Liberale Muslim*innen als Bereicherung für Deutschlands islamische Landschaft?

Über das Leben liberaler Muslime ist wenig bekannt. Debora Müller teilt dazu erste Ergebnisse ihres Promotionsprojekts.

Neben dem durch die jeweiligen Herkunftsländer stark geprägten Islam, gibt es in Deutschland eine große Vielfalt in der islamischen Landschaft, die weitgehend unbekannt ist. Eine Gruppe, die sich im Gegensatz zu den in den Medien häufig abgebildeten konservativen Muslim*innen entwickelt hat, ist die der liberalen Muslim*innen. Diese haben vor wenigen Jahren begonnen, sich zu organisieren und einen Verein, bzw. eine Moschee gegründet. Bei dem Verein handelt es sich um den Liberal Islamischen Bund (LIB), zu dem mehrere Gemeinden in ganz Deutschland gehören. Unabhängig vom LIB wurde die Ibn-Rushd-Goethe Moschee in Berlin gegründet. Doch bis jetzt ist noch wenig über die sogenannten liberalen Muslim*innen bekannt. Wer sind sie und was vertreten sie?[1]

Wer sind die sogeannanten liberalen Muslime?

Hier setzt meine Forschung an, die ich im Rahmen einer Doktorarbeit am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen durchführe. Sie ist noch nicht abgeschlossen, aber bereits so weit fortgeschritten, dass sich schon einige Ergebnisse festhalten lassen, die ich hier teilen möchte.

Im Mittelpunkt des Interesses steht die Klärung der beiden Begriffe, aus denen sich die Bezeichnung liberale Muslim*innen zusammensetzt. Das bedeutet, dass ich zunächst nach dem Begriffsverständnis von liberal frage: Was bedeutet der Begriff liberal für liberale Muslime? Welche(s) Konzept(e) steckt/stecken dahinter?

Positionen zu kontrovers diskutierte Themen wie z.B. Gendergerechtigkeit oder Demokratie

Bei der zweiten Frage geht es um das Islamverständnis liberaler Muslim*innen: Woher beziehen sie ihre Kenntnisse über den Islam und wie positionieren sie sich in Bezug auf innerhalb der islamischen Community überaus kontrovers diskutierte Themen wie z.B. Gendergerechtigkeit oder Demokratie?

 

Wie messen?

Zur Beantwortung der Fragen wurde eine empirische Forschungsmethode ausgewählt, denn dabei werden neben objektiven Gegebenheiten auch Meinungen und Einstellungen erfasst. Befragte bringen dabei unbewusste Aspekte über die noch wenig erforschte Thematik ein. Konkret wird die Methode der Grounded Theory (GT) verwendet. Sie dient der Schaffung von erklärenden Theorien für menschliches Verhalten, Verhaltensmustern und sozialen Prozessen. In diesem Fall wurden Interviews mit Personen durchgeführt, die sich in irgendeiner Form öffentlich unter das Label liberaler Islam stellen und einen so von ihnen oder der Gemeinschaft, der sie angehören, definierten Glauben praktisch ausleben.

Interviews mit Personen, die sich unter das Label liberaler Islam stellen

Ergebnisse?

In Bezug auf die beiden Fragen, also das Begriffs- und Islamverständnis, können bisher folgende Ergebnisse formuliert werden. Es haben sich 3 wichtige Kategorien ergeben, die jeweils in Bezug zum Begriffs-, bzw. Islamverständnis gesetzt werden:

  • Abgrenzung
  • Suche
  • Zufälligkeit der Entdeckung liberaler Gemeinschaften

Alternatives Islamverständnis, Suchbewegungen und zufällige Zugehörigkeiten

Diese 3 Kategorien lassen sich bei allen Befragten finden und auf die beiden Fragen beziehen:

Abgrenzung

In Bezug auf das Begriffsverständnis: Was den Begriff liberal betrifft, so erfahren die Befragten bspw. den Vorwurf der Beliebigkeit in der Auslegung der islamischen Quellen (liberal = beliebig). Dies weisen sie vehement zurück. Damit einher geht ihre Vorstellung eines alternativen Islamverständnisses, frei von Autoritäten, Meinungszwang, Bevormundung und Korrektur vermeintlich falschen, also nicht regelkonformen Verhaltens.

Suche

Liberale Muslim*innen sind auf der Suche nach einem passenden gemeinsamen Begriff und Verständnis von Islam, der ihre Vorstellungen in Bezug auf Gender, Glaubenspraxis und die Freiheit der eigenen Deutungshoheit der islamischen Quellen vereint.

Zufällige Entdeckung

Dabei sind die Befragten zufällig auf ihre jeweilige Gemeinde oder den Verein (des LIB) insgesamt gestoßen. „Zufällig“ ist auch der Begriff, der zwar bestimmte (nicht-konservative) Ideen transportiert, inzwischen aber eher der Auffindbarkeit der Gemeinschaften dient und nach Meinung der Befragten auch geändert werden könnte.

Große Heterogenität der Mitglieder

Die zufällige Entdeckung der liberalen Gemeinschaften bedeutet eine große Heterogenität der Mitglieder, die sich aus verschiedensten Altersstrukturen, sozialen, ethnischen und konfessionellen Hintergründen zusammensetzt. Das bedeutet in Bezug auf ein gemeinsames Islamverständnis derzeitige und fortwährende Aushandlungsprozesse, die sich kontinuierlich weiterentwickeln.

 

Und dann? Übertragung auf größeren Zusammenhang

Die Ergebnisse zeigen mögliche Ansatzpunkte für einen Dialog zwischen den sogenannten konservativen und den sogenannten liberalen Muslim*innen in Deutschland. Jede der 3 Kategorien kann Anknüpfungspunkt für Gespräche werden. Ziel könnte dabei sein, ein gemeinsames, zeitgemäßes Islamverständnis zu entwickeln und die Bedeutung von Tradition und Kultur in Bezug auf Religion neu zu überdenken, sodass Islam nicht nur auf eine Art (also meist kulturell-ethnisch) definiert wird, sondern seinen Platz in Deutschland im bestehenden kulturellen und rechtlichen Rahmen einnehmen kann.

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Debora Müller, M.A., ist Assistentin der Professur für Islamisches Recht am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen.

Bild: Afshad Subair auf Pixabay

[1] Auf ihren jeweiligen Websites erfährt man mehr, wie auch im Buch der Gründerin der Moschee:  ATEŞ, Seyran (2017): Selam, Frau Imamin. Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete. Berlin: Ullstein, sowie dem Buch, das von einer der Mitbegründerinnen des LIB herausgegeben wurde: KADDOR, Lamya (Hg.) (2020): Muslimisch und liberal. Was einen zeitgemäßen Islam ausmacht. Piper: München.

 

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