Wie hältst du’s mit der Religion? – eine Jugendstudie

Helga Kohler-Spiegel gibt Einblicke in die österreichweite Jugendstudie „Lebenswelten 2020. Werthaltungen junger Menschen in Österreich“ zu religiösen Fragen.

Unter dem Titel „Hast du dich darüber gefreut, dass du am Leben bist“ wurden am 20. August auf feinschwarz.net erste Einblicke in die österreichweite Jugendstudie gewährt.
Die jungen Menschen wurden auch zu „Religion“ befragt. Häufig wird das Thema nicht so ausdrücklich befragt wie in dieser Studie: Wie religiös schätzen sich Jugendliche selbst ein? Welche Bedeutung, welchen Stellenwert haben Religion und Glaube in ihrem Leben? Wie denken sie über Fragen von Religion und Glaube?

Ein offener Begriff von „Religion“

Religiosität, Religion und Glaube sind bei derBefragung offene Begriffe, sie beinhalten keine inhaltliche Festlegung, sondern erlauben eine Vielfalt von Assoziationen. Interessant ist, dass junge Menschen sich selbst eher als „gläubig“ denn als „religiös“ bezeichnen, weil „religiös“ für sie einen „frommeren“ Klang habe als „gläubig“. Bereits die formalen Zugehörigkeiten zu Kirchen und Glaubensgemeinschaften geben ein anregungsreiches Bild, um über Zugehörigkeit und Zugehörigkeiten zu sprechen.

Jugendliche mit christlicher Religionszugehörigkeit

Die Aussage ‚Ich denke sehr oft über den Sinn des Lebens nach‘ wird von den befragten Jugendlichen mit christlicher Religionszugehörigkeit mit 37% am höchsten von allen Aussagen zugestimmt.

Die Zuordnung zur Aussage ‚Ich glaube stark daran, dass es Gott oder etwas Göttliches gibt‘ erfolgt von 30% der Jugendlichen mit christlicher Religionszugehörigkeit. Deutlich weniger, nämlich 20% der Jugendlichen mit christlicher Religionszugehörigkeit benennen, dass sie oft spüren, dass Gott oder etwas Göttliches ihnen in ihrem Leben nahe ist. 18% der Jugendlichen mit christlicher Religionszugehörigkeit sagen von sich ‚Ich bin ein gläubiger Mensch‘ und 14% ‚Ich bin ein religiöser Mensch‘. 10% der Jugendlichen benennen Religion als wichtig für ihren Alltag und üben religiöse Rituale (persönliches Gebet, Meditation, Lesen in Heiligen Schriften, …) aus.

Mädchen und Buben mit christlicher Religionszugehörigkeit unterscheiden sich bei den Aussagen zur Religiosität großteils nicht. Nur bei der Aussage ‚Ich denke sehr oft über den Sinn des Lebens nach‘ stimmen 43% der Mädchen und 30% der Buben zu. Auch bzgl. der Schulart, die die jungen Menschen besuchen, dem Bildungshintergrund und dem sozioökonomischen Hintergrund der Eltern gibt es keine nennenswerten Unterschiede bei Jugendlichen mit christlicher Religionszugehörigkeit.

Jugendliche mit islamischer Religionszugehörigkeit
56% der Jugendlichen mit muslimischer Zugehörigkeit ordnen sich der sunnitischen Glaubensrichtung zu, dies ist auch weltweit die größte muslimische Glaubensgruppe. 5% gehören zur schiitischen Glaubensrichtung, 4% ordnen sich anderen islamischen Gruppen zu. Interessant ist, dass 35% der Jugendlichen nicht zu wissen scheinen, zu welcher islamischen Glaubensrichtung sie gehören.

Die Frage nach der Glaubensüberzeugung der Existenz Gottes ‚Ich glaube stark daran, dass es Gott oder etwas Göttliches gibt‘ findet bei Jugendlichen mit Zugehörigkeit zum Islam mit 84% sehr hohe Zustimmung. Die Ablehnung ist mit 4% sehr gering. Auch die Aussage ‚Ich spüre, dass Gott oder etwas Göttliches mir in meinem Leben nahe ist‘ findet mit 74% hohe Zustimmung. Während die Jugendlichen mit Zugehörigkeit zur Islamischen Glaubensgemeinschaft der Aussage ‚Ich bin ein gläubiger Mensch‘ mit 64% zustimmen, findet die Aussage ‚Ich bin ein religiöser Mensch‘ nur 44% Zustimmung, die Zahl derer, die dazu eine neutrale Haltung einnehmen, ist mit 47% vergleichsweise hoch.

Während 58% der Jugendlichen, die zum Islam gehören, zustimmen, an gemeinschaftsbezogenen religiösen Feiern und Ritualen wie Gottesdienst, öffentliches Gebet und/oder Fasten teilzunehmen, findet die Ausübung individueller religiöser Rituale und Praktiken wie persönliches Gebet, Meditation, Lesen in Heiligen Schriften u.a. mit 42% weniger Zustimmung. 56% bestätigen, dass Religion für ihren Alltag und für ihre Entscheidungen sehr wichtig oder wichtig ist. Ebenso interessant ist, dass sich 31% der Jugendlichen dazu neutral verhalten, und dass 12% von sich sagen, ‚Religion ist für meinen Alltag und meine Entscheidungen völlig unwichtig‘. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind bei diesen Fragestellungen gering, einzig höhere Bildung bei den Jugendlichen und ein höherer sozioökonomischer Hintergrund der Familie führen zu etwas geringeren Zustimmungswerten.

Gruppenbildung Religiosität

Mittels weiterführender Analysen lässt sich zeigen, dass sich hinter den neun Aussagen zur Religiosität fünf Faktoren abbilden lassen, die unterschiedliche Religiositätstendenzen aufweisen. Fünf Gruppen können unterschieden werden: die Gruppe der Religiösen, der eher Religiösen, der religiös Neutralen, der eher nicht Religiösen und der nicht Religiösen.

Die Jugendlichen, welche der Gruppe der Religiösen zuzuordnen sind, gehören vorrangig der islamischen Religion an, Jugendliche, deren Familie die Türkei als Herkunftsland nennt, sind zu 58% dieser Gruppe zuzuordnen. Innerhalb der Jugendlichen mit christlicher Zugehörigkeit sind die Jugendlichen, die zu den Orthodoxen Kirchen gehören, am häufigsten unter den Religiösen zu finden. In dieser Gruppe finden sich die höchsten Zustimmungswerte zu allen Aussagen der Religiosität.

Die Jugendlichen, welche der Gruppe der eher Religiösen zuzuordnen sind, verteilen sich auf alle Religionszugehörigkeiten. Von allen Items stimmen sie der Aussage ‚Ich glaube stark daran, dass es Gott oder etwas Göttliches gibt.‘ mit 76% am stärksten zu. In der Gruppe der eher Religiösen finden sich Jugendliche, die den Glaubensinhalten, der Frage nach dem Sinn und dem eigenen Glauben einen größeren Stellenwert geben, religiöse Handlungen finden wenig Zuspruch.

Die Gruppe der religiös Neutralen gehören vorrangig der christlichen Religion und anderen Religionen an. Sie sind vor allem in den Aussagen ‚Ich denke sehr oft über den Sinn des Lebens nach.‘ und ‚Ich glaube stark daran, dass es Gott oder etwas Göttliches gibt‘ zu finden, sonst nehmen diese Jugendlichen häufig eine neutrale Position ein.

Die Jugendlichen, welche der Gruppe der eher nicht Religiösen zuzuordnen sind, gehören auch vorrangig der christlichen Religion und anderen Religionen an. Ein Drittel der Jugendlichen stimmt der Aussage ‚Ich denke sehr oft über den Sinn des Lebens nach.‘ zu, alle anderen Aussagen sind für sie nicht von Bedeutung.

Die Gruppe der nicht Religiösen ist vorrangig der Gruppe ohne Religionszugehörigkeit zuzuordnen, ein Viertel jedoch auch der christlichen Religion. Die Ablehnung der Aussagen zur Bedeutung von Religion im eigenen Alltag sowie die Zustimmung zum Nicht-religiös-Sein ist eindrücklich. Einzig etwas Zustimmung ist beim Nachdenken über den Sinn des Lebens gegeben.

Zusammenfassend

Es ist m.E. immer wieder eindrücklich, wenn die jungen Menschen ihre eigenen Sichtweisen und Einschätzungen benennen. Die Relevanz von Glauben und Religion für das eigene Leben und Handeln erfahrbar zu machen, ist wohl nicht nur im Blick auf junge Menschen eine Herausforderung, v.a. für die christlichen Kirchen.

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Autorin: Dr. Helga Kohler-Spiegel, Professorin für Human- und Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg und Redakteurin von feinschwarz.net

Foto: Nicola Lobos / unsplash.com

Siehe auch:
https://www.feinschwarz.net/oesterreichische-jugendstudie/
Hast du dich darüber gefreut, dass du am Leben bist. Erste Einblicke in die österreichweite Jugendstudie. 20. August 2021 

https://www.feinschwarz.net/eltern-sind-sehr-wichtig-und-gute-manieren-auch/#more-9176
Helga Kohler-Spiegel, 11. August 2017: Eltern sind sehr wichtig. Und gute Manieren auch

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