Was hat die Pastoraltheologie mit einer Kirche in Krise zu tun? Wider den Vorwurf einer „panischen Kopflosigkeit“ angewandter Pastoralforschung

Wie kirchennah darf Pastoraltheologie sein? Matthias Sellmann reagiert auf Wolfgang Beck.

Das Magazin feinschwarz brachte am 16. 4. 2019 meinen „Weckruf für mehr Verbindlichkeit“, in dem darauf aufmerksam gemacht wird, dass zur anstehenden Kirchenreform nicht nur gute Pläne und Leitbilder benötigt werden, sondern auch eine interne Kultur der wechselseitigen Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Aus der Pastoraltheologie kam lebhafte Resonanz: So führte der Seelsorger Markus Heil die Leitmetapher eines sinkenden Schiffes weiter zur dann fälligen Krisenarbeit des Matrosen (https://www.feinschwarz.net/panik-ist-durchaus-zeitgemaess-die-arbeit-des-matrosen-auf-dem-sinkenden-schiff/). Die Münsteraner Theologinnen Monika Heidkamp und Verena Suchhart-Kroll plädierten für eine „zeugende Pastoral“ (https://www.feinschwarz.net/worauf-konzentriert-sich-eine-kirche-die-anders-wird/ ). Und der Frankfurter Kollege Wolfgang Beck schrieb einen offenen und sehr kritischen Brief. Der ‚Weckruf‘ und die dahinterstehende Theologie wurden hier u.a. als „kopflos“, „panisch“, „bedrohlich“, „hybrisch“, „blind“, „unprofessionell“ usw. kritisiert (https://www.feinschwarz.net/keine-panik-auf-der-titanic/)

Emotionalität zeigt Energie

Auf alle Reaktionen wäre vieles zu sagen – vor allem aber: Dankeschön. Es ist nicht selbstverständlich, dass man eine Debatte auslöst. Auch für die Emotionalität bedanke ich mich; denn sie zeigt Energie. Damit will ich dann aber das Persönliche auch hier herauslassen. Denn es geht hier m.E. nicht um eine Kontroverse, die im Stil offener Briefe ausgetragen werden sollte. Vielmehr wird hier doch etwas sehr Wichtiges verhandelt: nämlich das Verhältnis der universitären Pastoraltheologie zum Faktum einer krisengeschüttelten verfassten Kirche. Diese Präzision scheint mir wichtig: Hier geht es nicht einfach um das Selbstverständnis der Pastoraltheologie als solcher. Sondern präziser: um die Frage, ob dieses fachliche Selbstverständnis eigentlich konstitutiv davon berührt wird, wenn die verfasste Kirche in deutliche Krisen kommt. Und wird dies bejaht, stellt sich die Anschlussfrage: Wie wird dieses Ziel in Forschung und Lehre eingelöst; und woran können Akteure der verfassten Kirche das genau erkennen?

Das Lehrstuhlteam in Bochum hat mit der Gründung des „Zentrum für angewandte Pastoralforschung“ diese Fragen klar mit ‚ja‘ beantwortet und ein ausführliches einschlägiges Präzisierungsprogramm erarbeitet. Um auf Markus Heils Anfrage zu antworten: Ja, das alte leckgeschlagene Schiff ist unserer Meinung nach noch zu retten und es sollte auch gerettet und natürlich auch umgebaut werden – jedenfalls muss es überhaupt ein Schiff geben; und die Mühe um die Funktionsfähigkeit dieses Schiffes lohnt jede Mühe.

Ich flagge diese Interpretation des Faches seit Jahren bekanntlich aus als „Angewandte Pastoralforschung“. Sehr kurz pointiert, ist dieser Ansatz genau dadurch charakterisiert, dass er das Wissen im (krisengeschüttelten) kirchlichen Feld mit dem Lösungswissen aus Theologie, Sozialwissenschaften und Empirie zum wechselseitigen (!) Erkenntnisvorteil verschaltet. Ziel angewandter Pastoralforschung sind gemeinsam geprüfte, erprobte, evaluierte, reflektierte und skalierte Interventionsvorschläge im Feld von systematisch organisierter Pastoral. Dies beinhaltet konzeptionell das Programm einer pastoraltheologisch endlich zu rehabilitierenden strategischen Vernunft. Erste ausführliche wissenschaftstheoretische Reflexionen, sieben Jahre Kooperationsarbeit im kirchlichen Feld mit über 20 mehrjährigen Praxisprojekten, eine Buchreihe und viele weitere Publikationen liegen inzwischen vor, in denen das Bochumer Team diese Interpretation in die Fachdebatte einbringt.[1]

Entschiedene Kopplung

Es ist diese entschiedene Kopplung eines Typs Pastoraltheologie an die konkrete Entwicklung verfasster Kirchlichkeit, die Beck so scharf kritisiert. Dies wird schon dadurch deutlich, dass in seiner Replik auf den ‚Weckruf‘ in so gut wie keiner Zeile auf dessen genaue Argumentation eingegangen wird. Stattdessen wird schon im Vorfeld bestritten, dass diese pastoraltheologische Position positiv bewertet werden könnte. Sie sei eben kopflos.

Auch dafür kann man dankbar sein. Denn es gibt Gelegenheit, sich zu den drei zentralsten Vorbehalten konzeptionell zu äußern. Paradoxerweise ist es gerade die emotionale Fassung der Kritik, die zu analytischer und auch ausführlicher Reaktion herausfordert – und damit hoffentlich nicht das Genre sprengt, in dem Beck sich geäußert hat. Ich spreche damit die Hoffnung aus, dass die Debatte weitergeht, über Frankfurt und Bochum hinaus – und zwar nicht die um den Bochumer Ansatz, sondern um die übergeordnete Frage: Wie verhält sich die universitäre Pastoraltheologie zu dem Faktum, dass es der verfassten Kirche epochal schlecht geht? Hat dies etwas mit dem konstitutiven Selbstverständnis der Pastoraltheologie zu tun? Und wenn ja: Woran kann man das erkennen?

Vorwurf 1: Angewandte Pastoralforschung verlässt den ihr eigentlich zustehenden Platz.

Beck sieht die an besserer Kirchenorganisation interessierte Pastoraltheologie ohne erkennbaren Platz auf dem Schiff. Dies sei doppelt bedrohlich; denn zum einen störe man die Gewerke der Anderen; zum zweiten fehle man am zugedachten Platz.

Es ist nun doch offenbarend, welchen Platz Beck für die universitäre Pastoraltheologie sieht: Man möge Funker sein. Man solle mit anderen Funkern nah und fern kommunizieren, um Hilfe anzufordern und Kursänderungen vorzubereiten. „Meldungen machen und berichten“, „Kontakt zur Außenwelt aufnehmen“, „weiter sehen und hören als andere“.

Elfenbeinturm als Funkturm

Man muss sicher zugestehen, dass Beck hier in den Sprachgrenzen der Metapher (oder sogar der Allegorie?) bleibt. Im Prinzip besagt das übrigens auch, dass die von mir gewählte Bildwelt nicht ganz unpassend zur Diagnose der Situation sein kann. Aber: Ausgerechnet die Funkkabine bleibt auch innerhalb der Bildwelt eine auffallend deutliche Platzierung. Sie ist eben in Distanz zum Geschehen. Sie sieht nicht mit den eigenen Augen und hört nicht mit den eigenen Ohren. Sie sitzt abseits und für sich, mit ihren Instrumenten. Fast ist man versucht zu sagen: Ob die Funker überhaupt auf dem Schiff sind oder nicht, ist sekundär. Sie haben ja ihre Drohnen und Radarschirme, auf denen sie die Seebewegungen abgebildet vorfinden. Hauptsache, sie melden und berichten. Der berühmte Elfenbeinturm der Wissenschaft – ist er jetzt zum Funkturm mutiert?

Die Rückfragen, die sich hier stellen, weisen in mehrere Richtungen: Woher weiß jemand, welchen Platz die Pastoraltheologie einnehmen soll? Begründet wird die Entscheidung für die Funkerkabine im Beitrag ja nicht. Woher weiß man dann auch, wer seinen Platz zum Schaden aller verlässt? Und: Gibt es nur den einen richtigen Platz der Pastoraltheologie? Und gäbe es auch mehrere: Ist für den richtigen Platz die Distanz zum analysierten Geschehen konstitutiv? Weiter: Ist kooperativer Feldkontakt gleichbedeutend mit Nicht-Distanz? Immerhin sprechen wir hier über Praktische Theologie. Oder ist Praktische Theologie vergleichbar mit Fundamentaltheologie und behandelt zwar Praxisthemen, dies aber ebenso theoretisch? Und daher die finale Rückfrage: Welches Praxisverständnis liegt konzeptionell zugrunde, wenn man Pastoraltheologie konstitutiv in die Dauerdistanz zu ihren Erkenntnisfeldern bringt?

Vorwurf 2: Angewandte Pastoralforschung will das Geschäft der Kapitäne übernehmen.

Eine nur wenig verborgene Spitze richtet sich auf die Verwobenheit angewandter Pastoralforschung mit den Entscheidungsebenen von Kirchenorganisation. Man stehe in Gefahr, das Ruder an sich zu reißen. Man möchte lieber Kapitän sein?, wird rhetorisch gefragt. Und damit nicht genug: Die Kapitäne werden gleich mitkritisiert, weil sie eventuell sogar nur zu gerne genau dazu bereit seien, aus fehlendem Mut zu Veränderungen und zu großer Verantwortung.

Wiederum soll hier die Metapher nicht überzogen werden. Aber tatsächlich begegnet angewandte Pastoralforschung immer wieder dem Vorwurf, die Ebenen zu verwechseln und unversehens zum verlängerten Arm kirchenamtlicher Hierarchen zu werden. Dazu ist zunächst zu sagen, dass Beck hier zu Recht auf eine sehr sensibel zu beachtende Grauzone hinweist. Wie etwa auch angewandte Politik- oder angewandte Roboterforschung, so wird auch angewandte Pastoralforschung natürlich zu einer Figur auf dem Feld kirchenamtlicher Interessen. Dies abzustreiten, wäre schon soziologisch sehr naiv. Wichtig ist aber der Hinweis: Kooperation muss noch lange keine Manipulierbarkeit bedeuten. Es gibt inzwischen reiches Praxiswissen, vor allem aus anderen Geisteswissenschaften, wie man als universitärer Partner die externe Rolle behalten, wie man eben gerade zwischen Auftrags- und Grundlagenforschung unterscheiden und wie man genau deswegen an real wirksamen Interventionen und Inspirationen beteiligt sein kann.

Allerdings: Wer diese Grauzone pauschal kritisiert, systematisch ausschließen will und auf die vorgeblich unkontaminierte Zone der Wissenschaftsfreiheit verweist, der zieht wiederum deutlichen Klärungsbedarf auch auf sich selbst. Beck propagiert dieses Verständnis von „Intellektualität im besten Sinn“, wenn er als typische pastoraltheologische Verben aufzählt: „zu beobachten und kritisch zu reflektieren, Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, (…) alternative Szenarien und Denkwege immer wieder kreativ zu entwickeln“, usw. Hierin bestehe die „Wissenschaftlichkeit der Pastoraltheologie“, wenn sie „mit etwas Abstand Impulse gibt, indem sie die richtigen Zwischenfragen stellt“. (Nur mal am Rande: Hat nicht der ‚Weckruf‘ ebensolche Beobachtungen eingespeist und solche Zwischenfragen gestellt?)

In jedem Fall eine Figur auf dem Feld

Auch hier aber wieder deutliche Rückfragen: Merkt man noch angesichts dieser Enthaltsamkeit von Interventionsinteressen, wie man ebenfalls eine Figur auf dem Feld wird – und zwar gerade, weil man sich raushält? Ist die Rolle verbeamteter Theologinnen und Theologen an staatlichen Universitäten eine unschuldige? Kann es sein, dass diese Art Burgfriede mehreren Seiten nutzt, wenn die Pastoraltheologie sich auf‘s Beobachten beschränkt? Merkt man, dass man mit dem Ansatz wissenschaftlicher Kontemplation das Praxisfeld den Anderen überlässt? Oder, jetzt wird es spitz: Braucht man das sogar, dass die Anderen das Feld übernehmen, damit man es wieder kritisieren und alternative Wege zeigen kann? Hält dies alle schiedlich-friedlich in Lohn und Brot, weil keiner vom Anderen etwas zu befürchten hat und beide Pole – Reflexion und Entscheidung – ruhig ihre Bahnen drehen? Beck kritisiert es als „ein wenig Hybris (…), die haupt- und ehrenamtlich Engagierten und auch die Kollegen und Kolleginnen derart anzugehen.“ Dies sei ungerecht und schwer erträglich. Verletzungen waren definitiv nicht meine Absicht; dass wir uns wechselseitig in den Rollen von Praxis und Reflexion konstruktiv kritisieren und damit (hoffentlich) im Ganzen verbessern können, das wünsche ich mir allerdings schon.

Denn, so wäre weiterzufragen: Nützt eine wechselseitige Nicht-Erwartung der Kirche im Ganzen, und nützt es dem Gemeinwesen, auf das hin Kirche instrumentum sein will? Es gibt gute Gründe zu bezweifeln, dass eine Kirche im konzeptionellen Vakuum nützlicher ist als eine, in der Reflexion und Entscheidungsebene wirksam und anspruchsvoll miteinander kooperieren.

Es ist jedenfalls auffällig, dass man zwei Sorten von Klagen begegnen kann: dem Unmut mancher Pastoraltheologie, man werde nicht in die epochalen Umbrüche der Bistümer strukturell einbezogen; und dem Unmut mancher Entscheider, man würde mit einer rein in Beobachterhaltung befindlichen Pastoraltheologie schlicht nicht problemlösend arbeiten können. Was mich aber mehr besorgt, ist die große Schar derer, die ‚weder-noch‘ klagen. Viele, so befürchte ich, haben sich eingerichtet in der für beide Seiten profitablen, für das Gesamt aber folgenlosen Nicht-Kooperation zwischen Pastoralplanung und Pastoraltheologie.

Vorwurf 3: Angewandte Pastoralforschung missachtet die eigentlich schweren Probleme.

Ein schwerer Vorwurf ist drittens, angewandte Pastoralforschung würde schlicht die realen Probleme der Gegenwart verraten. Weil sie sich so stark und affirmativ auf die Organisation konzentriere, käme sowohl die sklerotische Verfassung dieser Organisation nicht mehr kritisch und die eigentlich vom Sendungsauftrag her geforderte Wirksamkeit von Kirche gar nicht in den Blick. Mit letzterer ist dann vor allem die direkte Seelsorge bzw. die diakonische Dimension gemeint.

Bei Heidkamp/Suchhart-Kroll ist dieser Hinweis latent gehalten, wenn sie mit Donegani betonen: „Der Bruch, das Neue, liegt […] in einem wirklichen Desinteresse am Erhalt der Institution“. Das faszinierende Konzept einer „pastorale d’engendrement“ können sie nur, ähnlich wie übrigens Theobald, in der Denkform des Nullsummenspiels mit der Schwächung von Institution und Organisation zusammendenken, nicht mit der Stärkung beider. Die Konzentration der Pastoraltheologie solle auf den Alltag der Leute gehen, auf ihre Lebensgeschichte, auf ihre Gottessuche – und nicht auf Kirchenrettung, Erfolgskurse und gefüllte Kirchenbänke.

Bei Beck ist der Vorwurf sehr scharf. Er diskreditiert die Rede vom sinkenden Schiff, weil sie so gar nichts von den schiffbrüchig Toten des Mittelmeers mit aufnehme. Ähnliches gilt für die Unterstellung, die historisch konkreten Mitglieder des Orchesters auf der Titanic seien verlacht worden. Diese seien immerhin auf ihrem Platz geblieben.

Ekklesiozentrischer Narzissmus?

Diese Wendung weise ich als einzige wirklich von mir, sie scheint mir, jedenfalls in der hier gegebenen Gestalt, ressentimentgeladen. Sachlich übertragen soll sie wohl heißen: Im ‚Weckruf‘ bzw. in der angewandten Pastoralforschung werde ein ekklesiozentrischer Narzissmus vertreten, der die diakonische Sendung der Kirche voll und nicht per Zufall, sondern systemisch verfehle. Bleibt man sachlich, geht es sozusagen um die alte befreiungstheologische Frage, ob man pastoral an Armut vorbeiagiert, wenn man nicht Fische verschenkt, sondern Angeln.

Nach Beck ist es offenbar so: Wer sich um den organisationalen Fortbestand der Kirche kümmert, kümmert sich zugleich nicht um die aktuellen Opfer in Gesellschaft und Geschichte. Umgekehrt: Nur wer sich um die Opfer kümmert, an sie erinnert und sich von ihnen her wissenschaftlich organisiert, der ist sowohl moralisch der Bessere wie pastoraltheologisch an seinem Platz.

Auch hierzu einige Rückfragen in dieses Fachverständnis hinein: Gibt es die Selbstkontrolle bezüglich der Wirksamkeit des Opferschutzes, wenn es pastoraltheologisch beim rhetorischen Erinnern bleibt? Hat die doch wirklich satt begründete soziologische Erkenntnis irgendeine pastoraltheologische Relevanz, dass es in funktional differenzierten Gesellschaften systemisch gerade keinen direkten Durchgriff von moralischen Intuitionen auf die Ebene struktureller Veränderung gibt – und dass man deswegen Organisation benötigt? Wer hat den unter die Räuber Gefallenen systematisch gesundgepflegt: der Samariter oder der Wirt? Ist Organisation sofort Sklerose? Mit welchem Grund soll systemisch erzeugte Mittelbarkeit sofort moralisch niedriger zu bewerten sein als personale Unmittelbarkeit? Auch Beck votiert ja für Professionalität, er nennt sie sogar „lebensrettend“. Aber ist nicht für jede – auch die pastorale – Professionalität gerade ihr Rollencharakter kennzeichnend, also ihre Abstraktion von Subjektivität im Dienst ihrer Funktion?

Bearbeitung systeminduzierter Machtasymmetrien

Für jede soziale Organisation kann man mit Recht vermuten, dass ihre Tendenz zu Machtmissbrauch gerade mit dem Grad ihrer strukturellen Intransparenz ansteigt. Bei Kirche als religiöser Organisation kann man das hierzulade im Moment sogar komplett rekonstruieren. Hier wird sichtbar: Die bloß individuelle und situative Verantwortungszuschreibung unterbietet die Komplexität von strukturell erzeugtem Machtmissbrauch und sogar noch die seiner Aufklärung. Eine Pastoraltheologie ohne Intelligenz für organisationale Prozesse hat kein Instrumentarium für die Bearbeitung systeminduzierter Machtasymmetrien außer dem moralischen Appell und dem Zuruf von außen.

Für Deutschland gilt sogar noch gesteigerter: Wo ist die pastoraltheologische Reflexion auf die realen Anreizsysteme für Religiosität unter Kirchensteuerbedingungen? Will man wirklich Steuergelder einnehmen und Organisation abbauen? Oder ist es nicht allemal lohnend, kirchliche Organisation so zu bedenken und zu verändern, dass als ihr Effekt ein Christsein wahrscheinlicher wird, welches für viele die Option religiöser Selbstbestimmung umwandelt in humane und kommunale Fortschritte des Gemeinwohls?

Denn diese Förderung von gelingender Biografie (Heidkamp/Suchhart-Kroll) und von gerechter Humanität (Beck) mit christlich-religiösen Mitteln ist auch das Ziel angewandter Pastoralforschung. Hierin besteht Gemeinsamkeit. Allerdings vertritt sie die These, dass dieses Ziel im Ganzen und für Viele besser, transparenter, kontrollierbarer und überzeugender erreicht wird, je qualitativer Kirche sich als Organisation aufstellt, je allianzfähiger sie sich intermediär im Mesobereich vernetzt, und je präziser sie sich als Infrastruktur anbietet für die freie religiöse Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger.

Grundfragen im Fachdiskurs

Drei Vorwürfe erzeugen also drei Bereiche von Rückfragen. Am Ende bleibt ein Fazit: Nicht alle müssen angewandte Pastoralforschung betreiben. Aber dieser Typ Pastoraltheologie beansprucht seinen Platz – zumindest solange, bis die Rückfragen an die Kritiker konzeptionell befriedigend beantwortet wurden. Es wäre, so glaube ich, nicht nur für uns in Bochum wünschenswert, wenn diese Grundfragen im Fachdiskurs weiterbearbeitet würden. Ein Anfang ist gemacht, dank der drei ausführlichen Reaktionen auf feinschwarz. Noch einmal besten Dank dafür. Bis zur weiteren Klärung halten wir aber die oben gestellte Fragen aufrecht: Inwiefern wird das fachliche Selbstverständnis der Pastoraltheologie konstitutiv davon berührt, wenn die verfasste Kirche in deutliche Krisen kommt? Und wird dies positiv beantwortet: Woran können Kapitäne, Matrosen (da hat Herr Heil völlig recht), vor allem aber alle, die von diesem Schiff profitieren könnten, das erkennen?


Prof. Dr. Matthias Sellmann ist Gründer und Leiter des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (ZAP) an der Ruhr-Universität Bochum.

[1] Vgl. nur Matthias Sellmann: Zukunftsfähige Pfarrei in moderner Katholizität. Der Ansatz des zap-Bochum als Konkretion angewandter Pastoralforschung, Bochum 2018 (download als zap:workingpaper Nr. 9); Matthias Sellmann: Pastoraltheologie als „Angewandte Pastoralforschung“. Thesen zur Wissenschaftstheorie der Praktischen Theologie, in: PThI (= Pastoraltheologische Informationen), H.2 (2015), 105-116. Als Beispiele vgl. nur die inzwischen bereits fünfbändige neue Buchreihe „Angewandte Pastoralforschung“ des Echter-Verlags.

Foto: Anni Spratt / unsplash.com

Print Friendly, PDF & Email