Die „Woche der Wahrheit“

Es ist heute kaum möglich, einen Sachverhalt einfach so als „Wahrheit“ auszugeben. Was ist Wahrheit, wenn in der Postmoderne doch auch Gegensätzliches gleichzeitig gelten kann und die Gültigkeit des Nichtwiderspruchsatzes zunehmend angefragt wird?
Die Thematisierung von Wahrheiten, die für die theologischen Traditionen noch dominierende Bedeutung haben, erzeugen wenig Plausibilität und haben meist kurze Halbwertzeiten. Die „Woche der Wahrheit“ hat sich diesem Dilemma gestellt und in ganz unterschiedlichen Anläufen versucht, mit Zeitgenoss*innen über Wahrheitsfragen ins Gespräch zu kommen. Antonia Przybilski berichtet aus Braunschweig.

 

„Die Wahrheit ist anstrengend“ – für die Frauen, die sich am Samstag um sechs Uhr morgens treffen. Sie bauen gemeinsam einen Stand auf dem Braunschweiger Wochenmarkt auf. Der Marktstand – ein weißer Pavillon, zwei Roll-ups, Postkarten und Veranstaltungsflyer, gelbe Baumwolltaschen, ein Blumenstrauß – ist ein Experiment. Es ist mehr als ein Info-Stand. Es ist der Versuch, mit Menschen über den Begriff Wahrheit ins Gespräch zu kommen. Der Stand ist Teil der „Woche der Wahrheit“, die Anfang Juni 2018 in Braunschweig stattgefunden hat.

Die „Woche der Wahrheit“ fragt nach.

Die Idee zur „Woche der Wahrheit“, war von Thomas Harling, dem Kulturbeauftragten des Bistums Hildesheim, an pastorale Mitarbeiter*innen im Dekanat Braunschweig herangetragen worden. Die Veranstaltungsreihe über das Thema Wahrheit, die dann als Kooperation von Bistum Hildesheim und Dekanat Braunschweig entwickelt wurde, will nachfragen, den Dialog suchen und Blicke hinter Fassaden wagen. Dafür werden auch ungewohnte Veranstaltungsformate und –orte genutzt.
Zum Auftakt der Woche zeigt „Die Lange Nacht der Lüge“, dass es im ganz normalen Leben nicht so weit her ist mit der Wahrheit. Zunächst wird das Publikum beim Einlass mit neuen Identitäten ausgestattet. Im Verlauf des Abends wird es schlaglichtartig mit Alltagslügen konfrontiert: ein Grafik-Designer führt vor, wie einfach es ist, Bilder für Werbezwecke aufzubereiten, ein engagiertes Kurzreferat zum Klimaschutz fragt die persönliche Verantwortung der Einzelnen und der Gesellschaft an. Ein Mann, der in einen Skandal verstrickt war, berichtet, wie dieses Ereignis seinen gesamten Lebensweg und Charakter beeinflusst hat. „Die lange Nacht der Lüge“ ist eine erste, augenzwinkernde Orientierungshilfe beim Aufsuchen der Wahrheit.

Klerikale Strukturen sind weitgehend intransparent.

Es folgen als Podiumsgespräche mit geladenen Expert*innen konzipierte Veranstaltungen, die aufgrund Ihrer Themen von großer Ernsthaftigkeit und inhaltlicher Tiefe geprägt sind.
Die Dominikaner unterhalten in Braunschweig das Kloster St. Albertus Magnus. Und sie öffnen ihre Türen für die Veranstaltung „Die Wahrheit … und die ganze Wahrheit“. Dr. Wolfgang Beck, Juniorprofessor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen und Priester, und Dr. Peter Mosser vom IPP München und Mitverfasser des Missbrauchsgutachtens des Bistums Hildesheim sprechen über den Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen. Das Gutachten wurde von der Leitung des Bistums Hildesheim in Auftrag gegeben, um das eigene Vorgehen von einem unabhängigen Forschungsinstitut untersuchen zu lassen. Das Münchner Institut IPP hatte die entsprechenden Ergebnisse in einer Studie im Oktober 2017 mit schockierenden und ernüchternden Ergebnissen vorgelegt. Abgesehen von der Präsentation des Gutachtens im Oktober 2017 ist dieses Gespräch bei der „Woche der Wahrheit“ die einzige öffentliche Veranstaltung im Bistum, die das Gutachten und seine Folgerungen thematisiert. Das ist eine traurige Wahrheit. In ihren Statements und der beeindruckenden Diskussion beschäftigt beide Referenten insbesondere die Frage der kollektiven Schuld des Systems katholische Kirche. Sie stellen unter anderem fest, dass klerikale Strukturen weitgehend intransparent sind. Da die Referenten mit ihren Einschätzungen nah beieinander sind, ist der Abend geprägt von großer Offenheit und der gemeinsamen Suche nach Maßnahmen, die dieses System verändern können.

Es gibt ein profundes Recht auf Nichtwissen.

Zwei Krankenhausseelsorger*innen befragen in einer Krankenhaus-Cafeteria einen Chefarzt, eine Patientin und eine Krankenschwester zur Wahrheit am Krankenbett. Jeder Mensch geht anders mit Diagnosen und Prognosen um. „Alle Menschen haben ein Recht darauf, gut informiert zu sein, sie haben jedoch auch ein profundes Recht auf Nichtwissen.“ konstatiert Chefarzt Dr. Linder. Das Podium ist sich einig, dass es im Umgang mit Patient*innen vor allem um das Angebot der Begleitung geht, darum, dass Menschen nicht mit ihrer Diagnose und in ihrem Krankheitsverlauf alleingelassen werden.
„Wahre Liebe“, so heißt die Sportsbar und Stadionrestaurant des Fußballvereins Eintracht Braunschweig, ist Austragungsort der Podiumsdiskussion „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“. Fifa-Schiedsrichterin Dr. Riem Hussein benennt Physis, Spielsachverstand, Berechenbarkeit, Durchsetzungsvermögen und Spielerfahrung als Eigenschaften guter Schiedsrichter*innen. Die Schiedsrichter*innen sei das Instrument, die Wahrheit auf dem Platz zu finden. Wie der Bundesliga-Skandal 1971 das Leben des ehemaligen Eintracht-Fußball-Profis Dietmar Erler und den Weg des gesamten Vereins Eintracht Braunschweig verändert hat und dass Fußball hauptsächlich im Kopf stattfindet, stellt Erler eindrucksvoll dar. Auf den Einfluss der Medien auf den Erfolg einer Mannschaft geht der Sportmanager und -soziologe Dr. Otmar Dyck ein. Im Publikumsgespräch wird auch die aktuelle Situation von Eintracht Braunschweig diskutiert, einem jener Fußballvereine, die es ihren Fans nicht leicht machen und auf deren tiefe Verbundenheit angewiesen sind.

Vor Gericht gibt es keine Hoffnung auf die ganze Wahrheit.

Im Amtsgericht treffen sich Expert*innen aus dem Bereich der Justiz, um über „Die Wahrheit im Gerichtssaal“ zu sprechen. Die Rechtsphilosophin Dr. Franziska Dübken befeuert die lebhafte Debatte. Es gebe vor Gericht keine Hoffnung auf die ganze Wahrheit, sondern unterschiedliche Regeln legten fest, was Geltung haben darf. Hier zeigt sich, wie wenig der Wahrheitsbegriff zum Gericht passt, sondern dass es vor Gericht um die Anwendung von Rechtsnormen auf einen Sachverhalt geht. Nachdenklich berichtet der Psychiatrische Gutachter Dr. Christian Riedemann von seiner Arbeit als Chefarzt des Maßregelvollzugs Bad Rehburg und nimmt zu der Frage Stellung, inwieweit Gutachter durch Angeklagte manipulierbar sind.

Es wird unbefangen nach Wahrhaftigkeit gesucht.

Einen literarischen Zugang zur Wahrheitsfrage wählen die Mitglieder der Schreibwerkstatt „Löwenmaul“. Die Gruppe junger Erwachsener präsentiert eigene Texte im Chorraum der Propsteikirche St. Aegidien, einer hochgotischen Basilika. Unbefangen wird nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit im Leben gesucht. Mit Textzeilen wie „Die Church will modern sein“ wird der „Woche der Wahrheit“ und ihren Veranstaltern gehörig literarisch der Spiegel vorgehalten. In ihren poetischen „Versuchen über eine Predigt“ benennen die Künstler*innen ihre Vorbehalte gegenüber der Institution Kirche.
Mit einem Gottesdienst und einer kleinen, gediegenen Party endet ein wahrer Veranstaltungsmarathon. Ausgehend von Jesu Wort „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) nimmt Propst Reinhard Heine im Abschlussgottesdienst die christliche Dimension der „Woche der Wahrheit“ in den Blick. Dem Ich-bin-Wort steht die Pilatus zugeschriebene Frage „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) entgegen, die im Evangelium unbeantwortet ist. In den globalisierten Welten – der des Römischen Imperiums des ersten Jahrhunderts und der heutigen Welt – kann diese Frage gar nicht einmütig beantwortet werden. Pilatus, lakonisch, schulterzuckend, stellt sie dennoch. Das hat die „Woche der Wahrheit“ auch versucht. Aber die Wahrheit zeigt sich, sie kann nicht herbeigeredet werden.

Die Wahrheit will diskursiv entdeckt werden.

Die „Woche der Wahrheit“ soll irritieren. Sie spricht einzelne Menschen an ungewöhnlichen Orten an. Hier geht es nicht um Massenveranstaltungen sondern um Gespräche, die experimentellen Charakter haben. Die Wahrheitssuche, das Wahrerwerden von Gewissheiten ist ein reflexiver Vorgang, der nicht allein der Philosophie und Theologie vorbehalten ist. Vielleicht muss die Wahrheitsfrage den Philosoph*innen und Theolog*innen manchmal aus der Hand genommen werden, damit Wahrheit nicht entwickelt, sondern diskursiv entdeckt wird. Denn Wahrheitsfragen stellen sich in unberechenbaren Phasen des Lebens. Das Potential, mithilfe der Wahrheitsthematik Menschen in bewegende Gespräche und Gedanken zu verwickeln – auch morgens um sechs auf dem Wochenmarkt – hat „Die Woche der Wahrheit“ durchaus.

Autorin: Antonia Przybilski

Foto: peshkova / fotolia

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