Spiritualität ist nicht nur in den Kirchen zu finden. Gerade in der Begleitung auch von nicht religiös gebundenen Eltern früh verstorbener Kinder entdeckt Kerstin Rödiger, welche spirituellen Ressourcen selbst bei sog. Konfessionslosen zu finden sind.
«Die Weisheit hat ihr Haus gebaut und ihre sieben Säulen behauen.» So heisst es im Buch der Sprüche, Kapitel 9. (BigS) Die Weisheit wirbt um die Menschen, lädt sie ein an ihrem Tisch zu sitzen und aufrichtig und klug durchs Leben zu gehen.
Seit bald 10 Jahren bin ich Spitalseelsorgerin an einem universitären Spital in der Schweiz. Basel liegt im Dreiländereck mit Frankreich und Deutschland und gilt als kulturell weltoffene Stadt. Tatsache ist, dass von der Bevölkerung nur 1/3 überhaupt noch in irgendeiner Weise religiös gebunden sind. Den viel grösseren Teil machen somit die 2/3 der sogenannten Konfessionslosen aus.
Doch was heisst es, konfessionslos zu sein?
Wenn ich mich mit «Guten Tag, ich bin von der Spitalseelsorge» vorstelle, höre ich regelmässig: «Ich habe meinen Glauben, aber in die Kirche gehe ich nicht.» Oft kommen wir dann gerade darüber ins Gespräch. Darin erfahre ich von sehr vielfältigen “Häusern der Spiritualität“, die die Menschen mit Vertrauen, Hoffnung und Weisheit bauen.
«Ich habe meinen Glauben, aber in die Kirche gehe ich nicht.»
Als Spitalseelsorgerin frage ich mich, wie die Bausteine Spiritualität, Glaube und Religion heute in diesen Häusern mit dem Mörtel Vertrauen und Trost aufeinandergeschichtet werden. Die Weisheit hatte es ja schon immer schwer in der Welt, vielleicht ist ihr heute die Spiritualität zur Schwester geworden?
Krisen und Spiritualität
Es geht an dieser Stelle jedoch um keine theoretische Grundsatzdiskussion, sondern um meine Beobachtungen, wie sich mir die Veränderungen im persönlichen Glauben im Alltag zeigen und um meine Rolle darin.
Zunächst zu meinen Beobachtungen:
Seit (eben) 10 Jahren begleite ich regelmässig Eltern, die ein Kind schon in der Schwangerschaft oder um die Geburt herum verloren haben. Es ist unbestritten eine emotionale und unglaublich herausfordernde Krisenzeit. Da grenzt es schon an ein Wunder, dass ich gerade in diesen Momenten immer wieder die kleinen zarten Blumen Hoffnung und Trost wachsen sehen darf. Ich erlebe, wie Eltern als Paar, als Mutter, Vater, als Mann und Frau darum ringen, diese Situation zu überleben. Dazu müssen sie das Geschehen deuten, einen Ort für das verstorbene Kind suchen, es willkommen heissen und verabschieden.
Dem Unsagbaren Ausdruck geben.
Sie müssen dabei manchmal auch ein anderes Kind mitnehmen und begleiten. Ihnen helfen Bilder, Zeichen, Rituale, Geschichten und Worte, die Raum schaffen – ein Haus bauen – und so dem Unsagbaren Ausdruck geben. Die kurze gemeinsame Zeit mit den umso kostbareren Erinnerungen liefert dafür die Materialien. Inzwischen leisten die begleitenden Hebammen, Ärzte und Friedhöfe eine grossartige Arbeit, um eben diese Erinnerungen zu ermöglichen.
Ich erlebe, wie diese Eltern Übermenschliches leisten, aber es bleibt ihnen einfach nichts anderes übrig. Diese inneren Prozesse der Trauer, Verarbeitung, Integration der Erfahrung in ihr Leben haben auch eine spirituelle Dimension. Mutter und Vater finden hilfreiche Bilder: Etwa wie die Wolke am Himmel vor dem Spitalzimmer sich von einem Kinderwagen in ein Herz und dann in einen Engel verwandelt.
Sie finden Symbole und Rituale, um den Abschied zu gestalten.
Aus der Verbindung mit ihren eigenen Bedürfnissen und ihrer Lebensgeschichte können sie mir mit der Zeit genau sagen, wo der richtige Ort für ihr Kind ist: beim Opa im Grab, zu Hause unter einem Baum oder am Meer, weil sie ihm das immer zeigen wollten. Sie finden Symbole und Rituale, um den Abschied zu gestalten. Meine Arbeit besteht oft darin sie zu bestärken, ihrer eigenen Intuition zu folgen und ihren ganz eigenen Weg in dieser Trauerarbeit von Loslassen und Bewahren zu gehen; sich nicht abbringen zu lassen, von äusseren Zwängen oder gefühlten Notwendigkeiten; und sich dafür einfach genau die Zeit zu nehmen, die es braucht.
die Ruach, der Geist des Trostes
Der grosse Verlust fordert dazu heraus, einen inneren Weg zu gehen. An diesem Ort bauen die Weisheit und die Spiritualität aus den Erfahrungen und in Rückgriff auf Grösseres und Älteres ihr Haus. Genau dort, in der Verbundenheit der Eltern mit ihrer Intuition und Geschichte weht für mich die Ruach, der Geist des Trostes. Es ist nur ein Säuseln, kein Sturm. Aber kraftvoll und überwältigend.
Ich erlebe immer öfter bei diesen Eltern eine wachsende Sicherheit, für sich diesen Weg zu gehen. Manchmal begleite ich diesen Abschied auch in Ritualen und mit Worten – doch ebenso oft gehen die Eltern ihren spirituellen Weg bewusst für sich allein.
Spiritualität als angeborene Fähigkeit
Die amerikanische, jüdische Psychologin Lisa Miller führt in ihrem Buch «Das erwachte Gehirn» aus, dass Spiritualität eine angeborene Fähigkeit ist. Ein erwachtes Gehirn folgt – gemäss Lisa Miller – der Intuition und erfährt eine grosse Verbundenheit mit Mensch und Umwelt. Es bedeutet, Gefühle zuzulassen und als Suchende unterwegs zu sein.[i] Mit ihren neurologischen Studien übersetzt sie Spiritualität in eine wissenschaftliche Sprache. Darin zeigt sich nachweislich, dass Menschen, denen Spiritualität und Glaube wichtig sind, ein vernetzteres Gehirn haben.
Spiritualität – kein Schutzschild gegen Depressionen
In den Daten einer Langzeitstudie zu familiären Depressionen fand Luisa Miller heraus, dass Spiritualität aber kein Schutzschild gegen Depressionen sei:
„Bei denjenigen, die mit 26 Jahren eine starke persönliche Spiritualität besassen, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Vergangenheit depressiv gewesen waren, 2,5-mal so hoch. Man könnte auch sagen, dass die Entwicklung von Spiritualität weniger eine Alternative zur Depression, als vielmehr eine Lebensweise zu sein schien, die sich parallel zu oder aufgrund der Schwierigkeiten entwickelt.“[ii]
Das Leiden lockt das spirituelle Bewusstsein hervor und beeinflusst damit manche Gehirnregionen positiv, die etwas mit dem Schutz vor weiteren depressiven Episoden zu tun haben.
Darin sehe ich diese innere Arbeit umschrieben, die ich an den Eltern beobachten kann. Eine Sternenkindmutter fasste dies in einem Erzählcafé so zusammen: Sie findet, sie sei durch diese Erfahrung ein anderer und besserer Mensch geworden, und sie möchte diese Erfahrung deshalb nicht missen. Auch wenn das komisch klinge…
Am Haus bauen – Fragen stellen
Miller versucht als Psychologin die Bedeutung von Spiritualität in wissenschaftliche Sprache und in heutige Zusammenhänge zu übersetzen.
Nun stellt sich die Frage, wie der Beitrag von Seelsorgenden und Theologie für diese Übersetzungsarbeit aktuell aussehen kann und vor welchen Herausforderungen sie stehen.
Dazu begegnen mir in der Spitalseelsorge, also einer exemplarischen Schnittstelle zwischen Kirche und Spiritualität einerseits und Menschen in Krisen andererseits, vier richtungsweisende und auch unbequeme Fragen:
- Wer baut mit wem?
Zunächst, wer baut alles am Haus der Spiritualität mit? Mit der CPT-Bewegung in den 70er Jahren ist die Entscheidung gefallen, dass sich Spitalseelsorge in den Dienst an den Menschen und der Notwendigkeit des Augenblickes stellt. Eine theologische Inspiration ist mir dabei, wenn zugegeben auch sprachlich etwas sperrig, die Idee der „pastorale d’engendrement“, einer „Pastoral des Zeugens“ von Christoph Theobald.
… ist dieser Glaube ja schon da.
Die Professorin Hadwig Müller erklärt diese prägnant so: “Offensichtlich entdeckt Jesus einen Glauben ohne religiösen Bezug bei Frauen und Männern, die in ihrer Lebendigkeit eingeschränkt sind.»[iii] Immer dann, wenn Jesus sagt: «Dein Glaube hat dir geholfen», ist dieser Glaube ja schon da, bevor die Menschen konkret mit ihm in Kontakt getreten sind. «Das Verlangen zu leben verweist auf einen allerersten Glauben, nämlich das Vertrauen, dass es sich zu leben lohnt.»(ebd.) Nehmen wir als Seelsorgende und nehmen die kirchlichen Mitarbeitenden diesen Ort, an dem an der Spiritualität gebaut wird ernst? Nehmen wir es überhaupt wahr, wenn Menschen diesen ersten Glauben zeigen? Oder bleibt der Blick in einem üblichen Trott Kirchengesetz und an den Kirchenmauern hängen?
- Wer baut und wer bildet aus?
In Bezug auf die Professionalisierung im Gesundheitssystem einerseits und den Mitarbeiterschwund in der Kirche andererseits tritt meines Erachtens die Frage in den Vordergrund, wer Spitalseelsorge ausüben darf und wer diese Menschen dazu ausbildet. Neben den kirchlich-theologischen Ausbildung entwickeln sich andere universitäre Ausbildungen für Spiritual Care an verschiedenen Orten.
Spiritual-Care- mit den Theologie-Studierenden zusammen
Während es an der Universität Münster (Nordrheinwestfalen) einen neu konzipierten Studiengang gibt, in dem die praktische Ausbildung für Krankenhausseelsorge (CPT) schon integriert ist und die Spiritual-Care- mit den Theologie-Studierenden zusammen Vorlesungen besuchen, ist in Basel die Trägerschaft der Spiritual Care Ausbildung an die medizinische Fakultät angeschlossen und erfolgt in einem eigenen Masterstudiengang. Ich beobachte da gerade viel Bewegung, auch mit der Schaffung einer schweizerischen Koordinationsstelle für Seelsorge im Gesundheitswesen. Diese ganz praktischen Entscheidungen werden die Zukunft sowohl von Kirche als auch von Seelsorge im Gesundheitswesen fundamental neu gestalten.
3. Welche Sprache spricht die Spiritualität?
Eine weitere drängende Frage ist für mich, wie und wer in Zukunft die Sprache und die Formen für Spiritualität mitgestalten wird. Lisa Miller spricht in ihrem Buch davon, dass es eine Grundhaltung des Suchens braucht. [iv] In den Gesprächen mit den Menschen in Krisensituationen ist diese Suche spürbar. Ich sehe da auch ein wachsendendes Selbstbewusstsein. Trotzdem kommt der Moment, in dem es ein Gegenüber braucht, um den inneren Weg zu reflektieren und sich „Baumaterial“ z.B. aus älteren Geschichten und Vorbildern zu suchen. Entwicklung braucht ein Gegenüber, ob nun in einer Person oder in Worten. Wo und wer bietet dafür Inspirationen? Ich sehe einen riesigen Markt in der Social-Media-Welt. In Basel gibt es eine grosse Messe «Find-your-flow», mit teuren Tickets und internationalen Speakers, die immer und immer wieder die Botschaften wiederholen, die bei Lisa Miller die ersten beiden Phänotypen von weltumspannender Spiritualität ausmachen: Selbstlosigkeit und Liebe für den Nächsten wie für sich selbst.[v]
Menschen suchen nach Worten, Bildern und Geschichten.
Ich entdecke auch in einigen psychologischen Methoden Überschneidungen; sei es bei achtsamkeitsbasierten Ansätzen, die mit Atem und Körperwahrnehmung arbeiten; seien es hypnotherapeutische Methoden, die Bilder, Symbole und Metaphern verwenden. Manche Menschen suchen nach Worten, Bildern und Geschichten, um sich selbst besser zu verstehen. Biblische Geschichten und Theologie sollten und könnten dafür ebenso Inspiration sein, wie literarische und andere religiöse Quellen. Dafür braucht es fundierte, aber einfach geschriebene, gesprochene oder gefilmte Texte, die die Menschen heute erreichen. Können das Psycholog:innen besser? Welche theologische Lektüre kann ich meinen Patient:innen geben, damit sie etwa die Zusammenhänge zwischen Seele und Kehle entdecken können?
Ich bin gespannt auf Vorschläge!
4. Wie sehen gemeinsame Wachstumsprozesse aus?
Die letzte Frage schliesst daran an: Lernen braucht ein Gegenüber und Gemeinschaft. So hatte Religion früher die Funktion, in der Gesellschaft Raum für gemeinsame Trauer, Freude und Hoffnung sowie deren Inszenierung und Kultivierung zu schaffen. Ist diese Funktion passé? Auch die Weisheit hat im Buch der Sprüche ihr Haus gebaut, um dann zum gemeinsamen Mahl zu laden. Basel hat nicht zu wenige Feste. Dieses Jahr waren die Frauen-WM und der ESC in der Stadt zu Gast. Diese Anlässe verwandeln öffentlichen Raum, ja sie geben Hoffnungen und Werten Ausdruck wie etwa der Aufwertung des Frauenfussballs und den safe-spaces für bunte, glitzernde ESC Teilnehmende.
Was und wie feiern wir heute?
Jan und Aleida Assmann haben die Frage nach gemeinsamen Werten und deren Ausdruck für alte Kulturen reflektiert.[vi] Doch was und wie feiern wir heute? Das bleibt eine grosse, offene und komplexe Frage.
In diesem Kontext glaube ich immer noch an die Kraft und Aufgabe, dass in religiös-spirituellen Traditionen eine Reflexions- und Korrekturkraft wohnt, die für uns Menschen notwendig ist. Es geht um Weite und Tiefe, um Gemeinschaft und Mut. Wo findet die Trauer der Eltern einen gemeinschaftlichen Raum? Wie die einzelnen Eltern in ihrer Trauerarbeit wachsen und sich entwickeln, braucht es diese Reifungsprozesse sowohl als Gemeinschaft als auch in den kirchlich-theologischen Strukturen.
An diesem Haus der Spiritualität schon bauen.
Was wäre aber, wenn gerade Verantwortliche und Mitarbeitende der Kirchen die Fähigkeiten der Trauernden ernst nehmen, dass sie an diesem Haus der Spiritualität schon bauen? Doch dafür müssen wir hinausgehen auf die Strassen und uns inspirieren lassen, von dem alltäglichen Glauben der Menschen, der eben schon immer da ist.
Dr. Kerstin Rödiger, Spitalseelsorgerin, seit 9 Jahren gestaltet sie im Frühling am Basler Friedhof eine Gedenkfeier für die frühverwaisten Eltern mit und vor vier Jahren starteten die Erzählcafés «Nur kurz warst du da».
[i] Lisa Miller, Das erwachte Gehirn, München 2022, S. 18-20.
[ii] Miller, Das erwachte Gehirn, 174.
[iii] εύangel: Zeugende Pastoral – eine Pastoral im Dienst des Anfangendürfens, Magazin für missionarische Pastoral Nr.1, 2019.
[iv] «Die Haltung der Suche macht aus dem Leben eine kreative Reise voller unerwarteter Überraschungen, getragen von Liebe, Verbundenheit und Führung. Wir müssen lediglich beschliessen, die Momente des Gewahrseins zu nutzen, die wir bereits erleben, das Aufblitzen von Intuition oder Einsicht ernst zu nehmen und das ständige Wechselspiel zu würden, während es neuen Sinn und Führung hervorbringt.» Miller, erwachte Gehirn, 212f.
[v] Miller, Das erwachte Gehirn, 268.
[vi] Nur als Bsp.: Jan Assmann, Religion und kulturelles Gedächtnis, München 2000.
Kerzenbild: Kerstin Rödiger
Kerzen – auch sie sind Säulen der Spiritualität. Diese grosse Kerze brennt während der Erzählcafés. Die kleinen werden verziert von den Eltern, in Erinnerung an ihre Kinder.


