Obdachlose zeigen ihre Stadt

Johannes Dörrenbacher stellt das Düsseldorfer Projekt „Straßenleben – der Stadtrundgang“ vor und analysiert seine Ideen. Im Folgenden werden zentrale Punkte seines Artikels in „Lebendiges Zeugnis“ zusammengefasst.

„Straßenleben“ ist eine Stadtführung von (teilweise ehemals) wohnungslosen StadtführerInnen. Das Projekt ist im Juni 2013 aus der Zusammenarbeit des Straßenmagazins fiftyfifty (Asphalt e.V.) und dem Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation (zakk) hervorgegangen. Dörrenbacher bringt die Idee des Projekts anhand eines Teilziels, der Vermeidung bzw. Verringerung von sozialem Ausschluss, näher.

Projektbeschreibung

„Straßenleben – ein Stadtrundgang“ ist eine zweistündige Führung durch Düsseldorf. Vom Leben auf der Straßen berichten während dieser Führung Menschen, die ohne festen Wohnsitz auf der Straße leben oder längere Zeit wohnungslos waren. Neben verschiedenen Hilfeeinrichtungen für Wohnungslose stehen sowohl die Lebenssituation der StadtführerInnen im Fokus der Führungen als auch die sozialpolitische Situation in Düsseldorf, in NRW und in Deutschland sowie persönliche Erlebnisse und der Alltag der StadtführerInnen.

Etappenziele der Stadtführung sind u.a. ein städtisches Obdach, ein Anwalt, der sich für Menschen einsetzt, die von materieller Armut betroffen sind, politisches Graffiti, ein Arzt, der Substitute für Heroin wie beispielsweise Methadon vergibt, eine Notschlafstelle, das Jobcenter, eine Tagesstätte für Wohnungslose, ein Pfandleihhaus, der Hauptbahnhof als „Drogenumschlagsplatz“, Orte der öffentlichen Prostitution, Drogenhilfeeinrichtungen, Frauenhäuser, bekannte fiftyfifty-Verkaufsplätze sowie Schlafplätze im öffentlichen Raum.

Weniger die Orte sind im Mittelpunkt der Führung. Viel bedeutsamer ist der persönliche Kontakt zwischen den StadtführerInnen und den Teilnehmenden.

Bei dem alternativen Stadtspaziergang stehen weniger die Orte im Mittelpunkt der Führung. Viel bedeutsamer ist der persönliche Kontakt zwischen den StadtführerInnen und den Teilnehmenden. Damit ist Straßenleben mehr eine Begegnungsplattform denn eine einseitige Führung. Die Themen reichen von Umgang mit Drogen und der damit verbundenen Sucht, den Gründen für Wohnungslosigkeit, dem Verkauf von Straßenmagazinen über Straßenprostitution, vorgeworfene und begangene Straftaten bzw. den Umgang mit diesen, die Auseinandersetzungen mit dem Ordnungsamt bis hin zur Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit wohnungslosen Menschen.

Exklusion vermeiden bzw. verringern

Die Ziele des Projektes Straßenleben sind mannigfaltig. In diesem Artikel wird lediglich auf das Ziel der Verringerung respektive der Vermeidung von sozialem Ausschluss und Exklusion eingegangen. Einfach und etwas verkürzt ausgedrückt, sollen die Führungen Menschen zusammenbringen, die sonst eher nebeneinander leben und Menschen Gehör verschaffen, denen selten mit bewusster Aufmerksamkeit zugehört wird.

Wohnungslosigkeit und Exklusion

Wohnungslosigkeit und Exklusion werden häufig in Verbindung gebracht. So bezeichnet Ratzka „Wohnungslose als eine der offensichtlichsten Risikogruppen sozialer Ausgrenzung“. Wohnungslosigkeit ist hier also eine Ursache für Exklusion. Gleichzeitig wird Wohnungslosigkeit als Konsequenz von Exklusion bezeichnet, als „Ergebnis eines langfristigen Verarmungs- und Ausgrenzungsprozesses benachteiligter Menschen“.

Mit dem Projekt Straßenleben wird versucht, Exklusion zu verringern oder zu vermeiden.

Als nennenswerte Indikatoren, Ursachen und Konsequenzen für Exklusion können Bildung, Wohnsituation, Einkommen, Lebenslagen, individuelle Bedürfnisse, Normen, Zukunftsperspektiven, soziale Netzwerke, Schicksalsschläge, Gesundheit, die eigene individuelle Bewertung der Situation und die vergleichbaren Zustände in der Gesellschaft genannt werden.

Mit dem Projekt Straßenleben wird versucht, eine Antwort auf diese Zusammenhänge zu geben, um Exklusion zu verringern oder zu vermeiden. In welcher Form dies versucht wird, wird im Folgenden exemplarisch an Hand von einzelnen oben genannten Exklusionsbereichen näher beschrieben.

Straßenleben, ein „großes und kleines Projekt der Integration“

Straßenleben versucht, Ausschlussprozesse präventiv zu vermeiden. Dies wird unter anderem dadurch möglich, dass während der Stadtführungen Prozesse, die zum Ausschluss führen, offen gelegt werden. Dieses Offenlegen soll einerseits zu einem besseren Verständnis für die Lebenssituation der sogenannten Ausgeschlossenen führen und andererseits einen Paradigmenwechsel im Umgang mit wohnungslosen Menschen anstoßen. Denn das Vorurteil, dass die sogenannten Betroffen für ihre Lebenslage selbst und allein verantwortlich sind, wird durch die Stadtführung gebrochen.

So werden die Teilnehmenden der Stadtführung mit dem häufig diskriminierenden gesellschaftlichen Umgang mit wohnungslosen Menschen konfrontiert. Während der Führung wird zum Beispiel berichtet, wie es sich anfühlt, beim Verkauf des Straßenmagazins fiftyfifty im öffentlichen Raum von Passanten ignoriert bzw. beschimpft oder vertrieben zu werden. Das Verständnis der Ausschlussprozesse ist der erste notwendige Schritt, sie zu verringern oder zu vermeiden.

Wer vorher vor allem unter dem Begriff „Wohnungsloser“ auffiel, wird nun aus einem deutlich positiveren Blickwinkel wahrgenommen.

Neben diesen Versuchen, Exklusion vorzubeugen, gilt es, bereits vollzogene Ausschlussprozesse zu verringern. Dies soll möglich gemacht werden, indem eine subjektbezogene Hilfestellung für die Menschen angeboten wird, die bereits von Wohnungslosigkeit und demnach auch von sozialem Ausschluss betroffen sind. Bei Straßenleben wird dies unter anderem dadurch möglich, dass hier die von der Mehrheit der Gesellschaft als „Wohnungslose“ bezeichneten Personen während der Stadtführung in der neuen Rolle des „Stadtführers“ wahrgenommen werden. Wer vorher vor allem unter dem Begriff „Wohnungsloser“ auffiel, wird nun also aus einem deutlich positiveren Blickwinkel wahrgenommen.

Dies geschieht nicht nur durch den Stadtrundgang selbst, sondern auch durch die große regionale und z.T. auch überregionale Nachfrage der Presse an dem Projekt. Bei allen Presseberichten standen die StadtführerInnen klar im Fokus. Die mit diesem zeitlich begrenzten Rollenwechsel verbundene Anerkennung und neue Wertschätzung sowie das dadurch gestärkte Selbstbewusstsein wirken sich positiv auf die Inklusion der (teils ehemals) wohnungslosen StadtführerInnen aus. Es ist davon auszugehen, dass dieser Effekt auch über den Zeitraum der Stadtführung hinaus wirkt.

Das heißt, dass nicht nur große gesellschaftliche Veränderungen in Form von Paradigmenwechseln beabsichtigt werden, sondern auch die direkte Unterstützung der (teils ehemals) wohnungslosen Stadtführer im Zentrum steht.

Bildung

Es ist nicht nötig, formelle Bildungsabschlüsse vorzuweisen, um als StadtführerIn Gruppen durch Düsseldorf zu führen. Nicht vorhandene Bildungsabschlüsse zählen als Exklusions-Ursache, spielen bei Straßenleben aber keine Rolle. Im Gegenteil: durch das Projekt werden sogar Bildungskompetenzen wie zum Beispiel die Konfliktfähigkeit, Kritikfähigkeit, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Frustrationstoleranz etc. gefördert.

Straßenleben wirkt im Bereich Bildung inklusiv und fördert subjektbezogene Hilfe.

Eine Stadtführung wird von zwei StadtführerInnen durchgeführt. Die Konflikte innerhalb dieses kleinen Teams, aber auch die möglichen Konflikte des Stadtführerteams mit den Teilnehmenden werden mit einem Sozialarbeiter, der das Projekt begleitet, immer wieder besprochen. Gemeinsam wird dann nach Lösungen und Umgangsformen gesucht. Das heißt, dass Straßenleben im Bereich Bildung inklusiv wirkt und Kompetenzen fördert, die als „kleines Projekt der Integration“, also subjektbezogene Hilfe bezeichnet werden können.

Gesundheit

Straßenleben bietet als „großes Projekt der Integration“ die Möglichkeit, strukturelle Missstände im Gesundheitssektor bekannt zu machen und dadurch auch langfristige Veränderungen anzustoßen. Indem die Stadtführer von ihren Erfahrungen im Gesundheitsbereich berichten, klären sie über Missstände in der medizinischen Versorgung auf. Viele Teilnehmende erfahren bei einer Stadtführung häufig zum ersten Mal, was es heißt, in Deutschland nicht krankenversichert zu sein.

Das dadurch entstandene Verständnis für erkrankte wohnungslose Menschen kann als präventives Mittel bezeichnet werden, das sozialen Ausschluss verringert.

Des Weiteren ist ein Thema der Stadtführung der Umgang mit Drogen. Auch in diesem Bereich klärt die Stadtführung auf, welche Entzugserscheinungen es gibt, wie schnell ein drogenabhängiger Mensch in die materielle Armut getrieben wird, welche Möglichkeiten diesem Menschen bleiben, an Geld zu kommen. Diese Fragen werden durch die eigenen Erfahrungen der Stadtführer beantwortet. Teilnehmende haben nach einer Stadtführung in der Regel ein besseres Verständnis für die Situation von drogenabhängigen Menschen und den strukturellen Missständen, die für diese Situation verantwortlich sind.

Durch die vielen verschiedenen Gruppierungen, die an einer solchen Stadtführung teilnehmen, werden fast alle Bereiche der Gesellschaft durch die Stadtführung erreicht. Das dadurch entstandene Verständnis für erkrankte wohnungslose Menschen kann also als präventives Mittel bezeichnet werden, das sozialen Ausschluss verringert.

In weiteren Exklusionsbereichen unterstützt Straßenleben die StadtführerInnen und versucht Paradigmenwechsel anzustoßen. Durch den Kontakt mit (teils ehemals) wohnungslosen Menschen versucht Straßenleben, Berührungsängste abzubauen und den Ausschluss von wohnungslosen Menschen zu verringern. Aufgrund der stetig großen Nachfrage an den Führungen wird das Projekt weiterhin angeboten.

Mehr Informationen über den Stadtrundgang in Düsseldorf erhalten Sie unter: http://www.strassenleben.org. Der gesamte Text des Artikels findet sich hier:  Straßenleben – LebZeug 2-2016.

(Beitragsbild: http://strassenleben.org/wp-content/themes/strassenleben/img/150107-logo_strassenleben.png)

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