Jedem Anfang wohnt ein Wunder inne

Baustelle Geburt

Von einem Raum und verschiedenen Türen am Lebensanfang. Was es im Umfeld der Geburt im Raum der Spiritualität zu entdecken und zu benennen gibt, erzählt und bedenkt die Klinikseelsorgerin Kerstin Rödiger.

Ich möchte mit Ihnen einen neuen Raum, bzw. einen Raum neu, betreten. Das kann man auf leisen Sohlen oder mit Schwung, zusammen oder allein. Wohlgemerkt ist dieser Raum schon da. Es gilt ihn zu entdecken, sich ihm anzunähern und ihn zu erkunden. Es geht dabei um Bewegung, einen Prozess und die Neugierde. Ohne diese würden wir keine neuen Räume besuchen. Vielleicht ist die Neugierde aber auch ein anderes Wort für Sehnsucht. Sie ist der Schlüssel, um diesen Raum zu öffnen. Aufgrund meiner Erfahrung im städtischen Raum gehe ich davon aus, dass diese Sehnsucht unabhängig von Religion und Kirchenzugehörigkeit da sein kann.
Diesen Raum der Spiritualität betrete ich mit Ihnen durch das Portal des Lebensanfangs.  Was erwartet uns? Nun, das kommt darauf an, was wir suchen.

Vielleicht ist die Neugierde aber auch ein anderes Wort für Sehnsucht.

Der Weg meines Suchens begann vor 10 Jahren mit meiner ersten Schwangerschaft. Ich war als promovierte Theologin nicht darauf gefasst, dass mir diese geheimnisvolle Tiefendimension so mächtig und herausfordernd widerfahren würde. Einerseits ist dies mein ganz eigener Weg, doch seitdem sammle ich Geschichten dazu und merke, dass ich diese Verwunderung, das Staunen und Zittern mit vielen anderen Frauen und Männern teile. Doch viele Geschichten bleiben im Verborgenen, verändern Leben, ohne dass der Strom der Weltgeschichte davon berührt zu sein scheint. Es ist eine Tatsache und etwas ganz Normales, dass wir alle Geborene sind. Es liegt vielleicht ein Schweigen über diesem Geschehen, weil es Teil eines echten Geheimnisses ist.[1] Andererseits verläuft die Trennlinie zwischen Privatheit und Öffentlichkeit genau entlang dieser Erfahrung.

mich dem geheimnisvollen Schweigen am Lebensanfang nähern

Meine Sehnsucht ist es, mich dem geheimnisvollen Schweigen am Lebensanfang zu nähern und dem Zittern und Staunen darin Stimme zu geben – für mich und für andere. Mein Suchen hat einen strukturellen Ort gefunden. Seit zwei Jahren arbeite ich am Universitätsspital in Basel mit jährlich ca. 2500 Geburten. Auch bin ich dort regelmäßig auf der Schwangerenabteilung unterwegs, um Frauen beim Warten, Hoffen und Abschied nehmen zu unterstützen.[2]

Im Folgenden stelle ich zwei Möglichkeiten, sprich zwei Türen vor, wie ich mir immer wieder die Schuhe ausziehe und heiligen Boden betrete, irgendwie immer sehr persönlich und doch sehr verbindend, immer anders und doch begegne ich wiederkehrenden Motiven.

Der Raum

Noch einmal zurück zu diesem Raum der Spiritualität, den ich auch als Tiefendimension oder Geheimnis[3] bezeichne. Ich spreche von einem Raum, der aber nicht immer gleich ist, vielmehr wandelbar und schlussendlich immer anders. Mich interessiert besonders eine seiner Qualitäten: die Ambivalenz.

In ihm steckt etwas Großes, das uns als Menschen widerfährt. Ich bin Teil davon, dem aber auch ausgeliefert. Die Medizin hat diesem Raum am Lebensanfang mehr Sicherheit gegeben. Zum Glück kann die Gefahr für Mutter und Kind minimiert werden. Doch bei allem medizinischen Wissen sehe ich, dass die Wucht, das tremendum und fascinosum, bleibt und unserem sonst so kontrollierten Leben geradezu widerspenstig gegenübersteht. Diese Qualität des Raumes braucht daher Schlüssel wie Staunen, Wachsen, Loslassen.

Schlüssel wie Staunen, Wachsen, Loslassen

Neben dieser qualitativen Ambivalenz stellten wir AutorInnen in einer Projektarbeit[4] außerdem eine rezeptive Ambivalenz fest. Einerseits gibt es ein selbstverständliches Staunen um den Lebensanfang herum, doch dieses Staunen wird nicht mit Spiritualität in Verbindung gebracht oder es fehlen Worte und Zeichen, sie zu benennen. Die Volksfrömmigkeit hatte dafür konkrete Angebote, die oft mit Maria verbunden waren, z.B. Pilgerbesuche oder gesegneten Bauchgurte. Diese Formen sind theologisch und praktisch überholt, sie tragen heute nicht mehr. Aber welche Bewegungen, Formen, Zeichen, Worte, Symbole können Türen sein, um diesen Raum zu öffnen und zu betreten?

Tür 1: Ökumenische Segensfeier

In Basel gab es schon Segensfeiern für Schwangere.[5] Als kleinen Neustart feierten wir 2015 die ökumenische Segensfeier erstmals in der Adventszeit und in der Krypta des Münsters unter den Fresken des Maria-Anna-Zyklus, mit dem Namen «Ökumenische Feier für den Lebensanfang». Im Zentrum der Feier steht der persönliche Segen und der Erhalt einer individuell gestalteten Kerze. Dies wird umrahmt mit Harfenmusik und der nacherzählten Geschichte von Elisabeth und Maria. Der Raum wird auf leisen Sohlen, aber gemeinsam inmitten eines eindrücklichen Kirchenraumes betreten. Der Anfang war zäh, die Resonanz mäßig, wir verunsichert. Trotzdem sind auch die wenigen Begegnungen immer wieder sehr berührend. Im dritten Jahr zeigte sich nun, dass das kleine Pflänzchen vielleicht anfängt zu keimen.

die Notwendigkeit von Brücken, um den Raum aus verschiedenen (Blick)Richtungen betreten zu können

Eine andere Feier unter gleichem Namen fand Ende August in einem anderen Geburtsspital in Basel zum zweiten Mal statt. Im Anschluss brachten wir den Hebammen und Pflegefachfrauen im Dienst das Symbol dieser Feier, eine Muschel und eine Perle mitsamt der dazugehörigen Geschichte. Dies macht mir die Notwendigkeit von Brücken bewusst, um den Raum aus verschiedenen (Blick)Richtungen betreten zu können, denn er bleibt durch seine rituelle Dimension ein besonderer Raum. Er ist nicht automatisch frei von Hierarchien, denn wo Türen und Räume sind, werden automatisch Zugangsregeln definiert. Ich bin mir noch nicht sicher, was es braucht, damit ein gemeinsamer Aufenthalt in diesem Raum für alle Beteiligten möglich ist.

Taufe feiert das Ergebnis.

An dieser Stelle lohnt sich ein Seitenblick auf die Tauffeier als andere Eingangstür zu diesem Raum. Darin wird symbolisch mehrheitlich ein anderer Schlüssel benutzt: Taufe feiert das Ergebnis. In ihr sind Zugangsberechtigung und Anspruch klar definiert. In der Segensfeier als neuer spirituellen Form sind diese Fragen noch offen bzw. muss die Tür durchlässiger sein und kann eigentlich nur als Einladung funktionieren. Kein Wunder also, wenn die Gemeinschaft klein bleibt. Es muss Überzeugungsarbeit geleistet werden für die in der Segensfeier benutze Sprache der Ambivalenz zwischen Freude und Angst. Sie stellt den Prozess des Werdens mit noch offenem Ausgang in den Mittelpunkt. Dies scheint mir in unserer Zeit eine doch eher neue Qualität symbolischer Sprache zu sein und kann vielleicht nur über Erfahrung verständlich werden.

Und noch ein Seitenblick: Eine Schwangere, die spontan vor der Tür eingeladen wurde, kam tatsächlich. Sie fand die Feier gut – ein Zeichen dafür, dass es eine grundsätzliche Sehnsucht nach diesem Raum gibt.

Tür 2: Begrüßung der Neugeborenen am Bett

Dem Geschehen am Lebensanfang wohnt etwas Geheimnisvolles und Intimes inne, das nicht nur geheimnisvoll und intim bleiben darf, sondern besonderen Schutz braucht. Es ist für mich ein Balanceakt, dies respektieren und gleichzeitig ein Angebot machen zu wollen. Auch hier versuche ich es mit der rituellen Dimension des Segens, übersetze es vom italienischen „benedire“, Gutes wünschen. Es gibt kleine MISEREOR-Segensbändchen, die mit ihren bunten Farben an den Regenbogen erinnern und mir aus den Kirchen Brasiliens bekannt sind. Sie dienen mir als Schlüssel.

die rituelle Dimension des Segens

Bei meinen Besuchen beginne ich zunächst ein Gespräch, beglückwünsche die Anwesenden als neugewordene Eltern und begrüße das neugeborene Kind. Ich frage nach dem Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, denn auch bei ganz «normalen» Geburten passiert so viel. Oft höre ich von einem ungeplanten Kaiserschnitt, von plötzlicher Hektik, von manchmal zu schnellen Geburten oder unglaublich langen Schmerzen. Fast immer ist etwas von der großen Wucht des Ereignisses noch sehr spürbar.

Nach diesem Gespräch biete ich das Segensbändchen mit den guten Wünschen an und frage, ob ich sie vorlesen darf. Sehr oft darf ich, auch wenn die Eltern eigentlich nicht mehr oder noch nie kirchlich gebunden waren. Den Spruch lese ich dann leicht abgeändert so vor: «(Name des Kindes): Gott, diese Kraft des Lebens, segne dich. Gott schenke dir Brot, das du mit anderen teilen kannst. Gott schenke dir Orte des Friedens und Menschen, mit denen du lachen magst. Herzlich willkommen auf dieser Welt, mache sie zu deiner.» Es begann als Experiment und wurde zu einer meiner intensivsten Aufgaben. Es ist körperlich spürbar, wenn sich ein Raum öffnet und wir ihn gemeinsam vorsichtig und ja, ehrfürchtig betreten. So oft fließen Tränen, so oft wird es still, so oft bekomme ich eine Gänsehaut.

Fazit

Ich glaube, es wird deutlich, dass meine Erfahrungen mit diesem Angebot sowohl große Widerstände, als auch wundervolle Momente umfassen. Ich stehe vor vielen Fragen in Bezug auf religiöse Symbole und kirchliches Auftreten in unserer Zeit und Gesellschaft, aber auch Abgründen zwischen verschiedenen Bedürfnissen.
Mir scheint aber, es bleibt mein Auftrag, verschiedene Türen zu suchen, also Übersetzungsarbeit zu leisten, damit wir uns dieser anderen Dimension tastend, suchend, fragend und zitternd nähern, damit wir uns ihr anvertrauen und uns hineinschmiegen in etwas, was einfach anders, gleichzeitig kleiner und grösser ist als wir.

Am Lebensanfang purzelt uns das Heilige vor die Nase, der Dornbusch brennt, Gott ist da, der Raum ist offen – ziehen wir die Schuhe aus oder gehen wir daran vorbei?

___

Text und Bild: Kerstin Rödiger, Dr. theol.
Sie studierte Theologie in Bam­berg und Petrópolis (Brasi­lien) und promovierte in So­zialethik. Nach 14 Jahren in der Pfarreiarbeit arbeitet sie seit August 2016 am Uni­versitätsspital Basel. Sie ist verheiratet, hat 2 Kinder und lebt in Baselland.

[1] Vgl. Rödiger, Kerstin: Von der heiligen Geburt. Spirituelle Fragen am Lebensanfang, in: Impulse für die Pastoral: Sensibel für Religiöses, 2/2016, Freiburg 2016.

[2] Wenn Geburt und Tod zusammenfallen ist ein eigenes Thema. Im Herbst erscheint dazu ein Artikel: Rödiger, Kerstin, Von Mosaiksteinchen und Perlen – Impulse aus der Begleitung bei Kindsverlust während der Schwangerschaft, in: Strack, Hanna u.a. (Hg): Momente der Ergriffenheit – Begleitung werdender Eltern zwischen Medizintechnik und Selbstbestimmtheit, Göttingen 2018.

[3] Vgl. Otto, Rudolf: Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, München 2014 (1936). Vgl. auch Strack, Hanna. Die Frau ist Mit-Schöpferin. Eine Theologie der Geburt, Rüsselsheim 2006.

[4] Projektarbeit für das NDS Berufseinführung im Bistum Basel: Im Vertrauen wachsen. Existentielle, theologische und pastorale Überlegungen zu Schwangerschaft und Geburt. Mit Niklaus Hofer und Nathalie de Lisa.

[5] Auch z. B. in den Bistümern Freiburg und Essen gibt es Segensfeiern am Lebensanfang.

Print Friendly, PDF & Email