Von Verdun nach Kiew. Granaten- und Gedankensplitter

Photo: privat

Ein biographisch grundierter Text zum Krieg in der Ukraine von Hans-Joachim Höhn.

Zu den Erbstücken meines Großvaters gehört eine merkwürdige Urkunde im Posterformat. Ich habe sie vor vielen Jahren beim Stöbern auf dem Dachboden meines Elternhauses entdeckt. Eingewickelt in eine braune Decke fand ich sie im hintersten Winkel zwischen alten Möbelstücken und vergilbten Zeitungen. Es handelt sich um seine persönliche „Kriegschronik“. Verzeichnet sind sein militärischer Rang („Füsilier“) und seine Auszeichnungen („Eisernes Kreuz 2. Klasse“). Exakt listet sie sämtliche Einsätze an der Westfront im Ersten Weltkrieg auf.

Es ist eine Schreckensroute. Mit der nüchternen Aufzählung von Angriffswellen, eroberten Stellungen und Rückzugsgefechten werden die Namen von Städten und Flüssen genannt: Verdun, St. Quentin, Maas, Somme. Vor meinen Augen entsteht eine Landkarte des Grauens. Vor Verdun wird mein Großvater schwer verwundet. In einem Lazarett zieht man einen scharfkantigen, fingerlangen Granatsplitter aus seiner Brust.

Ein Granatsplitter

Von seiner Kriegschronik hat mein Großvater kein Aufheben gemacht. Er hat sie so verborgen, dass man sie nicht leicht finden konnte. Nicht verbergen konnte er die Narben, die der Granatsplitter hinterlassen hat. Diesen Splitter versteckte er so, dass er leicht auffindbar war. Er hat ihn – zusammen mit dem „Eisernen Kreuz“ – in einem kleinen Holzkästchen aufbewahrt. Manchmal haben wir den Deckel aufgeklappt und hineingeschaut. In unseren Kinderaugen sah er aus wie ein schwarzer Dolch.

Eine Kriegsurkunde

Lange Jahre nach dem Tod des Großvaters haben seine Enkelkinder eine Farbkopie seiner Kriegsurkunde erhalten. Das Original bewahre ich auf. Mein Bruder Christoph hat bei Zeiten den Granatsplitter an sich genommen. Er nahm ihn mit zur „Verhandlung“, bei der über seinen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer entschieden wurde. Damals war es üblich, angehende Verweigerer mit allerlei sophistischen Tricks in die Enge zu treiben und sie damit bei der „Gewissensprüfung“ durchfallen zu lassen. Mein Bruder rechnete damit. Als ihm die Argumente ausgingen, griff er in seine Hosentasche, kramte den Granatsplitter hervor und legte ihn auf den Richtertisch. Die Geste ersetzte nicht das fehlende Argument. Aber sie machte klar, woran sich seine Gewissensentscheidung festmachte.

Eine andere Landkarte des Grauens

In den letzten Wochen habe ich täglich eine andere Landkarte des Grauens vor Augen. Die Route des Schreckens verläuft jetzt durch die Ukraine. Wieder lese ich die Namen von Städten, die bombardiert werden: Mariupol, Charkiw, Kiew. Wieder lese ich die Namen von Flüssen, an deren Ufern Granaten explodieren: Dnjepr, Donez. Und wieder stelle ich mir vor, wie in irgendeinem Lazarett ein Granatsplitter aus der Brust eines Soldaten gezogen wird.

In meinem theologischen Notizblock habe ich vor einiger Zeit den Satz eingetragen: „Ständig wiederholt sich, dass sich die Geschichte nicht wiederholt!“. Vielleicht war diese Notiz voreilig. Auf nahezu allen Ebenen führt die Beschwörung einer „Zeitenwende“ dazu, dass sich wiederholt, was überwunden schien.

Es wiederholt sich, was überwunden schien.

Dass man ohne Waffen Frieden schaffen könnte, gilt angesichts des brutalen Vorgehens des russischen Militärs als naiv – mehr noch: als tödliche Illusion. Ethiker*innen wollen Realisten sein und sprechen wieder vom „gerechten Krieg“. Das Bischöfliche Wort „Gerechter Friede“ (2000), das als „Magna Charta“ der katholischen Friedensethik in Deutschland gelobt wurde, ist nicht mehr zitierfähig. Es wurde von einem pazifistischen Idealismus redigiert. Vielleicht empfiehlt sich jetzt die Re-Lektüre des Vorgängerdokuments „Gerechtigkeit schafft Frieden“ (1983), das die Friedensgefährdung in der Epoche des „Kalten Krieges“ zum Thema hat.

Was wäre Pazifismus heute?

In der aktuellen Situation lässt sich mit Friedensappellen wenig ausrichten. Eindrücklicher und nachhaltiger ist jenes Engagement für den Frieden, das den Opfern des Krieges gilt. Die Aufnahme von Geflüchteten wird sich in Europa als völkerverbindend erweisen. Sie ist kostspielig, aber zahlt sich in Zukunft als Friedensdividende aus. Fraglich ist, wie unter diesen Umständen eine katholische Friedensethik fortgeschrieben werden kann, die mehr im Sinn hat, als die Legitimität des Einsatzes von Waffen zur Landesverteidigung zu reflektieren. Welche Möglichkeiten gibt es für die Ausbildung eines evangeliumsgemäßen Pazifismus? Welche Zeichen kann die Kirche setzen, um zur völkerverbindenden Kriegsdienstverweigerung anzustiften? Wie soll man einem Gewissenlosen ins Gewissen reden?

Zwischen drei Übeln

Irgendwann gehen gegenüber einem brutalen Aggressor die Argumente aus. Dann muss man den Angegriffenen beistehen. Wo moralische Argumente für die Verweigerung militärischer Unterstützung am Ende sind, muss jedoch nicht das Ende der Moral kommen. Es gehört zur moralischen Redlichkeit, sich darüber klar zu werden, dass der Kampf gegen das Böse tragische Züge annehmen kann: Es gibt Hilfsangebote, welche die Lage verschlimmern. Unterlässt man sie, verschlechtert sich die Lage erst recht. Man hat die Wahl zwischen zwei gleich großen Übeln. Und das Unterlassen dieser Wahl erzeugt ein drittes Übel.

Eher schwache religiöse Symbolreaktionen

In der katholischen Kirche sehe ich nur wenige überzeugende Versuche, eine genuin religiöse Umgangsform mit Situationen anzubieten, in denen sich ein moralisches Dilemma, eine existenzielle Aporie und eine tragische Verstrickung manifestiert. Ihre Symbolsprache und ihre Symbolhandlungen vermehren eher diese Verlegenheit als dass sie überwunden wird. Die am 25. März 2022 von Papst Franziskus vollzogene Weihe Russlands und der Ukraine an das „unbefleckte Herz Mariens“ erscheint vor diesem Hintergrund als ein schwacher Kraftakt. Man muss nicht so weit gehen und sie als einen Ausdruck spiritueller Regression und frommer Ratlosigkeit kritisieren. Aber man muss fragen, worin ihr innovatives und produktives Moment liegt. Die politische Folgenlosigkeit des Weiheaktes könnte ein Indiz seiner religiösen Wirkungslosigkeit sein.

 

Wiederholt sich, dass sich die Geschichte wiederholt?

Ich stelle mir vor, dass russische und ukrainische Soldaten den Krieg überleben. Sie kehren zu ihren Familien zurück. Vielleicht überreicht man ihnen eine Tapferkeitsmedaille. Und vielleicht greifen sie dann in ihre Hosentasche, klauben einen Granatsplitter hervor und legen ihn neben die Kriegsauszeichnung. Wiederholt sich, dass sich die Geschichte wiederholt? Vermutlich lautet die richtige Antwort: Solange diese Frage wiederholt gestellt wird, beantwortet sie sich selbst.
_________________________________________

Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität zu Köln.

Bild: Hans-Joachim Höhn

Print Friendly, PDF & Email