one moment. Eine Erinnerung an den Dichter Robert Lax

Angesichts medialer Dauererregung und zunehmender Polarisierungen ist es heilsam, an einen Menschen zu erinnern, der anders gelebt und gedacht, gesprochen und gehandelt hat – als eine leise Ermutigung. Von Max-Josef Schuster

Der Schriftsteller und Musiker Hartmut Geerken erinnert sich:

„ich traf ihn ‚zufällig‘ anfang 1982 in athen & seit dieser zeit verbinden uns sehr lange oder sehr kurze spaziergänge, eine bemerkenswert groteske korrespondenz & geheimnisvolles gelächter entweder unter vier augen oder über telefon. wir hören völlig abseitige musik aus indien und tibet, von den eskimos & sun ras galaktische klänge vom saturn. manchmal verbeugen wir uns grundlos & hektisch voreinander, machen unvorhersehbare knickse & wenn wir zusammen durch athen, zürich, münchen, skala & durch die senne oder am ammersee entlang gehen, könnte so mancher, der uns sieht, meinen, hinter unseren schritten stünde eine ausgeklügelte choreografie.

viele wörter, die wir wechseln, werden zu einem feuerwerk. manche unserer dialoge enden in einem vollkommenen unsinn. wenn wir nicht mehr weiterwissen, sagen wir uut! uut! uut! in allen tonarten & variationen, oft wie zwei heulende hunde.“ 1

Der große Unbekannte: verrückt und kontemplativ.

Szenenwechsel: Das Brustbild eines Greises mit schlohweißem Bart. Fast reglos sitzt er vor einem Wandteppich, schweigt 24 lange Minuten. Im Raum: Stille. Nicolas Humbert und Werner Penzel, die Macher dieses Films („My eye your eye“) erzählen: „Kollektives Schweigen wurde zu einer normalen Übung, wenn wir miteinander filmten. Wir nannten es ‚schweigende Jam-Sessions‘“.

Diese Erinnerungen an Robert Lax (1915-2000) zeigen zwei Pole, die sich durchdringen: Lax, der „Verrückte“, Unangepasste und Kreative – und Lax, der Kontemplative.

Bis heute ist Robert Lax der große Unbekannte unter den bedeutenden US-Dichtern. Er war jedoch hoch geachtet in der damaligen Avantgarde: von Jack Kerouac über William S. Borroughs, Allen Ginsberg und Ad Reinhardt bis Eugen Gomringer. Mit Jazz-Musikern und Weltraumfahrern pflegte er intensive Kontakte. Sein bester Freund war der Trappistenmönch Thomas Merton (1915-1968), dem er ins Kloster listig verschlüsselte „Anti-Letters“ schrieb.

Mit einer Frömmigkeit, die sich aus vielen Quellen nährte.

Nachdem Lax in New York als innovativer Literat, Publizist und Kritiker aktiv war und nach Reisen durch Kanada und Europa fand er 1974 seine Heimat auf Patmos, wo er Gedichte schrieb, zeichnete, Katzen fütterte, meditierte, Gäste empfing und eine rege Korrespondenz pflegte. Einladungen zu Lesungen und Ausstellungen, Installationen, Performances und Radio-Produktionen (legendär sind die vom Bayerischen Rundfunk aufgezeichneten Hörspiele) führten ihn in die USA, nach Australien und in viele Länder Europas, darunter zum Bielefelder Colloquium für konkrete Poesie, 1985 zu einer Retrospektive in die Neue Staatsgalerie Stuttgart und 1990 nach New York, wo ihm die St. Bonaventure University einen Ehrendoktor verlieh. 1999 würdigte ihn das Haus der Kunst in München mit der Video-Installation „Three Windows“, die auf Tournee durch europäische Museen und nach Tokyo ging.

Robert Lax pflegte eine kontemplative, aus vielen Quellen genährte Frömmigkeit: Als Jude konvertiert er 1943 zum Katholizismus; aber auch Hinduismus und Buddhismus prägen ihn. Er verkörpert ein dialogfreudiges Christentum mit interreligiösem Horizont. Humor, klare Sicht der Dinge, Ehrlichkeit und Menschenliebe machen ihn zum gesuchten Gesprächspartner.

Lakonische, urteilsfreie Beobachtungen scheinbar unbedeutender Ereignisse.

Als Absolvent der New Yorker Columbia University sitzt Lax am Strand:

„Mann in blauen Shorts zündet Zigarette an. / Mann mit rotem Rücken bückt sich, hebt Wolldecke auf. / Frau in schwarzem Badeanzug schaut ihm zu. // Mein Freund und ich fragen uns manchmal, ob wir die zwei Letzten sind mit unserer melancholischen Weltsicht. Uns beiden wird übel, wenn Hemingway sagt: Das Leben lohnt den Kampf. / Mich betrüben kleine Betrübnisse. (…) Ich werde traurig beim Anblick einer Mutter, die ein Kind schlägt. / Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr stelle ich mir vor, eigentlich möchte ich in einem Nachtclub klavierspielen und singen. Mir neue Lieder selber schreiben. Im Betrieb des Nachtlokals mithelfen.“ 2

Hier finden sich schon die lakonischen, urteilsfreien Beobachtungen scheinbar unbedeutender Ereignisse – die stete Suche nach dem richtigen Platz – die Entscheidung für das konkrete Mitfühlen – und eine Haltung, die Thomas Merton so beschreibt: „Wenn ich sagte, für jemanden, dem Trinken, Frauen, Vergnügen und Karriere etwas bedeuteten, sei es hart, Gott zu lieben und sogar zu ihm zu beten, sagte Lax, eigentlich sollte nichts hart sein. (…) Lax (…) betrachtet die Liebe Gottes als etwas Einfaches und Selbstverständliches, ebenso Christus und ebenso den größten Sünder, den Unglücklichsten von allen. So ist es mühelos, das ist klar.“ 3 

/ Berührt von mancherlei Gesichten und Geräuschen.

Lax arbeitet als Disc-Jockey und Radio-Moderator, Tutor und Werbetexter, Privatlehrer, Redakteur und Filmkritiker, Fotograf und Herausgeber einiger Zeitschriften. Immer hält er sich die Möglichkeit offen, zu gehen. 1946 landet er in Hollywood als Drehbuchschreiber:

„Die Zahl unsrer Türme ist groß, / doch klein ist ihr Glanz. / Das Wunder ist groß, / doch die Angst ist größer.“ – „Ich bin im Ungewissen, / Berührt von mancherlei Gesichten und Geräuschen. / Saiten in mir sind angerissen und vibrieren, / doch keine tief / keine mit jenem dunklen, ernsten Ton / dem schweren tiefen Ton, der dauert / oder zumindest diesen Augenblick erfüllt. / Die Worte möcht’ ich schreiben, / denn irgendwo steckt alle Schönheit in den Worten.“

Nach einem Besuch bei reichen Leuten spricht er mit einer Freundin: „Redeten davon, wie Sich-Betrinken der einzige Ausweg aus einem solchen Abend.“

Den Rest der Nacht verbringt Lax mit Ad Reinhardt auf dem Landungssteg: „Träumte von Mogador & einem Zirkus, der uns gehörte“ 4 –  hier taucht die Gegenwelt auf, die Lax prägen wird.

Die „entfaltete Grazie“ des Zirkus als Bild für die Welt.

1949 reist er mit dem Zirkus Cristiani durch Kanada. Als er gegen Ende seines Lebens gefragt wird, wie lange er mit diesem Zirkus unterwegs war, antwortet er: „Bis heute!“ 5 Die Kunst des Artisten Mogador, dem er später ein Buch widmet, beeindruckt Lax: „dass Du in einem höheren Maße als fast irgend einer, den ich kenne, das bist, was du bist.“ 6  Zirkus als Gleichnis: Anmut und Schönheit, Übung und Präsenz, Hingabe und Gnade – „entfaltete Grazie“, ein Bild für die Welt. Er lernt zu jonglieren und tritt als Akrobat auf. Im Gedichtband „Circus of the Sun“ (1959) verdichtet er seine Erfahrungen; Kritiker und Kollegen loben das Werk gleichermaßen.

1962 veröffentlicht Lax „new poems“: er zerlegt jetzt Sätze in Worte, Worte in Silben, schreibt sie untereinander in „vertikale Textsäulen“, die ihm gleichen: groß, schlank und aufrecht.

„Wenn ich kann, arbeite ich mit klaren Worten, mit Rhythmus und mit Bildern, und mit was immer sie an metaphorischer Bedeutung mitbringen: rot / blau / und wenn ich noch mehr Worte brauche, dann suche ich sie im gleichen Korb und finde weiß und schwarz, hell und dunkel.“ 7

Dichtung, nahe an Musik.

„Inhalt von Lax’ Gedichten (…) sind die Worte selber, ihr Aussehen auf der Seite, ihr Klang beim Vorlesen; das heisst, das Objekt selber. Keine Geschichte und keine Beschreibung, keine Botschaft und keine Hyperbel; nur die Worte“ 8 – eine „Dichtung nahe an Musik“ (Sigrid Hauff):

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Lax kennt Armut am eigenen Leib: In Harlem arbeitet er im „Friendship House“ für Mittellose; in Marseille lebt er in den Slums; in Rom setzen ihn die Trappisten auf die Straße, weil seine Schreibmaschine die Stille stört. Mittellos übernachtet er unter Brücken oder auf Bänken – und übt sich im Warten, im Wahrnehmen der reinen Gegenwart. Die „Dunkle Nacht“ des Johannes vom Kreuz begleitet ihn.

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Texte in großen Müllsäcken.

Im Wachsein reift der Entschluss, New York zu verlassen – in Richtung der griechischen Inseln. In diesen Jahren erscheinen erste Texte auf deutsch. Von Anfang an hat sich Lax dem Literaturbetrieb verweigert. Gedichte, Tagebücher, Notizen und Fabeln erscheinen in kleinen Verlagen, sind rasch vergriffen. Auf Patmos sammelt Lax seine Texte in großen Müllsäcken. Freunde fürchten, dass sie eines Tages entsorgt werden, und bringen sie ins Lax-Archiv der St. Bonaventure University. 11

In Griechenland sieht Lax manches klarer:

„Wieder ist ein tag vorüber. Tausend dinge sind geschehen. Aber dich habe ich nicht gefunden. // Nicht, dass ich es wüsste. // Der morgen kommt, die dämmerung naht. Ein neurasthenischer gockel nach dem andern erwacht mit einem bebenden schrei.“ 12

„Niemand hält ein Schild hoch, das sagt: ‚Achte auf die mystischen Untertöne!‘“

Privat spricht Lax offen über seinen Glauben; seine Dichtung bleibt vieldeutig: „Niemand hält ein Schild hoch, das sagt: ‚Achte auf die mystischen Untertöne!‘“ 13

Lax lebt jetzt wie ein Mönch. Aber ist er einer? Er sagt: „Ich könnte mit der Armut leben und könnte mit der Keuschheit umgehen, aber der Gehorsam …“ 14 Vielleicht ist er es wie sein Freund Ad Reinhardt, der „schwarze Mönch“, der in seinen letzten Jahren schwarze Bilder malte; Merton bestellte eines als Meditationsbild.

Seit den fünfziger Jahren setzt sich Lax für den Frieden ein, übt eine sanfte, entschiedene Gewaltfreiheit. Auf die Klage eines Besuchers, die Erde sei völlig verrückt geworden, antwortet er: „Ja wirklich, ich habe das letzten Mittwoch auch entdeckt!“ 15

Im Leben kommt es nur auf Liebe und Aufmerksamkeit an.

Viele Gedichte sind Übungen, um aufmerksam gegenwärtig zu werden: „Zuallererst schreibe ich, um mich selbst und meine Beziehung mit allem anderen besser zu verstehen. (…) Ich schreibe, wie ich atme, und ich atme, wie ich schreibe.“ 16 Kunst und Leben verknüpfen sich immer mehr. Im Leben, sagt Lax, komme es nur auf Liebe und Aufmerksamkeit an: genau das brauchten auch seine Katzen. 17

Als Lax krank wird, bringen seine Angehörigen ihn, den Nicht-Flieger, per Auto und Schiff in die USA zurück. Am 30.11.2000 stirbt er in seinem Elternhaus in Olean.

Noch einmal Hartmut Geerken: „der radikalen bescheidenheit des poeten bobo sambo entsprechend könnte man am ende die frage aufwerfen: gibt es robert lax überhaupt?“ 18

 

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© Foto: Copyright Paul J. Spaeth / Robert Lax Archive, St. Bonaventure University

Max-Josef Schuster ist Pastoralreferent in Nürnberg. Die Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg hat Robert Lax mit einer Konzertlesung geehrt: https://www.youtube.com/watch?v=SSl0vtfygIU.

 

  1. hartmut geerken, erwartet bobo sambo ein geräusch? erwartet er eine stimme?, in: lax: readings & realisations, obermichelbach 1999, ohne Seitenzahl
  2. Robert Lax, journal E / tagebuch E, Zürich 1996, 9
  3. Thomas Merton, Run to the Mountain. The Story of a Vocation (1939-1941), San Francisco 1995, 72; zitiert in: Peter Wild, Von der Wachheit des Wartens. Robert Lax spirituell gelesen, Ostfildern 2010, 137f
  4. Robert Lax, journal E / tagebuch E, Zürich 1996, 47. 67. 77
  5. Jack Kelly, Robert Lax – Coming Home / Robert Lax kommt nach Hause, in: Robert Lax, Museum Tinguely Basel, Bern 2004, 141
  6. Robert Lax, mogador’s book / für mogador, Zürich 1992, 67
  7. Sigrid Hauff, eine linie in drei kreisen. die innere biografie des robert lax, München 1999, 134
  8. Paul J. Spaeth, Robert Lax and the City: An Uneasy Relationship / Robert Lax und die Stadt: eine wechselhafte Beziehung, in: Robert Lax (Anm. 5), 191
  9. Robert Lax, the hill / der berg, Zürich 1999, 30
  10. Sigrid Hauff, eine Linie in drei kreisen (Anm. 7), 106
  11. Robert Lax. Poesie der Entschleunigung. Ein Lesebuch, hg. v. Sigrid Hauff, München und Zürich 2008, 23
  12. Robert Lax, the hill / der berg, Zürich 1999, 39
  13. Mit Robert Lax die Träume fangen, hg. v. Steve Theodore Georgiou, Freiburg i. Br. 2006, 74
  14. Jack Kelly, Robert Lax – Coming Home (Anm. 5), 141
  15. Poesie der Entschleunigung (Anm. 11), 27
  16. Mit Robert Lax die Träume fangen (Anm. 13), 78
  17. Sigrid Hauff, eine linie in drei kreisen (Anm. 7), 145
  18. hartmut geerken, erwartet bobo sambo ein geräusch? „bobo sambo“ ist einer der Phantasienamen, die Lax in Briefen für sich gefunden hat (so auch Chretien de Troyes, Archbishop Mucculloch, Sam, D. Scott Decision, Barnacle Joe Frobenius, Tiger, Captain Muckridge …)
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