Bücher mit einem Zitat einer bekannten Persönlichkeit pro Tag gibt es viele, rezensiert werden sie eher selten. Das Kalendarium, um das es hier geht, unterscheidet sich allerdings schon optisch von den meisten dieser Art. Es ist klein, kompakt und ist rabenschwarz. Der Titel ist in kleinen Lettern gesetzt und lautet «Nur in Zelten wohnt Gott». Die täglichen Einträge umfassen etwa 10 bis 20 Zeilen von Leonhard Ragaz, sorgfältig ausgewählt von Manfred Böhm. Eine Buchempfehlung von Daniel Kosch.
Autor der Texte ist Leonhard Ragaz (1868-1947), ein reformierter Schweizer Theologe. Sein Name ist fest verbunden mit dem «Religiösen Sozialismus» und der Zeitschrift «Neue Wege». Ragaz war Bauernsohn aus den Bündner Bergen. Nach dem Studium der Theologie machte er eine steile Karriere, wurde Pfarrer am Basler Münster und 1908 Professor für Systematische und Praktische Theologie, obwohl er keinen akademischen Grad hatte.
Sozialismus und Antimilitarismus als Ausdruck einer
Reich-Gottes-Theologie
1912 verfasste er als Reaktion auf einen unverhältnismässig harten militärischen Einsatz gegen die Streikenden eine Schrift mit dem Titel «Der Zürcher Generalstreik». Die Sozialdemokraten verbreiteten den Text ohne sein Wissen 100’000-fach als Flugblatt. Darin warf er der bürgerlich-christlichen Gesellschaft praktischen Atheismus vor. Dieser sei die tiefste Wurzel der Gespaltenheit der Gesellschaft. Der resultierende Bruch mit den bürgerlichen Kreisen war irreversibel.
Bald darauf traten Ragaz und seine Ehefrau und Mitstreiterin, Clara Ragaz Nadig, der sozialdemokratischen Partei bei. «Nicht nur sein Sozialismus, sondern auch sein Antimilitarismus sind Ausdruck seiner Reich-Gottes-Theologie», schreibt der Herausgeber Manfred Böhm in seiner konzisen Einleitung. Der immer mächtiger werden Wunsch, seine religiös-sozialistische Theologie nicht nur vom Lehrstuhl aus zu verbreiten, sondern auch zu verwirklichen, führte zur Entscheidung, die Professur aufzugeben und sich zusammen mit seiner Frau der Arbeiterbildung zu widmen. Dafür zog er mit seiner Familie vom Nobelviertel Zürichberg ins Arbeiterquartier Aussersihl.
Die Botschaft vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit für die Erde ist nicht nur der Ausgangs- und Mittelpunkt allen Denkens von Ragaz und seiner zahlreichen Publikationen, sondern auch des in der Edition Exodus erschienen Kalendariums. Dieses ist nicht systematisch oder thematisch strukturiert, sondern «assoziativ angeordnet», was dem situativen Denken von Ragaz entspreche, dem Systeme suspekt waren (10).
Abwehrkräfte gegen Privatisierung, Verinnerlichung und
Verkirchlichung der christlichen Botschaft stärken
Was mich seit dem Erscheinen des Buches motiviert, täglich meine kleine Dosis Ragaz einzunehmen, ist zum einen der Wunsch, meine Abwehrkräfte gegen die starke Tendenz zur Privatisierung, Verinnerlichung und Verkirchlichung der christlichen Botschaft zu stärken. Zum anderen ist es die frische, klare Sprache, die stark biblisch geprägt ist. Die Texte benennen die Dinge, «lügen nichts um» (Hilde Domin) und stärken den Mut zur Parteilichkeit. Ohne dabei undifferenziert zu werden, bringen sie die Dinge auf den Punkt. Dazu nur ein Beispiel:
«Die Bergpredigt ist Alltagsmoral oder sie ist nicht. Sie ist Brot und Salz für die gewöhnlichen Menschen, nicht Delikatesse für sittliche Feinschmecker. Sie ist Arbeit, nicht Sport. Sie ist Paradoxie, ist Wunder, aber sie ist nicht ein sittliches Mirakel, sondern die Selbstverständlichkeit des Guten. Als solche müsste sie mit dem ganzen Alltag natürlich auch die Politik bestimmen.» (16. Juni)
Bereichernd finde ich zudem die Vielfalt der Themen. Natürlich kommt das Verhältnis von Religion und Politik häufig zur Sprache. Aber es geht auch um den Umgang mit der Zeit, um das Wagnis, sich selbst zu sein, um das Verhältnis von Glauben und Wissen, um den katholischen Universalismus, um das Bibelverständnis oder um die Freiheit, von der es heisst:
«Freiheit lässt sich nicht ein für allemal festlegen, sondern befindet sich in stetem Fluss. Sie muss stets neu erobert werden; denn sie ist im Grunde nichts anderes als das sich stetig entwickelnde Leben, das gegen seine Hemmungen ankämpft. Eben weil das Leben beständig vorwärts treibt, muss die Freiheit sich beständig verwandeln. Was für eine Periode höchste Sehnsucht und Befreiung war, ist einer anderen gleichgültig oder hemmend.» (30. Juli)
Mit Gott ringen
Eines Besseren belehrt wird, wer vermutet, Religiöser Sozialismus sei horizontalistisch, betone die Nächstenliebe auf Kosten der Gottesliebe, die Weltverbesserung auf Kosten der Transzendenz, das Tun auf Kosten des Glaubens. Etliche Texte sind Ausdruck einer existenziellen Spiritualität:
«Es gibt Erlebnisse, gibt Erfahrungen, die uns als ein dunkles, feindseliges, grausames Schicksal anfassen, erwürgen, vernichten wollen. Es gibt Nächte, welche die Seele töten wollen.
Was rettet uns dann? Nicht Verstandesgründe und nicht Menschentrost, auch nicht einmal Gottestrost – zunächst! – sondern allein, dass wir mit Gott ringen. Dass wir – zunächst! – ringen und nicht kapitulieren, kämpfen und nicht verzweifeln. Es ist zunächst das Ringen mit einer dunklen Macht. Aber diese ist doch Gott. Und das ist die Rettung, Gott nicht lassen, und wenn er noch so dunkel ist! Wenn er uns noch so unbekannt ist! Nur ihn nicht lassen!» (20. September)
Prophetische Gesellschafts- und Kirchenkritik
Etliche der ausgewählten Zitate verbinden die biblische Gottesbotschaft mit prophetischer Kritik, nicht nur an der Gesellschaft, sondern auch an der Kirche, am kirchlichen und theologischen Betrieb. Beim ersten Lesen haben sie mir gefallen, weil sie zuspitzen, was ich auch denke. Beim zweiten Lesen musste ich eingestehen, dass manche nicht nur «den Anderen» gelten, sondern auch mich treffen:
«Es kann einer sogar in seiner Weise fromm zu sein scheinen, seine Gebete regelmäßig sprechen, die kirchliche Sitte eifrig mitmachen und doch ferne von Gott sein. Denn wie offenbart sich Gott, der wirkliche Gott, in einem Menschen? Als Leben, Bewegung, Feuer, umgestaltende Kraft. Diese aber suchen wir manchmal bei frommen Leuten umsonst. …Und das ist die eigentlich schreckliche Gottlosigkeit. Es ist, als ob Gott es ablehnte, da zu wohnen, wo man ihn offiziell zu besitzen glaubt.» (21. September).
Einzelne Texte lassen erkennen, dass sie aus vergangenen Zeiten stammen. Insgesamt aber ist das Kalendarium von hoher Aktualität. Mit Interesse werde ich daher mindestens 365 Tage lang meine 50 mg Ragaz einnehmen. In welt- wie kirchenpolitisch unsicheren und schwierigen Zeiten hilft die tägliche Dosis hoffentlich, mich und meine Aktivitäten immer wieder auf «das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit auszurichten».
Nur in Zelten wohnt Gott. Texte von Leonhard Ragaz. Herausgegeben von Manfred Böhm. Ein Kalendarium. Edition Exodus: Luzern 2025.
Daniel Kosch, Dr. theol., war von 2001-2022 Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) .
Jüngste Publikation: «Synodal und demokratisch. Katholische Kirchenreform in schweizerischen Kirchenstrukturen» (Edition Exodus, Luzern 2023).
Foto: Christoph Knoch
Beitragsbild: Leonhard Ragaz (Fotograf unbekannt, Dokumentation Konrad Sturzenegger beim Schweizerischen Sozialarchiv Zürich)



