Im Angesicht des Aggressors 2

Wie umgehen mit einem aggressiv expandierenden Großreich? Auf diese Frage gibt die Geschichte Israels verschiedene Antworten. Juliane Eckstein geht weiteren biblischen Modellen des Umgangs mit Aggressoren nach und entdeckt noch mehr Parallelen in Gegenwart und jüngster Vergangenheit. (Teil I siehe hier)

Das Modell Gottvertrauen

Im Jahr 701 v. Chr. erobert das assyrische Heer Juda und belagert schließlich Jerusalem unter seinem König Hiskija. In diesem Zusammenhang überliefert 2 Kön 18,17–37 eine Demotivationsrede des assyrischen Feldherrn, des sogenannten Rabschaken.[1] Er versucht, den Kampfes- und Durchhaltewillen der Belagerten zu brechen und unterstellt ihnen eine besondere theologische Motivation:

Wenn ihr aber zu mir sagt: Wir vertrauen auf JHWH, unseren Gott! […] JHWH selbst hat mir befohlen: Zieh gegen dieses Land und verwüste es! (2 Kön 18,22.25)

Es ist im antiken Kontext völlig normal, sich im Kriegsgeschehen auf die eigene Stadtgottheit zu verlassen. Das JHWH-Vertrauen der Belagerten muss aber über das übliche Maß hinausgehen, wenn der Rabschake diesen Fakt eigens erwähnt und als Argument für die Kapitulation verwendet. Laut dem biblischen Königebuch wird das JHWH-Vertrauen der Judäer belohnt. Jerusalem kapituliert nicht und wird auf wunderbare Weise gerettet:

In jener Nacht zog der Engel JHWHs aus und erschlug im Lager der Assyrer hundertfünfundachtzigtausend Mann. […] Da brach Sanherib, der König von Assur, auf und kehrte in sein Land zurück […] (2 Kön 19,35–36)

Ein anderer Abschnitt desselben Buches erklärt das Ereignis mit recht innerweltlichen Vorgängen: Hiskija habe im letzten Augenblick eingelenkt und hohe Tribute gezahlt:

Hiskija aber, der König von Juda, schickte Boten an den König von Assur nach Lachisch und ließ ihm sagen: Ich habe gefehlt. Lass ab von mir! Alles, was du mir auferlegst, will ich tragen […]. Hiskija lieferte alles Geld ab, das sich im Haus JHWHs und in den Schatzkammern des königlichen Palastes befand. (2 Kön 18,14–15)

Trotzdem entsteht aus dieser Erfahrung ein eigenes theologisches Modell, die Zionstheologie. Ihr zufolge ist der Jerusalemer Berg Zion JHWHs eigene Wohnstätte. Er selbst bewache und sorge für ihn, weswegen die ganze Stadt Jerusalem uneinnehmbar sei:

[…] Der Berg Zion liegt weit im Norden […].
Gott ist in ihren Palästen,
als sichere Burg erwiesen.
Denn siehe: Könige traten zusammen,
gemeinsam rückten sie näher.
Sie sahen auf, da erstarrten sie;
sie waren bestürzt und flohen. […]
Wie wir es gehört, so haben wir es gesehen
in der Stadt JHWHs der Heerscharen, der Stadt unsres Gottes.
Gott macht sie fest auf ewig. […]
(Ps 48,2–9).

In den folgenden 100 Jahren ändert sich die politische Großwetterlage. Das assyrische Großreich vergeht. Das babylonische löst es ab. Jerusalem erlebt 597 v. Chr. eine erste babylonische Eroberung und Deportationswelle. Das hindert Zidkija nicht, zehn Jahre später die Tributzahlungen einzustellen. Seine Berater greifen auf die Zionstheologie zurück. Der Prophet Hananja beispielsweise plädiert gegen die Kapitulation und dafür, sich vollständig auf JHWHs Eingreifen zu verlassen:

So spricht JHWH der Heerscharen, der Gott Israels: Ich zerbreche das Joch des Königs von Babel. Noch zwei Jahre und ich bringe alle Geräte des Hauses JHWHs […] wieder an diesen Ort zurück. Auch [… alle Verschleppte] aus Juda, die nach Babel kamen, bringe ich an diesen Ort zurück […] (Jer 28,1–4).

Eine spezifisch katholische Variante dieses Modells stellt der liturgische Akt dar, in dem die Ukraine und Russland am 25. März dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht werden. Hierzulande fremdeln viele Katholik:innen damit. Allerdings gilt hier – wie auch für die folgenden Modelle: Die biblischen Texte lehren, im Angesicht der Bedrohung radikal die Perspektive der Bedrohten einzunehmen. Wenn die ukrainischen und die russischen Bischöfe diesen Akt nicht nur begrüßen, sondern schon seit langem einfordern, sollte man sich im eigenen warmen, sicheren Zimmer in Deutschland mit Kritik daran zurückhalten.

Aber auch in umgekehrter Hinsicht gilt es, von der eigenen komfortablen Situation abzusehen und die ukrainische (oder georgische, lettische, estnische, moldauische, polnische, finnische…) Perspektive einzunehmen, bevor man das Modell Gottvertrauen empfiehlt. Es ist das eine, Gottvertrauen einzufordern, wenn man in einer ukrainischen Stadt unter ständigem Beschuss ausharrt. Es ist etwas völlig anderes, wenn dies zwei in Sicherheit lebende Deutsche auf der Glücksseite des neuen eisernen Vorhangs tun, in einem Land, das dem Aggressor weiter Geld für Gas- und Öllieferungen zahlt.

Das Modell Kapitulation

Das Modell „unbedingtes Gottvertrauen“ erfährt allerdings auch innerbiblisch Kritik. Im Fall Hananjas geschieht dies durch den Propheten Jeremia. Er vertritt sein eigenes Modell – die Kapitulation:

[….] Beugt euren Nacken unter das Joch des Königs von Babel und dient ihm und seinem Volk; dann werdet ihr leben! Warum sollt ihr, du und dein Volk, durch Schwert, Hunger und Pest umkommen […]? Hört nicht auf die Reden der Propheten, die zu euch sagen: Ihr sollt dem König von Babel nicht dienen! Denn sie prophezeien euch Lüge. (Jer 27,12–14)

Diesem Modell folgte König Jojachin bereits zehn Jahre zuvor (2 Kön 24,8–17): Der vorletzte davidische König ergibt sich 597 v. Chr. und wird samt seiner Familie nach Babylon verschleppt. Dort geht es ihm zumindest leiblich gut, wie die Weidner-Tafeln belegen, assyrische Lieferlisten an den königlichen Hof.

Zur Zeit gibt es in Deutschland Stimmen, die dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj genau das nahelegen. Er solle den Krieg durch Kapitulation beenden, um weitere Opfer seines Volkes zu verhindern. Aber die Sprechrichtung und -situation sind völlig unterschiedlich. Jeremia ist Teil der judäischen Elite. Er befindet sich selbst in Jerusalem und weiß, dass er die Folgen der Kapitulation selbst mit tragen wird. Tatsächlich bleibt er nach der Eroberung Jerusalems zunächst im Land (Jer 39,11–14) und wird dann mit anderen Judäer:innen ins ägyptische Exil gezwungen (Jer 43,1–7).

Er versichert dem König und seinen Angehörigen, dass ihnen im Falle einer Kapitulation kein Haar gekrümmt werde:

[…] Wenn du wirklich hinausgehst zu den Heerführern des Königs von Babel, dann ist dein Leben gerettet, diese Stadt wird nicht im Feuer verbrannt und du bleibst am Leben, du und dein Haus. (Jer 38,17)

Wolodymyr Selenskyj und weitere Ukrainer:innen wissen hingegen, dass sie im Falle einer Kapitulation nicht auf russische Gnade zu hoffen brauchen. Zudem sehen sie bereits seit acht Jahren auf der Krim und im Donbass, was den Ukrainer:innen im Falle einer russischen Besatzung droht: Menschen verschwinden in Geheimgefängnissen. Das Land wird ausgebeutet. Eventuell werden sogar Menschen verschleppt.

Auch in dieser Hinsicht werfen gegenwärtige Ereignisse ein neues Licht auf die biblischen Texte. Die assyrische Kriegsstrategie zeichnete sich durch Angst und Schrecken aus. In zahlreichen Inschriften und Bildnissen rühmen sich assyrische Herrscher ihrer Grausamkeit gegenüber eroberten Völkern. Das babylonische Großreich hingegen war durch einen etwas milderen Umgang mit den Unterworfenen bekannt – wenngleich seine Politik trotzdem expansiv war.

Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche politische Strategien, so könnte man diesen Rundgang durch die biblischen wie nichtbiblischen Modelle zusammenfassen, und ja, auch unterschiedliche Theologien. Das politische wie theologische Modell, das die Ukraine jetzt braucht, kennt niemand besser als die Ukrainer:innen selbst. Die Gottgläubigen unter ihnen werden diese Theologie in der lebendigen Auseinandersetzung, im Gebet mit Gott finden. Aber uns in Deutschland steht es nicht zu, dies an ihrer Stelle zu tun. Wir können sie lediglich unterstützen, ihnen aufmerksam zuhören und aus ihren Erfahrungen lernen.

[1]                Die Rede findet sich auch in Jes 36,1–22.

Dr. Juliane Eckstein ist Alttestamentlerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Sankt Georgen (Frankfurt/Main) und Mainz.

Bild: Thomas Jüling – pixelio.de

 

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