Laudato Si: Eine „aufklärerische“ Botschaft

Kaum eine päpstliche Enzyklika hat bisher so sehr den Dialog mit den modernen Wissenschaften in den Blick genommen, wie die Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus. Nicht nur deshalb hat sie einen aufklärerischen Charakter, wie Johannes Wallacher erläutert.

Die von Papst Franziskus im Juni 2015 veröffentlichte Enzyklika „Laudato Si. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (LS) hat weit über das kirchliche Umfeld hinaus viel Aufmerksamkeit erfahren, allerdings auch sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Das Spektrum reichte von der euphorischen Zustimmung zivilgesellschaftlicher Umwelt- und Eine-Welt-Initiativen weltweit über das auffallende Schweigen in mittel- und osteuropäischen Ländern bis hin zur ablehnenden Haltung in wirtschaftsliberalen Kreisen und Medien, wo „von tendenziösen Beschreibungen und unterkomplexen Analysen der Wirklichkeit“ (Daniel Deckers, FAZ vom 19.6.15) oder einer „durchgängig pessimistischen Sicht des Papstes auf Globalisierung, technischen Fortschritt, auf Unternehmen und Marktwirtschaft“ (Jan Grossarth, FAZ vom 20.6.15) die Rede war.

Bemerkenswert war die insgesamt überaus positive Reaktion von Seiten der Wissenschaft, die die Lehrverkündigung der Katholischen Kirche lange sehr kritisch beäugte, im besten Fall ignorierte, nun aber mit großer Zustimmung auf die Enzyklika reagierte. So haben führende wissenschaftliche Magazine wie „Science“ die Enzyklika nach ihrem Erscheinen in Leitartikeln gewürdigt. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf bezeichnet die Enzyklika gar als „revolutionär – denn sie verändert grundsätzlich das Verhältnis von Wissenschaft, Kirche und Moral“ (Hubert Wolf, Und sie bewegt sich doch, in: Süddeutsche Zeitung vom 22. Juni 2015).

… wie soziale, ökologische und kulturelle Aspekte miteinander verwoben sind.

In der Tat hat kaum eine päpstliche Enzyklika bisher so sehr den Dialog mit den modernen Wissenschaften in den Blick genommen. Franziskus macht den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu Klima- und Umweltfragen zum Ausgangspunkt seiner Argumentation und fordert die gesamte Menschheit zum gemeinsamen Handeln auf. Der Wissenschaft wird dabei im Dialog mit den Religionen eine eigene Rolle zugewiesen. Franziskus geht es darum, auf Hintergründe hinzuweisen und offen zu legen, wie soziale, ökologische und kulturelle Aspekte miteinander verwoben sind. Die Enzyklika hat damit in verschiedener Hinsicht einen aufklärerischen Charakter. Sie weist auf Hintergründe hin und legt offen, wie alles miteinander zusammenhängt und wirbt für einen produktiven Dialog zwischen Religion und empirischen Wissenschaften, indem sie die Bedeutung wissenschaftlich-rationaler Analysen würdigt, gleichzeitig aber auch aufzeigt, dass diese die Wirklichkeit nicht in ihrer Vollständigkeit erklären können. Dazu brauche es auch andere Zugänge, wie z.B. philosophisch-theologische Betrachtungen, spirituelle Traditionen oder Weisheitslehren. Dieser aufklärerische Charakter der Enzyklika soll nachfolgend anhand von acht Thesen verdeutlicht werden, welche die zentralen Inhalte zusammenfassen und in einen weiteren Kontext einordnen.

These 1: Epochale Weiterentwicklung der kirchlichen Sozialverkündigung

Die kirchliche Sozialverkündigung wurde seit mehr als 100 Jahren in vielen Dokumenten grundgelegt und entwickelt. Sie will zentrale gesellschaftliche Herausforderungen bzw. soziale Probleme der jeweiligen Zeit benennen und auf der Basis bestimmter Prinzipien Anstöße für Lösungen geben. Weil sich gesellschaftliche Problemlagen verändern, ist die kirchliche Sozialverkündigung kein statisches Lehrgebäude, sondern als Reaktion auf neue Problemlagen je neu fortzuschreiben.

Papst Franziskus benennt mit „Laudato Si“ die Gefährdung unserer Lebensgrundlagen, die weltweite Armut und soziale Ungleichheit als zentrale Herausforderungen unserer Zeit und wendet sich damit eindringlich an alle Menschen guten Willens, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo er noch die Möglichkeit zum Handeln sieht. Er selbst stellt sich damit bewusst in die Tradition der kirchlichen Sozialverkündigung, entwickelt diese aber in verschiedener Hinsicht weiter.

In programmatischer Weise knüpft „Laudato Si“ an die Enzyklika „Pacem in Terris“ von 1963 an. Wie Papst Johannes XXIII., als die Welt nach dem Bau der Berliner Mauer und der Kubakrise am Abgrund eines Atomkrieges taumelte, die gesamte Menschheit dazu aufrief, sich für diplomatische Lösungen und Frieden einzusetzen, so richtet Franziskus mit „Laudato Si“ an alle die eindringliche Botschaft, für das „gemeinsame Haus“ zu sorgen (LS 3).

… die eindringliche Botschaft, für das „gemeinsame Haus“ zu sorgen (Laudato Si 3).

Eine wichtige Verbindungslinie stellt auch die Enzyklika „Populorum Progressio“ (PP) dar, die Papst Paul VI. am 26. März 1967, einem Ostersonntag, ein gutes Jahr nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, veröffentlichte. Nachdem die päpstliche Sozialverkündigung zunächst allein die Industrieländer im Blick hatte, war dies die erste Sozialenzyklika, welche die soziale Frage in umfassender Weise auf den Kontext der Entwicklung hin vertiefte und wegweisende Leitlinien für die friedliche Entwicklung einer Welt vorstellte, die heute noch weit mehr als damals nur als „Eine Welt“ bzw. „unser gemeinsames Haus“ eine Zukunft hat. Kern der Botschaft von „Populorum Progressio“ ist ein umfassendes und differenziertes Verständnis von Entwicklung, das Paul VI. im Anschluss an den französischen Philosophen Jaques Maritain und dessen Konzept eines „integralen Humanismus“ vorstellte. „Wahre Entwicklung muss umfassend sein, sie muss jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben“ (PP 14). Wahre Entwicklung muss „nach einem neuen Humanismus Ausschau halten“ (PP 20), der die Entfaltung des Menschen und der ganzen Menschheit in ökonomischer, politischer, sozialer und kultureller Hinsicht zur Geltung bringt. Franziskus fügt mit der ökologischen Verwiesenheit des Menschen nun eine weitere wesentliche Entwicklungsdimension hinzu, indem er klar stellt, dass die Menschen mit der Umweltzerstörung nicht nur ihre Ressourcenbasis schädigen, sondern ganz wesentlich sich selbst.

„Wahre Entwicklung muss umfassend sein, sie muss jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben“ (Populorum Progressio 14).

Methodisch folgt die Enzyklika „Laudato Si“ weitgehend dem für die kirchliche Sozialverkündigung gängigen methodischen Dreischritt des „Sehen–Urteilen–Handeln“. Die einzelnen Schritte sind jedoch keineswegs strikt voneinander unterscheidbar, insofern die Analyse immer von den konkreten Nöten der Menschen, insbesondere der Armen, ausgeht und die Handlungsoptionen vor allem auf die Verbesserung ihrer Situation hin auszurichten ist. Eine klare Trennung von Fakten und Werten ist damit abzulehnen, was als erkenntnistheoretische Positionierung in jüngster Zeit etwa überzeugend von dem Philosophen Hilary Putnam herausgearbeitet wurde.

Damit verknüpft ist die methodische Grundentscheidung, die Wirklichkeit und nicht eine Prinzipienethik in den Vordergrund der Betrachtung zu stellen. „Die Wirklichkeit steht über der Idee“ (LS 110), was Franziskus, wie schon in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ als programmatische erkenntnistheoretische Botschaft formuliert. Dieser Grundsatz hat seine Wurzeln auch in der franziskanischen Spiritualität, wo die Schöpfung in all ihren Ausprägungen Ausgangspunkt jeder Erkenntnis ist, auch der Erfahrung des Göttlichen. Dies war ebenso für Ignatius von Loyola, den Gründer des Jesuitenordens, sehr wichtig, der diesen Gedanken auch als prägend für die ignatianische Spiritualität aufgenommen hat. An dieser Stelle werden die franziskanischen Wurzeln des aus dem Jesuitenorden kommenden Franziskus deutlich und für seine Sicht der Wirklichkeit prägend.

„Die Wirklichkeit steht über der Idee“
(Laudato Si 110)

Insofern überrascht es nicht, dass „Laudato Si“ im ersten Kapitel mit einer Analyse der wesentlichen ökologischen und sozialen Probleme beginnt, und zwar aus der spezifischen Perspektive der Armen. Im unmittelbaren Anschluss daran skizziert Franziskus im zweiten Kapitel die reiche jüdisch-christliche Tradition mit dem Auftrag, verantwortlich bzw. treuhänderisch mit der Schöpfung und ihren Erdengütern umzugehen. Die Enzyklika argumentiert in diesem Sinn nicht mehr wie mehr oder weniger alle früheren Enzykliken aus einer primär naturrechtlichen Perspektive, sondern fast schon in einer pragmatistischen Weise. In den Vordergrund stellt Franziskus die Analyse der Beziehungen (Umwelt-/Sozial-/Wirtschafts-/Kultur-/ Humanökologie), die in der Wirklichkeit selbst zu finden sind, um inspiriert durch schöpfungstheologische Überlegungen die Verantwortung von Menschen, Gruppen und Institutionen zu stärken.

Auf dieser Basis entfaltet Franziskus im dritten Kapitel die für ihn wesentlichen menschengemachten Ursachen der ökologischen und sozialen Krise. Die exzessive Selbstbezogenheit des Menschen verleite ihn dazu, die vielfältigen Beziehungen zu vernachlässigen, in die er bzw. sie eingebunden ist. Gleichzeitig verweigert er bzw. sie sich, die Verantwortung zu tragen, die der stetige technische und zivilisatorische Fortschritt eigentlich erfordere. Da Fortschritt nicht im Dienst menschlicher Entwicklung stehe, sondern zum Selbstzweck werde, entarte dieser zur Technokratie. Das Bevölkerungswachstum relativiert Franziskus nicht als Problem, sehr wohl aber als Ursache für den Klimawandel, weil es als Vorwand verwendet wird, um „auf diese Weise das gegenwärtige Modell der Verteilung zu legitimieren“ (LS 50). Dem stellt Franziskus im vierten Kapitel das Leitbild der ganzheitlichen Ökologie gegenüber. Der Dialog als das Leitbild für Orientierung und Handlung (Kapitel 5) sowie Erziehung und (Gewissens-)Bildung sind für Franziskus die angemessenen Ansatzpunkte für die notwendige Umkehr.

Die exzessive Selbstbezogenheit des Menschen verleite ihn dazu, die vielfältigen Beziehungen zu vernachlässigen, …

Bemerkenswert ist schließlich der inter- und transdisziplinäre Ansatz. Den Schlüssel für eine faire und angemessene Lösung sieht Franziskus im Dialog der Politik mit Wirtschaft, Zivilgesellschaft und vor allem den Betroffenen. Er lädt die Religionen ausdrücklich dazu ein, mit den Wissenschaften in Dialog zu treten und die aktuellen Erkenntnisse der Natur-, Umwelt- und Sozialwissenschaften zur Kenntnis zu nehmen und mit einer biblisch-theologischen wie verantwortungsethischen Sicht zu verbinden. Den besonderen Beitrag der Religionen sieht er in der Kontemplation, die einen anderen (unverzweckten) Blick auf die Wirklichkeit werfen als Markt und Technik, und die vom Äußeren zum Inneren übergehen. Dies illustriert er am Heiligen Franz von Assisi und anderen Heiligen, die als Lehrerinnen und Lehrer vorgestellt werden, wie man angemessen im Buch der Schöpfung lesen kann.

Auch in anderen Bereichen nimmt Franziskus inhaltlich wie methodisch die Tradition kirchlicher Sozialverkündigung auf und entwickelt diese konsequent weiter, was nachfolgend noch besonders an der fünften These verdeutlicht werden soll.

These 2: Kompass für eine menschen- und umweltgerechte Entwicklungsagenda

Der Papst macht sehr klar, dass die Weltgemeinschaft heute vor verschiedenen globalen Problemen und Herausforderungen steht, die sich nur in gemeinsamer Verantwortung und Anstrengung bewältigen lassen. Zu diesen Herausforderungen gehören die anhaltend hohe Armut und das wachsende Wohlstandsgefälle in vielen Teilen der Welt, immer stärker aber auch die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, allen voran durch den Klimawandel, aber auch die Bedrohung der Lebensgrundlage Wasser, den Verlust an Biodiversität, die Überfischung von Ozeanen oder die Abholzung der Regenwälder.

So unterschiedlich die Ursachen von Klimawandel bzw. anderen Umweltproblemen auf der einen, und weltweiter Armut auf der anderen Seite, auch sein mögen, so offenkundig sind inzwischen die vielfältigen Verknüpfungen. So sind die armen Menschen, Regionen und Länder, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, bereits jetzt und zukünftig überproportional von seinen negativen Folgen betroffen. Sie haben zudem kaum Möglichkeiten, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen. Schon heute gefährdet der Klimawandel in einigen Regionen die Ernährungssicherheit, die Wasserversorgung und die Gesundheit der Menschen und untergräbt damit die internationalen Bemühungen zur Armutsbekämpfung. Außerdem verweist die Enzyklika auf die Gefahr verstärkter Migration, die der Klimawandel auslösen könnte. Das Bevölkerungswachstum sieht der Papst nicht als Verursacher des Klimaproblems; nicht die Zahl der Menschen sei das Problem, sondern die Verteilung der verfügbaren Ressourcen für Entwicklung (LS 50).

So sind die armen Menschen, Regionen und Länder, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, bereits jetzt und zukünftig überproportional von seinen negativen Folgen betroffen.

Die untrennbare Verknüpfung von sozialer und ökologischer Krise durchzieht die gesamte Enzyklika und wird an vielen konkreten Beispielen verdeutlicht: „Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, einer der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise“ (LS 139). Von daher ist es nicht angemessen, die Enzyklika „Laudato Si‘“ auf eine „Umwelt‐“ oder „Klimaenzyklika“ zu reduzieren. Franziskus legt damit vielmehr einen bemerkenswerten und umfassend begründeten Kompass für eine menschen- und umweltgerechte Entwicklungsagenda vor.
Der Zeitpunkt der Veröffentlichung dürfte kein Zufall sein, denn kurz nach dem G7-Gipfel 2015 in Elmau, wenige Monate vor der Weltklimakonferenz im Dezember 2015 in Paris und – vielleicht noch wichtiger – vor dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs bei den Vereinten Nationen in New York Ende September 2015, wo die Staatengemeinschaft einen umfassenden Katalog von Zielen („Sustainable Development Goals“) für eine nachhaltige Entwicklung bis 2030 verabschieden sollte, ging es Papst Franziskus darum, „in Bezug auf unser gemeinsames Haus in besonderer Weise mit allen ins Gespräch kommen“ (LS 3).

These 3: Die Enzyklika demaskiert die Klimaskeptiker in ihren verschiedenen Varianten als Ausdruck verschleierter Macht- und Partikularinteressen

Der Papst fordert dazu auf, „die besten Ergebnisse des heutigen Stands der wissenschaftlichen Forschung zu übernehmen, uns davon zutiefst anrühren zu lassen und dem dann folgenden ethischen und geistlichen Weg eine Basis der Konkretheit zu verleihen“ (LS 15). Er lässt damit keinen Zweifel an der Validität der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die mit sehr hoher Sicherheit davon ausgehen, dass der Klimawandel menschengemacht und zu großen Teilen auf den starken und noch immer kaum begrenzten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit der Industrialisierung zurückzuführen ist.

Er bezieht damit genauso klar Stellung gegen diejenigen, welche die anthropogene Verursachung des Klimawandels leugnen, wie gegenüber der so genannten zweiten Generation von Klimaskeptikern, die z.B. von einer Gruppe einflussreicher Ökonomen rund um den Dänen Bjørn Lomborg medienwirksam vertreten wird. Im so genannten „Kopenhagen Konsens“ hat diese Gruppe auf der Basis klassischer Kosten-Nutzen-Analysen eine Prioritätenliste von Lösungsvorschlägen für die wichtigsten globalen Herausforderungen erarbeitet. Darauf taucht die Bekämpfung des Klimawandels durch zügige Minderungen der Emissionen an letzter Stelle auf. Vielmehr sollen die einzelnen Staaten und die Staatengemeinschaft ihre verfügbaren Mittel vorrangig in Projekte zur Bekämpfung von Unterernährung und Krankheiten, zur Förderung von Bildung und zur Stärkung von Frauen investieren, weil dies im Vergleich zur Emissionsminderung einen sehr viel höheren Nutzen bei vergleichsweise geringen Kosten hätte. Der Klimawandel lasse sich besser in der Zukunft lösen, weil Emissionsminderung heute zu teuer sei – so die Argumentation gegen eine ambitionierte Klimaschutzpolitik.

Eine Leugnung des Klimawandels oder eine Isolierung der Armuts- von der Klimafrage sieht Franziskus im Interesse derjenigen, „die mehr Ressourcen und ökonomische oder politische Macht besitzen [und] … sich vor allem darauf zu konzentrieren [scheinen], die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen“ (Laudato Si 26)

Franziskus macht in „Laudato Si“ sehr deutlich, dass er eine Trennung von Umwelt- und Entwicklungsfrage nicht akzeptiert, weil ein ungebremster Klimawandel erhebliche Risiken berge, dass es zu kaum mehr reversiblen Veränderungen des Erdsystems wie die Versauerung der Ozeane, das Austrocknen der Regenwälder oder einer veränderten Monsundynamik komme. Diese können unvorhersehbare Folgen mit gewaltigen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen hervorrufen, die gerade für die Armen nicht mehr zu bewältigen sein dürften.

Eine Leugnung des Klimawandels oder eine Isolierung der Armuts- von der Klimafrage sieht Franziskus im Interesse derjenigen, „die mehr Ressourcen und ökonomische oder politische Macht besitzen [und] … sich vor allem darauf zu konzentrieren [scheinen], die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen“ (LS 26). Es gehe den Klimaskeptikern nicht um die wissenschaftliche Wahrheit, sondern darum ihr partikulares Interesse gegen das Gemeinwohl durchzusetzen.

These 4: Ganzheitliche Ökologie: Umweltschutz und Armutsbekämpfung nicht gegeneinander ausspielen!

Umweltschutz und Armutsbekämpfung dürfen der Enzyklika zufolge nicht gegeneinander ausgespielt werden, weil die Armen besonders verwundbar gegenüber Umweltveränderungen sind. Sie sind diejenigen, die als erste und am stärksten von Umwelt- und Klimaveränderungen betroffen werden. Sie sind in besonderem Maße auf intakte landwirtschaftliche Anbaubedingungen und Ökosysteme angewiesen, da davon die Befriedigung vieler grundlegender Bedürfnisse (u.a. Ernährung, Wasserversorgung) abhängt. Zudem sind die Armen viel weniger in der Lage, sich gegen Dürre, Starkregen oder andere Wetterextremereignisse zu schützen und an veränderte Bedingungen anzupassen. Der nachhaltige Schutz der Ökosysteme wird damit zu einem immer wichtigeren Faktor für Entwicklung und Armutsbekämpfung. Schon deshalb akzeptiert die Enzyklika keine Priorisierung zwischen Armuts- und Umweltfrage.

Papst Franziskus geht mit seiner Analyse jedoch deutlich über eine rein funktionale Betrachtung hinaus. Eine integrale Betrachtung ist für ihn von seinem Verständnis der Wirklichkeit her unabdingbar, was er mit seinem Grundsatz der „ganzheitlichen Ökologie“ im vierten Kapitel der Enzyklika entfaltet. „Angesichts der Tatsache, dass alles eng aufeinander bezogen ist“, braucht es ein neues Paradigma von Gerechtigkeit mit „verschiedenen Elementen einer ganzheitlichen Ökologie, welche die menschlichen und sozialen Dimensionen klar mit einbezieht“ (LS 137). „Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialökologie“ sind von daher in ihren wechselseitigen Bezügen in den Blick zu nehmen. So können wir beispielsweise den drohenden Verlust der Biodiversität nicht aufhalten, ohne gleichzeitig der Bedrohung von traditionellen Gemeinschaften einschließlich deren Traditionen mehr Aufmerksamkeit zu schenken (LS 145). Wenn man nämlich die sozial-anthropologische Einsicht ernst nimmt, dass die Vielfalt der Kulturen ein Wesensmerkmal des Menschen ist und diese Pluralität auch als Resultat der kollektiven Suche nach geeigneten Organisationsformen des Zusammenlebens für ein gelingendes Leben deutet, so wird die in der Enzyklika ausgesprochene Sorge um den Verlust der kulturellen Vielfalt nachvollziehbar. Denn damit drohen nicht nur kollektives Wissen, sondern auch Lebensräume verloren zu gehen, die für die Identität vieler Menschen von großer Bedeutung sind.

… ein neues Paradigma von Gerechtigkeit mit „verschiedenen Elementen einer ganzheitlichen Ökologie, welche die menschlichen und sozialen Dimensionen klar mit einbezieht“ (Laudato Si 137).

Wenn wir gleichzeitig die Armut bekämpfen und die Umwelt bewahren wollen, müssen wir uns Franziskus zufolge neu mit der Umwelt, den Armen und auch zukünftigen Generationen in Beziehung setzen. „In Beziehung setzen und bleiben“ ist der Kern einer ganzheitlichen Ökologie als zentraler Leitidee der Enzyklika. Auch hier ist der Bezug zur franziskanischen Spiritualität unverkennbar, insofern es dem Heiligen Franz von Assisi darum ging, Kosmos und Welt als Einheit aufzufassen, darin nicht nur Gott als Schöpfer, sondern alle Lebewesen und Elemente selbst als Geschöpfe, als „Schwestern“ und „Brüder“ zu erkennen.

These 5: Globales Gemeinwohl und die gemeinsame Bestimmung der Erdengüter

Die ganzheitliche Ökologie ist für Franziskus untrennbar verknüpft mit dem Prinzip des Gemeinwohls (LS 156), das für ihn angesichts der globalen Verflechtungen und Abhängigkeiten notwendigerweise auf die Weltgesellschaft bezogen und angesichts der existierenden sozialen Ungleichheiten als Option für die Armen entfaltet werden muss. Franziskus lässt auch keinen Zweifel daran, dass das Gemeinwohl als zentraler Maßstab für Gerechtigkeitsüberlegungen nicht nur auf alle derzeit lebenden Menschen zu beziehen, sondern auch auf zukünftige Generationen hin auszuweiten ist.

Eng mit dem Gemeinwohl verknüpft ist der Grundsatz der gemeinsamen Bestimmung der Erdengüter, der in der Enzyklika „Laudato Si’“ konsequenterweise auf alle natürlichen Ressourcen und erstmalig in der Geschichte der Soziallehre der Kirche auch auf die Erdatmosphäre („Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen für alle“, LS 23) und andere Kohlendioxid‐Senken wie tropische Regenwälder oder Ozeane bezogen wird (LS 93-95). Damit sind nicht nur Rohstoffe, sondern auch globale Kohlendioxid‐Senken wie die Erdatmosphäre oder die Ozeane Gemeinschaftsgüter, deren Nutzung allen Menschen zusteht. Konsequenz davon ist, dass diese Güter bzw. der daraus erwachsene Nutzen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit zu verteilen ist.

Nicht nur die Rechte an der Nutzung von immer knapperen Rohstoffen oder fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas unterstehen gemäß der Tradition der katholischen Soziallehre der Sozialpflichtigkeit des Privateigentums, sondern mit der Einbeziehung von Kohlendioxid‐Senken wird die Eigentumslehre der katholischen Soziallehre auf einen neuen Gegenstand angewandt. Damit wird das Handeln derjenigen delegitimiert, welche sich nach dem Recht des Stärkeren unrechtmäßig einen unverhältnismäßigen größeren Anteil sichern (LS 51).

Nicht nur die Rechte an der Nutzung von immer knapperen Rohstoffen oder fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas unterstehen gemäß der Tradition der katholischen Soziallehre der Sozialpflichtigkeit des Privateigentums, …

Die Implikationen der in den entsprechenden Abschnitten zum Gemeingutcharakter des Klimas dargelegten Zusammenhänge (LS 23-26) können kaum überschätzt werden und folgen weitgehend den Analysen, die der Klimaökonom Ottmar Edenhofer schon länger verfolgt.

Wenn Franziskus zum Schutz des Klimas rasche, dauerhafte Minderungen von Treibhausgasemissionen fordert, hat das Prinzip, die Erdatmosphäre als Gemeingut zu konzeptualisieren, weitreichende Konsequenzen, die im Text angedeutet werden. Wenn nämlich die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre und der Ozeane für Treibhausgase begrenzt ist, und ein gefährlicher Klimawandel mit schwer zu bewältigenden Folgen gerade für die Ärmsten vermieden werden soll, muss die Extraktion von fossilen Energieträgern erheblich eingeschränkt werden. Dies ist nur möglich, wenn ein großer Teil der Vorräte an Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben, obwohl ihr Abbau grundsätzlich noch einträglich wäre.

Ein zwischenstaatliches Abkommen zur Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad würde demzufolge eine „Enteignung“ der Besitzer von fossilen Energieträgern völkerrechtlich untermauern und bedeuten, dass globale Gemeinschaftsgüter völkerrechtlich geschützt werden müssen.

…, dass globale Gemeinschaftsgüter völkerrechtlich geschützt werden müssen.

Im Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC haben sich die Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention aus Furcht vor dieser völkerrechtlichen Implikation gescheut, die Atmosphäre als globales Gemeinschaftseigentum anzuerkennen. Der Papst hat mit der Enzyklika dagegen den Mut, den Status der Atmosphäre als globales Gemeinschaftseigentum zum normativen Leitprinzip der Klimapolitik zu machen.

These 6: Markt und Technologie im Dienst der ganzheitlichen Ökologie

Das dritte Kapitel, in dem Franziskus die menschlichen Ursachen der ökologischen Krise beschreibt, stellt die Ambivalenz moderner Technologien an den Anfang der Überlegungen. Der Mensch habe die Fähigkeit kreativ zu gestalten und „Wissenschaft und Technik [als] großartiges Produkt gottgeschenkter Kreativität“ (LS 102) seit Urzeiten auch zum allgemeinen Wohl, etwa zum medizinischen Fortschritt oder allgemein der Verbesserung der Lebensqualität betrieben. Mit den steigenden technologischen Möglichkeiten werde den Menschen allerdings auch immer mehr Macht verliehen und damit stelle sich unweigerlich die Frage, wie die ausgeübt, verteilt und kontrolliert werden könne.

Von daher könne man den Zuwachs an technologischen Fähigkeiten nicht einfach positiv bewerten. Denn der Fortschritt trage auch eine negative Seite in sich, wenn Technologie primär aus politischen oder wirtschaftlichen Machtinteressen betrieben werden und dabei die Beziehungshaftigkeit der gesamten Schöpfung aus dem Blick gerate. Ein solches technologisches Paradigma ermögliche es für Franziskus letztendlich nicht, „das Ganze in den Blick zu nehmen“ (LS 110), weshalb es aus ethischer Perspektive kritisiert wird. Das Subjekt trete als Beherrscher und Besitzer aus der ihn einschließenden Natur heraus und werde von dem Glauben eines Machbarkeitsverständnisses geleitet, nachdem alles, was machbar sei auch zu rechtfertigen wäre. Eine solche Haltung sei technokratisch und habe ein anderes, partikulares Ziel, denn damit werde suggeriert, dass man die Umwelt und die damit gegebenen Beziehungen des Menschen zum Objekt degradieren könne. Auch der Markt stehe in der Gefahr vom technokratischen Paradigma beherrscht zu werden, weil er ohne geeignete Rahmenbedingungen die negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur nicht erfasse.

Denn der Fortschritt trage auch eine negative Seite in sich, wenn Technologie primär aus politischen oder wirtschaftlichen Machtinteressen betrieben werden und dabei die Beziehungshaftigkeit der gesamten Schöpfung aus dem Blick gerate.

Für Franziskus müsse die Technik durch die menschliche Freiheit gelenkt werden, um sie „in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist“ (LS 112). Sonst bestehe die Gefahr, dass der Mensch die mit der Technik gegebenen Herrschaftsmöglichkeiten verleugne und sich stillschweigend seiner Verantwortung verweigere. Dies führt dazu, dass Technik nicht gestaltet, sondern mit dem Hinweis auf Wirtschaftswachstum und Rentabilität schlicht exekutiert wird. Franziskus warnt vor einem deterministischen Technologieverständnis, das zu organisierter Verantwortungslosigkeit führt.

Die Kritik, die Franziskus mit seinen Betrachtungen zum technokratischen Paradigma auf sich gezogen hat, missachtet, dass er Überlegungen vorträgt, die in aktuellen Debatten der Technikphilosophie oder der Wirtschaftsethik breit diskutiert werden. Danach gibt es genauso gute Gründe dafür, Technik teleologisch im Hinblick auf gelingendes menschliches Leben zu bewerten, wie für die Tatsache, dass der Marktmechanismus die Voraussetzungen für menschen- und umweltgerechte Wirkungen nicht aus sich heraus schaffen kann, sondern es dafür eines entsprechenden normenbasierten Ordnungsrahmens bedarf. Dazu braucht es jeweils Menschen, die ihrer Verantwortung gerecht werden, im persönlichen Handeln als Ingenieure oder Manager wie im politischen Einsatz für entsprechende Rahmenbedingungen.

Bemerkenswert ist, dass die Enzyklika in diesem Zusammenhang, wie an vielen anderen Stellen, das Moment der Kreativität betont. Schon sprachlich wird der Bezug zur Schöpfung deutlich, liegt der Ursprung doch im Lateinischen „creare“, was nichts anderes als „schöpfen“ bedeutet. Franziskus geht es mit diesem Begriff darum, sich vom technisierten Machbarkeitsdenken und damit verknüpften Räumen der Macht abzusetzen. Neue Lösungen können für ihn dann entstehen, wenn der Mensch sich nicht isoliert, nicht in gängigen Denkkategorien verbleibt, sondern in Beziehung mit anderen Menschen und Geschöpfen tritt. Dieses In-Beziehung-Treten sei die Voraussetzung, das vorherrschende technokratische Paradigma zu durchbrechen und neue Leitbilder wie Lebensweisen zu fördern, aber auch um andere Zeitdimensionen wahrzunehmen, was z.B. notwendig sei, um kurzfristiges Denken zu überwinden und auch zukünftige Generationen in den Blick nehmen zu können.

Trotz der deutlichen Kritik einer alleinigen Ausrichtung auf Markt und Technologie ist die Enzyklika jedoch nicht wachstums- oder technikfeindlich. Ihr Anliegen ist es, für eine integrale Betrachtung von wirtschafts-, sozial- und ökologieverträglicher Entwicklung zu werben, und mit Blick darauf jeder Verabsolutierung von Technik, Fortschritt und Markt zu widerstehen. Technologischer Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklung sind wichtig, müssen nach Ansicht von Franziskus aber von einer Kultur der Verantwortung begleitet, notwendigerweise auch beschränkt und „in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts [gestellt werden], der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist.“ (LS 112). Damit argumentiert die Enzyklika differenzierter als große Teile der wachstumskritischen „De-Growth-Bewegung“, die sehr grundsätzliche Vorbehalte gegenüber wirtschaftlichem Wachstum und technologischen Fortschritt vorbringt.

These 7: Dialog und Transparente wie partizipative Entscheidungsprozesse

Zur Analyse gehört für Franziskus ganz wesentlich „die Schwäche der Reaktion“ (LS 53-59). Er hält es daher für ganz entscheidend, Führung beim notwendigen Gegensteuern und politischen Handeln zu übernehmen. Dazu stellt er im fünften Kapitel als Leitlinien der Handlungsorientierung weniger ein inhaltliches Programm vor, sondern vor allem prozedurale Maßstäbe. Entscheidend für die Handlungsebene ist für Franziskus der Dialog. Auch hier hält er offensichtlich das „In-Beziehung-Treten“ für unabdingbar, um „aus der Spirale der Selbstzerstörung herauszukommen, in der wir untergehen“ (LS 163). Der Dialog ist für ihn eine grundlegende Voraussetzung für nachhaltige Lösungen, hat aber – folgt man dem Grundgedanken der ganzheitlichen Ökologie – auch einen Eigenwert, weil der Mensch nur durch den Dialog wirklich in Beziehung tritt.

Entscheidend für die Handlungsebene ist für Franziskus der Dialog.

Ohne es systematisch auszuführen und so zu bezeichnen folgt Franziskus im fünften Kapitel dem Konzept der politischen Steuerung („Global Governance“), das den Strukturveränderungen der internationalen Politik Rechnung zu tragen versucht. Dabei werden verschiedene Ebenen politischen Handelns identifiziert, die dem Prinzip der Subsidiarität folgen. Im Zentrum stehen die Nationalstaaten, da primär sie die Kapazität haben, Krisen je nach Problemlage abzufedern oder die Grundlagen für deren Bewältigung zu schaffen. Die entwickelten Länder haben für Franziskus aufgrund ihres wirtschaftlichen und politischen Einflusses eine besondere Verantwortung für die Bekämpfung der weltweiten Armut und den Erhalt der Umwelt, in dem sie ihre Energieversorgung auf erneuerbare Energien umstellen, den ärmeren Ländern angepasste Technologien zur Verfügung stellen und sich für sozial- und umweltgerechte Reformen der transnationalen Handels- und Finanzmärkte einsetzen (LS 164-175, 189-198). Die ärmeren Länder sieht er primär in der Verantwortung, Korruption zu beseitigen und die Ungleichheit zu vermindern (LS 172).

Die entwickelten Länder haben für Franziskus aufgrund ihres wirtschaftlichen und politischen Einflusses eine besondere Verantwortung für die Bekämpfung der weltweiten Armut und den Erhalt der Umwelt, …

Franziskus lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass globale Probleme wirksame zwischenstaatliche und mit Sanktionen bewährte internationale Institutionen und Vereinbarungen mit Rahmenbedingungen erfordern, die z.B. eine Internalisierung (nicht Internationalisierung!) der Umweltkosten ermöglichen (LS 170). Dafür wird im Rückgriff auf frühere Enzykliken leider wieder der höchstmissverständliche Begriff der „politischen Weltautorität“ (LS 175) verwendet, ohne ihn eindeutig gegenüber den Institutionen der Vereinten Nationen einzuordnen. Für die internationale Zusammenarbeit wird plausiblerweise der Grundsatz der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung genannt (LS 170). Große Hoffnung setzt Papst Franziskus auf die lokale und regionale Handlungsebene. Die Menschen vor Ort können in verschiedenen Organisationsformen (z.B. Genossenschaften) ihre Verantwortlichkeiten durch einen stärkeren Gemeinschaftssinn wahrnehmen und kreative Lösungen finden.

Einige weiterführende Perspektiven dazu eröffnen die Arbeiten von Elinor Ostrom, US-amerikanische Politikwissenschaftlerin, die 2009 als erste Frau mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet wurde. Ostrom kommt auf der Basis umfangreicher empirischer Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass das eigene Handeln nicht nur von Erwartungen über das Verhalten anderer, sondern auch von verinnerlichten und erprobten Verfahren, Normen und Regeln abhängt. Letztere können kooperatives Verhalten begünstigen oder verhindern. Außerdem erhöhen direkte Kommunikation und die Möglichkeit, egoistisches Verhalten von Trittbrettfahrern zu sanktionieren, die Chancen der Kooperation. Aus Ostroms Untersuchungen folgt, dass Kooperation erlernt, aber auch verlernt werden kann – je nachdem ob die Verfahren und Regeln, welche eine Gesellschaft verinnerlicht hat, kooperatives oder opportunistisches Verhalten fördern.

Ein zweites Merkmal ist die Pluralität von Governance-Strukturen. Politische Steuerung kann sich nicht mehr allein auf klassisches Regierungshandeln beschränken, sondern muss auch andere Formen mit einbeziehen. Dazu gehört die politische Zusammenarbeit mit nicht staatlichen Akteuren, seien sie aus der Privatwirtschaft oder Zivilgesellschaft, in sogenannten Multistakeholder-Initiativen wie das menschenrechtliche Engagement von Unternehmen. Die Vielfalt der Initiativen hat auch ihre unübersehbaren Schattenseiten. Sie sind meist unverbindlich, wenig aufeinander abgestimmt und stehen nicht selten sogar zueinander in Konflikt. Noch schwerwiegender ist, dass viele Steuerungselemente die ungleichen Machtbeziehungen der internationalen Politik widerspiegeln.

Das Handeln der Politik allein ist für Franziskus nicht ausreichend, er setzt stark auf die auf verschiedenen Ebenen entstehenden neuen Formen von politischer Steuerung mit sehr unterschiedlichem Charakter und misst dabei der Zivilgesellschaft größte Bedeutung bei, gerade auch um den notwendigen Druck auf Politik und Wirtschaft aufzubauen. Auch hier ist wieder der Dialog für Franziskus entscheidend. Wir sprechen jetzt auch in der Praxis mit jedem über den Zustand der Welt (neue Themen inkl. Politik, Vielzahl von Akteuren). Gefordert ist ein ehrlicher und transparenter Dialog auf Augenhöhe und diesbezüglich formuliert Franziskus mit dem Maßstab der ehrlichen, transparenten und partizipativen Entscheidungsprozesse wichtige prozedurale Aspekte der Gerechtigkeit (LS 182-188). Der partizipative und ehrliche Dialog sowie eine ehrliche Gegenüberstellung von Risiken und Vorteilen sind eine notwendige Bedingung für eine wahrhaftige Entscheidung. Aus diesen prozeduralen Vorgaben folgt für Franziskus: „Das bedeutet nicht, sich jeglicher technischen Neuerung zu widersetzen, die eine Verbesserung der Lebensqualität einer Bevölkerung gestattet. Doch in jedem Fall muss der Grundsatz erhalten bleiben, dass die Rentabilität nicht das einzige Kriterium sein darf, das berücksichtigt wird, und dass in dem Moment, in dem mit wachsendem Kenntnisstand neue Elemente zur Beurteilung auftauchen, eine neue Bewertung unter Teilnahme aller betroffenen Parteien stattfinden müsste. Das Ergebnis der Diskussion könnte die Entscheidung sein, ein Projekt nicht weiterzuführen, es könnte aber auch dessen Veränderung oder die Entwicklung von Alternativvorschlägen sein.“ (LS 187)

These 8: Die zentrale Bedeutung von Gewissenserforschung, umfassender Bildung und positiven Vorbildern

Den Abschluss der Enzyklika bilden die Ausführungen zur Ökologischen Erziehung und Spiritualität im 6. Kapitel. In den Leitlinien zur Handlungsorientierung betont Franziskus den Wert politischer Reformen, dennoch lässt er zum Abschluss keinen Zweifel daran, dass die notwendige Umkehr nur durch Gewissenserforschung, persönliche Umkehr und umfassende Bildung zu erreichen ist. Wenn jeder einzelne seine je eigene Verantwortung für den Erhalt des gemeinsamen Hauses hat, dann gilt es, sich dieser verantwortlich zu stellen. Dieser stark individualethische Akzent ist plausibel, denn wer anders als die einzelnen Menschen selbst könnte durch verändertes Verhalten die notwendigen Reformen einleiten. Schließlich hängen weitreichende politische Strukturveränderungen auch davon ab, dass eine kritische Masse von Einzelpersonen und zivilgesellschaftlichen Gruppen diese einfordern oder ihre Zustimmung signalisieren.

Wenn jeder einzelne seine je eigene Verantwortung für den Erhalt des gemeinsamen Hauses hat, dann gilt es, sich dieser verantwortlich zu stellen.

Neben der Einstellungs- und Verhaltensänderung Einzelner auf der Mikro-Ebene hebt Franziskus die zentrale Scharnierfunktion von Leitbildern als informellen Institutionen auf der Meso-Ebene hervor. Denn Menschen orientieren sich in ihrem Handeln immer auch an gängigen sozialen Praktiken und dem Verhalten anderer, so dass sich bestimmte Leitbilder ausprägen und auch über Grenzen hinweg Einfluss haben. Ein Problem ist etwa, dass sich die stark wachsenden Mittelschichten in China und Indien in Sachen Konsum und Ernährung bevorzugt an westlichen Leitbildern orientieren. Dies ist eine der Erklärungen dafür, warum z.B. der Fleischkonsum in diesen Ländern in den letzten Jahren so rasant gewachsen ist, obwohl zumindest die indische Ernährungskultur traditionell vegetarisch ist.

Solche Leitbilder beeinflussen jedoch nicht nur das Verhalten Einzelner, sondern auch gesetzliche Rahmenbedingungen. Sie können notwendige Strukturreformen für eine umwelt- und sozialgerechte Entwicklung begünstigen oder erschweren. Je stärker unsere Leitbilder von materiellem Besitz und immer mehr Konsum dominiert werden, umso schwieriger dürften die nötigen politischen Veränderungen für eine ganzheitliche Ökologie durchzusetzen sein. Aber auch für das individuelle Wohl sind solche, auf materiellen Reichtum und Konsum fixierten Leitbilder eine große Herausforderung. Wenn Menschen nur zufriedener werden, wenn sie mehr als andere haben oder es ihnen materiell immer besser geht, werden sie die Fragen, wer sie selber sind und was sie selbst im Leben eigentlich möchten, nur schwerlich beantworten können. Um dieser „hedonischen Tretmühle“ zu entrinnen, ist es erforderlich, die je eigene Persönlichkeit zu entwickeln und sich unabhängiger zu machen von dem, was „man“ tut oder konsumiert. Menschen, die ihren Lebens-, Konsum- und Arbeitsstil bewusst und nachhaltig verändern, um mit anderen, der Schöpfung und mit Gott in Beziehung zu treten, können dann selbst zu Vorreitern des Wandels werden. Durch ihre Persönlichkeit und ihr entschlossenes Handeln zeigen sie, dass Veränderungen möglich und positiv besetzt sind.

die je eigene Persönlichkeit zu entwickeln und sich unabhängiger zu machen von dem, was „man“ tut oder konsumiert.

Diesen Prozess der Umkehr von individuellem Handeln und prägenden Leitbildern für eine Form von Lebensqualität, von Fortschritt, Wachstum und Technik, die im Dienst der ganzheitlichen Ökologie steht, hat Franziskus im Sinn, wenn er die Rolle von persönlicher Gewissenserforschung, Bildung und Vorbilder beschreibt. Dem „Gefühl der Ungewissheit und Unsicherheit“ (LS 182), welche die komplexe moderne Welt mit sich bringt, entgeht der Mensch nicht durch Selbstbezogenheit und Isolierung. Er sollte sich vielmehr die vielfältigen Beziehungen bewusst machen, in denen er steht und durch die menschliches Leben erst gelingen kann. Franziskus bringt auch hier die christliche Spiritualität und andere Weisheitslehren ein, die nicht Verzicht fordern, sondern für Genügsamkeit werben, die, wenn sie „unbefangen und bewusst gelebt wird, … befreiend [ist].“ (LS 222)

Um dies erfahren zu können hält Franziskus Gewissenserforschung für genauso zentral wie eine umfassende Bildung, die über eine reine Vermittlung von Wissen oder „skills“ hinausgeht. An dieser Stelle scheint implizit das Ideal ignatianischer Pädagogik durch. Bildung kann sich demnach nicht auf den Erwerb von Wissen oder Fachkompetenzen („skills“) beschränken, sondern muss auch die Fähigkeit zur unterscheidenden Reflexion wie zur Herzensbildung vermitteln können. Nur dann sind Menschen in der Lage, einen begründeten eigenen Standpunkt zu beziehen, wenn notwendig, auch gegen den gesellschaftlichen „mainstream“, und empathisch die Beziehungsstrukturen zu erkennen, in denen wir mit anderen Menschen und der Schöpfung stehen.

Bildung kann sich demnach nicht auf den Erwerb von Wissen oder Fachkompetenzen („skills“) beschränken, sondern muss auch die Fähigkeit zur unterscheidenden Reflexion wie zur Herzensbildung vermitteln können.

Die reichen spirituellen Traditionen der Religionen und Weisheitslehren lehren uns, auch andere Formen der Wirklichkeit wahrzunehmen, die mit den üblichen Sinnen und einem engen Verständnis von Rationalität kaum erfahrbar werden. Der Mensch wird sich nur dann selbst erkennen, wenn er seine Beziehung zu anderen Menschen und der Schöpfung als Ganzer wahrnimmt und achtet. Ein wichtiger Schlüssel dafür kann die Orientierung an konkreten Personen, an „personifizierten“ Vorbildern sein, die für diese tiefere Einsicht stehen. Ein solches Vorbild ist für Franziskus ganz offensichtlich der Hl. Franz von Assisi, der sich vom Macht und Reichtum abwendet und damit frei werden kann für seine tiefe Beziehung zu den Armen und allen anderen Mitgeschöpfen. Franz von Assisi wird somit zu einem personifizierten „best practice“-Vorbild für das von der Enzyklika prägende Leitbild der ganzheitlichen Ökologie.

Johannes Wallacher ist Präsident der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik.

Dieser Beitrag erscheint in einer Druckfassung mit weiterführenden Verweisen im nächsten Jahresheft von „Wissenschaft und Weisheit. Franziskanische Studien zu Theologie, Philosophie und Geschichte“, 78. Bd. (2015), Aschendorff-Verlag Münster / Westfalen.

(Bild: Kondensstreifen by Grey59 / pixelio.de)

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