Welche Rolle können und sollen biblische Texte im Umgang der Kirchen und der Theologie mit der Migrationsthematik spielen? Dieser Frage geht Tania Oldenhage anhand des Umgangs von Else Lasker-Schüler mit der Bibel nach. Zu Hilfe kommen ihr dabei die Aura biblischer Figuren und ein Knopfspiel.
Im Juni 2017 bereitete ich mit einer Gruppe von Leuten in Zürich einen Gottesdienst zum nationalen Flüchtlingssonntag vor. Wir wollten die schwierige Situation von Menschen thematisieren, die aus Eritrea in die Schweiz geflüchtet waren. Vier Gastredner sprachen über die Brutalität des unbefristeten Nationaldienstes in Eritrea und über die Herausforderung, in Zürich Fuss zu fassen. Alle vier hatten einen Asylantrag gestellt und warteten im Juni 2017 auf den Entscheid des Staatssekretariats für Migration.
Keine Parallelen
Als Pfarrerin war es meine Aufgabe, den liturgischen Rahmen dieses Gottesdienstes zu gestalten. Gab es irgendeinen Bibeltext, der die prekäre Situation unserer Gastredner beleuchten könnte? An fluchtrelevanten Texten mangelte es nicht: Bibelverse zur Fremdenliebe. Der Exodus. Abraham und Sarah fliehen vor Hungersnöten. Joseph wird verkauft und verschleppt. Mose flieht nach Midian. Jesus flieht nach Ägypten. Doch was hatten uns diese altbekannten Erzählungen angesichts der teilweise verzweifelten Situation geflüchteter Menschen in Zürich zu sagen?
Jean-Pierre Ruiz, einer der führenden Migrationstheologen, warnt davor, biblische Texte mit aktuellen Fluchterfahrungen zu parallelisieren. Ruiz gibt zu bedenken, dass der Einsatz biblischer Texte oft an den konkreten Herausforderungen der Gegenwart vorbeigehen.[1] Die Flucht Jesu – ein Bild für das, was eritreische Geflüchtete hinter sich hatten? Ägypten – ein Bild für das Zufluchtsland Schweiz? Herodes – ein Bild für die Diktatur in Eritrea? Ich bezweifelte, dass uns die «Flucht nach Ägypten» helfen würde, die Situation unserer Gastredner besser zu begreifen.
Blick in die Vergangenheit
Was mir half, war der Blick in die Geschichte der Kirche, in der ich Pfarrerin war. Unser Gottesdienst fand in der Alten Kirche Fluntern an der Gloriastrasse in Zürich statt. In dieser Kirche hatten in den Jahren 1933 und 1934 Exilschriftsteller:innen aus ihren Werken gelesen, darunter Erika Mann, Jakob Wassermann und Alfred Kerr. Am 27. Juni 1933 war ausserdem die bekannte deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler in die Kirche eingeladen worden. Es war ihr erster Auftritt in Zürich, nachdem sie im April 1933 von Berlin in die Schweiz geflüchtet war. Diese historische Erinnerung wurde für mich nicht nur migrationsgeschichtlich, sondern auch theologisch bedeutsam. Denn Else Lasker-Schüler zeichnete sich durch einen höchst ungewöhnlichen Umgang mit biblischen Motiven aus.
Else Lasker-Schüler wäre vermutlich nie auf die Idee gekommen, über Parallelen oder Analogien nachzudenken. Stattdessen verwob sie biblische Figuren auf erfrischend unbekümmerte Weise in ihre Lyrik und Prosa, in ihre Briefe und Selbstportraits. Von besonderer Bedeutung hatte für sie eine Figur aus dem Buch Genesis, nämlich Joseph, der nach Ägypten verschleppt wird und dort zu neuer Grösse aufsteigt.
«Ich fühl mich plötzlich sehr schlecht […] und das kommt doch wohl von den mageren Kühen – der letzten zwei Jahre, die nicht auf die Weide kamen.»
Über viele Jahre hinweg schlüpfte Else Lasker-Schüler in die Josephsrolle, experimentierte mit ihr, nannte sich «Jussuf» oder auch «Prinz von Theben» und performte in orientalischem Kostüm auf den Bühnen Berlins. Die Josephsfigur war für sie dabei nie ein starrer Bedeutungsträger. Im Gegenteil wurden die Elemente der Josephsgeschichte von Else Lasker-Schüler für die unterschiedlichsten Lebenssituationen literarisch weiterverarbeitet: Notlagen, Müdigkeit, Romanzen, Unrechtserfahrungen, Erfolge, Pläne, Abenteuerlust. Mal mit Ironie und Augenzwinkern, mal mit grossem Pathos wob sie die Josephsgeschichte in ihre Texte und Performances hinein.
«Ich fühl mich plötzlich sehr schlecht», schrieb sie im Frühling 1933 an Thomas Mann. «[…] und das kommt doch wohl von den mageren Kühen – der letzten zwei Jahre, die nicht auf die Weide kamen.» Schon viele Male hatte Else Lasker-Schüler das Motiv der mageren Kühe aus der Josephserzählung benutzt, um auf ihre Geldsorgen anzuspielen. Doch im Brief an Thomas Mann drücken die mageren Kühe nicht nur materielle Sorgen aus. Die Kühe kamen nicht auf die Weide, schreibt sie. Mit dieser Nuancierung des biblischen Bildes deutet sie an, dass ihre Lebensgrundlage als jüdische Schriftstellerin durch den Aufstieg des Nationalsozialismus immer massiver bedroht wurde.
Biblische Aura
Else Lasker-Schülers Spiel mit der Josephsfigur wurde in der Forschung vielfach untersucht. Andrea Henneke-Weischer zufolge hatten biblische Geschichten für Else Lasker-Schüler oft eine auratische Qualität. «Als tausendjährige Menschheitserzählung besitzt die Bibel für Else Lasker-Schüler eine besondere Aura.»[2] Wenn die Dichterin in die Rolle Josephs von Ägypten schlüpfte, kreierte sie damit für sich und ihr Publikum eine biblische Atmosphäre. Sie interessierte sich nicht für die traditionellen Bedeutungen biblischer Motive, doch der religiöse Kontext, aus dem die Motive stammten, war für sie sehr wohl wichtig. Mit der Figur des Joseph stellte sie sich in einen Horizont, der unendlich viel grösser war als das Berlin der 1920er oder das Zürich der 1930er Jahre. Die mageren Kühe aus dem Traum des Pharaos gaben ihren Sorgen im Frühling 1933 eine biblische Konnotation und damit auch eine gewisse Würde.
Durch die Verse hindurch wirkt die Aura von biblischen Figuren. Dabei von Parallelen zu sprechen, führt auf Abwege.
So lässt sich vielleicht auch das beschreiben, was passiert, wenn wir die Erzählung von der Flucht Jesu nach Ägypten lesen. Denn auch diese Erzählung spielt mit der auratischen Qualität früherer Geschichten. Die Kindheit Jesu wird in eine Atmosphäre der Genesis- und Exodus-Geschichten getaucht. Durch die Verse hindurch wirkt die Aura von Figuren wie Abraham und Sarah, Joseph oder Mose, die alle ebenfalls einmal flüchten mussten. Dabei von Parallelen zu sprechen, führt auf Abwege. Jesus ist nicht gleich Mose. Aber etwas von der Mose-Geschichte kommt zum Wirken und wirft ein Licht auf die Gestalt von Jesus. Auch die Erinnerung an die Josephslegende aus dem Buch Genesis kann meine Wahrnehmung der matthäischen Erzählung von der Kindheit Jesu beeinflussen. In Ägypten, so zeigt mir die Josephsgeschichte, kann sich das Schicksal vertriebener Menschen dramatisch zum Guten wenden.
Das Knopfspiel
Noch aufschlussreicher als die Vorstellung einer Aura sind Else Lasker-Schülers eigene Gedanken zu diesem Thema. In ihrem Essay Ich räume auf erzählt Lasker-Schüler von ihrem Weg als Schriftstellerin, der bis in die früheste Kindheit zurückgeht. Treibende Kraft in ihrer Entwicklung zur Dichterin, sagt sie, war die Langeweile. Abhilfe brachte eine Sammlung von bunten Knöpfen, die ihr die Mutter schenkte und die sie bald in ihren Kleidertäschchen mit herumtrug, um sie bei Bedarf herauszuholen: «Ich legte Knopf an Knopf, je vier oder fünf, ebenmässige Reihen in Zwischenräumen auf den grossen Tisch und führte dann mein klein Fingerchen über die Knopfreihen…»[3] So wie sie später als Dichterin Worte zusammenfügen würde, so legte sie als Kind sorgsam Knöpfe in eine Reihe. Die Knöpfe sollten passen. Sobald ihr Kinderfinger auch nur die kleinste Unregelmässigkeit feststellte, geriet sie in Aufruhr. Doch es gab eine Ausnahme und das war ein sternenbesäter Knopf aus glänzendem dunklem Bernstein: «Josef von Ägypten». Dieser Knopf durfte liegen, wo er wollte.
Es ist nicht nötig, dass die Pfarrerin Knoten macht, Schlaufen bindet oder eine Nadel in die Hand nimmt. Einen Knopf kann ich einfach nur legen. Schauen, wie er wirkt.
Mit der Knopfmetapher schenkt mir Else Lasker-Schüler ein ungewöhnliches Bild, um über die Rolle biblischer Texte in meiner Arbeit nachzudenken. Ein Knopf besitzt zumeist zwei oder vier Löcher, durch die man mit einer Nadel Fäden ziehen kann. So lässt sich ein Knopf in einen Stoff hineinnähen. In einer Knopfsammlung jedoch liegen die Knöpfe frei herum. Der Reiz einer Knopfsammlung besteht darin, dass die Knöpfe gerade nicht irgendwo festgenäht sind.
Vielleicht gelingt es, hilfreiche Resonanzen zu schaffen

Wenn ich heute eine biblische Erzählung in einem Gottesdienst zum Flüchtlingssonntag lese, dann versuche ich nicht, die Situation geflüchteter Menschen zu erklären oder zu deuten. Aber vielleicht gelingt es, hilfreiche Resonanzen zu schaffen. Die Erzählung von der Flucht nach Ägypten gibt uns keinerlei Auskunft darüber, wie lange und unter welchen Umständen Jesus mit seiner Familie in Ägypten lebte. Aber wir können mit dieser Leerstelle spielen, inspiriert von älteren Geschichten der Bibel, zum Beispiel von der Geschichte des Josephs, der unter schwierigsten Umständen nach Ägypten kommt und dort ein neues Leben aufbaut. Auf diese Weise kann die Erzählung von der Flucht nach Ägypten mit ihrer biblischen Aura dabei helfen, die Hoffnung geflüchteter Menschen auf ein Bleiberecht in der Schweiz in ein würdiges Licht zu stellen.
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PD Dr. Tania Oldenhage ist Pfarrerin der Reformierten Kirche Zürich und Privatdozentin für Neues Testament und seine Wirkungsgeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.
Zum Thema dieses Artikels veröffentlichte sie 2025 «Else Lasker-Schüler und der Flüchtlingssonntag. Impulse für eine biblische Migrationstheologie»: Theologischer Verlag Zürich. Das Buch stellt die aktuelle Relevanz der Bibel für die kirchliche Flüchtlingsarbeit zur Diskussion und gibt poetische Impulse für eine biblische Migrationstheologie, die aus der Praxis kommt.
[1]Ruiz, Jean-Pierre: Readings from the Edges. The Bible & People on the Move. Maryknoll /New York 2011, 4-5.
[2]Andrea Henneke-Weischer, Poetisches Judentum. Die Bibel im Werk Else Lasker-Schülers. Mainz 2003, 375.
[3]Else Lasker-Schüler, Der Prinz von Theben und andere Prosa. Frankfurt a. M. 1998, 519.
[4]Dass gerade Mt 2,13-18 auch eine äusserst problematische Wirkungsgeschichte mit sich trägt, habe ich in meinem Buch ausführlich beschrieben. Vgl. Oldenhage, Tania: Else Lasker-Schüler und der Flüchtlingssonntag. Zürich 2025, 86-97.
Beitragsbild: Foto von Robert Anasch auf Unsplash


