„Let justice roll down like waters.“ Eine Würdigung zum 100. Geburtstag von John Rawls

„Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet, so fordert der Herr“ (Am 5,24). Wie nun dieses Ideal zu konkretisieren ist, dazu hat John Rawls einen wegweisenden Vorschlag vorgelegt. Von Jochen Ostheimer.

Am 21. Februar hätte der 2002 verstorbene Philosoph seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Zugleich kann sein berühmtestes Werk, Eine Theorie der Gerechtigkeit, auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken. Diese beiden runden Jubiläen geben Anlass zu einer Würdigung. Der Titel des Buchs ist Programm für ein großartiges Gedankengebäude. Er ist gleichsam zu einem Markennamen für einen politisch-philosophischen Ansatz geworden, was nur ganz wenigen Denkern gelingt.

Eine Theorie der sozialen Gerechtigkeit

Was Rawls vorlegt, ist eine Theorie der gerechten Gesellschaft oder in diesem Sinn eine Theorie der sozialen Gerechtigkeit: „Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen.“ Wie er später nochmals verdeutlicht, handelt es sich um eine Theorie der sozialen Gerechtigkeit für die moderne, westliche, freiheitliche Gesellschaft. Damit sind wissenschaftlich redlich die Grenzen klar benannt. Die Theorie der Gerechtigkeit ist ein ordnungs- oder strukturethischer Ansatz und nicht auf einzelne Interaktionen bezogen.

Die beiden Gerechtigkeitsprinzipien sind moralische Leitideen und kein unmittelbares Handlungsprogramm. Sie sind sehr abstrakt. Ihre Konkretisierung und Fortbestimmung erfolgen durch Verfassung, Parlament, Regierung und ebenso durch den politischen Dialog in der Gesellschaft. Des Weiteren sind sie zunächst auf die westliche Welt beschränkt. Ihre Tauglichkeit für nichtwestliche Gesellschaften wie auch für internationale Verhältnisse ist umstritten. Rawls selbst ist jedenfalls sehr zurückhaltend.

Aus Rawls’ Werk sind insbesondere folgende Leistungen hervorzuheben. Rawls zeigt philosophisch die Vereinbarkeit von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Sie stellen nicht nur keinen Widerspruch dar, sondern bedingen und erfordern sich wechselseitig. Den historischen Hintergrund seiner Überlegungen bildet der Kalte Krieg, der Wettkampf der Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme. Kapitalismus oder Kommunismus, Freiheit oder Gleichheit, so lauteten damals die Alternativen. Rawls legt nun dar, dass es sich um falsche, unterkomplexe Gegenüberstellungen handelt. Zwar betont er im ersten Gerechtigkeitsprinzip den Vorrang der Freiheit, aber als gleiche Freiheit für alle. An der Freiheit hängen die Selbstachtung und die Würde der Person. Deswegen darf sie nicht eingeschränkt werden.

Vereinbarkeit von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit

Die vielfältigen materiellen Mittel, um etwas aus der eigenen Freiheit zu machen, werden als kaum weniger wichtig eingeschätzt. Dass sie dennoch nachrangig sind, liegt zum einen am vergleichsweise hohen Wohlstandsniveau der modernen Gesellschaft. Zum anderen, und damit ist der zweite Aspekt der historischen Einbettung angesprochen, wendet sich Rawls gegen den Utilitarismus und gegen utilitaristisch informierte wohlfahrtsökonomische Konzepte, die den Blick zu einseitig auf die Hebung des Durchschnitts- oder Gesamtnutzens richten, Verteilungswirkungen sekundär behandeln und Werte wie Gerechtigkeit oder Freiheit instrumentell sehen.

Daneben führt Rawls noch eine weitere „innenpolitische“ Debatte. In Auseinandersetzung mit einer wirtschaftsliberalen oder libertären Politik weist er auf die große Bedeutung der materiellen Güter hin. Ein formales Verständnis von Gerechtigkeit, das allein auf die Gewährleistung gleicher Verfahrensbedingungen achtet, führt bei ungleichen materiellen Ressourcen zu ungleichen Chancen, die Freiheitsrechte aktiv nutzen zu können. Daher kann eine Gesellschaft nur dann als gerecht gelten, wenn sie auch dafür sorgt, dass alle über ausreichende Handlungsmittel verfügen. In Entsprechung zur moralischen Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger sollen die materiellen Güter möglichst gleichmäßig verteilt sein, es sei denn, es sprechen gute Gründe dagegen, wie sie das sog. Unterschiedsprinzip formuliert.

Alle benötigen ausreichende Handlungsmittel.

Der einzige gute Grund ist derjenige, dass die sozioökonomische Ungleichheit sich zum Vorteil aller und insbesondere der sozial Schwächsten auswirkt. Dies kann für die Marktwirtschaft pauschal angenommen werden, weil in dieser Wirtschaftsordnung systemisch vermittelt über Effizienz, Innovation und andere Produktionsvorteile die allgemeine Wohlfahrt besonders hoch ist. Dass die jeweilige Ausgestaltung tatsächlich die Lebensbedingungen der Schlechtestgestellten verbessert, ist allerdings im Einzelfall nachzuweisen.

Die zweite große Leistung von Rawls ist methodischer Art und besteht in der Wiederbelebung und Neuausrichtung der Vertragstheorie. Anders als in der frühen Neuzeit, etwa bei Hobbes oder Locke, dient dieses Denkmodell nicht mehr der Legitimation von Gesellschaft und Herrschaft, sondern dem Finden und Rechtfertigen grundlegender sozialmoralischer Prinzipien. Damit braucht Rawls keinen fiktiven Naturzustand nachzuzeichnen, sei es als allgemeinen Kampf ums Überleben, sei es als friedliche Idylle eines Goldenen Zeitalters. Stattdessen konzipiert er als Gedankenexperiment eine allgemeine Bürgerversammlung.

Schleier des Nichtwissens

Unter idealen Gesprächsbedingungen einigen sich alle auf Prinzipien einer gerechten Gesellschaft, denen niemand vernünftigerweise widersprechen kann. Um den hinlänglich bekannten Machtkampf bei Verhandlungen zu umgehen, treten bei Rawls alle Beteiligten hinter einen „Schleier des Nichtwissens“. Durch diese Methode der epistemischen Entindividualisierung, die nicht als anthropologisches Konzept misszuverstehen ist, verlieren sie das spezifische Wissen um ihre konkreten Lebensumstände und Interessen. Auf diese Weise wird die rationale Voreingenommenheit für den eigenen Nutzen in eine Präferenz für eine allgemein akzeptable Ordnung umgewandelt. Der Antrieb bleibt erhalten.

Jeder strebt nach seinem Vorteil. Aber das Ziel verliert sich in der Intransparenz des Nichtwissens, sodass der eigene Vorteil nur noch in der Garantie einer für jeden vernünftigen Lebensplan guten Mindestposition gesucht werden kann. Auf diese recht anschauliche Weise wird ein moralischer Standpunkt entwickelt, der alle Beteiligten in gleicher Weise achtet. Das vertragstheoretische Denkmuster wird seitdem in der Ethik wie auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen stark genutzt und findet sich auch in gesellschaftlichen Diskussionen.

Die Ergebnisse der Reflexion und die alltagsmoralischen Vorstellungen müssen in eine Balance gebracht werden.

Dieser konstruktivistische Ansatz wird schließlich soziokulturell geerdet. Die Theorie der Gerechtigkeit gibt das politisch-moralische Selbstverständnis der westlichen Welt in begrifflich geklärter Weise wieder. Für diesen hermeneutisch-rekonstruktiven Zugang prägt Rawls den Ausdruck des Überlegungsgleichgewichts, der inzwischen nicht mehr aus der Ethik wegzudenken ist. Die Ergebnisse der theoretischen Reflexion und die alltagsmoralischen Vorstellungen müssen in eine Balance gebracht werden können. Gelingt dies nicht, ist entweder das theoretische Modell abzuändern, oder die lebensweltlich verankerten Vorstellungen von Gerechtigkeit müssen korrigiert werden, weil sie eine moralische Schwäche aufweisen.

Rawls entwickelt ein Konzept sozialer Gerechtigkeit, das bis heute wegweisend ist. Das Ziel der Theorie ist die „wohlgeordnete Gesellschaft“, eine Gesellschaft, die freiheitlich und gerecht, stabil und produktiv, im Ganzen lebenswert ist. Dafür kann dann auch das Bild stehen, dass Gerechtigkeit wie ein lebendiger Fluss ströme.

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Jochen Ostheimer, Dr. theol., lehrt Sozialethik an der Universität Graz.

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