Joseph-Albert Malula war eine herausragende Bischofsgestalt Afrikas nach dem Zweiten Vatikanum. Égide Muziazia erinnert an diesen Pionier einer inkulturierten Kirche des Konzils – eine Erinnerung an die Zukunft des Christseins auch anderswo?
Im vergangenen Jahr jährte sich das Zweite Vatikanische Konzil zum 60. Mal. Dieses Jubiläum bot die Gelegenheit, sich 60 Jahre später auf kontinentaler Ebene systematisch mit der Reichweite, Dynamik und den bis heute anhaltenden Herausforderungen dieses Konzils auseinanderzusetzen. Die diesbezüglich mit großer interkontinentaler Beteiligung veröffentlichten Bände unter dem Titel „Das Zweite Vatikanische Konzil – Ereignis und Auftrag“[1] würdigen auf interkulturelle Weise die Theologie dieses Konzils.
Kontextuell differenziert
Bereits vor 60 Jahren vollzog sich die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils interkulturell und kontextuell differenziert. In Europa standen dabei hermeneutische Debatten um Kontinuität und Diskontinuität sowie um Reform und Tradition im Vordergrund.[2] In vielen Kirchen des globalen Südens erlebte man hingegen „befreiungstheologische Aufbrüche“[3], die sich deutlich von den vorherrschenden westlich geprägten theologischen Ansätzen unterschieden. In der damaligen Republik Zaire war diese Rezeption und Adaptation des Konzils untrennbar mit dem Namen von Joseph-Albert Malula verbunden. Malula war kein ausgeprägter systematischer Theologe à la Karl Rahner, der die Rezeption des Konzils maßgeblich durch seine transzendentaltheologische Reflexion geprägt hat.[4] Malulas Rezeption des Konzils gründete auf pastoralen Vollzugswirklichkeiten und in der Verantwortung der Kirche für ihre Sendung[5] – jener praktisch-theologischen Auffassung, die man als „Praxis der Theorie“[6] einer explorativen Theologie beschreiben kann.
Vatikanum II im Kontext afrikanischer Unabhängigkeit
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war für den afrikanischen Kontinent von politischen und religiösen Umbrüchen geprägt. Die von Kwame Nkrumah geführte panafrikanische Bewegung sowie die von Léopold Sédar Senghor und Aimé Césaire gegründete Negritude-Bewegung trugen wesentlich zur Aufwertung der afrikanischen Kultur und zur Infragestellung kolonialer Paradigmen bei. Die Negritude ist, wie Bénézet Bujo es ausdrückte: „Ein Bekenntnis zum Schicksal Afrikas. Es geht darum, afrikanisch zu denken und afrikanisch zu schreiben. Das ist der Weg zur Wiederherstellung der Menschlichkeit und zur Erlangung von Freiheit.“[7]
Afrikanisierung des Christentums
In Anlehnung an die Dekolonisierungsbewegungen setzte sich Malula in der Kirche für eine „Afrikanisierung des Christentums“[8] ein. Damit sollte schrittweise ein Wechsel der vorherrschenden westlichen theologischen Modelle vollzogen werden, um eine authentisch afrikanische Ausdrucksform des christlichen Glaubens zu fördern.[9] Malula, der eine „kongolesische Kirche in einem kongolesischen Staat“[10] etablieren wollte, war bei seinen Bemühungen stark von diesen Unabhängigkeitsbewegungen beeinflusst. Malulas Afrikanisierung der Kirche grenzte sich von der politischen Ideologie der Zairianisierung als Entwestlichung Afrikas ab, die vom Diktator Mobutu eingeführt wurde. Er bekräftigte, dass die von ihm vorangetriebene Inkulturation weder eine mythische Rückkehr in die Vergangenheit noch blinder religiöser Nationalismus sei, sondern eine kritische Auseinandersetzung zwischen Evangelium und Kultur.[11] Die politische Authentizität birgt die Gefahr, afrikanische Traditionen zu vergöttern. Das Evangelium hingegen hat die Fähigkeit, jede Kultur zu erschließen, ohne sie zu zerstören.[12]
Malulas zairische Liturgie: Eine afrikanische Hermeneutik der katholischen Liturgie
Malula identifizierte in den im Lumen Gentium dargelegten Grundorientierungen der Volk-Gottes-Theologie eine Betrachtung der Inkulturation als ekklesiologisches Prinzip und nicht als sekundäre pastorale Anpassung.[13] Für ihn bedeutet das Christ-Sein im afrikanischen Kontext keine bloße Nachahmung des europäischen Christentums, sondern die Integration des Evangeliums in afrikanische Symbolstrukturen. Dazu zählen beispielsweise Verwandtschaftsbeziehungen, das Palaver, die Ahnenvermittlung und der Gemeinschaftssinn.[14] Mit seinem inkulturierten Christentum ging es Malula darum „den tief sitzenden Minderwertigkeits- und Praxiskomplex vieler Christen in Afrika zu überwinden (…).“[15]
Zairischer Messritus
Malulas bedeutendste liturgische Errungenschaft war die Einführung des zairischen (= kongolesischen) Messritus. Dieser wurde zwar erst 1988 offiziell anerkannt, war jedoch bereits in den Jahren nach dem Konzil entwickelt worden.[16] In dieser liturgischen Praxis bilden Musik, Tanz, Anrufung und Ahnen eine Einheit.[17] Darüber hinaus beschränkt sich die Liturgie nicht auf die Übersetzung lateinischer Texte in afrikanische Sprachen. Sie stellt eine Begegnung zwischen dem trinitarischen Gott, den Heiligen und den Ahnen sowie den Menschen dar.[18]

Die Partizipation der Laien am Leben und an der Mission der Kirche
Joseph-Albert Malula befasste sich mit der Frage der aktiven Teilhabe von Laien an der Leitung von Pfarreien und Evangelisierungsprozess. Er nennt diese Laien „Bakambi” im Plural, also „Gemeindeleiter”, im Singular „Mukambi”. [19]Da Laien im Zentrum sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Realitäten stehen, sind sie erste Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums in der Gesellschaft. Für Malula sind sie eine wesentliche missionarische Kraft, um die Gesellschaft zu verändern und den christlichen Glauben zu inkulturieren.
Vision des Mokambi
Im Jahr 1975 veröffentlichte er das Dokument „Manuel ya mokambi wa paroisse“, also „Handbuch des Pfarrers“ [20], in dem er seine Vision des Mokambi darstellt. Die Einführung dieser pastoralen Restrukturierung der Erzdiözese Kinshasa geht auf den Priestermangel und die Dringlichkeit der Afrikanisierung der Kirche zurück.[21] Der Mokambi ist demnach ein verheirateter Familienvater, dem der Bischof die Leitung einer Pfarrei übertragen hat. Er ist kein Priester und darf sich auch nicht als solcher bezeichnen. Er übt sein Amt selbstständig aus, ihm steht aber ein mitverantwortlicher Priester, ein „Prêtre-animateur“, zur Seite.[22] So entstehen zwei Leitungsmodelle für die Pfarrei: solche, die von Priestern und solche, die von Laien geleitet werden.[23]

Die Ausbildung von Laien war Malulas wichtiges Anliegen. Vor diesem Hintergrund entstand die Initiative zur Gründung der Hochschule „Institut Supérieur des Sciences Religieuses (ISSR)“, um einen strukturierten theologischen Bildungsrahmen in den Bereichen Religionswissenschaften, Katechese und Seelsorge zu schaffen.[24] Für die Evangelisierung, die Erneuerung der katechetischen und pastoralen Praktiken war die theologische Qualifikation unerlässlich. Den Bakambi wird für ein Jahr die Leitung der Pfarrei anvertraut. Sie üben ihren Dienst ehrenamtlich neben ihrem Zivilberuf aus.[25]
Kirchliche Basisgemeinschaften
Die Basisgemeinschaften stehen im Zusammenhang mit der afrikanischen Sozialstruktur, in der sich der Glaube in erster Linie in kollektiven Handlungen innerhalb der Nachbarschaft, der Verwandtschaft und der gegenseitigen Verantwortung ausdrückt. Die Ziele der Basisgemeinschaften bestanden darin, „eine Gemeinschaft zu bilden, in der alle einander kennen und zur Seite stehen, den Glauben gemeinsam zu feiern, sich in der Bibellektüre dem Anruf des Evangeliums zu stellen, die Situation des Umfeldes zu analysieren und entsprechende Antworten zu finden (…).“[26]
Ermächtigung der Laien
Ein wesentliches Merkmal dieser Basisgemeinschaften ist die Ermächtigung der Laien. Sie bieten den Gläubigen die Möglichkeit, ihre Taufberufung und ihre Teilhabe an der Sendung der Kirche neu zu entdecken. Die Laien sind nicht mehr ausschließlich Empfänger pastoraler Tätigkeiten des Klerus. Sie sind selbst Akteuren der Evangelisierung. Ihre Aufgabe besteht darin, das Wort Gottes zu verkünden, ihre Brüder und Schwestern im Glauben zu begleiten und Solidaritätsinitiativen zu fördern. Neben ihrer spirituellen Dimension spielen lebendige kirchliche Basisgemeinschaft auch bei sozialen und caritativen Angelegenheiten eine wichtige Rolle. Sie werden häufig als Orte der Solidarität und gegenseitigen Hilfe angesehen, wo die Mitglieder Freude und Leid miteinander teilen und suchen gemeinsam nach Lösungen für die Probleme des Alltags.[27]
Ausblick
Das theologisch-pastorale Erbe von Kardinal Malula, das die Geschichte der Kirche in Afrika maßgeblich geprägt hat, ist für die Weltkirche nach wie vor von besonderer Relevanz. Die Betonung der Interaktion zwischen Priestern und Laien bei Leitungsaufgaben und Verkündigungsdiensten macht seinen Ansatz zu einem bedeutenden Bezugspunkt für die zeitgenössische Reflexion über Synodalität und neue Formen der Evangelisierung. Durch die Förderung der kirchlichen Basisgemeinschaften führte Malula eine Form der Evangelisierung ein. Diese eröffnete auch einfachen und ungebildeten Menschen den Zugang zum Wort Gottes sowie die Teilnahme am liturgischen, katechetischen und sozialen Leben der Kirche. In der heutigen europäischen Situation, die von umfassenden kulturellen Veränderungen und den Herausforderungen der Säkularisierung geprägt ist, kann die von Malula entwickelte praktische Theologie einen wertvollen Beitrag leisten. Sie kann Kirchen dabei unterstützen, ihre pastoralen und missionarischen Strategien angesichts der Veränderungen der heutigen Welt zu überdenken und sich einer Erneuerung zu stellen.
Dr. Égide Muziazia ist Priester des Bistums Münster und Lehrbeauftragter in praktisch-theologischen Fächern an der Katholisch-theologischen Fakultät Münster.
[1] Vgl. Peter Hünermann, Margit Eckholt, Massimo Faggioli u.a. (Hg). Das Zweite Vatikanische Konzil – Ereignis und Auftrag, Freiburg 2024.
[2] Vgl. Hans Schelkshorn, Das Zweite Vatikanische Konzil als kirchlicher Diskurs über die Moderne. In: Jan -Heiner Tück (Hg.). Erinnerung an das Zweite Vatikanische Konzil, Freiburg 2012, 57
[3] Vgl. Ebd., 55
[4] Vgl. Karl Rahner, Sämtliche Werke. Das Zweite Vatikanum. Beiträge zum Konzil und seiner Interpretation. Zweiter Teilband (21/2), Freiburg 2013.
[5] Vgl. Marco Moerschbacher, Volk Gottes in Afrika, die Rolle der Laien in der pastoralen Erneuerung von Kardinal Malula, Leuven 2007, 75.
[6] Vgl. Christian Bauer, Explorative Theologie.
[7] Bénézet Bujo, Introduction à théologie africaine, Basel, 2021, 49 (vom Franz. übersetzt: Égide Muziazia)
[8] Joseph Albert Malula, zitiert nach Jean Mpisi, Le Cardinal Malula et Jean Paul II., Paris, 2005, 7 (vom Franz. übersetzt: Égide Muziazia)
[9] Vgl. Franz Gmainer – Pranzl, „Ganz Christ und ganz Afrikaner?“ In: Franz Gmainer -Pranzl / Rodrigue M. Naortanger (Hgs): Christlicher Glaube im heutigen Afrika, Innsbruck 2013, 167.
[10] Joseph Albert Malula, Allocution après l´ordination épiscopale, 20 septembre 1959, zitiert nach Marco Moerschbacher. Volk Gottes in Afrika, 51.
[11] Vgl. Louis Ngomo Okitembo, L´engagement politique de l´Eglise au Zaire 1960-1992, Paris 1998, 12-13.
[12] Ebd., 1.
[13] Vgl. Léon de Saint Moulin. Malula Joseph. In: V.Y. Mudimbe / Kasereka Kavwahirehi (Hgs): Encyclopedia of african Religions and Philosohy, Dordrecht 2021, 418.
[14] Vgl. Malu Nymi, Inversion culturelle et déplacment de la pratique africaine, Kampen 1994, 75.
[15] Franz Gmainer – Pranzl. „Ganz Christ und ganz Afrikaner?“, S. 167.
[16] Vgl. Ebd.
[17] Ebenda, 196.
[18] Vgl. Ignace Ndongala Maduku / Job Mwana-Kitata/ Flavien Muzumanga, Rite zaïrois de la messe en République Démocratique du Congo, Kinshasa – Paris 2023.
[19] Vgl. Marco Moerschbacher / Ignace Ndongala Maduku, Culture et foi dans la théologie africaine, Paris 2014, 12.
[20] Vgl. Marco Moerschbacher, Volk Gottes in Afrika, 126.
[21] Vgl. Ebd., 127.
[22] Vgl. Ebd., 126.
[23] Ebenda, 128
[24] Vgl. Marco Moerschbacher / Ignace Ndongala Maduku, Culture et foi dans la théologie africaine, 16.
[25] Vgl. Marco, 128.
[26] Vgl. Ebenda, 150.
[27] Vgl. Ebenda, 153.
Bilder: Pixabay, Aumonerie congolaise de Paris



