabile. Deshalb hat mit dem christlichen Glauben zu tun, was in der Lagerhalle von Bozen-Süd geschieht.

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Text: Alexander Notdurfter ist Professor für Pastoraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen.

Bild: Teatro La Ribalta, Bozen.

  1. Guerra Paola/Eynard Michele: Superabile, Meran 2016.
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