Im Angesicht des Aggressors 1

Wie umgehen mit einem aggressiv expandierenden Großreich? Auf diese Frage gibt die Geschichte Israels verschiedene Antworten. Juliane Eckstein geht biblischen wie außerbiblischen Modellen des Umgangs mit Aggressoren nach und entdeckt erstaunliche Parallelen in Gegenwart und jüngster Vergangenheit.

Was kann ein Staat tun, der geografisch eingezwängt zwischen zwei militärisch starken Großmächten liegt? Wie umgehen mit der aggressiven Expansion eines Imperiums? Die Kleinstaaten Israel (das sogenannte Nordreich) und Juda (das sogenannte Südreich) entwickelten sich im Dazwischen der Levante, auf der Landbrücke zwischen Ägypten im Südwesten und Mesopotamien im Nordosten. Immer wieder mussten sie sich mit der Expansion von Großreichen auseinandersetzen. Im Folgenden stehen die neuassyrische (9.–7. Jh. v. Chr.) und die neubabylonische Expansion (7.–6. Jh. v. Chr.) im Mittelpunkt.

Von historischen Vergleichen

Historische Vergleiche hinken. Immer. Und trotzdem zeigen sich erstaunliche Parallelen sowohl in den aktuellen Ereignissen als auch in der jüngsten Geschichte der Ukraine. Es scheint Kontinuitäten zu geben für Länder, die sich in der Kontaktzone zwischen zwei geopolitischen Einflusssphären befinden. Die Bibel bietet die bekannteste Sammlung von Texten, die aus einer solchen Zwischenposition heraus verfasst worden sind. Sie reflektieren zahlreiche politische wie religiöse Modelle des Umgangs mit einem Aggressor. Zum Teil werfen sie ein entlarvendes Licht auf heutige Positionen in Bezug auf den Ukraine-Krieg. Umgekehrt eröffnen die aktuellen Ereignisse aber auch einen neuen Zugang zu den biblischen Texten selbst.

Das Modell Koalitionsbildung

Im ausgehenden 10. Jahrhundert v. Chr. beginnt das neuassyrische Großreich zu expandieren, ausgehend von Aššur am Tigris. Schließlich stellt sich ihm eine Koalition aus mehreren Kleinstaaten und einem Großreich entgegen.

Eine aktuelle Version dieses Modells ließe sich in der Joint Expeditionary Force (JEF) erkennen. Das Vereinigte Königreich baut diese Koalition seit 2014 mit neun weiteren Nord- und Ostseeanrainern auf. Die JEF lieferte als einer der ersten Akteure Waffen in die Ukraine.

Die anti-assyrische Koalition des 9. Jh. v. Chr. wiederum wird von Ägypten angeführt. Ahab, der König des Nordreichs Israel (1 Kön 16–22), stellt einen erheblichen Anteil der Koalitionstruppen und -streitwagen. Die Bibel aber verliert darüber kein Wort. Wir erfahren von der Koalition nur durch die sogenannte Kurkh-Stele. Auf dieser brüstet sich der assyrische Großkönig Salmanassar III. damit, die Koalition 853 v. Chr. bei Qarqar vernichtend geschlagen zu haben:

Qarqara […] zerstörte, verwüstete und verbrannte ich mit Feuer. […] 14.000 von ihren Kriegern streckte ich mit den Waffen nieder. […] Ihre Leichen breitete ich weithin, mit ihren zahlreichen Truppen füllte ich die Oberfläche der Steppe.[1]

Doch gehört diese Propaganda wahrscheinlich in das Reich der „alternativen Fakten“. Die Stadt Qarqar besteht nach 853 v. Chr. weiter. Die Koalition macht Salmanassar III. später noch zu schaffen. Sie war erfolgreich. Zu beachten ist, dass die Stele nicht im nordwestsyrischen Qarqar gefunden worden ist, sondern in Kurkh, dem heutigen Üçtepe in der Türkei – 550 km von Qarqar entfernt.

Damit faktenwidrige Kriegspropaganda funktioniert, braucht es also einen räumlichen Abstand zum Kriegsgeschehen. Auch die derzeitige russische Kriegspropaganda scheint umso besser zu funktionieren, je weiter die Empfänger:innen vom Geschehen in der Ukraine entfernt sind. Die Blockade sozialer Netzwerke in Russland hängt damit zusammen. Sie würden die räumliche Distanz zum Krieg überbrücken, und das darf auf keinen Fall geschehen. Andernfalls funktioniert Siegespropaganda nicht.

Das Modell Schaukelstuhlpolitik

Sowohl im Nordreich Israel als auch im Südreich Juda setzen die expandierenden Großreiche auf Vasallenkönige. Sie sollen loyal sein und zuverlässig Tribute abliefern. Nur geschieht regelmäßig das Gegenteil. Hoschea, der letzte israelitische König, stellt in den 720er Jahren v. Chr. die Tributzahlungen gegenüber Assyrien ein:

Dann aber erfuhr der König von Assur, dass Hoschea an einer Verschwörung beteiligt war […]. (2 Kön 17,4).

Auch im Südreich Juda werden die Assyrer verschaukelt, nämlich 706 v. Chr. unter Hiskija:

[…] So fiel er [Hiskija] vom König von Assur ab und war ihm nicht länger untertan. (2 Kön 18,7)

Das babylonische Großreich erlebt zweimal in Juda, wie fragil seine Kontrolle ist. 601 v. Chr. stellt König Jojakim die Tributzahlungen ein:

In seinen [Jojakims] Tagen zog Nebukadnezzar, der König von Babel, herauf. Jojakim war ihm drei Jahre untertan; dann aber fiel er von ihm ab. (2 Kön 24,1)

588 v. Chr. ist es Zidkija, der die Tributzahlungen einstellt:

[…] Zidkija hatte sich gegen den König von Babel empört. (2 Kön 24,20).

Alle die zuvor genannten Könige wissen, dass sie allein gegen die militärische Übermacht nicht bestehen können. Aber sie hoffen auf die Hilfe Ägyptens:

Er [Hoschea] hatte nämlich Boten zu So [Osorkon IV.], dem König von Ägypten, gesandt […]. (2 Kön 17,4)

Du [Hiskija] vertraust ja nur auf Ägypten, auf seine Wagen und deren Besatzung. (2 Kön 18,24)

Diese Beispiele aus der Geschichte Israels werfen ein neues Licht auf die jüngere und jüngste Geschichte der Ukraine. Auch hier wechseln sich Phasen der Annäherung an EU und NATO mit Phasen der Annäherung an Russland ab. Wiktor Janukowytsch beispielsweise sandte in seinen Amtszeiten immer wieder Signale in beide Richtungen. Der Blick in die biblischen Texte zeigt, dass eine solche Schaukelstuhlpolitik in geopolitischen Kontaktzonen nichts Besonderes ist, sondern offensichtlich der Normalfall.

In den biblischen Texten warnen mehrere Propheten eindringlich vor diesem Modell:

Wehe denen, die nach Ägypten um Hilfe hinabziehen […]! (Jes 31,1)

Man solle sich nicht täuschen, Ägypten werde nicht eingreifen:

Denn der Pharao wird ihn im Kampf nicht mit großer Streitmacht und zahlreichem Aufgebot unterstützen […]. (Ez 17,17),

Ägypten mache sich über die Hilfesuchenden nur lustig:

Ihre Regierenden kommen um durch das Schwert
wegen ihrer unverständlichen Rede –
so spottet man über sie – in Ägypten.
(Hos 7,16)

Ägypten werde letztlich selbst von Assyrien erobert werden:

Und ich werde die Ägypter in die Hand eines harten Herrn ausliefern,
ein starker König wird über sie herrschen […]. (Jes 19,4)

In der Tat geht keiner dieser Versuche gut aus. Hoscheas Königreich Israel wird 722 v. Chr. erobert, er selbst wird festgenommen, die israelitische Oberschicht deportiert, ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung flieht in das Südreich Juda (2 Kön 17,4–6). Dieses wird später unter Hiskija ebenfalls erobert. Lediglich die Hauptstadt Jerusalem bleibt erhalten (2 Kön 18,13). Die babylonischen Söldnertruppen fallen 597 v. Chr. in Juda ein und verwüsten das Land (2 Kön 24,10). König Jojakim stirbt in dieser Zeit, sein Sohn Jojachin kapituliert nach drei Monaten. Jerusalem wird geplündert, die Elite des Landes deportiert (2 Kön 24,8–14). Zidkija wiederum wird nach der Eroberung Jerusalems gefangen genommen. Seine Söhne werden vor seinen Augen getötet, er selbst wird geblendet und verschleppt (2 Kön 25,6–7). Jerusalem wird zerstört, ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung exiliert (2 Kön 25, 9–11).

Liest man die biblischen Texte mit großem zeitlichen Abstand, macht sich Verwunderung breit: Warum stellen die Könige der Levante ein um das andere Mal die Tributzahlungen ein, wohlwissend um die erwartbaren Folgen? Sollten sie nicht irgendwann dazugelernt haben? Die gegenwärtige politische Lage erhellt ihre Motive. Wenn ein Gemeinwesen eine lange Geschichte der Unterwerfung hat, wenn sich die Grausamkeiten eines expandierenden Imperiums in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, wird dieses Gemeinwesen versuchen, diese fremde Macht abzuschütteln, sobald es die Möglichkeit dazu sieht.

[1] Borger, Rykle; Kaiser, Otto; Janowski, Bernd (Hgg.): Texte aus der Umwelt des Alten Testaments Bd. I/4, Gütersloh: 1984, 360–362.

Dies ist Teil I des Beitrags. Der zweite Teil erscheint in Kürze auf www.feinschwarz.net. 

Dr. Juliane Eckstein ist Alttestamentlerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Sankt Georgen (Frankfurt/Main) und Mainz.

Bild: joujou – pixelio.de

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