„Jeder macht seins, und ich mach’ meins?“ Religion und die „Kritik von Lebensformen“

Die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi problematisiert die Gleichgültigkeit in der Bewertung konkreter Lebensentwürfe. Religion steht bei ihr im Verdacht Lernblockaden hervorzurufen. Raphael Weichlein mit einer Kritik an der Kritik.

„Jeder macht seins, und ich mach’ meins“, lautet ein salopp formulierter Slogan, mit dem sich die Vielfalt von Lebensformen in pluralen Gesellschaften auf den Punkt bringen lässt. Eine auch in großen Teilen der Sozialphilosophie verbreitete Haltung der ethischen „Enthaltsamkeit“ (Habermas) im Hinblick auf die Bewertung und Kritik von Lebensformen wird von Rahel Jaeggi einer kritischen Revision unterzogen.[1] Über Lebensformen lässt sich, so die Autorin, sehr wohl „streiten, und zwar mit Gründen“ (13).

Dabei fällt jedoch auf, dass die Vielfalt spezifisch religiöser Lebensformen von Jaeggi kaum eigens beleuchtet wird. Lediglich einige Negativfolien, wie sie im vor ihr erwähnten Film Das weiße Band interpretiert werden (42 f.) oder etwa der „Keuschheitsbegriff der katholischen Kirche“ (53) werden als Beispiele einer misslingenden Lebensform, einer „Lernblockade“ (447), kritisch diskutiert.

Religion als Lernblockade: Eine Negativfolie

In der Tat: Niemand wird ernstlich behaupten wollen, dass es im Bereich spezifisch religiöser Lebensformen einseitige Traditionsfixiertheit, Fundamentalismen verschiedenster Couleur und damit sehr wohl „Lernbockaden“ gibt. Jaeggis Ansatz kann in diesem Sinne fruchtbar gemacht werden für eine kritische Theorie im Hinblick auf religiöse Lebensformen. Ist es demnach möglich, als gläubiger und zugleich aufgeklärter Mensch zu leben und sich gerade dadurch mithilfe des von ihr ausformulierten Instrumentariums einem Lern- und Transformationsprozess zu öffnen?

Nach Rahel Jaeggi ist ein „Moment der Funktionsstörung oder Krise“ ein wichtiges Movens dessen, was in ihrem Entwurf Kritik genannt wird (14). Dass die Erfahrung einer (Lebens)-Krise bei nicht wenigen Menschen oft ein zentraler Auslöser sein kann, ihr Leben unter religiösen Vorzeichen neu auszurichten, wird von ihr nicht eigens bedacht. Hans Joas etwa, der von Jaeggi selbst in ihrer Studie rezipiert wird (34), hat wiederholt betont[2], dass eine religiöse Deutung von Krisen nicht ausschließlich auf einer rein funktionalen Ebene vorgenommen werden kann.[3]

Religion und Krise

Lebenspraktisch führen Krisenerfahrungen zu bestimmten Lebensformen, die mit Jaeggi als Problemlösungsstrategien beschrieben werden können. Rational lassen sich demnach auch religiöse Lebensformen am Gelingen, vor allem aber auch am Nichtgelingen dahingehend beurteilen, ob diese zu einem Lernprozess führen oder eben nicht. Das emanzipatorische Potenzial wird durch eine – wie Jaeggi es nennt – „ideologiekritisch inspirierte ‚starke‘ Version immanenter Kritik“ (15) freigesetzt, die eben auch die (religiöse) Lebensform selbst transformiert.

Entgegen einer geläufigen Meinung, dass religiöse Lebensformen vor allem durch ein blindes Festhalten an Traditionen gebunden sind („re-ligare“), sei betont, dass ein Hauptkern der jüdisch-christlichen Bibel sehr wohl einen Befreiungs- und Transformationsprozess beschreibt, wie dies unter anderem auch von Kant in seiner Religionsschrift herausstellt worden ist.[4] Aus dezidiert christlichem Verständnis heraus ist darauf hinzuweisen, dass es nach Jesaja 54,13 und Johannes 6,45 darauf ankommt, Schüler Gottes zu werden. Einen Jünger/Schüler (mathētēs) erkennt man daran, dass er oder sie bereit ist, (lebenslang) zu lernen.[5]

Transformation als Kennzeichen religiöser Lebensformen

(1.) Das Moment der Krise, (2.) das Durchleben eines Transformationsprozesses sowie (3.) die Bereitschaft zum Lernen kennzeichnen also sehr wohl auch religiöse Lebensformen. Wo dies nicht vorhanden ist bzw. nicht gelingt, liegen in der Tat Lernblockaden vor. „Immanent-kritisch“ lässt sich der emanzipatorische Weg sehr gut plausibilisieren anhand des Lernens und der Reformulierung zahlreicher religiöser Selbstaussagen und Praktiken, wie es nicht selten individuell-biografisch aber auch von religiösen Gruppierungen selbst vollzogen wird. Historisch lassen sich religiöse Transformationsprozesse etwa anhand der biblisch überlieferten Kritik der Propheten einschließlich der Religionskritik Jesu Christi selbst aufzeigen[6]; ferner durch einen diachronen Vergleich von Predigten und auch offiziellen Äußerungen von Vertretern der Religions- und Kirchengemeinschaften.[7]

Am Beispiel von „Keuschheits“-Begriffen

Konkret und lebenspraktisch sei dies an einer vermeintlichen ‚Lernblockade‘ aufgezeigt, die Jaeggi selbst in Anlehnung an Hilary Putnam skizziert: dem bereits erwähnten „Keuschheitsbegriff der katholischen Kirche“ (53). Jaeggi betont wohl zu Recht, dass wir heute nicht unbedingt „für das unkeusche statt für das keusche […] Leben […] eintreten.“ Allerdings: „Es ist der mit diesen Begriffen gesetzte Rahmen, mit dem wir nichts anfangen können. Wir haben dann bereits abweichende Positionen darüber ob ‚Keuschheit‘, ‚Ehre‘ oder ‚Disziplin‘ überhaupt einen Platz in unserem ethischen Vokabular haben sollte.“ (26 f.)

Den Bedeutungsrahmen thematisieren

Putnam führte hierzu bereits aus: „Es gibt heute zum Beispiel soziale Welten, in denen der Begriff ‚Keuschheit‘ gar nicht mehr gebraucht wird (ausgenommen vielleicht mit den ‚Anführungszeichen des Schauderns‘). […] Für die Diskursethik wirft dies das Problem auf, dass eine Diskussion anders als eine Aushandlung voraussetzt, dass die zur Diskussion stehende Frage kognitiv sinnvoll ist. Wenn sie es nicht ist, nimmt eine derartige ‚Diskussion‘ […] die Form an von: ‚A: Ich mag Schokoladenpudding. B: Ich nicht.“[8]

Jaeggi zufolge bedeutet „Lebensformen als Lebensformen zu kritisieren […] also nicht zuletzt, den Sinn und den Zuschnitt, aber auch die Interpretation der Begriffe zu thematisieren, in denen wir uns über das, was wir tun und tun sollen, verständigen“ (27). Was die Rahmenbedingungen betrifft, so gilt es „diese Rahmenbedingungen überhaupt als solche zu thematisieren und damit auffällig oder sichtbar werden zu lassen“ (ebd.).

Respekt statt Keuschheit bei Franziskus – Beispiel eines gelungenen Transformationsprozesses

Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch auch, dass der durch die Kritik zur Diskussion stehende Begriffsrahmen reformuliert werden kann. Auf diese Weise wäre ein Diskurs, der eine gewisse ‚Familienähnlichkeit‘ zur vermeintlich „althergebrachten Lebensform“ (28) aufweist, innerhalb neu bedachter Wertmaßstäbe kognitiv und auch lebenspraktisch durchaus sinnvoll.

Im Apostolischen Schreiben Amoris Laetitia von Papst Franziskus über Ehe, Familie und Sexualität kommt der Begriff Keuschheit nicht ein einziges Mal vor, dafür jedoch mehrfach der Ausdruck Achtung/Achtsamkeit/Respekt, der der Sache nach dem Wort keusch vom Lateinischen conscius, bewusst, durchaus sehr nahekommt.[9] Doch macht der Ton die Musik. Und kleine Nuancen geben einem scheinbar althergebrachten Begriffsrahmen wieder einen neuen Klang und bleiben anschlussfähig. Thesenartig: Ist gerade dies ein prominentes Beispiel eines gelungenen Transformationsprozesses und einer Bereitschaft zum Lernen nicht nur im Sinne Rahel Jaeggis?

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[1] R. Jaeggi, Kritik von Lebensformen, Berlin 2014. Alle Seitenzahlen im Fließtext beziehen sich auf dieses Buch.

[2] H. Joas, Die Entstehung der Werte, Frankfurt 1999, und Ders., Braucht der Mensch Religion?, Freiburg 2004.

[3] Dass eine Krise als Christusbegegnung gedeutet werden kann, hat die sog. Dialektische Theologie herausgearbeitet, vgl. M. Beintker, Krisis und Gnade, in: Ders., Krisis und Gnade, hg. v. St. Holtmann – P. Zocher, Tübingen 2013, 22-39. Verschärft wurde der Gedanke noch vom katholischen Theologen Erik Peterson, vgl. Chr. Stoll, Die Öffentlichkeit der Christus-Krise, Paderborn 2017.

[4] I. Kant, Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Hamburg 2018, B 54 und passim.

[5] Vgl. B. Sauermost, Art. Mathetik, in: LThK3 6 (1997) 1471-1472.

[6] Interessant scheint in diesem Zusammenhang das ebenfalls von Karl Barth inspirierte Programm einer theologischen Religionskritik zu sein. Vgl. M. Hofheinz – R. Meyer zu Horste-Bührer (Hg.), Theologische Religionskritik, Neukirchen-Vluyn 2014.

[7] In diesem Kontext wird gerne auf den Wandel innerhalb der katholischen Kirche etwa im Hinblick auf die Bewertung der Religionsfreiheit hingewiesen. Die zugrundeliegende Fortschrittsidee ist keinesfalls (nur) säkularer, sondern gerade immanent-theologischer Natur: „Die apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Dei Verbum, n. 8). Vgl. auch M. Seewald, Dogma im Wandel. Wie Glaubenslehren sich entwickeln, Freiburg 2018.

[8] H. Putnam, Werte und Normen, in: L. Wingert – K. Günther, Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit, Frankfurt 2001, 280-313, 294.

[9] Vgl. Papst Franziskus, Amoris Laetitia. Freude der Liebe, Freiburg 2016, n. 39, 99, 125, 127, 156, 189, 241, 285.

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Raphael Weichlein, geboren 1983, ist katholischer Priester und als Kaplan im Pastoralen Raum Friedrichshain-Lichtenberg in Berlin tätig. Das vorliegende Essay entstand im Kontext des 11. Kolloquiums Junge Religionsphilosophie im Februar 2018 in der Katholischen Akademie in Berlin.

Bild: Suhrkamp-Verlag / Berlin

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