Musik deutet Welt: Zwischen Schöpfung und Erschöpfung

Spreuerbrücke Tafel 3, Die Vertreibung aus dem Paradies, ca. 1626-35

Die ersten Kapitel der Bibel befassen sich mit den großen Fragen der Menschheit: Was ist die Welt? Welche Rolle spielt der Mensch darin? Und was hat Gott damit zu tun? Bedeutende Werke der Musikgeschichte griffen darauf zurück, um sich ebenfalls diesen Fragen zu stellen. Elisabeth Birnbaum zeigt, dass sie zu durchaus konträren Antworten kommen …

Die Welt als Schöpfung – ein biblischer Befund

„Und siehe, es war sehr gut!“, so lautet das Urteil Gottes über die von ihm eben erst geschaffene Welt (Gen 1,31). Wenige Kapitel später muss er feststellen: „… und siehe, sie war verdorben, denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben“ (Gen 6,12). Dazwischen liegt die meist „Sündenfall“ genannte Erzählung vom Essen der verbotenen Frucht im Garten Eden und der Brudermord. Die Übertretung von Gottes Gebot, die Unfähigkeit des Menschen, sich ohne Wenn und Aber in die göttliche Weltordnung zu fügen, und die sich ausbreitende Gewalt bewirken, dass die gottgewollte Schöpfung zu der ambivalenten Welt wird, die wir kennen.

An dieser anfänglichen, prinzipiellen, „Sünde“ leidet die Welt und sehnt sich nach Erlösung – Im Neuen Testament zeigt sich durch Jesus Christus eine neue Perspektive auf: In seinem Tod hat diese Erlösung bereits begonnen und er wird sie am Ende der Tage vollenden.

Biblisch gesehen ist die Welt demnach dreierlei: Sie ist erstens „im Anfang“, im Prinzip, eine von Gott gewollte gute Schöpfung, sie ist jedoch zweitens de facto eine von menschlicher Gewalt verdorbene Schöpfung und sie ist drittens durch Gottes Liebe eine auf Erlösung hoffende Schöpfung.

Musikalische Weltdeutung

Wenn europäische (und damit meist christlich geprägte) Musikschaffende sich den oben genannten Fragen widmen wollten, griffen sie wie selbstverständlich auf die biblischen Schöpfungserzählungen zurück – allerdings mit durchaus konträren Ergebnissen. Der kurze Vermerk: „Text nach der Bibel“ täuscht darüber gern hinweg. Durch Textauswahl, Hinzufügungen, Auslassungen und Um- bzw. Weiterdichtung positionieren sie sich innerhalb des Spannungsfeldes von prinzipiell guter, endgültig verdorbener oder erlösungsgewiss hoffender Welt.

„Da entbrannte im Himmel ein Kampf; (…) Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“ (Offb 12,7ff.).

Peter Paul Rubens, Der Höllensturz, 1621-22

Die Welt als Kampfplatz zwischen Gut und Böse

Für die Welt als gefallene, auf Erlösung hin ausgerichtete Schöpfung interessierte sich einer der bedeutendsten englischen Dichter im 17. Jahrhundert, dessen Werk häufig als Grundlage von Oratorienlibretti verwendet wurde: John Miltons Epos „Paradise Lost“ (1667) sieht die Welt als Schauplatz eines Kampfes zwischen Himmel und Hölle. Die Schöpfungserzählung, die Erschaffung der Welt nach Gen 1, ist nicht der Beginn von allem, auch nicht der Beginn des Epos, sondern eine kleine Szene eines großen Dramas. Die Vorgeschichte ist lang: Gottes Plan, den Menschen als Wesen zu erschaffen, das über alle Geistwesen herrschen soll, empört einige Engel – allen voran den „Satan“: Er zettelt einen Aufstand an und wird nach heftigem Kampf aus dem Himmel in die Hölle gestürzt.[1]Gott betrachtet die Angelegenheit damit als erledigt und erschafft die Welt.

Die Nachgeschichte wird ebenfalls ausführlich erzählt: Der Satan rächt sich an Gottes Schöpfung und bewirkt in Gestalt einer Schlange die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies (Gen 3). Gottes Sohn erklärt sich daraufhin bereit, die Sünde, die in die Welt gekommen ist, durch seine Hingabe auf sich zu nehmen.

Die Welt in John Miltons Drama steht folglich in der fortgesetzten Spannung zwischen den Mächten des Guten und des Bösen, der Mensch muss versuchen, sich darin zurecht zu finden.

Das 19. Jahrhundert greift das Epos und die damit verbundene Weltsicht auf und erzählt in seinen musikalischen Deutungen von einer solchen zwiespältigen Welt, in welcher der Mensch zwischen unheilvollen Leidenschaften und der Sehnsucht nach dem Guten hin- und hergerissen wird. Anton Rubinsteins „Das Verlorene Paradies“ (1859) oder Jules Massenets „Ève“ (1875) sind hier zu nennen, dazu im 20. Jahrhundert Krzysztof Pendereckis Werk „Paradise Lost“ (1978). In allen dreien endet das Stück mit einer mehr oder minder vagen Hoffnung auf göttliche Erlösung.

„Verwirrung weicht, und Ordnung keimt empor“

(Joseph Haydn, Die Schöpfung)

Die Welt als ungefährdete Ordnung

Das bekannteste Oratorium der Klassik, Josephs Haydns Schöpfung (1798), vermittelt eine völlig konträre Weltsicht. Auch wenn in Programmheften oft zu lesen ist: „Libretto nach der Bibel und John Miltons ‚Paradise Lost‘“ – bei Haydn ist die Welt in Ordnung. Der Himmelssturz der „Empörer“ findet zwar (wenn auch unauffällig) statt – doch bezeichnenderweise benötigt Gott dafür keine himmlischen Heerscharen. Er lässt es einfach „Licht werden“. Das Böse, das Chaos und das Dunkle, sie sind eins und sie schwinden bei den Worten „Und es ward Licht“ ebenso unspektakulär wie nachhaltig. – der aus dem Nichts kommende triumphale C-Dur-Akkord, der diesen Worten folgt, gilt als einer der berühmtesten Effekte der Musikgeschichte.

William Blake, Europe a Prophecy (British Museum)

Das Licht der Vernunft ist es, das hier anbricht, das Licht der Ordnung, das die Verwirrung vertreibt. Und ab diesem Moment bleibt es auch gut. Die Chaosmächte, sind ein für allemal verschwunden und besiegt. Der Mensch, – nein, der Mann! – ist der König der Natur, weil er mit Weisheit und Geist ausgestattet ist. Adam und Eva können in der Natur Gott erkennen, sie lieben einander in ihrer göttlich gesetzten Geschlechterordnung als geistig überlegener Mann und zärtlich anschmiegsamer Frau und leben glücklich und zufrieden, ohne irgendeiner Erlösung zu bedürfen.

Die Erschöpfung der Welt

„Siehe, die Welt war verdorben.“ Dieser vernichtende Satz führt zwar in der Bibel zur Sintflut, hindert jedoch Gott nicht, mit seiner Schöpfung auch später noch in Beziehung zu bleiben. Ganz anders in einem Aufsehen erregenden Werk des 20. Jahrhunderts: in Mauricio Kagels „Die Erschöpfung der Welt“ (1980).

„Und Gott sah, dass die Finsternis gut war“ (Mauricio Kagel, Die Erschöpfung der Welt)

Hier bleibt das „Verdorbene“ der Welt unrelativiert stehen und führt auch zur Katastrophe. Mauricio Kagel bedient sich für seine radikale Weltsicht der biblischen Schöpfungserzählungen und dekonstruiert sie. Das Werk beginnt mit dem Ende:

„Am Ende erschöpfte Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und öde, Smog lag auf der Urflut, und der Geist Gottes schwamm in den Abwässern. Und Gott sprach: ‚Es werde Licht.‘ Aber es ward kein Licht. Und Gott sah, dass die Finsternis gut war.“

In einer solchen Welt hat auch der Mensch keinen Platz. Das Paradies Kagels besteht in der Abschaffung des Menschen. Die Welt ist nicht einfach nur erlösungsbedürftig, sie ist schon gar nicht einfach gut, sie ist hoffnungslos verloren. Zuletzt endet sie im „Fleischwolf Gottes“.

Wie ist die Welt?

Ist die Welt also erlösungsbedürftig, nicht erlösungsbedürftig oder zwar erlösungsbedürftig, aber nicht mehr erlösungsfähig? Und der Mensch? Ist er in der Lage und willens, die Ordnung der Welt mit seinem Verstand zu erkennen und nach Gottes Willen zu leben? Ist er zerrissen zwischen Gut und Böse? Oder ist er einfach ein schwerer Fehler Gottes, der rückgängig gemacht werden sollte? Die Bibeltexte werfen die Fragen auf, die künstlerischen Werke greifen sie auf und geben ihre je eigenen unterschiedlichen Antworten.

Wie fiele die Ihrige aus?

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.

Bilder: Wikimedia commons

[1]Hier wird in das erste Buch der Bibel (Gen 1) ein Text aus dem letzten Buch der Bibel (Offb 12,7ff.) eingefügt und beides zu einer neuen Geschichte verwoben.

 

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