Der Synodale Weg – Ist das der Weg aus der Sackgasse der Kirche?                              

Synodaler Weg Afrika

Mit P. Bernd Pehle meldet sich ein deutscher Missionar kritisch zum synodalen Weg zu Wort, der von 1968-2008 in Sambia war und nun in Köln lebt. Aus den Afrikaerfahrungen plädiert er dafür, der Eucharistie wieder ihre ursprüngliche Bedeutung zurückzugeben – und die Kirche gewissermaßen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ohne die Bereitschaft für eine solche grundsätzliche Reform wäre ein synodaler Weg zum Scheitern verurteilt.

Synodaler Weg

Die Überlegungen und Vorschläge zum Synodalen Weg sind gut gemeint und glauben noch an eine quasi interne Lösung der Probleme, die die Kirche hat. Diesen Optimismus kann ich aus meiner Erfahrung nicht teilen. Dazu stecken wir zu tief in einer Sackgasse, aus der es nur noch ein Zurück gibt und kein Vorwärts. Die Stichworte dieser Sackgasse sind: Feudalismus, Klerikalismus und Traditionalismus. Schon vor 60 Jahren – im Sommer 1959 – traf Kardinal König den Nagel auf dem Kopf, als er in Trier erklärte „Das Konzil wird dann ein gutes, wenn es ihm gelingt, den Feudalismus in der Kirche zu überwinden“1. Ich möchte im Folgenden einige Thesen formulieren, die auch in meinen langjährigen Erfahrungen in der Missionsarbeit in Afrika ihren „Sitz im Leben“ haben.

Dort ist die Gemeinde das Subjekt der Pastoral, hier in Deutschland scheint die Gemeinde zum Objekt pastoraler Agenten geworden zu sein.

1 Die Kirche wieder vom Kopf auf die Füße stellen

Das Fundament der Kirche ist die im Namen Jesu sich versammelnde Gemeinde vor Ort. Diese Gemeinde ist der Souverän, sie beruft aus ihren Reihen Personae bapticatae probatae (d.h. Männer und Frauen) für die unterschiedlichen Dienste, so wie ich es in meiner 40-jähriger Missionsarbeit in den großen XXL Pfarreien Afrikas erlebt habe. Dort ist die Gemeinde das Subjekt der Pastoral, hier in Deutschland scheint mir die Gemeinde zum Objekt pastoraler Agenten geworden zu sein.

In den afrikanischen Gemeinden, die ich geleitet habe, waren die zur Leitung der Gottesdienste erwählten Personen nur eine Gruppe unter anderen, die zu unterschiedlichen Diensten in der Gemeinde berufen wurden. In der Urkirche wurden diese Berufenen durch die vom Gemeinde-Verbund gewählten Aufseher (Episcopi) bestätigt (vgl. Apg 6,6; 14,23). In Deutschland leben die Gläubigen auf zwei unterschiedlichen Bewusstseins-Ebenen: einmal als freie Bürger in einer Demokratie, dann aber gleichzeitig als Vasallen in einer monarchisch strukturierten Kirche. Um nicht an Schizophrenie zu erkranken, wendet sich der selbstbewusste Bürger – und noch mehr die Bürgerin – instinktiv von der Kirche ab. Das ist heute kein rationales Problem mehr, sondern ein emotionales Erleben, denn der Fermentationsprozess des Gefühls der Enttäuschung und des Ärgers unter den Gläubigen hat einen Grad erreicht, der immer wieder zu neuen Formen des „Widerstands“ gegen die „hierarchische“ Kirche führt.

Wer, wie der emeritierte Papst Benedikt XVI. / Kardinal Josef Ratzinger, dafür die Schuld in der bösen Säkularisation sucht, zeigt, wie wenig er sich – wie viele Kirchenführer – der Größe und Tiefe der jetzigen Krise bewusst ist. Dabei ist es genau umgekehrt: Dieses zentrale Unverständnis macht die Verantwortlichen unfähig und unwillig, die Kirche aus der Sackgasse zurück zu holen, um sie zu reformieren. Da bleibt vielen Gläubigen – besonders den Frauen – nur noch der Auszug aus der offiziellen Kirche.

Wann und wie hat diese Entwicklung der Selbst-Sakralisierung der Priester eigentlich begonnen?

Fragen

Die erste Frage stellt sich in Bezug auf das Amts- in Verbindung zum Eucharistie-Verständnis: Wann und wie hat diese Entwicklung der Selbst-Sakralisierung der Priester eigentlich begonnen? Als Berengar von Tours 1059 der „karphanaistischen“ Gegenwart Jesu in der Eucharistie (vertreten durch Lanfrank von Canterbury, dessen Nachfolger Anselm die umstrittene „Satisfaktionstheorie“ erfand) zustimmen musste, per Eid vor dem Chef-Ideologen Kardinal Humbert von Silvia Candida, der auch für den „Exit“ der Ost- Kirche vier Jahre früher verantwortlich war. Von da an isolierte sich der Priesterstand mehr und mehr vom Gottesvolk. Losgelöst von der Gemeinde, wurden so die sich selbst berufenden Priester zu „Funktionären“, die der Gemeinde keine Rechenschaft mehr geben mussten. Man könnte diese Entwicklung vergleichen mit der Abkopplung der SED-Parteifunktionäre vom Volk in der DDR. Meine Rolle als Pfarrer in Afrika sah ich hingegen mehr als “Chaplain“- Animator der Pfarrei. Die Leitung der Gemeinde lag in der Hand eines angestellten Sekretärs; dieser war oft ein erfahrener Lehrer, ein in seiner Gemeinde anerkannter und respektierter Mann. Schon vor 30 Jahren wurde eine Schwester berufen, die pastoralen Dienste in meiner Diözese Mpika zu koordinieren.

Sakralisierung und damit Unhinterfragbarkeit bischöflicher und päpstlicher Entscheidungen

Die zweite Frage. Ging es den Päpsten bei den Festlegungen vieler Dogmen immer nur um die Wahrheit des Glaubens zum Wohle der Christen oder bewusst auch um den Erhalt und den Ausbau von Macht einer exquisiten Kleriker-Männerriege? Der stetige Ausbau von feudaler Macht hatte seit dem Beginn der Moderne einen hohen Preis: Während der Feudalismus als Staatsform nach und nach zurückgedrängt wurde und demokratische Strukturen Fuß fassten und sich bewährten, führte das Beharren auf diesen Strukturen innerhalb der Kirche zu einer Sakralisierung und damit zur Unhinterfragbarkeit bischöflicher und päpstlicher Entscheidungen.

Schon lange ist dadurch ein tiefer Graben entstanden, der die klerikalen Herrscher von den Laien-Untertanen trennt. Deren Glauben ist seither affirmativ und deren Partizipation an der Kirchenpolitik höchstens „beratend“. Wie man aus den Synodalforen des „Synodalen Weges“ hört, ist dieser Geist noch lebendig: Es fühlen sich einige – vor allem klerikale Apologeten – zum Dozieren berufen, sie nehmen sich für vorbereitete Statements viel wertvolle Zeit bei den Sitzungen und lassen den Laien-Synodalen keinen Raum für einen echten Dialog über konkrete Fragen des Lebens, z.B. für die Gleichberechtigung von Frauen.

2 Die Feier der Eucharistie muss den ursprünglichen Wert zurück erlangen

Durch den oben erwähnten Streit in 1059 um die Art der Gegenwart Jesu in der Hostie wurde der Schwerpunkt der Eucharistie als Beauftragung und Bestärkung der Gemeinde zum Dienst für die Verwandlung der Welt verlagert hin zur Verehrung der Eucharistie durch die Gemeinde. Nicht mehr gefragt wurde: Wie kann der durch die Eucharistie neu verwandelte Leib Christi, und das heißt die Gemeinde, den Missions-Auftrag Jesu weiterführen? Von da an ging es in der Verkündigung nur darum, die Seele so zu putzen, dass sie in den Himmel kommt.

Engführung der Eucharistie, weg von der Bestärkung zur Gemeinschaftsaufgabe hin zu einem fragwürdigen Heilsindividualismus

In seinen Vorlesungen beurteilte der junge Theologie-Professor Joseph Ratzinger 1963 in Münster diese Entwicklung so: „Dies war die ganz entscheidende Wende in der Eucharistie-Lehre!“ 2 Der junge Thomas von Aquin lehrte, keine Hostie zu konsekrieren, die nicht verzehrt würde, wiewohl er später Hymnen zur Verehrung der Eucharistie dichtete, die später, als demonstrative Antwort auf die Reformation, für die in nachtridentinischer Zeit entstandene Fronleichnams-Prozession verwendet wurden. Diese Engführung der Eucharistie, weg von der Bestärkung zur Gemeinschaftsaufgabe hin zu einem fragwürdigen Heilsindividualismus, erscheint mir als eine Art religiöse „Ich-AG“ in der Art der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsweise, wo jeder sich selbst soteriologisch der Nächste ist. Die radikale Aufforderung Jesu an seine ihm Folgenden, sich solidarisch für den Nächsten einzusetzen, verschwindet hinter diesem Heilsverständnis. Der Pastoraltheologe Paul Zulehner formuliert es so: „Das Ziel einer notwendigen Reform in der Kirche ist der Aufbau lebendiger Gemeinden, in denen die Feier der Eucharistie auf die Wandlung der Welt abzielt.“3

3. Konsequenzen

1.     Es sollten in der Kirchenstruktur keine unabhängigen „Kleriker“ geben, sondern nur die von der Gemeinde berufenen und bestellten Priester/innen – oder solche Männer und Frauen, die in Gemeinschaft leben und arbeiten.

2. Die Schamanisierung des Opferpriesters, die heute unter jungen   Geistlichen wieder „zelebriert“ wird, ist ein großes Hindernis, die Kirche durch Dialog aus der Sackgasse zu holen, in der wir jetzt stecken. Wir brauchen heute nicht mehr diesen exzentrisch die Wandlung vollziehenden Priester. Ist nicht die Verballhornung „Hokus Pokus“ auch ein Urteil des Volkes über manchen narzisstisch-skrupulösen klerikalen Selbstdarsteller?

3. Die eucharistische Verwandlung geschieht durch die Epiklese-Bitte (der Bitte um Ausschüttung des Geistes über Brot und Wein). Nach meinem Verständnis von Jesu Intention im Abendmahlssaal und der Praxis der frühchristlichen Gemeinden, angelehnt an den jüdischen Brauch des Pessah-Mahls in der Familie, darf jeder Getaufte durch die in der Taufe erhaltene Geisteskraft diese über Brot und Wein herabrufen, soweit er/sie dazu von der Gemeinde beauftragt wird.

4. Die tägliche Feier der Eucharistie ist für Priester und Gemeinde inopportun, denn nur eine Gemeindefeier am Sonntag ist sinnvoll, wo die Gemeinde auf ihre Arbeit in der vergangenen Woche zurückschaut und für die Aufgaben der kommenden Woche gestärkt wird. Wort-Gottes-Feiern (z.B. mit Bibelteilen) unter der Woche würden dagegen die besondere Bedeutung der wöchentlichen Gemeinde-Eucharistie betonen und auch Gelegenheiten zu einem echten Austausch über die im täglichen Leben gemachten Erfahrungen geben. Die Messe als Opferfeier für die Erlösung Verstorbener (manche Priester feierten bis zu 30 Messen täglich) setzte grundlegend falsche Akzente: denn wir sind ja schon Erlöste, und dafür danken („eucharistein“) wir.

5. In einer Diskussion mit Bischof Johannes Bahlmann, auf seinem Weg zur Amazonas Synode auf dem Ordenstag am 5.10.2019 in Münster, sagte ich: „Sollte ich noch einmal in Afrika arbeiten, müsste ich mich fragen, ob ich noch Menschen taufen dürfte, wenn ich diesen keine regelmäßige eucharistische Gemeindefeier anbieten könnte.“ Denn in der Zeitung wurde dieser Bischof zitiert, dass einige seiner Gemeinden im Amazonas – so wie mehrere Gemeinden in meiner 28.000 qkm großen „alten“ Pfarrei in Sambia – nur einmal im Jahr eine Messe feiern könnten.

6. Wir sind hic et nunc zu einer echten Metanoia herausgefordert, die ähnliche Dimensionen aufweist, wie die Umkehr, die Jesus von den Führern des Judentums verlangte. Denn der jetzt aufgedeckte Sex-Missbrauch-Skandal ist ja nur die Spitze des Eisbergs eines generellen Missbrauchs an und in der Kirche, den Priester, Bischöfe und Päpste zur eigenen narzisstischen Machtausübung in den letzten Jahrhunderten verübt haben. Der „Spiegel“ kommentierte in Nr. 30/ 2017 anlässlich der Missbrauch-Debatte um die Regensburger Domspatzen: „Es sind nur noch wenige Männer, die Priester werden wollen, und die Mischung von Sexualfeindlichkeit, Verhätschelung und Verleihung von Macht über Gläubige zieht ganz besonders unreife junge Männer an.“ Eine solche Aussage tut weh, besonders deshalb, weil sie wahr ist. Interessant wäre es in diesem Zusammenhang, nachzuforschen, wie mancher Priesteramtskandidat sein „Prinzen-Sohn-Verhältnis“ zur leiblichen Mutter in der „Mutter Kirche“ weiterführt und in wie weit die Machtausübung eines zölibatär lebenden Priesters auch eine Kompensation für die nicht erfahrene partnerschaftliche Wertschätzung ist.

In Afrika hatte ich das Gefühl, auf der Geburtenstation der Kirche zu arbeiten, zurück in Europa fühlte ich mich wie auf einer Palliativstation.

7. In Afrika hatte ich das Gefühl, auf der Geburtenstation der Kirche zu arbeiten, zurück in Europa fühlte ich mich wie auf einer Palliativstation. Dies ist das Endergebnis der langen Geschichte kirchlichen Feudalismus‘, den zu beenden vor 60 Jahren Kardinal König vergeblich erhofft hatte. Diesen Feudalismus kann man vergleichen mit dem Kolonialismus. Und so wie die Traumata des Kolonialismus auch heute noch Völker und Menschen schmerzen, so schmerzen auch die Traumata des Feudalismus innerhalb der Kirche.

8. So gibt es nur einen Weg der Reform der Kirche: Die Etablierung einer echten demokratischen Kirchenordnung, welche die Würde und Rechte aller getauften Männer und Frauen respektiert. Wohlmeinende Beratungen in „synodalen Dialogen“ helfen da nicht weiter. Die Kirche muss sich vom traditionellen Feudalklerikalismus in all seinen Formen verabschieden und diese nicht vom Volk Gottes legitimierte Art der Machtausübung aufgeben, „eine Macht, die die Kirchen-Fürsten nie besessen hatten, die sie sich aber genommen haben, um kleine Leute klein zu halten, anstatt sie groß zu machen“, schrieb schon Nikolaus von Kues.4

Autor: P. Bernd Pehle, ist Weißer Vater (geb. 1939). 1968-2008 Missionar in Sambia, 1990-1994 Mitarbeit in Deutschland, Ausbildung in Ignatianischer Spiritualität, seit 2008 in Köln. Er widmet sich der Begleitung von Fastenden und Gruppen in unterschiedlichen Zusammenhängen.

Beitragsbild: Secam – Church in Africa

1. Aus einem internen Artikel: „Feudalismus und Kirche“ 1966, von P. Johannes Ilsen, W.V., Trier. Er sprach mit Franz König, als dieser 1959 zur Heilig Rock Wallfahrt aus Wien nach Trier kam. Vgl. auch Neuhold, David / Franz Kardinal König, Religion und Freiheit. Versuch eines theologischen und politischen Profils, Stuttgart: Kohlhammer 2008.

2. Vorlesung von Joseph Ratzinger im Wintersemester 1963 in Münster, aufgenommen auf Tonband von Dr. Bernhard Suerman.

3. Z.B. in: Neuner, Peter / Zulehner Paul M., Dein Reich komme. Eine praktische Lehre von der Kirche, Patmos: München 2017.

4. Im Jahr 1459 ernannte Pius II. seinen Freund Niklaus von Kues zum Generalvikar in Rom und beauftragte ihn, eine generelle Reform des Klerus durchzuführen.

 

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