Posttraumatische Reifung

Es ist ein sensibles Thema, es bedarf der Achtsamkeit und der Einfühlung: Traumatisierungen sind mit Leiden, Erschütterung, Ausgeliefertsein und existentieller Ohnmacht verbunden. Helga Kohler-Spiegel zu posttraumatischer Reifung.

Traumatisierungen erschüttern die Gegenwart, sabotieren die Erlebnisse in der Vergangenheit und nehmen die Zuversicht für die Zukunft. Das spezialisierte Wissen zu Traumatisierung in allen relevanten Fachbereichen ist heute sehr differenziert und vielfältig, die Fülle an Literatur zum Thema unüberschaubar. Auch eine teilweise inflationäre Verwendung des Begriffs, der die Unschärfe erhöht, ist gegenwärtig nicht zu übersehen.

Zugleich gibt es die Erfahrung, dass Menschen durch traumatische Erfahrungen reifen bzw. gereift sind. Keine Reifung dieser Welt macht das erfahrene Leiden weniger leidvoll. Doch es gibt die Erfahrung, dass Menschen aus extremen, erschütternden Erfahrungen gereift weitergehen können, immer wieder erlebe ich in meiner psychotherapeutischen Arbeit Menschen, die rückblickend auf überstandene Extremerfahrungen – von Reifungsschritten erzählen.

Posttraumatische Reifung braucht Zeit

„Der Begriff posttraumatische Reifung – der von Tedeschi und Calhoun (1995) geprägt wurde – bezeichnet die subjektive Erfahrung positiver psychologischer Veränderung bei Personen nach einem traumatischen Ereignis, welches zu einer Erschütterung der grundlegenden Annahmen über das Leben und die Welt geführt hat (Tedeschi & Calhoun, 1996).“ (Brauchle 2012, 146). Im Englischen ist von „posttraumatic growth PTG“ die Rede, das Konzept gilt eher bei Erwachsenen, weniger bei Kindern bzw. bei Erfahrungen von Gewalt und Vernachlässigung in der Kindheit.

Posttraumatische Reifung braucht Zeit, oft sehr viel Zeit. Sie tritt nicht unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis, sondern meist viel später ein. Trauma-Betroffene und Überlebende beschreiben meist, dass sie die Welt über längere Zeit als bedrohlich, als ungerecht, unvorhersehbar und böse erleben. Sie beschreiben, wie alte Gewissheiten zerstört sind, wie Angst, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Bedrohung, Verunsicherung, Verletzbarkeit, Schuldgefühle im Vordergrund sind, wie sehr Erlebtes als sinnlos empfunden wird, wie sie sich dem Künftigen ohne Schutz und ohne Sicherheit ausgeliefert fühlen.

Grundlegende Neubewertungen

Und dann beschreiben von Trauma-Erfahrungen betroffene Menschen manchmal einen Prozess von Veränderung und Neu-Attribuierungen, sie entwickeln einen anderen Blick auf Vergangenes und Künftiges, sie finden zu einer Neubewertung des Erlebten. Dieser Veränderungsprozess ist laut Janoff-Bulman (1992, 2006) von drei wesentlichen Mechanismen geprägt:

  • Innere Stärke und Selbstvertrauen: Trauma-Betroffene entdecken hinter allem Erlebten manchmal eine innere Kraft und eine innere Stärke, die ihnen davor unbekannt war. Sie finden zu neuem Selbstvertrauen, das kognitiv und emotional abgesichert, letztlich aber aus innerstem Erleben genährt ist.
  • Trauma-Betroffene, Überlebende und Hinterbliebene werden häufig von „Warum-Fragen“ erschüttert und terrorisiert. „Diese Unfassbarkeit des Ereignisses und das aussichtslose Suchen nach einem Sinn in dem geschehenen Leid oder einer Bedeutung für das eigene Leben führen zu der Überzeugung, dass das Leben bedeutungslos, grausam, zufällig und unkontrollierbar ist.“ (Brauchle 2012, 148) Es dauert, aber oft gelingt es, hinter diesem Wunsch nach Antworten zu akzeptieren, dass diese Fragen keine Antwort finden werden. Und es gelingt, sich Schritt für Schritt wieder dem Leben zu öffnen, schöne Momente, kleine Begegnungen wieder neu wahrzunehmen – bis hin zur Erfahrung, dass das Leben im Hier und Jetzt wertvoll und schön ist.
  • Auch wenn die Forschungsergebnisse noch gering sind, gibt es Anzeichen dafür, dass Menschen nach einer „intensivierten positiven Neubewertung des Lebens“ (Brauchle 2012, 149) einen differenzierteren und robusteren Blick auf die Welt haben, mit stärkeren erprobten Verarbeitungsmechanismen gegenüber unerwarteten neuen Herausforderungen.

Keine Verharmlosung des Horrors erlebter Traumatisierung

Diese Erfahrungen posttraumatischer Reifung aber sollen in keinem Moment das Drama und den Horror erlebter Traumatisierung in allen Formen beschwichtigen oder gar verharmlosen. Richard Tedeschi und sein Team haben fünf Bereiche des posttraumatischen Wachstums herausgearbeitet: Menschen mit Traumaerfahrungen können nach bzw. hinter ihren Extremerfahrungen eine innere Stärke (1) und eine intensive Wertschätzung des Lebens und des Lebendigen (2) erleben. Sie können neue Wege einschlagen (3), sich intensiv mit anderen Menschen verbunden wissen (4) und sich spirituell entwickeln (5) (vgl. Tedeschi u.a. 2018). Diese hier anklingenden spirituell-religiösen Entwicklungen wären spannend, genauer betrachtet und weiter beforscht zu werden; ebenso die damit verbundenen Formen von Begleitung.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Posttraumatische Reifung nicht zu verwechseln ist mit Resilienz. Resilienz wird verstanden als psychische Widerstandsfähigkeit, als Kraft, nach schweren Krisen und Erschütterungen weiterzugehen. Posttraumatische Reifung ist die Möglichkeit von Menschen, nach bzw. hinter Extremsituationen und Erschütterungen einen Reifungsprozess zu erleben.

Die Betroffenen selbst entscheiden.

Ich habe begonnen mit dem Gedanken: Es ist ein sensibles Thema, es bedarf der Achtsamkeit und der Einfühlung. Denn: Posttraumatische Reifung ist kein Konzept, das man anderen anbietet – oder gar anderen zuschreibt, dass schwerste Erschütterungen doch zu mehr Stärke führen würden u.ä. Das ist übergriffig und missachtend – um es in klaren Worten zu sagen. Es sind die betroffenen Personen selbst, die – manchmal – zu einem solchem Erleben kommen. Sie sind es, die es – manchmal – auch so benennen wollen: Von Traumatisierung betroffen. Gewachsen. Gereift.

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Helga Kohler-Spiegel ist Professorin für Pädagogische Psychologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg und Redakteurin von feinschwarz.net.

Literatur:

Brauchle, Gernot, Posttraumatische Reifung. In: Steinebach, Christoph / Jungo, Daniel /Zihlmann, René (Hrsg.), Positive Psychologie in der Praxis. Anwendung in Psychotherapie, Beratung und Coaching, Weinheim und Basel 2012, 146 – 152.
Janoff-Bulman, Ronnie, Shattered assumptions: Toward a new psychology of trauma. New York 1992.
Janoff-Bulman, Ronnie, Schema-change perspectives on posttraumatic growth. In: Tedeschi, Richard G. / Calhoun, Lawrence G. (Eds.), Handbook of posttraumatic growth: Research and practice, Mahwah, NJ 2006, 81–99.
Tedeschi, Richard G. / Calhoun, Lawrence G., Trauma and transformation: Growing in the aftermath of suffering. Thousand Oaks, CA. 1995.
Tedeschi, Richard G. / Calhoun, Lawrence G., The Posttraumatic Growth Inventory. Measuring the positive legacy of trauma. Journal of Traumatic Stress, 9 (1996), 455–471.
Tedeschi, Richard G. / Shakespeare-Finch, Jane / Taku, Kanako / Calhoun, Lawrence G., Posttraumatic Growth. Theory, Research and Applications, New York u.a. 2018

Photo: Klimkin (Pixabay)

Siehe auch:

„The Cost of Caring“ – Sekundäre Traumatisierung verstehen

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