Wie kommen die Kirchen durch die Krise? Zum Start einer großen Studie

Wie haben sich während der Corona-Krise Gemeinde und Pastoral verändert? Dieser Frage geht ein internationales ökumenisches Forschungsteam nach. Madeleine Helbig-Londo im Gespräch mit Arnd Bünker.

Helbig-Londo:             Herr Bünker, können Sie bitte erzählen, wie die Idee für die Studie entstanden ist?

Bünker:                       Überall in den Kirchen beobachten wir Kreativität und ganz viel Neugier und Anregungen angesichts der Herausforderungen durch die Corona-Rahmenbedingungen. Man kann sich kaum an eine Situation erinnern, in der sich die Kirche so flächendeckend in ganz vielen Bereichen neu aufstellen musste. Das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut, SPI, in St. Gallen sah sich mit vielen Forschungsanfragen konfrontiert.
Ich war daher froh, als die konkrete Anfrage kam, ob unser Institut als Partner für eine größere Studie zur Verfügung stünde. Durch die internationalen und interkonfessionellen Kooperationspartner*innen haben wir ein breit abgestütztes Netzwerk.

Dr. Arnd Bünker, Leiter des SPI in St. Gallen

Helbig-Londo:             Welches Anliegen verbinden Sie mit der Studie?

Bünker:                       Unser Forschungsinteresse besteht vor allem darin, besser zu sehen und zu verstehen, was sich in der Kirche und in kirchlichem Handeln durch den starken Zuwachs an Digitalisierung verändert, der sich auf vielen Handlungsebenen der Kirche unter den Bedingungen des Kontaktverbots und der Versammlungsverbote zeigt. Uns interessiert weniger, was jetzt wer gemacht hat, im Sinne einer kirchlichen Leistungsschau. Das ist bestenfalls die Anfangsbeobachtung, es geht dann aber weiter. Welche Erfahrungen und Veränderungen zeigen sich durch die Digitalisierung in der Kirche? Was heißt Digitalisierung für die Praxis von Seelsorge? Welche Rahmenbedingungen müssen da im Blick sein? Wen grenzen wir von vorneherein aus? Welche Bedeutungsveränderungen zeigen sich? Welche Chancen gibt es?
Sie können zum Beispiel den Bereich der Gottesdienste nehmen, welcher in den Medien am deutlichsten repräsentiert worden ist. Es ist wahrnehmbar, dass es sehr unterschiedliche Richtungen gibt, in denen sich die Digitalisierung der katholischen Messe weiterentwickelt hat. Wo zeigen sich für die Zeit nach Corona wichtige Hinweise, die es später zu berücksichtigen gilt?

explosionsartige Entwicklung
im Bereich des Digitalen

Helbig-Londo:             Es kommt gerade innerhalb weniger Wochen zu riesigen Lernfortschritten in den Kirchen. Auf welchen Feldern sehen Sie diese besonders stark?

Bünker:                       Wir fragen vornehmlich nach Digitalisierung. Sicher gab es auch ganz viel Kreativität im analogen Bereich der Kirche. Es geht jetzt nicht darum, die Digitalisierung pauschal positiv zu werten. Aber hier liegt der Bereich, in dem sich quasi explosionsartig in kurzer Zeit ganz viel geändert hat und das wollen wir analysieren. Dass es daneben noch andere gute Initiativen gab, will niemand in Abrede stellen. Das steht lediglich nicht im Fokus unserer Untersuchung.

Helbig-Londo:             Wie genau erheben Sie die Daten, wen schreiben Sie an, welches Format wird die Erhebung haben?

Bünker:                       Technisch fallen wir natürlich nicht hinter die Digitalität zurück, die wir abfragen. Wir nutzen einen Online-Fragebogen. Aus forschungspragmatischen Gründen befragen wir Seelsorgende und Priester, weil wir diese Gruppe über die bischöflichen Ordinariate, Landeskirchen und beteiligten Partner im In- und Ausland am klarsten und direktesten anschreiben können. Das ermöglicht wegen der klaren Zielgruppe eine fokussierte Fragerichtung. Diese Auswahl hat natürlich wie bei jeder Umfrage auch Nachteile: Wenn man sich fokussiert, sieht man etwas Bestimmtes ganz gut und anderes gar nicht. Wir sehen z.B. weniger deutlich, was im Bereich Religionspädagogik und Katechese passiert, weil hier oft eigene Berufsgruppen primär zuständig sind.

Helbig-Londo:             Warum konzentrieren Sie sich auf die Digitalisierung?

Bünker:                       Wir haben bewusst den Schwerpunkt auf die Digitalisierung gelegt, weil das etwas ist, von dem wir ausgehen, dass es auch nach der Corona-Zeit bleiben wird. Rein von existenzieller Betroffenheit her wären vielleicht andere Themen viel mehr im Vordergrund, wie z.B. die Gestaltung von Beerdigungen oder die Herausforderung der Kontakteinschränkungen bei Kranken, Alten oder Sterbenden. Das sind aber – hoffentlich – Umstände, die bald vorüber sind. Der Digitalisierungsschub wird aber wohl in den Köpfen und Routinen der Kirche bleiben.

Die Umfrage beginnt in den ersten Diözesen und Landeskirchen in dieser Woche.

Helbig-Londo:             Wie ist der geplante zeitliche Rahmen der Studie?

Bünker:                       Wir wollen mit der Umfrage noch vor Pfingsten beginnen. Bis ca. drei Wochen nach Pfingsten läuft dann die Online-Umfrage, das hängt etwas von den kirchlichen Kooperationspartner*innen ab. Nach Abschluss der Umfrage beginnt die Auswertungszeit. Wann genau die Ergebnisse veröffentlicht werden können, ist noch unklar. Das hängt vor allem mit der Sommerpause zusammen. Da müssen wir noch abwarten, wie sich diese gestaltet, daneben aber auch im Prozess sehen, was realistisch ist.

Nationale Ungleichzeitigkeit

Helbig-Londo:             Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden zwar die harten Restriktionen gelockert, aber auch drei Wochen nach Pfingsten wird die Corona-Krise noch lange nicht überwunden sein. Was bedeutet das für Ihre Befragungen?

Bünker:                       Als Untersuchungszeitraum betrachten wir bewusst nur die Zeit der harten Einschränkungen, sprich Kontakt- und Versammlungsverbot. In der Schweiz gilt das noch bis Pfingsten. So lange dürfen die Gottesdienste nicht als öffentliche Gottesdienste gefeiert werden. In Deutschland ist es gerade ein Flickenteppich. Wir beziehen uns auf diese erste, dichte Zeit der Corona-Restriktionen, weil diese auch international am ehesten vergleichbar ist, selbst wenn die Zeitpunkte von Land zu Land abweichen.

Helbig-Londo:             Wo sehen Sie Lernfelder für die kirchliche Pastoral, die durch die aktuellen Herausforderungen mit Corona angestoßen wurden, die aber noch darüber hinaus nachwirken könnten?

Bünker:                       Auf der allerersten Ebene sehe ich das schlicht in der technischen Optimierung kirchlichen Handelns mit Möglichkeiten von Digitalisierung. Ich glaube, da hat es einen immensen Schub gegeben, hinter den man nicht mehr zurückkommt. Was man davon in der pastoralen und kirchlichen Praxis im Alltag behalten wird und in welcher Flughöhe, das muss sich erst zeigen. Darüber hinaus – und das interessiert unsere Forschung besonders – stelle ich mir vor, dass wir auch nochmal neu und anders über Kirche oder ihre Handlungsbereiche nachdenken.

Das gemeinsame Beten zuhause
ist kaum noch eingeübt.

Helbig-Londo:             Können Sie das konkretisieren?

Bünker:                       Man kann insgesamt sagen, dass in der katholischen Kirche – ich glaube bei den Reformierten oder den Evangelischen ist es nicht anders – viele Gläubige ganz wenig darauf vorbereitet waren, eine Art Gottesdienst oder Gebetspraxis als Familie oder in einer Paarbeziehung im eigenen Haushalt zu gestalten. Vielleicht individuell, aber in der Haushaltsgemeinschaft ist das nur noch bei den wenigsten, und wenn, dann rudimentär, eingeübt. Wer zuvor nicht als Familie miteinander beten konnte, wird das in der Krise auch nicht aus dem Stand können. Von daher glaube ich, dass die Kirchen herausgefordert sind, sich zu überlegen, wie Gläubige die christliche Praxis als Gebets- und Gottesdienstpraxis auch außerhalb gemeindlich festgelegter Formen üben können.
Ähnliches gilt bei der Seelsorge: Wer spricht mit wem und wer erreicht wen? Es gab viele Bistümer und Pfarreien, in denen Seelsorgende alle Menschen ab einem bestimmten Alter angerufen haben, auch die, zu denen sie zuvor nie Kontakt hatten. Es wäre hochspannend, da auch nochmal hinzuschauen, was sind eigentlich deren Erfahrungen? Und was bedeutet das für das Gemeindeverständnis? Über die Digitalisierung kommen Seelsorgende und Gemeinde unter Umständen auf ganz neue Art miteinander in Kontakt.

Helbig-Londo:             Ihre Zielgruppe in der Befragung sind Seelsorgende und Priester, doch es ist unwahrscheinlich, dass alle angefragten Personen an der Umfrage auch teilnehmen.

Bünker:                       Wie bei jeder Umfrage, die nicht verpflichtend gemacht werden kann, fällt ein Teil an Menschen raus, und das könnten bei dieser Online-Umfrage schon mal alle sein, denen es schwerfällt, vor dem Computer zu sitzen und etwas zu beantworten. Das dürfte aber hier nicht so problematisch sein, weil wir nach den Veränderungen durch Digitalisierung fragen und nicht primär daran interessiert sind zu wissen, wie viel Prozent der Leute jetzt digital unterwegs sind. Unsere Umfrage wird Hinweise geben können. Wir können zudem mit Alter und Geschlechtszuweisung ein paar Daten einigermaßen realistisch einschätzen. Aber da ist natürlich die Repräsentativität in engen Sinn nicht gegeben, das sind dann Annäherungen. Damit muss diese Form der Umfrage leben, das finde ich aber nicht so schlimm.

Studienergebnisse als Annäherungen

Helbig-Londo:             Mit der Wahl Ihrer Zielgruppe ergibt sich eine stark binnenkirchliche Sicht, bei der nicht geschaut werden kann, wie die Wirkung der Angebote war. Wie gehen Sie damit um?

Bünker:           Wir können die Wirkungen nicht abfragen, weil wir die Produzenten von digitalen Inhalten nicht sinnvoll nach den Wirkungen befragen können. Die Klickstatistiken schwanken bei jedem Medium massiv. Und ob jemand nebenbei bei einem Gottesdienst noch die Sportschau geschaut hat, wissen wir nicht. Von daher ist es mit der Wirkungsforschung schwierig. Die Eindrücke der Produzent*innen selbst zu sammeln sagt mehr über die Produzenten als über die Rezipient*innen, zumal ja die Produzent*innen in der Regel vor allem Rückmeldung von ihren Fans bekommen. Das ist ja das Praktische bei einem Online-Angebot: Ich kann ohne jemanden zu beleidigen wieder aussteigen, ich bleibe in den meisten Formaten anonym – und kann kommen und gehen, tun und lassen, was ich will, ohne Rechenschaft geben zu müssen.

Auch für Forschungsnetzwerke zentral:
nicht nur digitale, auch soziale Kompetenz!

Helbig-Londo:             Sie haben die geplante Studie in sehr kurzer Zeit mit vielen verschiedenen Kooperationspartner*innen aufgestellt. Wo sehen Sie bei sich selbst Lerneffekte durch die Verwiesenheit auf digitale Medien?

Bünker:           Ich gebe ehrlich zu, das hat mir im Vorhinein am meisten Angst gemacht: Wir sind eine große, national und konfessionelle heterogene Gruppe, die sich nicht kennt, alle mit großem akademischen Hintergrund. Da ist natürlich die Frage, wie kommt man dann schnell zu einem Ergebnis? Das haben wir aber gut hinbekommen. Dabei hat sich gezeigt, dass es für so etwas nicht nur digitale Kompetenz, sondern auch soziale Kompetenz braucht. Beides hat sich als existent erwiesen und ermöglicht, dass wir in so kurzer Zeit den Fragebogen konzipieren konnten. Ich erlebe es als eine ganz hohe Qualität im Forschungsteam, dass alle so pragmatisch und gelassen und irgendwo auch bescheiden sind, das Gesamtprojekt weiter mitzutragen, auch wenn jede*r die eine oder andere Lieblingsidee fallen lassen musste. Es ist daher für mich ein wichtiger Lernschritt, dass digitales Lernen und soziales Lernen nicht zwei unterschiedliche Felder sind, sondern untrennlich miteinander verschränkt stattfinden.

Helbig-Londo:             Vielen Dank Herr Dr. Bünker für das Interview!

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Interviewerin:              Madeleine Helbig-Londo promoviert im Fach Pastoraltheologie und war von 2017-2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH Sankt Georgen, Frankfurt a.M.

Interviewter:               Arnd Bünker ist Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts, SPI, in St. Gallen.

Das SPI ist mit weiteren Akteuren am Projekt Churches Online in Times of Corona (CONTOC) beteiligt. Dazu gehören: Prof. Thomas Schlag und Dr. Sabrina Müller vom Zentrum für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich, Prof. Wolfgang Beck von der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, Prof. Ilona Nord von der Universität Würzburg und das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD in Hannover. Außerdem arbeiten in Deutschland Dr. Viera Pirker von der Universität Gießen und für Österreich Prof. Johann Pock von der Universität Wien als Projektpartner mit.

Foto: Josh Applegate / unsplash.com

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