„… wenn die Nacht noch dunkel ist“. Eine nicht gehaltene Osterpredigt

Ich kenne das noch von Zeltlager. Endlich schlafen die Kinder, die Gruppenleiter sitzen am Lagerfeuer. Man hält Nachtwache und öffnet das erste Bier. Nach und nach wird es kühler, man rückt am Feuer zusammen. Schließlich werden die Gespräche ruhiger und wesentlicher und das Warten auf den Morgen beginnt. Irgendwann zieht die Zeit sich wie ein alter Kaugummi. Dann aber zwitschert der erste Vogel. Endlich. Denn nun ist klar: Die Natur erwacht, der Morgen naht.

Szenenwechsel. Eine meiner eindrücklichsten Jugenderinnerungen ist die Feier der Osternacht am frühen Morgen. Versammelt um das Feuer im Halbdunkel der Nacht. Licht verteilt sich im Raum. Exsultet: Dies ist die Nacht… Durchgang durch die Heilsgeschichte. Und dann: Halleluja! Alle Heiligen aus Zeit und Raum. Wasser des Lebens. Brot und Wein, geteilt im Morgenlicht. Ostersegen – auch für das häusliche Mahl. Und dann: Menschen, Umarmungen – frohe Ostern!

In einer dieser Osternachtsfeiern hielt unser Pfarrer eine eindrückliche Predigt zu diesem Kalenderspruch: „Der Glaube ist ein Vogel, der singt, auch wenn die Nacht noch dunkel ist.“ (R. Tagore). Der Spruch erinnert mich an das ‚biblische‘ Gefühl des Wartens am Lagerfeuer: „Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?“ (Jes 21,11).

Und ich muss an Papst Franziskus denken, wie er in diesen Tagen (fast) allein auf dem Petersplatz stand und unserer Welt den Segen zusprach. Starke Bilder – starke Worte. Regennasses Pflaster, Flammenschalen im Wind. Ein einsamer Mensch an der Schwelle des Abends, im Halbdunkel der beginnenden Nacht. Keine beschwichtigende Vertröstung, sondern wirklicher Trost in die Offenheit einer dramatischen Lage. Franziskus tritt den Stürmen der Zeit mit dem Wort des Evangeliums entgegen und ruft zu weltweiter Solidarität. Salus populi Romani. Pestkreuz und eucharistische Präsenz, Kirchenglocken und die Sirenen der Krankenwagen: Der Glaube – ein Vogel, der singt, auch wenn die Nacht noch dunkel ist?

Ein österreichischer Minister sprach vor kurzem von einem „Silberstreif am Horizont“. Das Lied der Vögel vor dem Morgen, das in der Stille des Shutdown so intensiv zu hören ist – für mich klingt es in diesen Corona-Tagen wie jener Song von Sido, den mein Sohn gerade so oft hört:

Leben vor dem Tod                                                                                                         

Dieselben müden Fratzen jeden Morgen in der Bahn
Die gleichen grauen Tage, schön ordentlich geplant
Der Bagel ist okay, der Kaffee schmeckt nach Fuß
Aber bitte schön freundlich, „Na, wie geht’s?“, „Danke, gut!“                                    

Alle stehen immer vierundzwanzig sieben unter Strom
Und sind glücklich über fünf Minuten Frieden auf’m Klo
Ist doch alles installiert, bilanziert, finanziert, illustriert

Kleinkariert, Briefpapier DIN A4

Und auf einmal fällt dir auf, alles dreht sich im Kreis
Du fragst dich, „Hab’ ich schon alles gesehen und erreicht?“
Irgendwann ist es zu spät und dann fehlt dir die Zeit
Denn der Zeiger bleibt nicht stehen, alles geht mal vorbei,
lass uns leben, Dicka …

Lass uns leben vor dem Tod
Wir ha’m doch nur das eine …
Dieses Leben vor dem Tod …

Amen!


Christian Bauer ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik in Innsbruck und Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.net.

Bildquelle: Pixabay

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