Wie allein Glück vorstellbar ist

Walter Benjamin war Philosoph, Literat und Kulturkritiker. Doch sein Werk beeinflusste auch die christliche Theologie nachhaltig. 1940 nahm er sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben. Von Henning Klingen.

Walter Benjamin gehört zweifellos zu den großen, schillernden und viel zu früh verstorbenen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts; und zugleich zur Gattung der damals wie heute seltenen Universalgelehrten, die sich mit Themen aus Kunst und Kultur ebenso auseinandersetzten wie mit Fragen der Technik, der Philosophie, der Literatur – und eben der Religion. Auf der Flucht vor den Nazis verübte er – in aussichtslose Lage geraten – am 26. September 1940 in dem kleinen Pyrenäenort Portbou Selbstmord.

„Dieses Glück ist fundiert auf eben der Trostlosigkeit und eben der Verlassenheit, die die unsern waren.“

Die Umstände seines Todes sind dabei so dramatisch wie sein Denken selbst: Auf der Flucht vor den Nazis verübte er – in aussichtslose Lage geraten – in dem kleinen Pyrenäenort Portbou Selbstmord. Die Geschichte, die Benjamin in dunklen Farben und durchdrungen vom jüdisch-messianischen Denken als Katastrophengeschichte deutete, hatte ihn nicht nur eingeholt, sondern förmlich überrollt. Zu den wenigen Dingen, die Benjamin bis zuletzt bei sich trug, soll unter anderem ein Zettel gehört haben, auf dem er – einem Vermächtnis gleich – notiert hatte: „Das Glück ist uns nur vorstellbar in der Luft, die wir geatmet, unter den Menschen, die mit uns gelebt haben. Es schwingt mit anderen Worten in der Vorstellung vom Glück die Vorstellung der Erlösung mit. Dieses Glück ist fundiert auf eben der Trostlosigkeit und eben der Verlassenheit, die die unsern waren.“

Verzweiflung und Erlösung – und die Zeitspanne, die dazwischen aufgespannt wird: die Geschichte

Seinem Fragment gebliebenen „Passagen-Werk“ entnommen, benennt es exakt jene beiden Pole, zwischen denen sich nicht nur Benjamins Leben und Denken bewegte, sondern die bis heute das Movens christlich-theologischen Nachdenkens über Benjamin bilden: Verzweiflung und Erlösung – und die Zeitspanne, die dazwischen aufgespannt wird: die Geschichte. Gemeinsam mit Motiven und Gedanken aus den beiden philosophischen Essays „Theologisch-politisches Fragment“ und seinen geschichtsphilosophischen Thesen in „Über den Begriff der Geschichte“ bilden sie Grundelemente nicht nur einer zeitgeschichtlich sensiblen Philosophie, sondern ebenso einer christlichen Theologie, die sich vom katastrophischen Moment der Geschichte und der Spannung ausbleibender Erlösung und Gerechtigkeit für die Opfer eben jener Geschichte irritieren lässt.

Benjamin kommt dabei gleichsam das prophetische Moment zu, bereits wach erspürt zu haben, was erst weit nach dem Krieg zur schrecklichen Gewissheit wurde.

Der spirituelle Wurzelgrund von Benjamins Denken war die jüdische Mystik. Zwar war er Sohn sogenannter assimilierter deutscher Juden, doch kam er u.a. über seinen engen Freund Gershom Scholem (1897-1982) und vermittels seiner Nähe zum Frankfurter Institut für Sozialforschung und dem großteils jüdisch geprägten Dunstkreis des engeren Frankfurter Kreises um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Kontakt mit der jüdischen Mystik und Geschichtsphilosophie. Und so sind es vor allem die jüdischen Motive der Erlösung bzw. deren Ausbleiben, die Benjamin in das Ringen der Frankfurter Schule um eine von Marx her aktualisierte Gesellschaftstheorie einfließen ließ. Wobei Benjamin dabei gleichsam das prophetische Moment zukommt, bereits wach erspürt zu haben, was erst weit nach dem Krieg zur schrecklichen Gewissheit wurde: der Tiefpunkt der Historie, namentlich: Auschwitz.

Das Profane, Weltliche sei „keine Kategorie des Reichs Gottes, aber eine Kategorie seines leisesten Nahens.“

Das Reich Gottes, das Kommen des Messias ist für Benjamin entsprechend nicht etwa das Ziel aller historischen Entwicklung, sondern deren Ende. Einem (politischen) Herbeiführen eines wie auch immer gearteten weltlichen Reiches Gottes stand Benjamin – wie etwa in Auseinandersetzung mit dem Zionismus seines Freundes Gershom Scholems – entsprechend höchst skeptisch gegenüber. „Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen“, schrieb Benjamin in seinem kurzen Text „Theologisch-politisches Fragment“. Das Profane, Weltliche sei daher „zwar keine Kategorie des Reichs [Gottes, Anm.], aber eine Kategorie (…) seines leisesten Nahens.“

„Der Feind hat zu siegen nicht aufgehört“

Intensiver noch – und stärker dialektisch gebrochen – findet sich dieser Gedanke einer Weltgeschichte, die gerade in ihrer katastrophischen Profanität doch Spuren des Messianischen enthält, in Benjamins, in achtzehn Thesen gegliederten Essay „Über den Begriff der Geschichte“. Sowohl durch die weltliche Erfahrung des Glücks als auch durch jene des heillosen geschichtlichen Unglücks leuchte eine „schwache messianische Kraft“ auf. Die dem geschichtssensiblen Menschen spürbare „geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem“ zeuge schließlich davon: dass wir „auf der Erde erwartet worden“ sind, so Benjamin.

Der größte Feind eines solchen Denkens ist … das Vergessen.

Der größte Feind eines solchen Denkens ist nicht der Schlächter, sondern das Vergessen, warnt Benjamin eindrucksvoll in seiner sechsten These: „Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“ Es sind Passagen wie diese, die den Nährboden auch der christlichen, theologisch reflektierten Überzeugung darstellen, dass das Geheimnis der Erlösung Erinnerung heißt  und andersherum das Gegenteil von Erinnerung nicht Vergessen, sondern Gleichgültigkeit. Denn Geschichte, so ließe sich mit Benjamins dreizehnter These sagen, ist nichts anderes als „mit Jetztzeit geladene Vergangenheit“.

„Trümmer auf Trümmer“

Die eindrucks- und kraftvollste Darstellung der benjaminschen Geschichtsphilosophie – gleichwohl eine Stufe dunkler und weitgehend ihrer Hoffnungselemente entkleidet – findet sich in seiner neunten These, in der er eine Deutung seines Lieblingsbildes, welches er vom Expressionisten Paul Klee erworben hatte, ausführt:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Nach seinem Selbstmord geriet Walter Benjamin in Vergessenheit. Seine theologische Wiederentdeckung ging nicht zufällig mit der Rezeption Horkheimers und Adornos in der Theologie in den 1970er- und 80er-Jahren einher. Schließlich waren sie es, die Benjamin zu Lebzeiten nach Kräften unterstützten, eine rege Korrespondenz mit ihm führten und ihn nach seinem Tod als intellektuellen „Zauberer“ und als „einen der bedeutendsten Menschen“ bezeichneten, „die mir je entgegengetreten sind“, wie Adorno schrieb.

Denn diese Grenze allein bildet, so schreibt Benjamin, jene „kleine Pforte, durch die der Messias treten“ könnte

Eine Theologie, die sich – mit dem Rückenwind des Konzils – ein „Aggiornamento“ auf die Fahnen geschrieben hatte, die erkannte, dass sich ihre Wahrheit nicht a-historisch, sondern in der Geschichte selbst bewähren musste, kam also nicht umhin, auch Benjamin zu rezipieren. Und sie tat es freimütig und produktiv – und handelte sich etwa in Form der Neuen Politischen Theologie prompt den Vorwurf ein, eine marxistische Schlagseite zu haben, ja, durch umstürzlerische Parolen wie im Falle der Befreiungstheologie das Gottesreich auf Erden selbst herbeiführen zu wollen. Nichts, so ließe sich von Benjamin, aber gleichwohl auch von Adorno lernen, liegt einem geschichtstheologischen Denken ferner, als die eschatologische Grenze, die der Messias-Vorstellung in Abgrenzung zur profanen Welt innewohnt, einzuebnen. Denn diese Grenze allein bildet, so schreibt Benjamin, jene „kleine Pforte, durch die der Messias treten“ könnte…

Autor: Dr. Henning Klingen ist Redakteur der Katholischen Presseagentur Kathpress (Wien) und Chefredakteur der Zeitschrift „miteinander“ des Canisiuswerkes. Darüber hinaus arbeitet er als freier Autor für verschiedene deutschsprachige Zeitschriften und für den „Deutschlandfunk“.

Beitragsbild: Johann Pock

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