Offen beistehen oder vorsichtige Diplomatie?

Die Deportation Edith Steins und ihre Ermordung in Auschwitz offenbaren brennpunktartig eine Streitfrage, die bis heute heftig diskutiert wird:  das „Schweigen des Papstes“ zu den Deportationen und zur Ermordung der Juden während des 2. Weltkrieges. Anmerkungen anlässlich des Kriegsbeginns vor 83 Jahren und des 80. Todestages von Edith Stein am 9. August 1942. Von Klaus Kühlwein.

Edith Steins Schicksal belegt einen Konflikt, der von Verteidigern des päpstlichen Schweigens leichtfertig beiseitegeschoben wird. Anfang Juli 1942 begann Arthur Seyß-Inquart, der Statthalter Hitlers im besetzten Holland, systematisch mit der Deportation der jüdischen Bevölkerung im Land. Daraufhin sandten ihm die katholischen Bischöfe empört ein Protest-Telegramm. Die göttlichen Gebote Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zwängen die Kirche, den Abbruch der Deportationen zu verlangen. Vertreter anderer Konfessionen in Holland schlossen sich diesem Protest an. Seyß-Inquart war alarmiert.

Ein diabolisches Angebot

Er musste unbedingt verhindern, dass die Kirchen ihren Protest auf allen Kanzeln öffentlich machten. Dazu ersann er ein in seinen Augen verlockendes Angebot: Wenn ihr euren Protest vertraulich haltet und auf den Kanzeln schweigt, werde ich die christlich getauften Juden verschonen. Für Erzbischof de Jong von Utrecht und seine Mitbrüder war dieses Angebot nicht verlockend, sondern teuflisch. Verlangte der Reichskommissar tatsächlich, dass sie zur Rettung eigener Kirchenmitglieder die große Masse der jüdischen Menschen widerstandslos preisgeben sollten? Diesen faustischen Pakt durfte es nicht geben. Wenn sie in größter Not für die jüdischen Mitmenschen eintraten, dann für alle und nicht nur für eigene Leute!

Am Sonntag den 26. Juli ließen die katholischen Bischöfe in den Kirchen ihr Protest-Telegramm mit einem Hirtenwort verlesen. Alle in Holland sollten von der Nazigewalt gegen die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und dem kirchlichen Widerstand erfahren. Statthalter Seyß-Inquart war wütend und setzte sein „Angebot“ umgehend aus. Die Woche darauf ließ er katholisch konvertierte Jüdinnnen und Juden zur Deportation abholen, unter ihnen Edith Stein.

Am späten Sonntagnachmittag des 2. August 1942 tauchten zwei SS-Unteroffiziere im Kloster der Klarissen in Echt/Holland auf und verlangten nach der „jüdischen“ Nonne Edith Stein. Die Schwester an der Pforte wehrte ab. Das sei hier ein Klausurkloster.

Rasche Verhaftung

Niemand könne einfach hereinspazieren und nach einer Mitschwester verlangen. Die beiden Soldaten ließen sich nicht abwimmeln und wurden laut. Als die Priorin Mutter Antonia herbeigeeilt kam, wurde ihr die bedrohliche Situation rasch klar. Die Gestapo wollte die Schwester Teresia Benedicta a Cruce, so der Ordensname von Edith Stein, die in Echt Zuflucht gefunden hatte, abholen zur Deportation. Der Einwand von Mutter Antonia, dass eine Ausreise in die Schweiz ins Kloster Le Pâquier bevorstehe, beeindruckte das Verhaftungskommando nicht. Mitkommen, lautete der Befehl. Das betraf auch Rosa Stein, eine leibliche Schwester von Edith. Als Laien-Tertiarin des Ordens wohnte sie auch im Kloster. Edith hatte ihr dort Unterkunft und Arbeit verschafft.

Der Mutter Priorin blieb nichts anderes übrig als Schwester Teresa aus der Klausur rufen zu lassen. Die Soldaten gaben ihr nur fünf Minuten Zeit. Draußen an der Straßenecke warte ein Lastwagen. Schwester Teresa konnte ihren Mitschwestern noch zurufen, dass sie beten sollten, viel beten. Dann bestieg sie mit Rosa den Wagen. Die zwei wurden letztlich ins berüchtigte Durchgangslager Westerborg gebracht. Edith behielt die ganze Zeit ihr Ordensgewand an, auch bei der Deportation nach Auschwitz und bis zum Gang in die Gaskammer.

Schon unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers hatte die damals angesehene Philosophin und autodidaktische Theologin Edith Stein beklagt, dass das antisemitische Naziregime gegenüber der jüdischen Bevölkerung gewalttätig agiere. In einem Brandbrief an Papst Pius XI. Anfang April 1933 beschwor sie den Stellvertreter Jesu, dieses schändliche Verhalten öffentlich zu verurteilen und für die bedrängten Jüdinnen und Juden einzutreten. Zudem prophezeite sie dem Papst, dass die Nazis bald auch eine veritable Kirchenverfolgung vom Zaun brechen würden. Das Schweigen Roms bislang sei unerträglich. Man solle sich nichts vormachen, die Verantwortung für die jüdischen Opfer falle auch auf jene, die dazu schwiegen, so Edith dezidiert.

Hellsichtiger Brief einer Konvertitin

Die aus Breslau stammende Jüdin Edith Stein hatte sich nach einem längeren Entscheidungsprozess Anfang 1922 mit 30 Jahren katholisch taufen lassen. Ediths Mutter und einige Geschwister (der Vater war früh verstorben) haderten schwer mit dieser Konversion. Edith mühte sich um Verständnis. Ihr Entschluss sei durch nichts anderes motiviert als durch eine ganz persönliche spirituelle Entwicklung. Maßgeblich dafür waren ihre Jahre in Freiburg im Breisgau. 1916 war sie dem international bekannten Philosophen Edmund Husserl dorthin gefolgt und promovierte bei ihm mit summa cum laude.

Rasch wurde sie danach für zwei Jahre Husserls unentbehrliche Assistentin. Schon während ihrer Gymnasialzeit hatte sich Edith intellektuell von ihrem jüdischen Glauben entfremdet. Auch dem Christentum stand sie sehr kritisch gegenüber. Doch der enge Kontakt zu den Lioba-Schwestern in Freiburg und zunehmende Zweifel an ihrem aufgeklärt-atheistischen Selbstverständnis ließen sie den Weg zur christlichen Mystik finden. Ihrer jüdischen Herkunft blieb sie aber weiterhin verbunden. Diese Wurzel zu kappen kam für sie nicht in Frage. Bis zu ihrem Eintritt als unbeschuhte Klarissin in den Kölner Karmel 1933 arbeitete Edith als Lehrerin, Dozentin und hielt Vorträge im In- und Ausland. Habilitationsversuche blieben erfolglos, weil sie schlicht und ergreifend das falsche Geschlecht hatte.

Den prophetisch-aufrüttelnden Brief Edith Steins vom April 1933 bekam Pius XI. zeitig vorgelegt. Doch mehr als eine Anfrage beim Nuntius in Berlin, was man für die jüdischen Menschen tun könne, kam nicht. Nuntius Cesare Orsenigo beeilte sich zurückzuschreiben, dass der Antisemitismus jetzt Regierungspolitik sei und sich daher eine Einmischung Roms verbiete. Vier Jahre später musste Pius XI. dennoch Klage in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (März 1937) erheben. Thema waren aber nur die von Edith Stein vorausgesagte Kirchenverfolgung der Nazis und deren „neu-heidnische“ Weltanschauung, nicht die fortgesetzte Judenunterdrückung im Reich.

Eugenio Pacelli, der Edith Stein persönlich kennengelernt hatte und 1939 die Nachfolge Pius XI. antrat, beendete die zunehmende Konfrontationspolitik seines Vorgängers. Pacelli wollte keinen offenen Konflikt mit Berlin wegen der Judenfrage. Gegen die Deportationen überall im besetzten Europa oder gar gegen Massenermordungen nahm er keine Stellung.

Papst Pius XII. – Abwägung der Folgen

Pius XII. erfuhr aus der Zeitung von dieser sogenannten Vergeltungsaktion. Später wird seine langjährige Haushälterin Schwester Pascalina bezeugen, dass der Papst schockiert gewesen sei. Er habe daraufhin ein Protestschreiben ähnlich dem der holländischen Bischöfe sogleich verbrannt. Ein päpstliches Wort gegen die Deportationen würde sicherlich weit schlimmere Vergeltung provozieren als gerade in Holland, so Pius. Deshalb müsse er weiterhin schweigen. Seine bischöflichen Mitbrüder vor Ort sahen das anders. Trotz der angedrohten Maßnahmen gegen die Konvertiten hielten die holländischen Bischöfe ihren Kanzelprotest für geboten.

Hinter dieser gegensätzlichen Beurteilung steckt ein ethisches Grundproblem, dass besonders die Diplomatie kontrovers herausfordert: Wie soll man, wie muss man gegenüber Staaten handeln, die sich schwerster Gewalttaten schuldig machen? Wann ist Nichteinmischung und Neutralität geboten, wann Widerstand? Hängen diese Fragen vom erwarteten Nutzen und Schaden ab, nachdem die betroffenen Güter und Werte abgewogen und die Folgen abgeschätzt sind? Das ist tägliches Brot der Diplomatie – wer wollte das bestreiten. Doch es gibt Situationen, wo die Güter- und Folgenabwägung ethisches Bauchgrimmen verursacht. Es sind Fälle, bei denen grundlegende Werte auf der Waage liegen, gegen deren Abwägung und Folgenkalkulation sich das Gewissen sträubt.

Die Deportation Edith Steins wirkt hier wie ein Brennglas. Im Sommer 1942 war Papst Pius XII. an einem Punkt angelangt, wo er seine Schweigehaltung aufgeben und zum offenen Widerstand gegen die Judendeportationen übergehen wollte. Seit knapp einem Jahr hatte er von mehreren Seiten verlässliche Nachrichten darüber erhalten, dass im Osten ein monströser Judengenozid angelaufen sei. Doch das Schicksal der Konvertiten in Holland stoppte seinen Sinneswandel abrupt. Fortan blieb er dabei, dass sein Schweigen wegen der möglichen Folgen unbedingt notwendig sei. „Ad maiora mala vitanda“ (um größere Übel zu vermeiden), so formulierte er es einige Monate später in einem Brief an Konrad Graf von Preysing, dem Bischof von Berlin. Bis heute ist diese Argumentationsfigur quasi Goldstandard zur Rechtfertigung Pius XII. bis hinauf zu Benedikt XVI. emeritus und Papst Franziskus.

Eine andere ethische Position nahmen die holländischen Bischöfe im Sommer 1942 ein. Für sie waren die betroffenen Werte unverhandelbar. Den Bischöfen war klar, dass den katholisch getauften Juden und Jüdinnen Unheil drohte, so wie all den anderen Juden in Holland. Sie saßen gemeinsam in einem Boot. Der Utrechter Erzbischof de Jong und seine Mitbrüder sahen es als ihre Pflicht an, für die jüdische Bevölkerung einzutreten und zwar unterschiedslos für alle in diesem Boot. Daher entschieden sie sich bewusst gegen eine konsequentialistische Bilanzierung ihres Handelns zugunsten der gerechten und barmherzigen Fürsprache für die jüdischen Menschen Hollands in ihrer größten Not.

Absoluter Schutz von Werten

War das blinder Heroismus und naiv dazu? Für die Verteidiger des päpstlichen Schweigens ist klar: Hätten sich die holländischen Bischöfe doch zurückgehalten! Hätten sie sich doch klug verhalten, so wie Papst Pius! Nach dem Soziologen Max Weber, der die einflussreiche Unterscheidung zwischen „blinder“ Gesinnungsethik und „realpolitischer“ Verantwortungsethik einführte, hätten die Bischöfe danach eine fatale gesinnungsethische Entscheidung getroffen. Pius XII. dagegen habe verantwortungsethisch gehandelt, indem er die Folgen kalkulierte.

Dieses Urteil ist ungerecht. Denn auch gesinnungsethische Entscheidungen sind verantwortungsvoll, wenn höchste Werte bedroht sind. Es reicht nicht, immer wieder wie ein Mantra zu rufen: die Folgen! die Folgen! und dann selbstverständlich zu erwarten, dass alle zustimmend nicken. Hier wird gern ausgeblendet, dass die christliche Werteethik (herkömmlich Tugendethik) in erster Linie gar nicht von den Folgen her denkt, sondern den Wert an sich in den Mittelpunkt stellt. Ihn gilt es zu schützen oder zu fördern. Und wenn ein Wert unveräußerlich ist, verbietet sich jegliches utilitaristisches Abwägen mit Starren auf die Folgen.

Mit ihrem offenen Eintreten für alle bedrohten Jüdinnnen und Juden wollten die holländischen Bischöfe einen solch unveräußerlichen Wert schützen. Genauso dachten beispielsweise der Berliner Bischof Preysing und weiterhin Erzbischof de Jong sowie andere, die nach reiflicher Überlegung Pius XII. mehrfach baten, doch öffentlich für die jüdischen Menschen einzutreten. Pius ließ sich davon aber in seiner Schweigehaltung nicht beeinflussen. Die Folgen blieben für ihn ethisch ausschlaggebend.

Hier sei an den gern übersehenen Schlussgedanken von Max Weber in seinem politischen Essay zur Verantwortungsethik erinnert. Weber merkte würdigend zur Gesinnungsethik an, dass es Situationen gebe, in denen im vollen Bewusstsein der Folgen gesagt werden müsse: „Ich kann nicht anders, hier stehe ich.“ Verantwortungsethik und Gesinnungsethik seien daher keine Gegensätze, sondern Ergänzungen, die den „echten Menschen ausmachen“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Keine Ausnahme

Edith Stein lehnte im Lager Westerborg jede Sonderbehandlung ab. „Wir fügen uns wieder zu unseren Brüdern und Schwestern unseres Volkes in der Stunde ihrer Not, […]“, sagte sie zu einem Angestellten des lagerinternen Judenrates. Und als ihr von anderer Seite angeboten wurde, etwas für sie zu tun, wehrte sie entschieden ab. Sie wolle keine Ausnahme. Es sei doch gerade Gerechtigkeit, dass sie und auch die anderen keinen Vorteil aus ihrer Taufe ziehen.

Am 9. August 1942 ging Edith mit ihrer Schwester Rosa und vielen Namenlosen in die Gaskammer in Ausschwitz-Birkenau.
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Autor: Dr. Klaus Kühlwein arbeitet beim Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg. Sein Schwerpunkt: Vatikan/Kirche in der NS-Zeit

Redaktioneller Hinweis: Eine ausführliche Darlegung der historischen Abläufe findet sich bei Basilius J. Groen, Papst Pius XII., die Shoa und der römisch-katholische Episkopat in den Niederlanden. Der Papst, die Bischöfe, die Juden und die Laien, in: M. Sohn-Kronthaler/R.K. Höfer (Hrsg.), Laien gestalten Kirche. Diskurse – Entwicklungen – Profile (FS Liebmann), Innsbruck-Wien 2009, 109-142.

Bild: © 1971markus@wikipedia.de / Cc-by-sa-4.0

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