„Die Ordnung herrscht in Berlin“

Die Republik wäre nur zu retten gewesen, wenn man sich von den Dämonen des Kaiserreiches emanzipiert und die Kosten des Krieges seinen Profiteuren in Rechnung gestellt hätte. Stattdessen kollaborierte man mit ihren Feinden aus Furcht vor der Revolution. Zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts vor 100 Jahren. Von René Buchholz.

„Wer hat bei uns den politischen Mord heimisch gemacht? Wurden Kurt Eisner und Rosa Luxemburg von Kommunisten ermordet? Wer hat gegen Rathenaus Politik ständig gehetzt? Wer seine Person unablässig verleumdet? Immer waren es die von rechts, immer wieder waren es die Feinde des neuen Staats.“ (Mayer 1993: 333) Wer sich hier nach Auskunft des Historikers Gustav Mayer derart echauffierte war kein geringerer als der evangelische Theologe Ernst Troeltsch, der mit seinen Spectator-Briefen die Entstehung der Weimarer Republik kritisch kommentierte und die Bedrohung durch die extreme Rechte deutlich benannte. Die Ermordung Luxemburgs und Liebknechts am späten Abend des 15. Januar 1919 war gleichsam das Fanal für weitere Verbrechen; es folgten Kurt Eisner im Februar, Gustav Landauer im Mai, Matthias Erzberger 1921 und Walter Rathenau 1922. So zeigte sich schon früh, dass die junge Republik die alten Gespenster nicht losgeworden war.

Gegen die alten Gespenster in der jungen Republik.

„Die Weltherrschaft der ‚Dicken Bertha‘“, wie Rosa Luxemburg die imperialistischen Wunschträume bezeichnete (Luxemburg 2018: 73), blieb aus. Der Krieg endete, wie sie es vorausgesehen hatte, in einem Desaster. Die Hekatomben von Menschenopfern waren einem Wahngebilde geopfert worden; der Tod von Millionen völlig sinnlos. Eben diese Erkenntnis und nicht zuletzt die herrschende Not entzogen der politischen und militärischen Leitung eben jenes Vertrauen, das man nie in sie hätte setzen dürfen. Dies offen ausgesprochen zu haben, und zwar nicht erst angesichts der absehbaren Niederlage, provozierte den Hass aller reaktionären Gruppen gegen die USPD und den Spartakus. Er war aber, was so unterschiedliche Politiker/innen wie Luxemburg, Eisner, Landauer oder Rathenau betrifft, nicht allein von autoritären und chauvinistischen, sondern ebenso von antisemitischen Motiven bestimmt. Sie reichten bis tief in die Sozialdemokratie, verkörperte Rosa Luxemburg doch den Status der Außenseiterin „as a Jew, a woman, and a Pole“ (Anderson/Hudis: 165) – und, nicht zu vergessen, die gefährliche Erinnerung an geopferte Ziele und Hoffnungen.

Leidenschaftliche Kritik am entfalteten Kapitalismus.

In Zeiten, in denen Politik sich beschränkt auf das kühle Management jener Krisen, die das ungebremste Profitinteresse verursachte, wirken die oft mit Leidenschaft geschriebenen Analysen des Kapitalismus und der politischen Situation in Polen, Russland und Deutschland fremd. Luxemburgs Kritik des entfalteten Kapitalismus war radikal, d.h. sie begnügte sich nicht mit einzelnen Ausbesserungen am System, sondern betraf, Marx folgend, die Produktionsverhältnisse; sie war aber nicht im Sinne Horkheimers ‚radikalistisch‘: eine sozialistische Dogmatik mit fertigen Rezepten und Denkverboten, wie sie spätestens Ende der zwanziger Jahre in der Sowjetunion und in der von ihr mehr und mehr abhängigen KPD ausgebildet wurde (man hätte wohl Rosa Luxemburg gleich mit Werner Scholem ausgeschlossen), blieb ihr ebenso fremd wie die Ablehnung jeglichen Kompromisses um der Reinheit der Lehre willen – solange die politischen Ziele nicht preisgegeben wurden. Eben dies warf sie Eduard Bernsteins Abkehr von der Revolution vor, an deren Stelle eine Evolution zum Sozialismus treten sollte.

Sieg des Nationalismus über die internationale Arbeiterbewegung.

Zusammen mit Karl Liebknecht geißelte sie 1914 die Bereitschaft der sozialdemokratischen Mehrheit, aus patriotischer Gesinnung oder blankem Opportunismus die Kriegskredite zu bewilligen. Mindestens in diesem Punkt sollte sie recht behalten: Der Krieg bedeutete den Sieg des aggressiven Nationalismus über die internationale Arbeiterbewegung, und zwar nicht nur wegen der Spaltung der Linken. Als deutsche und französische Arbeiter in einem wahnwitzigen, von Deutschland zu verantwortenden Krieg aufeinander schossen, war die Arbeiterbewegung am Ende; was folgte, war die lange Agonie bis 1933.

Luxemburg wie Liebknecht sahen fast bis zuletzt eine objektive Möglichkeit revolutionärer Veränderung. Sie war ihnen zugleich die einzige Alternative zur Degeneration der Arbeiterbewegung in eine muffige Interessensgemeinschaft; daher die schroffe Kritik an Bernsteins Revisionismus. Die revolutionäre Option bedeutete den Bruch mit den überkommenen Verhältnissen, nicht aber die Verherrlichung von Gewalt und Terror; „denn wir sind die letzten, die zu Gewalttaten greifen, die eine brutale Revolution herbeiwünschen könnten. Aber solche Dinge hängen nicht von uns ab, sondern von unseren Gegnern.“ (1899; Werke III: 191) 1918 schien der revolutionäre Kairos, wie vorher in Russland, erfüllt. Aber man war in Deutschland und dort sind Revolutionen, wenn sie denn wegen einer vorübergehenden Schwächung der Obrigkeit stattfinden, auf behördliche Anordnung unverzüglich einzustellen.

„Ihr stumpfen Schergen!“

Nachdem Wilhelm II. abgedankt, Scheidemann – und zum Verdruss der Sozialdemokratie auch Liebknecht – die Republik ausgerufen hatte, sollte eine weitergehende Veränderung der Gesellschaft im Sinne des Spartakus abgewendet werden. Die Ordnung wurde mithilfe eben jener paramilitärischen Gruppen gesichert, die der neuen Republik gegenüber feindlich eingestellt waren. „Ihr stumpfen Schergen!“, heißt es noch im Januar 1919. „Eure Ordnung ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höh̕ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein! “ (Luxemburg 2018: 81)

Aber die auf Ex 4,14 anspielende Theophanie der revolutionären, befreienden Macht blieb ein Wunsch und die Revolution erhob sich nicht mehr. Stattdessen wurden Liebknecht und Luxemburg im Auftrag von Hauptmann Waldemar Pabst und unter Duldung des Reichswehrministers Gustav Noske (SPD) von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division erschossen, der Leichnam Luxemburgs im Berliner Landwehrkanal entsorgt; die Vorgänge hat Klaus Gietinger akribisch rekonstruiert. Die Mörder wurden für ihre Tat nicht belangt; der Prozess blieb eine Farce.

Der Untergang der Hoffnungen – und der Weimarer Republik.

Am Untergang von Hoffnungen mag der säkularisierte Paganismus sich erfreuen; wer auch immer die Menschen nicht schlechthin mit dem Staub identifiziert, dem sie entstammen, wird eher die Trauer teilen. War, wie Gietinger meint, „mit dem Leichnam Rosa Luxemburgs auch schon die Weimarer Republik im Landwehrkanal untergegangen“ (Gietinger 1995: 116)? Manches spricht dafür, nicht zuletzt der Umstand, dass sich die junge Republik ausgerechnet auf ihre Todfeinde stützte, um die ohnehin schwache Revolution zu beenden und eine Ordnung zu errichten, die von großen Teilen der Gesellschaft abgelehnt wurde. Darüber können auch die kulturellen Aufbrüche und der beachtliche Modernisierungsschub, der nach 1945 erst wieder eingeholt werden musste, nicht hinwegtäuschen.

Die Republik wäre nur zu retten gewesen, wenn alle, die an ihrem Fortbestand interessiert waren, sich von den alten Mächten, den Dämonen des Kaiserreiches, politisch wie mental emanzipiert und die Kosten des Krieges seinen Profiteuren in Rechnung gestellt hätten. Stattdessen kollaborierte man mit den Feinden aus Furcht vor der Revolution. Zeitgleich mit Troeltsch, anlässlich der Ermordung Walter Rathenaus, formulierte der Zentrumspolitiker und Reichskanzler Joseph Wirth: „Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts.“ Dies ist auch heute noch – angesichts der Renaissance von Nationalismus und Autoritarismus – aktuell.

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René Buchholz ist Mitarbeiter in der kirchlichen Erwachsenenbildung der Erzdiözese Köln und Apl. Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Bild: Manfred Bückels, wikimedia Creative commons

Literatur:

Karl Liebknecht, Gesammelte Reden und Schriften, 9 Bände, Berlin (Ost) 1958-1971.

Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, hrsg. von Clara Zetkin und Adolf Warski, Bände III, IV und VI, Berlin 1923-28.

– Gesammelte Werke, Bände 1-5, Berlin (Ost) 1970-1975, Neuauflagen seit 2000, 2 Ergänzungsbände, Berlin 2014/17, hrsg. von Annelies Laschitza.

– Gesammelte Briefe, 6 Bände, Berlin 1982-84/93.

– Friedensutopien und Hundepolitik. Schriften und Reden. Mit einem Essay von Dietmar Dath, Stuttgart 2018.

– Die Russische Revolution. Eine kritische Würdigung, hrsg. von Paul Levi, Berlin 1922.

Kevin B. Anderson / Peter Hudis, Rosa Luxemburg (1871-1919). Universalism and Particularism, in: Jacques Picard et al. (eds.), Makers of Jewish Modernity. Thinkers, Artists, Leaders, and the World they Made, Princeton (NJ) – Oxford 2016, 159-172.

Elzbieta Ettinger, Rosa Luxemburg. Ein Leben, Bonn 1990.

Paul Frölich, Rosa Luxemburg: Gedanke und Tat, Paris 1939.

Klaus Gietinger, Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L., Berlin 1995; überarb. Neuauflage Hamburg 2009, 2. durchges. Auflage 2018.

Max Horkheimer: Radikalismus. Gespräch mit Jürgen Schultz, in: ders., Gesammelte Schriften, Band 7, hrsg. von Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt/M. 1985, 405-414.

Annelies Laschitza,: Karl Liebknecht. Eine Biographie in Dokumenten. Berlin 1982.

– Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine Biographie, Berlin 2000.

Gustav Mayer, Erinnerungen. Vom Journalisten zum Historiker der deutschen Arbeiterbewegung (1949), Reprint, hrsg. von Julius H. Schoeps, Hildesheim-Zürich-New York 1993.

 

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