Heute, am 25.5.2026 veröffentlichte Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika über die „großartige Menschheit“ (Magnifica Humanitas) – eine Sozialenzyklika mit dem Fokus auf die digitale Revolution. Der Medienethiker Alexander Filipovic´ (Wien) mit einer ersten Analyse.
Die Herausforderungen einer zweiten, nämlich digitalen industriellen Revolution sind das Thema der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. Kurz nach seiner Wahl hat Leo seine Namenswahl genau damit erläutert: Leo XIII. hat mit Rerum novarum an entscheidender historischer Zeitenwende die Soziallehre der Kirche erfunden und dabei mit dem Fokus auf arbeitende Menschen die Notwendigkeit von sozialen Rechten festgehalten. Heute befinden wir uns mitten in einer weiteren, vermutlich ebenso entscheidenden Zeitenwende: Technologien Künstlicher Intelligenz verwandeln unsere Welt, wie wir sie kennen. Einige stürmen, so der Papst, in dieser Zeit voran, sie wetteifern um die Zukunft der neuen Technologien, setzen sich damit intensiv auseinander und andere verharren „in einer Art Wartestellung“ und hoffen einfach, „dass alles gut gehen wird“ (6) Der Papst begreift diese Situation als „die große Baustelle unseres Zeitalters“ (90) und betont, dass wir Entscheidungen nicht „über unsere Zukunft, sondern über unsere Gegenwart“ treffen müssen, „denn KI und die anderen aufkommenden Technologien sind bereits Teil unseres Alltags“ (90).
Babel steht für menschliche Hybris
Die biblische Leiterzählung und Rahmung für diese Aufgabe ist der Gegensatz zwischen dem Turmbau zu Babel und dem Wiederaufbau der Mauern Jerusalems unter Nehemia. Babel steht für menschliche Hybris: „Babel offenbart somit die Grenzen eines jeden noch so grandios anmutenden Gebildes, das aus der Verabsolutierung des Menschen und aus seiner anmaßenden Autarkie entsteht, das die Würde der Menschen der Effizienz opfert und danach strebt, den Himmel ohne den Segen Gottes zu erreichen.“ (7) Die andere Art und Weise, die Baustelle anzugehen, der Aufbau Jerusalems, steht für Beziehung und Solidarität: „Es ist ein Werk, bei dem Gott im Mittelpunkt steht und das Beziehungen wiederherstellt, noch bevor die Steine wiederaufgeschichtet werden. Das alte Jerusalem findet so wieder zu einer gemeinsamen Sprache, aber nicht zur Sprache der Gleichförmigkeit, sondern zu jener der Gemeinschaft: der Harmonie, die entsteht, wenn jeder seinen Teil beiträgt und das ganze Volk erkennt, dass seine Kraft vom Herrn kommt.“ (8)
Es geht also um die Art und Weise, wie man Technologie „baut“. Hier kommt eine Stärke der Enzyklika zum Tragen: Künstliche Intelligenz wird als Technologie begriffen, die als Technologie weder gut noch böse, aber eben auch nicht neutral ist. Künstliche Intelligenz kann also gut eingesetzt werden, aber auch machtbesessen und ausbeuterisch. Aber sie führt als gestaltete Technik immer Werte mit sich, die den Lauf der Welt prägen. Leo hält daraufhin fest: „Daher ist die erste Entscheidung nicht die zwischen einem „Ja“ oder einem „Nein“ zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel oder dem Wiederaufbau Jerusalems, zwischen einer Macht, die sich anmaßt, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht, die Mauern des geschwisterlichen Zusammenlebens wiederaufzubauen.“ (9)
Noch über dieser biblischen Leiterzählung liegt, etwas versteckt, ein umgreifender theologischer Rahmen. Der Text beginnt im Titel und in den ersten Worten mit der „großartigen Menschheit“, wofür der lateinische Ausdruck Magnifica humanitas steht: „In der Zeit der Künstlichen Intelligenz, in der die Menschenwürde aufgrund neuer Formen von Entmenschlichung in den Hintergrund zu treten droht, haben wir die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes großartige Menschsein zu bewahren, das uns geschenkt ist und das in Christus in seiner ganzen Fülle offenbar wurde, und das keine Maschine in seiner Pracht jemals ersetzen kann.“ (15) Die Großartigkeit des Menschseins verhindert nicht Verletzungen und Ungerechtigkeiten. Insofern geht es eigentlich um die „großartige und verwundete Menschheit“ (126). Diese Verletzlichkeit ist Element des Menschseins. Dort wo sie „von Modellen, die aus der Verletzlichkeit anderer Nutzen ziehen“ (170) zur Quelle von Geld und Macht wird, wird die Menschenfeindlichkeit des Tech-Kapitalismus besonders augenfällig.
Der Text von Papst Leo endet mit dem Magnificat (230, 243-245), dem Lobgesang Marias, von dem Dietrich Bonhoeffer sagt, es sei „das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde“[1]. Dieser Lobgesang stellt die Verletzlichkeit des Menschen in den Mittelpunkt, den Niedrigen gehört Gottes Aufmerksamkeit und sie werden von ihm erhöht. Die Mächtigen und Hochmütigen stürzt er und die Reichen werden von Gott übergangen. Die wahre Größe des verletzlichen Menschen darin liegt, Gottes Wirken in der Welt widerzuspiegeln. Die Großartigkeit des Menschseins ist kein Triumph, sondern ein Rechnen mit der Verletzlichkeit und der Auftrag, Gottes barmherzigem Plan entgegenzukommen (230).
Gerade die Trias von Wahrheit, Arbeit und Freiheitsind sozialethische Brennpunkte im Diskurs um KI.
Das Technikverständnis und die Rahmungen können meines Erachtens überzeugen. In den drei zentralen thematischen Kapitel, „TECHNIK UND HERRSCHAFT“ (drittes Kapitel), „WAHRHEIT, ARBEIT, FREIHEIT“ (viertes Kapitel) und „DIE KULTUR DER MACHT UND DIE ZIVILISATION DER LIEBE“ (fünftes Kapitel) sind sachlich kundig und die behandelten Unterthemen gut ausgewählt. Gerade die Trias von Wahrheit (Medien und Bildung), Arbeit und Freiheit (gegen sozial Kontrolle und Ausbeutung) sind sozialethische Brennpunkte im Diskurs um KI. Das fünfte Kapitel nimmt nochmals die machtkritische Perspektive ein und fokussiert den Zusammenhang von Technik und Krieg, denn „die digitale Revolution verändert die Grammatik von Konflikten“ (183).
Die ersten beiden Kapitel überraschen in ihrem Fokus auf die Tradition der Katholischen Soziallehre. Papst Leo nimmt sich sehr viel Zeit für Erläuterungen des Charakters der kirchlichen Soziallehre (erstes Kapitel) und für die Darstellung der Grundlagen und Prinzipien der Soziallehre der Kirche (zweites Kapitel). Leo nutzt die Gelegenheit, das Verhältnis von Kirche und Politik zu klären und betont, dass auch die Soziallehre keine festen Wahrheiten anwenden kann oden Charakters eines Handbuches habe (27), sondern dass es um den Prozess geht: „Die Kirche »will nicht die Fahne hochhalten, im Besitz der Wahrheit zu sein«, weil die Wahrheit kein zu verteidigendes Territorium ist, sondern ein Gut, das es miteinander zu teilen gilt.“ (25)[2].
Er gibt sich damit ein sozialethisches Programm, das fest in der Tradition der katholischen Soziallehre steht.
Warum macht Leo das? Er gibt sich damit ein sozialethisches Programm, das fest in der Tradition der katholischen Soziallehre steht. Sein Name Leo war schon ein Hinweis auf diesen Schwerpunkt seines Pontifikates, hier klärt er den Rahmen, in dem er sich als Sozial-Papst bewegen möchte. Änderungen oder wichtige Ergänzungen, die mit Leo in die Soziallehre eingefügt werden, sind neben der Erschließung der Technologie als soziales Thema in den Ausführungen zu der allgemeinen Bestimmung der Güter (65-67) und in den Passagen über das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit zu erkennen. Diese wichtigen sozialethischen Grundüberlegungen werden damit in den Rang von Sozialprinzipien explizit aufgenommen.
Besonders stark wiegt der Fokus auf die allgemeine Bestimmung der Güter: „Zu den Gütern, die universal für alle bestimmt sind, müssen wir heute auch die neuen Formen des Eigentums zählen: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten.“ (67) KI gemeinwohlorientiert zu gestalten, erweist sich somit als die zentrale Herausforderung unserer Zeit. Dem entgegen steht jedoch die Realität, dass staatliche und mehr noch private Akteure KI primär zur Vergrößerung der eigenen Macht entwickeln und vermarkten. Papst Leo hält hierzu fest, dass es darauf ankommt, KI „der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist“ (110). Diese toxische Verbindung von technischer Macht und Herrschaftsanspruch begegnet uns in der Gegenwart – gerade in Zeiten antiliberaler Politik – besorgniserregend oft. Wo Tech-Milliardäre, wie derzeit in den USA, zu nah an die politische Macht herankommen, droht ein antidemokratischer Tech-Totalitarismus.
Diese selbstreflexive Ebene kirchlicher Sozialverkündigung … ist ein Prüfstein für glaubhafte Mitarbeit an der Lösung gesellschaftlicher Probleme der Menschheit.
Erwähnenswert sind die Passagen, in denen Leo die Sozialprinzipien auf das kirchliche Leben anwendet (86-89). Diese selbstreflexive Ebene kirchlicher Sozialverkündigung darf heute nicht mehr fehlen und ist ein Prüfstein für glaubhafte Mitarbeit an der Lösung gesellschaftlicher Probleme der Menschheit: „Die Soziallehre richtet sich nicht nur an die Gesellschaft: Sie ist auch eine Gewissenserforschung für die Kirche, jenes Haus und jene Schule der Gemeinschaft, die stets aufgerufen ist, sicherzustellen, dass die in diesem Kapitel aufgeführten Prinzipien vor allem auch in ihrem Inneren gelebt werden.“ (86) Das Gemeinwohlprinzip fordert nach Leo beispielsweise für die Kirche „eine Kultur der Transparenz, der Rechenschaft und der Bewertung“ (86), wie sie im Schlussdokument der Synode genannt werde. Allerdings wendet Leo hier nur die von ihm aufgezählten Sozialprinzipien auf das Leben der kirchlichen Gemeinschaft an. Die Passagen davor zu den Menschenrechten halten aber wichtige Perspektiven bereit, die auch für kirchliches Leben notwendig umzusetzen sind, etwa die Durchsetzung von Frauenrechten (57). Diese rechtliche Perspektive wird nicht selbstreflexiv – hier verpasst Leo eine Chance.
Fazit
Nach einem ersten Blick auf die neue Enzyklika kann man sagen: Well done, Papst Leo! Wir haben ein solides Dokument der kirchlichen Soziallehre vorliegen, in dem gekonnt auf der zentralen Baustelle der Menschheit unserer Zeit gearbeitet wird. Nüchtern (bis auf das Zitat aus Tolkiens Herr der Ringe), genau und anspruchsvoll gibt Papst Leo wichtige Hinweise und Motivation für die Gestaltung einer menschenwürdigen und gerechten Welt im
[1] Dietrich Bonhoeffer: Predigt zu Lukas 1 , 46-55. London, 3 . Advent, 17.12.1933, In: Werke, Band 13: London 1933-1935, hrsg. v. Hans Goedeking, Martin Heimbucher und Hans-Walter Schleicher, München: Chr. Kaiser Verlag 1994, S. 338-343, 338.
[2] Zitat im Zitat aus einer Ansprache Papst Leos XIV. an die Mitglieder der Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice (17. Mai 2025): AAS 117 (2025), 696.
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Dr. Alexander Filipovic´ ist Professor für Sozialethik am Institut für Systematische Theologie und Ethik der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Wien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Medienethik, Technikethik, Politische Ethik und Philosophischer Pragmatismus.
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