Das große Trotzdem leben

Michaela Resch rezensiert den autobiografischen Essay „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ von Gabriele von Arnim.

„Für ihn“ steht kursiv am Anfang der 237 Seiten, noch vor dem ersten Zitat, noch vor dem Prolog, noch vor der eigentlichen Erzählung. Doch ist dieses zärtliche, stille Buch wirklich für ihn, den Schwerkranken, der zehn Jahre auf die Hilfe anderer angewiesen sein wird, den die Autorin pflegt, den sie umsorgt, mit dem sie hofft? Gabriele von Arnim hat nach dem Tod ihres Mannes Zeit gebraucht, all die Jahre zusammenzufassen, all die Tage, Stunden, Minuten anhand von Aufzeichnungen in einem autobiografischen Essay zu bündeln, der nicht in den vier Wänden der großzügigen Altbauwohnung in Berlin verharrt, sondern so erhellend auch Weltliteratur einflicht.

Schließlich war er genau wie sie eine kunstsinnige Persönlichkeit, ebenfalls Journalist, bevor sein kluger Geist nach zwei Schlaganfällen in einem stark beschädigten Körper gefangen war. Nicht sein Sprachzentrum, sondern sein Sprechzentrum ist nahezu ausgeschaltet, das einst rau-erotisch lockende Timbre, wie von Arnim schreibt, einem kaum verständlichen Gewürge gewichen. Er, der ein Mann des Wortes war, kann sich kaum noch mitteilen. Und sie, die ihn genau an dem Tag verlassen wollte, an dem er in der Notaufnahme der Berliner Charité aufschlägt, steht nun an seinem Bett und bangt um ihn, sehnt sich nach einer „zweiten Chance“, wie sie es formuliert: „Ich will, dass er lebt.“

Der menschenverachtenden Regisseurin ‚Krankheit‘ Schönheit, Liebe, ja Glück unterjubeln.

Dass die Krankheit ab diesem Zeitpunkt die Regie übernimmt, wird schnell zur Gewissheit. Dass Gabriele von Arnim und ihr Mann aber immer und immer wieder dieser menschenverachtenden Regisseurin Schönheit, Liebe, ja Glück unterjubeln, leuchtet zwischen den Zeilen. Dabei versinkt die Autorin nicht in Erinnerungskitsch: „Es war nicht idyllisch“, schreibt sie, „er war nicht das Schaf, und ich nicht die liebliche Hirtin. Er hat gewütet. Ich habe gefaucht.“ Sie erspart uns nicht Details, nicht den Sabber im Mundwinkel und was da sonst noch alles herausmuss. Sie lässt uns ein in ihre Privatsphäre, öffnet uns die rubinrote Wohnungstür, heißt uns willkommen, wie sie auch all die Gäste empfangen hat. Geselligkeit sei immer auch eine Chance gewesen, in den Kerker „Krankheit“ Fenster zu schlagen, wie von Arnim schreibt: „Wir haben das große Trotzdem gelebt.“

Und in diesem großen Trotzdem wird gerungen – um die Würde, die sich gleichzeitig mit einem funktionierenden Körper zu verabschieden droht, um die Balance von Fürsorge und Selbstliebe, die sich so leicht in Aufopferung verliert, um die Abwehr von übergriffiger Dominanz, die den Leidenden zum Objekt macht. „Ich treibe und trieze, (…) drohe und bestimme (…). Ich will, er soll“, bespiegelt von Arnim selbstkritisch ihr Verhalten in bestimmten Situationen, „es ist auch ein übles Geflecht, zwischen krankem Mann und pflegender Frau. Ein dorniges Gestrüpp, aus dem beide zerkratzt hervorkriechen.“

Tätige Hilfe ist die Empfehlung an all die Zaghaften und Zaudernden.

Ausschließlich Kümmerin zu sein, verweigert sich Gabriele von Arnim. Sie bleibt streitbar. Auch Freund:innen gegenüber, die lieber wegschauen, als diesem Elend ins Gesicht zu blicken. „Ich bin mir sicher, schreibt einer, dass er so, wie er jetzt ist, gar nicht gesehen werden möchte. (…) Er liebt es, besucht zu werden, antworte ich.“ Sie hört nie mehr etwas von diesem vorgeblich empathischen Mann. Was also tun als Umwelt da draußen vor der freundlich roten Wohnungstür? Tätige Unterstützung, wie sie etwa der feste Stamm der 17 Vorleser:innen leistet, ist von Arnims Empfehlung an all die Zaghaften und Zaudernden.

Doch ist dieses Buch nur ganz nebenbei Rat gebende Lebenshilfe. Es ist vor allem eine feinsinnige Erzählung einer Autorin, die immer wieder auf Distanz zu sich selbst geht, die die Perspektive wechselt und vom Ich in die dritte Person flüchtet. Dank dieses Abstands gelingt es ihr, sich beispielsweise zurück in ihr einsames Kinderzimmer zu schleichen, Stärke in ihrer Verletzlichkeit zu finden. Dabei lässt sie sich leichtfüßig begleiten von Zitaten aus der Weltliteratur, von Connie Palmen über Kierkegaard bis zu Albert Vigoleis Thelen, dem Lieblingsautor ihres Mannes.

Er hat sich zu Lebzeiten in all seiner Schwäche gezeigt.

Dass er, dem „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ ja gewidmet ist, namenlos bleibt, dass sein langes Davor nur gestreift wird, mag manche Leser:in bedauern. Vielleicht ist es auch ein Schutz, den die heute 75-Jährige diesem geliebten Menschen gewährt, hat sie das Buch doch posthum geschrieben und veröffentlicht. Aber hätte er, der „Berserker“, der „Bär ohne Wildnis“ sich dagegen verwehrt? Er hat sich zu Lebzeiten in all seiner Schwäche gezeigt, wollte sich nicht in einem miefigen Krankenzimmer hinter heruntergelassenen Jalousien verbergen. Und so konnte sich Gabriele von Arnim selbst nach Jahren des Innehaltens auch „für ihn“ an die Öffentlichkeit wagen, hat ihre zerfledderte Figur wieder zusammengefügt und sich schlussendlich auf den Weg gemacht zu einer heiteren Alten – trotz allem, trotzdem.

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Text: Michaela Resch, Journalistin.

Bild: Gabriele von Arnim, Das Leben ist ein vorübergehender Zustand, 237 Seiten, Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2021, 22 Euro, ISBN 978-3-498-00245-9. (Ausschnitt aus dem Cover)

 

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