Ikonen und Sex? Robert Lentz und die Farben des Regenbogens

Bild: Robert Lentz, Mother of God, Protectress of the Oppressed (Ausschnitt). Photograf: Don Sniegowski (unter CC BY-NC-SA 4.0)

Sie wirken auf den ersten Blick vertraut: Die Ikonen des Franziskanerbruders Robert Lentz (geb. 1946) stehen augenscheinlich in einer langen Tradition. Die Zweidimensionalität, die Farben, die strenge Bildkomposition und viele der dargestellten Personen sind auch aus ostkirchlichen Werken bekannt. Doch auf den zweiten Blick sorgt etwas für Irritation. Von Daniela Feichtinger.

Ein englischer Schriftzug, ein Tier oder eine bei näherer Betrachtung doch nicht im kanonischen Sinn heilige Person erwidern unseren frommen Blick. Man fragt sich: Hat die christliche Sozialistin Dorothy Day (1897-1980) den Titel der Heiligen nicht selbst abgelehnt? Ist der südafrikanische Bürgerrechtler Stephen Biko (1946-1977) denn ein Märtyrer, dass er mit einer Ikone geadelt wird? War Harvey Milk (1930-1978) nicht der erste offen schwule Politiker in den USA und gar kein Christ? Und was hat die profane Katze neben der verehrten Juliana von Norwich zu suchen? Auch die Christusdarstellungen werfen Fragen auf, schließlich ist er einmal nackt (Lord of the Dance), ein andermal schwarz (Jesus Christ: Liberator), und dann eine Frau, die in der Hand die Venus von Willendorf hält (Christ Sophia). Was fällt Robert Lentz ein, solche Ikonen zu schreiben?

Tradition – aber nicht mainstream

Selbst die verblüffendsten seiner Motive schöpft Lentz aus der Tradition, wenn auch nicht aus ihrem Mainstream. Katzen waren den Anachoretinnen des Mittelalters ausdrücklich erlaubt, da sie Mäuse jagten und so Krankheiten vorbeugten. Ein dunkelhäutiger Jesus ist historisch wesentlich plausibler als ein elfenbeinerner mit hellem Haar. Die Weisheit, griech. sophía, war wie Christus von Anbeginn der Zeit bei Gott. Und die Verehrung von Lokalheiligen wartete im Lauf der Geschichte wohl nur selten auf das Placet aus Rom, sondern bahnte sich ihren Weg, sobald sich jemand als heilig erwiesen hatte.

Als Enkel russischer Großeltern ist der in Colorado aufgewachsene Lentz seit frühester Kindheit sowohl mit der katholischen Liturgie als auch mit orthodoxen Ikonen vertraut. Beides fasziniert ihn: Er tritt bei den Franziskanern ein und lässt sich auf dem Berg Athos ausbilden. Doch erst, nachdem er den Orden noch vor seinen Gelübden wieder verlassen hat, widmet er sich in San Francisco intensiv der Malerei. In den zwanzig Jahren vor seinem Wiedereintritt 2003 schafft er einen großen Teil seiner Werke. Zwei Jahre später verursacht ein konservativer christlicher Newsletter eine derartige Kontroverse, dass Lentz schließlich die Rechte an zehn besonders umstrittenen Ikonen abtritt – unter ihnen der nackte Christus und Christ Sophia, die weibliche Christusfigur.

Faszination katholischer Liturgie und orthodoxer Ikonen

Dabei will Lentz nicht schockieren. Er geht betend ans Werk und nutzt die in der Ikonografie etablierten Mittel, um Theologie zu treiben und die Gnade Gottes erfahrbar zu machen. In seinen Ikonen würdigt er den Rand als das Wesentliche – er sieht Christ in the Margins, wie es eine Publikation seiner Werke nennt.[1] Der Einband zeigt Christus als jungen Immigranten im T-Shirt, der mit Wundmalen an den Handflächen in einen Stacheldrahtzaun greift (Christ of Maryknoll). Dabei ist dem Künstler zufolge nicht entschieden, auf welcher Seite er sich befindet: Trennt uns der Stacheldraht von ihm, weil wir ihn ausgesperrt haben, oder sieht er zu uns herein, die wir an einer unüberwindbaren Grenze stehen?

Robert Lentz schreibt seine Ikonen auch für die Randständigen – und die befinden sich nicht immer am Rand, sondern durchaus auch im Schoß der Kirche. Am Anfang seiner Laufbahn als Ikonenmaler besucht ihn 1983 der bekannte spirituelle Schriftsteller und Priester Henri J. M. Nouwen (1932-1996). Eine besondere Bitte führt ihn zu Lentz: Er soll ihm eine Ikone anfertigen, die die Hingabe seiner Sexualität an Jesus Christus symbolisiert. Bei der Motivwahl hat er freie Hand. Es entsteht Christ the Bridegroom, Christus der Bräutigam, eine Verbindung des titelgebenden Themas mit der engen Beziehung zwischen Jesus und seinem Lieblingsjünger Johannes. Als Vorlage dient eine mittelalterliche Ikone aus Kreta.

Christus, der Bräutigam

Nouwen ist damals noch einige Jahre von der dunklen Nacht der Seele entfernt, die er Ende der Achtzigerjahre durchmachen wird, als das Zerbrechen einer innigen Freundschaft eine lang verschlossene Tür in ihm aufstößt. Doch schon als er die Ikone in Auftrag gibt, ringt er mit seiner Homosexualität, zu der er sich zu Lebzeiten niemals schriftlich bekennt. Er hütet Christus den Bräutigam fortan wie einen Schatz und bewahrt ihn laut seinem Biografen Michael Ford seinem Bett gegenüber auf, wo er ihn morgens als Erstes sehen kann.[2]

Lentz erinnert sich Jahrzehnte später an die Begegnung mit dem nervösen und angespannten Nouwen. Er selbst steht offen zu seiner Homosexualität und widmet dem Thema eine Vielzahl von Bildern. Zu den bekanntesten gehört die Ikone von David und Jonathan. In ihren Händen halten sie Schriftrollen mit Auszügen aus der alttestamentlichen Erzählung, die ihre große Zuneigung zueinander bezeugen. Über ihnen thront in den Wolken ein segnender Christus.

In unserer Sorge, es richtig zu machen, haben wir vergessen, wie man spontan auf die Begegnung mit dem Göttlichen antwortet.

Aber führt Lentz das altehrwürdige Handwerk der Ikonenmalerei denn „richtig“ aus? Liegt im Rahmen des Erlaubten, wie, woran und wozu er arbeitet? Im Vorwort zu einem von Nouwens Büchern beschreibt Lentz, was er von einem „korrekten“ Ikonenverständnis hält: „Korrekt? Wie sehr fürchten wir Christen doch, vom rechten Pfad abzukommen! In unserer Sorge, es richtig zu machen, haben wir vergessen, wie man spontan auf die Begegnung mit dem Göttlichen antwortet. Wir bleiben im wesentlichsten Kern unseres Lebens Kinder, abhängig von der Zustimmung anderer – im spirituellen.“[3]

Sein eigenwilliger Stil lebt auch in William Hart McNichols (geb. 1949) fort, der bei ihm gelernt hat und zu den wichtigsten modernen Ikonenmalern weltweit zählt. Beide bilden in ihrer theologischen Auseinandersetzung eine Bandbreite von Welt und Kirche ab, die man in „frommen Bildern“ meistens vergebens sucht – die ganze Palette des Regenbogens.
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Daniela Feichtinger ist promovierte Alttestamentlerin und Autorin.
Von ihr u.a. auf feinschwarz erschienen:

Corita! Pop Art Theologin

[1] Gateley, Edwina / Lentz, Robert: Christ in the Margins, Orbis 2003.
[2] Ford, Michael: Wounded Prophet. A Portrait of Henri J. M. Nouwen, New York et al.: Doubleday 2006, 142f.
[3] Lentz, Robert: Foreword, in: Nouwen, Henri J. M.: Behold the Beauty of the Lord. Praying with Icons, Notre Dame: Ave Maria 2007, 9-12, 10. (Übers.: D.F.)

Weiterführende Literatur:
Chittister, Joan / Lentz, Robert: A Passion for Life. Fragments of the Face of God, Orbis 1996.
Cherry, Kittredge: Robert Lentz, in: dies.: Art That Dares. Gay Jesus, Woman Christ and More, Berkeley: Androgyne Press 2007, 65-76.
Summa, Christopher: The Boy Who Found Gold (2016; Dokumentation über William Hart McNichols).

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