Weihnachten geht auch anders

Aufbau begehbare Krippe

Ein Jahr sich ständig ändernder Pläne. Und wie wird Weihnachten in diesem Jahr in Gemeinden an unterschiedlichen Orten nun gefeiert? Feinschwarz.net fragte bei verschiedenen Personen nach und veröffentlicht hier noch einmal eingegangene Pläne für Heiligabend 2020.

Wo kommt Gott zur Welt? Draußen!

“Wo kommt Gott zur Welt?” Dieser Impuls von Tobias Sauer vom ruach.jetzt.Netzwerk hat Florian Kunz und mich seit dem Sommer im Blick auf die Entwicklung hybrider Gemeindeformen begleitet. Gleichzeitig fragte das Team von Unbox-Berlin danach, wo eigentlich Kirche ist. Alle gaben sich dieselbe Antwort auf diese beiden Fragen: Draußen. Vor der Tür und im Netz.

Also schlossen sich die beiden Berliner Kirchenkreise Tempelhof-Schöneberg und Stadtmitte für das hybride Adventsprojekt #esgehtumdieliebe zusammen. Seit Anfang Dezember waren sie mit zwei pinken Pop-Up-Krippen in Berlin und im Netz (auf Instagram) unterwegs und begaben sich auf die Suche nach Weihnachtsspuren. Jede der 4 Adventswochen war einem Wort gewidmet: warten, wünschen, leuchten und ankommen. Dazu wurden Insta-Fragen gestellt und Videos gedreht – aus allen Antworten zu “was wünscht du dir?” etwa wurde ein Wunsch-Punsch Video: Eine Flamme, ein Topf auf dem Herd, und alle Zutaten sorgfältig hinein.

Aus dem Stroh der Krippe tönt Musik.

Eine pinke Pop-Up-Krippe steht an Heilig Abend vor der Apostel-Paulus-Kirche in Berlin-Schöneberg. Die Kirche bleibt geöffnet, Gottesdienste in gewohnter Form finden nicht statt. Besucher*innen können drinnen ein Licht anzünden und einen Kurzgottesdienst als Video sehen. Draußen an der Krippe verteilt ein Team 1000 Tüten voll Weihnachten für zu Hause – darin ein weihnachtlicher Gruß, Licht und Stern sowie das kleine Heft “Besuch für dich” des Andere-Zeiten-Verlags. Aus dem Stroh der Krippe tönt Musik, Menschen wünschen einander “Frohe Weihnachten” und stellen sich die Frage, wo Gott in diesem Jahr eigentlich zur Welt kommt. Ja, wo? Genau hier. In Unsicherheit und Unplanbarkeit. Hier draußen in der Welt.

#esgehtumdieliebe ist ein Projekt von Pfarrerin Andrea Kuhla, Pfarrer Florian Kunz sowie dem Projekt Unbox-Berlin mit Annette Plaz, Nina Schmidt, Jephta Neumann und Lea Garbers.


Anders als geplant

Heilig Abend 2020 wird anders, das war meinen Gemeinden in Lübbenau und umliegenden Dörfern und mir klar. Im September gehen wir auf Ideensuche: Gottesdienste draußen Open Air feiern, das sollte die Lösung werden. Sowohl die Dorfkirchen als auch die Kirche in der Stadt sind zu klein um mit 1,5m Abstand die übliche Anzahl der Gottesdienstbesucher*innen zu platzieren.

Die Dorfgemeinden suchen nach geeigneten Plätzen im Dorf. Und in der Kleinstadt planen mein katholischer Kollege und ich eine ökumenische Christvesper auf dem kommunalen Sportplatz. Im Oktober gibt es Vororttermine mit der Kommune, die sehr kooperativ und unterstützend Anteil nimmt. Licht, Beschallung, Bläserchor, Ehrenamtliche – alles organisiert. In den Stadtnachrichten (kommunales Nachrichtenblatt an alle Haushalte) sind Anmeldezettel zum Ausfüllen beigelegt, damit  die Registrierung schneller klappt und alle, die nicht digital unterwegs, sich auch vorbereiten können.

Licht, Beschallung, Bläserchor, Ehrenamtliche – alles organisiert.

Parallel laufen dazu Vorbereitungen auf Kirchenkreisebene – ein Andachtsheft mit Andachten vom 1. Advent bis Epiphanias wird entworfen, ein digitaler Adventskalender aufgenommen – und die Vorbereitungen für die Aufnahmen einer Christvesper laufen.

Es wird November und die Zahl der an Covid-19 Erkrankten steigt immer weiter. Ökumenisch feiern wir noch St. Martin auf sehr reduzierte Weise und mit sehr ausgefeiltem Hygienekonzept. Als ich die Familien sehnsüchtig nach Kontakt und Zusammensein beim Martinsfest sehe, wird mir klar: die größte Herausforderung bei einer Christvesper im Stadion wird die Abstandsregel sein.  Eine Woche später kommt die verständliche Absage der Stadt: Gottesdienst im Stadion ist nicht möglich. Zu groß die Menschenansammlung, zu groß die Gefahr die Situation nicht händeln zu können.

Das Organisieren beginnt von Neuem.

Wir planen um. Zu den Menschen hin wollen wir, um die Menschenmenge klein zu halten und sie nicht auf den Weg durch die Stadt zu schicken, weiterhin ökumenisch. Anfang Dezember die nächste Idee: Wir mieten einen Kremser. Der Bläserchor kommt in reduzierte Besetzung mit. An sechs verschiedenen vorab kommunizierten öffentlichen Punkten direkt in der Stadt wollten wir „Mini-Christvespern“ feiern: „Stille Nacht, Heilige Nacht“ – Weihnachtsgeschichte – Gebet – Segen – „O du fröhliche“ und weiter geht die Fahrt. Das Organisieren beginnt von neuem: Mobile Lautsprecheranlage, Genehmigung der Kommune, Hygienekonzept, Kremser, Pressemitteilungen, Ehrenamtliche – bevor wir alles finalisieren konnten, kommt im Landkreis Oberspreewald-Lausitz der absolute Lockdown. Die Sieben-Tages-Inzidenz liegt momentan bei 570 Neuerkrankungen. Gottesdienste sind vom 12.12. bis 08.01.2021 untersagt.

Was bleibt für Heilig Abend? – Offene Kirche, so attraktiv wie möglich, mit Musik und schöner Krippenszene, Weihnachtsgeschichte, Gebet und Segen zum Mitnehmen und auch was Ansprechendes für Kinder. Und: jetzt planen wir noch gerade einen Weihnachtspilgerweg. 6 große Plakate, die die Weihnachtsgeschichte an verschiedenen Punkten der Stadt aus verschiedenen Perspektiven erfahrbar machen. In Schaufenstern von Geschäften hängen sie vom 24. – 27.12. Mit QR-Codes mit jeweils passenden Liedern. Und ganz kurzem Übertrag ins heute, hier und jetzt.

Was kann ich noch tun, damit Heilig Abend sichtbar und erfahrbar wird?

Und ich bin froh. Froh, dass es jetzt definitiv feststeht: Weihnachten gibt es keine Präsenzgottesdienste. Nein, ich bin auch traurig, so wie sehr viele Gemeindeglieder und auch Nicht-Gemeindeglieder – die mich auf der Straße und im Supermarkt bedauernd ansprechen. Das Bedürfnis der Menschen gerade am Heiligen Abend irgendwie – verbunden mit den unterschiedlichsten Intentionen, Erwartungen, Hintergründen und Ritualen – Gottesdienst zu feiern, erscheint mir groß. Nicht das anbieten zu können, was einmal im Jahr so nachgefragt wird, macht mir auch Druck: was kann ich noch tun, damit Heilig Abend sichtbar und erfahrbar für die Menschen stattfindet?

Kreativität für Plan B, der eigentlich schon Plan F ist

Aber ich bin froh, dass die Situation klar ist. Ich weiß woran ich bin. Wie anstrengend und frustrierend ist es, schöne Dinge zu planen, von denen ich denke: „das kann aufgehen, das kann richtig gut werden“ – und sie dann, ohne Praxistest, in die Schublade legen zu müssen. Irgendwann habe ich keine Kreativität mehr für Plan B, der eigentlich schon Plan F ist.

Heilig Abend ohne Gottesdienste wird merkwürdig werden. Vielleicht aber auch eine Chance, Weihnachten bewusst anders zu denken, zu begreifen und zu feiern. Aufs Wesentliche reduziert. Vielleicht gelingt es.

Ulrike Garve ist Pfarrerin in den evangelischen Kirchengemeinden des Pfarrsprengels Lübbenau und Umland.


Stille Nacht zwischen Hähnen und Muezzin

Heiligabend in der Jerusalemer Altstadt: Es ist wenige Tage zuvor noch unklar, ob es einen weiteren Lockdown geben wird. In Bethlehem, Westbank, 30 Minuten entfernt, sind die Kirchen bereits geschlossen. Wir hoffen weiter, dass wir in Gruppen von 20 Menschen zum Gottesdienst draußen zusammenkommen dürfen. Innerhalb der Kirche wären es nur zehn, also feiern wir im Innenhof unseres Kreuzgangs open air. Masken, Wintermäntel, Windlichter, über zwei oder drei Stockwerke verteilt: So kann es sicher und gut gehen.

Masken, Wintermäntel, Windlichter im Kreuzgang

In der jüdischen Siedlung nebenan werden die Hähne krähen, der überlaute Ruf des Muezzin wird eine wirklich stille Nacht verhindern. Nicht schlimm: Das ist so mitten in Jerusalem, wo Kulturen und Religionen zusammenkommen. Wo auch der Heiland hingekommen ist. Nicht in der Heiligen Nacht, sondern später: Golgatha ist keine 100 Meter von uns entfernt. Gottes Kind wird es zu uns in der Heiligen Nacht schaffen und wir werden das feiern.

Joachim Lenz ist seit August diesen Jahres evangelischer Propst in Jerusalem an der Erlöserkirche.


Weihnachten für daheim

Ich mag Überraschungen. Und Tüten, in die jemand liebevoll Dinge hineingepackt hat. Dinge, die nicht nützlich sind, sondern schön. Die ich in meinen Händen halten kann. Die mein Herz erreichen.

Dinge, die nicht nützlich sind, sondern schön. Die ich in meinen Händen halten kann.

Eine Kerze, einen Stern, eine Feder, einen Engel zum Ausschneiden und Falten. Das haben wir in unsere schneeweißen Weihnachtstüten hineingepackt. Herum um unser Weihnachtsheft mit Weihnachtsliedern, Ideen für Weihnachten und zwei Gottesdienstliturgien für daheim – eine größere und eine kleine-feine. (Danke an und Birgit Mattausch, Katharina Gralla und Melanie Kirschstein für gute Worte und Ideen!). Zusätzlich kommt noch das hübsche Heft mit der Weihnachtsgeschichte to go von Susanne Niemeyer hinein.

Wir feiern keine Präsenzgottesdienste dieses Jahr. Also kommen die Weihnachtsgottesdienste nach Hause. Für Familien, für Junge, für Alte.
Entweder, die Menschen melden sie sich selbst bei uns oder haben andere im Blick, für den Sie sich eine solche Tüte wünschen. Vor Heilig Abend werden die Tüten dann abgeholt oder bei den Menschen an die Tür gebracht.

Vanessa Bührmann ist Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinde Rheindürkheim bei Worms.


„Weihnachten auf der Burg“ oder: die Bielefelder Weihnachtsgeschichte

Wie überall die gleiche Ausgangslage: Was machen wir Gemeinden zu Weihnachten, wenn Krippenspiel und Co. nicht gehen? Wir haben Glück: Hoch über unserer Marienkirche, in Fußnähe, prangt die Sparrenburg und lockt zum Spaziergang. Und im Stadtteil nebenan arbeitet die integrative Theaterwerkstatt Bethel. Ein Anruf, und wir sind ein Team. „Wir“, das sind am Ende die baptistische Hoffnungskirche, die lutherische Neustädter Marienkirche, das Stadtkantorat Bielefeld – und eben die Theaterwerkstatt Bethel.

Ein Anruf, und wir sind ein Team.

Wir einigen uns schnell auf die Weihnachtsgeschichte in Stationen – je nach Coronalage live auf dem Burggelände aufgeführt oder vorher abgefilmt und über QR-Codes den Spaziergänger*innen auf der Burg zugänglich gemacht. Hellsichtig entscheiden wir uns Mitte November für die QR-Code-Variante. Ein professionelles Filmteam kommt hinzu.

Das inhaltliche Konzept verändert sich zwischenzeitlich grundlegend: Der baptistische Kollege und ich hatten an eine politisch korrekte, aber werkgetreue Fassung der biblischen Vorlagen gedacht, in Szene gesetzt von den großartigen Schauspieler*innen der Theaterwerkstatt Bethel. Ich habe den Theaterverantwortlichen sogar noch einen kleinen theologischen Vortrag über die lukanische Version gehalten.

Kaiser Augustus verspricht den vom Klimawandel gebeutelten Teutoburger Wald wieder groß und schön zu machen.

Sie haben unser biederes Skript über den Haufen geworfen und sich der Geschichte mit künstlerischer Freiheit genähert: Kaiser Augustus verspricht in der Rhetorik des „römischen Friedens“ den vom Klimawandel gebeutelten Teutoburger Wald wieder groß und schön zu machen, und Maria und Maria sind ein lesbisches Paar, das in seiner Stilldemenz nach dem Namen sucht, den sie dem Kind gegeben haben. Dazwischen bittet das Paar ganz klassisch um Aufnahme, und die Hirtenband singt. Den Rahmen machen der Kollege Tom und ich, geboten kurz. Die „Bielefelder Weihnachtsgeschichte“ ist geboren, und wir sind jetzt gespannt, wie sie den Bielefeldern gefällt.

Dr. Christel E.A. Weber ist Pfarrerin in der Neustädter Marien-Kirchengemeinde in Bielefeld.

Beitragsbild: Klaus Böse, Aufbau der begehbaren Krippe in der Markusgemeinde Berlin-Steglitz, die von Studierenden des Studiengangs Bühnenbild und Szenischer Raumder TU Berlin gestaltet wird.

Print Friendly, PDF & Email