Im Rückspiegel: Heimat

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Für Christen und Christinnen, so Hans-Joachim Höhn, ist „Heimat“ weniger Herkunftsbezeichnung als Zielbestimmung. Denn jede Gastfreundschaft, jede Beheimatung besteht nur auf Zeit und kann das Moment der Fremdheit nicht vollends tilgen.

„Heimat“ – für geraume Zeit war dieser Begriff eingeklemmt zwischen „Vaterland“ und „Muttersprache“. Seitdem weist er Spuren des ideologischen Missbrauches, aber auch der kitschigen Banalisierung auf. Oft wird er großen Worten vorangestellt und reduziert ihren Gehalt auf ein provinzielles Maß: Heimaterde, Heimatliebe, Heimatmuseum, Heimatroman. Gerne nimmt das Wort „Heimat“ auch Platz an Stammtischen. Es liebt den Dialekt, bevorzugt Landluft, zieht an Sonntagen den Trachtenanzug an und Kuckucksuhren schlagen ihm die Stunde.

Heimatklischees

Wer auf solche Stereotypen verweist, steht inzwischen im Verdacht, auf überholte Klischees hereinzufallen. Denn längst hat sich „Heimat“ auch einen Platz im Wörterbuch der Sozialkritik gesichert. Linke und grüne Intellektuelle holen es aus dem Sprachexil zurück. Heimat und Tradition gelten angesichts der Globalisierung neoliberaler Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte als wichtige Ressource für die Wahrung des Eigenstandes und Eigenrechtes des kulturell Partikularen und regional Besonderen. Kriegsflüchtlinge, Asylsuchende, Migrantinnen und Migranten haben der Debatte um Heimat und Fremdheit eine neue, politisch brisante Wendung gegeben und sie auf dramatische Weise aus dem Winkel des Provinziellen herausgeholt. Allerdings hat diese Entwicklung nichts daran geändert, dass von „Heimat“ meistens dann Gebrauch gemacht wird, wenn man in einen Rückspiegel schaut. Der aktuelle Heimatdiskurs ist retrospektiv ausgerichtet. Wer „Heimat“ definieren soll, kommt offensichtlich ohne eine biographische, kulturelle oder historische Rückblende nicht aus.

Für viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen gilt „Heimat“ als jener Zeit-Raum ihrer Kindheit und Jugend, in dem sie sich die Welt vertraut machten und dabei Selbst- und Weltvertrauen entwickelten. Es geht um einen Lebensabschnitt, der zwar eine Bestimmungsmöglichkeit für das eigene Herkommen darstellt. Aber zugleich ist damit die Anzeige eines Abstandes verbunden. Der Ort, an dem man mit dem Leben und mit sich selbst vertraut wurde, ist in der Regel nicht mehr identisch mit dem aktuellen Lebensmittelpunkt. „Heimat“ ist eine Entfernungsangabe. Man ist fort- und umgezogen und hat andernorts ein neues Zuhause gefunden. Und wenn man besuchsweise oder anlässlich eines Familien- oder Klassentreffens in die alte Heimat zurückkehrt, wird jeweils klar, welche Distanz zwischen „damals“ und „heute“ liegt. Anfangs wird in gemeinsamen Erinnerungen gekramt („Weißt Du noch…?“). Aber sehr rasch ist klar, wie sehr sich alles verändert hat. Da sich alle nicht gemeinsam verändert haben, endet auch diese Gemeinsamkeit, sobald der Bestand der Anekdoten aufgebraucht ist.

Fremde und Heimat – oft nur zusammen denkbar und erlebbar.

Wer von „Heimat“ spricht, verarbeitet stets auch das Fremdeln mit ihr. Fremde und Heimat – beides ist oft nur zusammen denkbar und erlebbar. Kann man in der Heimat die Erfahrung des Fremden machen und in der Differenz dazu das Eigene erfassen, so lebt man in der Fremde mit der Heimat. Sie ist präsent in der Weise des Vermissens. Sie meldet sich als Heimweh, als schmerzliche Sehnsucht nach dem Abwesenden, Vergangenen, Aufgegebenen. Von dieser Erfahrung erzählen sehr eindrücklich nicht nur Geflüchtete und Vertriebene, sondern ebenso Arbeitsmigrantinnen und Globalisierungsnomaden, die freiwillig aufgebrochen sind.

Es macht hier keinen Unterschied, ob man mit Gewalt aus der Heimat abgeschoben wurde, ob man sie aus eigenem Antrieb verließ, um irgendwo auf der Welt sein Glück zu versuchen, oder ob es dem Mut der Verzweiflung entsprang, andernorts etwas Besseres als den Tod zu finden. Was sich zuerst einstellt, ist die wehmütige Feststellung, dass etwas fehlt, das zuvor unmerklich das Leben getragen hat. Darum wird kaum jemand erfahren, was Heimat ist, der sie nie verlassen hat oder dem sie nie genommen wurde.

Wenn die Weltvertrautheit Schaden nimmt

Die Beschwörung von Heimat wird in der Regel nicht durch die Erfahrung von Kontinuität und Stabilität bestärkt, sondern durch das Spüren eines Mangels und das Erleben eines Schwindens. Wer im Heimatlichen Halt sucht, ist meist auf etwas aus, das bereits verloren ist, wovon er aber dennoch meint, es erhalten zu können. Insofern dokumentieren die in-zwischen etablierten „Heimatministerien“ weniger den politischen Willen zur Sicherung eines kulturellen Zusammenhalts, sondern decken sein abgelaufenes Haltbarkeitsdatum symbolpolitisch zu. Das romantische Ensemble aus intakter Landschaft, lebendiger Tradition und bürgerlichem Gemeinsam wird umso heftiger beschworen, je weniger es noch besteht. Beschwörungen scheitern ebenso häufig an der Realität wie Verklärungsversuche.

Für etliche DDR-Bürger/innen ist die Wende 1989/90 nicht verklärungstauglich. Ihnen wurde nicht der Boden unter den Füßen weggezogen, aber beinahe alles, was bisher darauf stand und ihnen als beständig galt. Sie wohnen immer noch am selben Ort und stellen dennoch fest: Es macht Mühe, sich im Angestammten zurechtzufinden. Haus und Hof haben sie nicht verlassen. Gleichwohl machen sie jene Erfahrung, von der sonst nur Auswanderer berichten: Sie befinden sich in einer neuen Welt. Ihre alte Weltvertrautheit hat Schaden genommen und ihr Selbstvertrauen auch. Eine Wiedergutmachung der erlittenen Beschädigung ist nicht in Sicht. Die Anfälligkeit für fremdenfeindliche Parolen mag eine Wurzel darin haben, dass man sich trotzdem an jemandem schadlos halten möchte.

Heimat nur retrospektiv bestimmbar?

Für moderne Zeiten ist typisch, dass der Mensch sich in einer Welt zurechtfinden muss, in der immer weniger von dem, was ist und war, künftig noch sein wird. Damit schwinden zunehmend alle lebensweltlichen Bestände, die geeignet schienen, Identität und Beheimatung zu geben. Zugleich entsteht ein enormer Bedarf an Wirklichkeitsvertrautheit, ohne dessen Erfüllung die ständigen Veränderungsschübe nicht auszuhalten sind. Um in der eigenen Biographie den roten Faden nicht zu verlieren, müsste es möglich sein, die jeweilige Gegenwart auf das im Wandel gleichwohl Bleibende auszurichten. Würden alle Herkunftselemente in demselben Maße veralten und verschwinden wie Innovationselemente hinzukommen, gäbe es kaum die Chance der Selbstvergewisserung. Unter dieser Rücksicht ist es zweifellos sinnvoll, Heimat als Suchbegriff für jene mitlaufenden Anfänge der Biographie einzusetzen, die einen Menschen davor bewahren mit sich selbst zu fremdeln.

Allerdings bleibt ein solcher Diskurs über Identität und Beheimatung auf die Frage beschränkt, was drohenden Verlusten an Welt- und Selbstvertrauen kompensatorisch entgegengesetzt werden kann. Bei diesem Gebrauch der Kategorie „Heimat“ schwingen vor allem Konnotationen mit, die auf all jenes verweisen, was ein vorwärtsgehender Mensch zwar hinter sich hat, was ihm aber zugleich den Rücken stärkt. Es gibt aber noch einen anderen Typus der Daseinsvergewisserung. Er stellt in Frage, dass Heimat nur retrospektiv bestimmbar ist. Er bezweifelt, dass es jenes Idyll jemals gegeben hat, das eine verklärende Erinnerung heraufbeschwört. Vielleicht ging dies Ernst Bloch durch den Kopf, als er „Heimat“ definierte: „worin noch niemand war.“ Heimat ist eine Utopie: Wir wären gerne dort, wo wir noch nie waren!

Heimat – etwas, was aussteht

Das Zukunftskonzept von Heimat fordert den Menschen auf, sich auf einen Heimweg zu machen, dessen Ziel im Fernen und Unbekannten liegt. „Heimat“ steht hier nicht für etwas Vorgegebenes, in das ein Mensch hineingeboren wird und wo er kraft seiner Geburt das Recht der Zugehörigkeit besitzt. „Heimat“ bezieht sich vielmehr auf etwas Ausstehendes. Manches spricht dafür, dass Judentum und Christentum eine „futurische“ Heimatkunde lehren. Abraham, dem Stammvater dieser Religionen, wird von Gott ausgerichtet: „Nicht Dein Geburtsort ist Dein Zuhause. Mache Dich auf einen Weg in ein Ausland, das Du nur auf dem Weg in Deine Zukunft betreten kannst“ (vgl. Gen 12,1-3). Wo die Bibel zu einer Rückblende auf die Heilstaten Gottes ansetzt, hat sie häufig Situationen der Heimatlosigkeit im Blick. An sie soll man sich erinnern, wenn göttliche Verheißungen in Erfüllung gehen: „Wenn du in das Land, das der Herr dir als Erbbesitz gibt, hineinziehst, … sollst du vor … deinem Gott folgendes Bekenntnis ablegen: Mein Vater war ein heimatloser Ara-mäer“ (Dtn 26, 1.5).

Was nicht vergeht, bringt erst jene Zukunft, auf die nichts mehr folgt.

Für Christen ist „Heimat“ keine Herkunftsbezeichnung, sondern eine Zielbestimmung ihres Lebensweges: „Wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige“ (Hebr 13,13-14). Die Beziehung zum Bestehenden manifestiert sich in einer für Außenstehende befremdlichen Verbindung von Nähe und Distanz. Christen geben zu er-kennen, dass sie „Fremde und Gäste auf Erden sind“ (Hebr 11,13). Wo sie die Welt als gastlich erleben, werden sie die damit verbundenen Freuden nicht ausschlagen. Aber jede Gastfreundschaft besteht nur auf Zeit und kann das Moment der Fremdheit nicht vollends tilgen. Endgültige Beheimatung verlangt die Entfristung von Zugehörigkeit. Nichts Innerweltliches ist jedoch von Dauer. Die Beheimatung, die Christen erstreben, hat daher ihren Anker im Unvergänglichen. Was nicht vergeht, bringt aber erst jene Zukunft, auf die nichts mehr folgt.

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Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität zu Köln. Von ihm erschienen: Ich. Essays über Identität und Heimat, Würzburg 2018.





Photo: Marton Gommel (unsplash)

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