Würde statt Verwertung in der Arbeitswelt

Manfred Böhm und Ottmar Fuchs haben aus langer Erfahrung in der Arbeitswelt und in akademischer Theologie ein Buch zur Würde der Arbeitenden geschrieben. Michael Schüßler hat es gelesen.

Im Juni 2020 wurde bekanntgegeben, dass die beiden Karstadt-Filialen in Nürnberg geschlossen werden sollen. Wenige Tage später hatten ver.di und Betriebsrat eine Menschenkette zum Erhalt der Warenhäuser und der Arbeitsplätze organisiert. Auch Mitarbeitende aus andere Filialen kamen dazu und erklärten sich solidarisch. „Am 3. Juli 2020 wurde dann bekannt gegeben, dass die Vermieter der Filiale an der Lorenzkirche die Miete senken und somit diese Filiale gerettet war. […] Wenn die Beschäftigten verschiedener Filialen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern miteinander und füreinander kämpfen, können sie viel erreichen“ (159; 160).

Gnadenhaltige Gegenerfahrungen

Das ist nur eine Erzählung aus dem reichen Schatz an „‚gnadenhaltigen‘ Gegenerfahrungen“ (11) zu Konkurrenzdruck und Entfremdung, die Manfred Böhm und Ottmar Fuchs für ihr gemeinsames Buch zusammengetragen haben und die sie theologisch stark machen: Wie lässt sich in einer Arbeitswelt, die von neoliberalem Kapitalismus und der in alle Lebensbereiche hinein wuchernden Steigerungs- und Verwertungslogik geprägt ist, die Würde eines jeden Menschen sichtbar machen und verteidigen?

Fuchs verbindet gleich zu Beginn quasi den Nürnberger Karstadt mit den großen Fragen der Theologie. Anders als die Logik der Leistung und der Kosten-Nutzen-Rechnung eröffnet die Gabe-Logik der Gnade „Räume, in denen Menschen mehr geschenkt bekommen, als sie je investieren können“ (13). Das aber ist sowohl im Arbeitsalltag als auch im Bereich des christlichen Glaubens keineswegs selbstverständlich, sondern eher eine schwache und immer gefährdete „Gegenerfahrung“. Analog zu Frank Adloffs „homo donator“, der den Menschen als (sich) schenkendes Beziehungswesen versteht, setzt Fuchs auf die Spur des „deus donator“ als Erfahrung, von Gott beschenkt und unbedingt geliebt zu sein.

Das wird konkret in Freiräumen des Erzählens ohne Bewertung und Verurteilung, in Räumen des Hinhörens. Statt der großen Utopien, so Fuchs, „sind wir auf Kleinutopien begrenzter Art angewiesen, die sozusagen aus der erhofften Fülle episodisch ins Jetzt herüberschwappen und die ständigen Neuansätze von Liebe und Gerechtigkeit stimulieren“ (38). Er diskutiert auch, ob und wie dabei weiterhin heroische Extremerfahrungen als Kennzeichen einer theologischen Perspektive gelten sollten (43-50) und welche Rolle überhaupt Heroischem in postheroischen Gesellschaften zukommen kann und soll.

Heroismus in postheroischen Gesellschaften?

Auf welche Weise die Möglichkeit einer besseren Welt am besten wachgehalten wird, das ist gegenwärtig nicht nur kapitalismuskritisch relevant, sondern wird seit dem Ukraine-Krieg und der ausgerufenen „Zeitenwende“ höchst kontrovers diskutiert.

Umso wichtiger die von Manfred Böhm verantworteten „Hoffnungsversuche“ im zweiten Kapitel. Thomas Pikettys Vorschlag von „Eigentum auf Zeit“ zielt auf eine regelmäßige Unterbrechung kapitalistischer Machtkonzentration. Das erinnert an die biblischen Jubeljahre, in denen die Besitzverhältnisse wieder auf Anfang gestellt wurden. Denn das Land gehörte im letzten Gott und der:die ist an Gerechtigkeit interessiert, nicht an der Zementierung von Ungleichheit. Zwischendurch lernt man immer auch etwas über verschiedene Vorstellungen von Arbeit, als notwendige Mühsal etwa oder als freie und kreative Weltgestaltung.

Die theopolitischen Vertiefungen, jetzt wieder von Fuchs, greifen biblische Sozialprophetie auf. Auch biblische Texte sind aber nicht einfach gut und rein, sondern sind selbst „bezüglich frühkapitalistischer und rassistischer Tendenzen nicht unschuldig“ (84). Fuchs hilft hier dabei, das prophetische Potenzial von Solidarität und Gerechtigkeit für die Leser:innen bei aller Ambivalenz realistisch freilegen und entdecken zu können. Großartig, wie dabei zwei oft wenig beachtete Dynamiken pointiert werden. Einmal die genderbezogene Einsicht, dass mit der modernen Arbeitsteilung die oft von Frauen geleistete „Care-Arbeit“ bis heute abgewertet wird.

Der Zirkus des männerdominierten Unternehmertums

Letztlich bleibt der ganz Zirkus des nach wie vor männerdominierten Unternehmertums deshalb am Laufen, weil die unsichtbare Erziehungs-, Pflege-, Gefühlsarbeit ungefragt von Frauen übernommen wird. Die pandemische Krisenzeit hat hier noch einmal tiefsitzende Muster der Rollenverteilung reaktualisiert. Und dann zeigt die skandalöse Wirklichkeit moderner Sklaverei, dass trotz formaler Ächtung von Sklaventum Menschen weiterhin wie Waren behandelt werden, über die andere zu ihrem Eigennutz verfügen (so vor wenigen Tagen Eva-Maria Daganato auf feinschwarz.net).

Mit „Gegengesängen“ in der Arbeitswelt umreißt Böhm dann aus der Erfahrung eines ganzen Arbeitslebens heraus die Grundlagen kirchlicher Betriebs- und Arbeitnehmerseelsorge. Was fehlt der Kirche, wenn es die nicht gäbe? Ihr fehlte dann einer der zentralsten Erfahrungsbereiche des Menschlichen! Böhm nennt es zu Recht fatal, dass hier in den letzten Jahrzehnten vieles in Kirche kaputtgespart wurde, um vermeintliche Kernbereiche von gemeindlicher Eucharistie- und Sakramentenpastoral in ihrer bisherigen Form zu retten: „Die Arbeitswelt ist ein authentischer und damit nicht ersetzbarer, ein unverwechselbarer Ort der Offenbarung des Reiches Gottes (praktische Solidarität, Einsatz für Gerechtigkeit, kämpferische Fruchtlosigkeit vor der Obrigkeit …)“ (131).

Die Arbeitswelt als authentischer Ort der Offenbarung des reiches Gottes

Wenn sich Kirche und Pastoral wirklich für die Arbeitswelt und die Erfahrungen von Arbeitnehmer:innen wie Arbeitslosen interessieren, dann werden sie dort auch den Kern des Evangliums entdecken. Die religiöse Verdoppelung der Hoffnungslosigkeit (so Metz in „Unsere Hoffnung, hier 130) hat jedenfalls keine Zukunft.

Zwei Balken

Auf dem Titelblatt des gut lesbaren Buches trägt ein Arbeiter mit Warnweste und Helm zwei Balken, einen quer auf der Schulter und einen längs unter den Arm geklemmt, was auf dem Bild ein Kreuz ergibt. Der Mann ist zu Fuß unterwegs. Ganz am Ende steht „politische Gebrauchslyrik“ von Manfred Böhm – aus der und für die Arbeitswelt. Zum Stichwort Weltwirtschaftsforum heißt es (169-170):

„Sie diskutieren in den Foren,
wie wohl zu retten das System,
und ignorieren unverfroren
sich selber als das Grundproblem.

Die Lösung wär: Sich selbst enteignen,
der Mehrheit, die nichts hat, zum Gruß.
Ein Anfang wär, was nicht zu leugnen,
sie liefen alle heim zu Fuß.“

___________

Michael Schüßler ist Professor für Praktische Theologie in Tübingen und Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Manfred Böhm / Ottmar Fuchs, Würde statt Verwertung in der Arbeitswelt, Würzburg (Echter) 2022.  ISBN: 978-3-429-05741-1

Bild: Rainer Bucher

Print Friendly, PDF & Email