Mit ihrem Buch „Feucht und fromm. Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture“ sorgt die Autori*in Nana Myrrhe für Aufsehen. Anna-Lena Passior spricht für feinschwarz.net mit ihr über die Folgen eines fundamentalistisch-religiösen Systems, das Sexualität zur Sünde erklärt.
Nana Myrrhe ist Sozialarbeiterin und Autorin. Sie macht in ihrem Buch, dem Podcast „Fck Purity“ und auf ihrem Account @heilige.schwester auf die Gefahren der Purity Culture aufmerksam. Dabei richtet sie den Blick auf fundamentalistische Kreise, die über Religionsgrenzen hinweg mit einer erzwungenen Sexualmoral lebensfeindliche Formen von Erziehung und Gemeinschaftszwang praktizieren. Religionspädagog*in Anna-Lena Passior, die im Bistum Hildesheim tätig ist, führt mit ihr das Gespräch über eigene Erfahrungen im Bereich einer evangelikal-fundamentalistischen Gemeinschaft und zeigt dabei Handlungsbedarfe auf.
… an die ganze
religiöse Gesetzgebung gehalten.
Feinschwarz: Was hat dich dazu bewegt, das Buch „Feucht und fromm“ zu schreiben?
Nana Myrrhe: Ich habe die Serie „Unorthodox“ geschaut, als sie auf Netflix rauskam, und mich haben viele Dinge, die da passieren, extrem berührt. Ich habe gemerkt, dass diese Serie viel hochholt an eigenen Erinnerungen, die tatsächlich sehr parallel sind zu dem, was diese ultraorthodoxe Hauptrolle dort erlebt. Da gibt es auch dieses Jungfräulichkeitsthema, dass man jungfräulich in die Ehe gehen muss. Dann wird sie verheiratet und stellt fest, sie kann gar nicht wirklich Geschlechtsverkehr haben, obwohl sie eigentlich soll, weil viel Druck von der Familie da ist, Nachwuchs zu zeugen. Aber sie hat so massive Schmerzen und versteht nicht, warum das nicht funktioniert. Eine Hebamme diagnostiziert sie und sagt ihr, du hast Vaginismus. Und das war ein wirklich lebensverändernder Moment für mich. Zu dem Zeitpunkt habe ich eben auch mit meinem heutigen Mann, meinem auch ersten Sexualpartner, ähnliche Erfahrungen. Ich habe mich jahrelang an die ganze religiöse Gesetzgebung gehalten und das hat Qualen für mich bedeutet, weil ich eben gerne sexuell aktiv gewesen wäre und weil ich da auch ein hohes Interesse, eine hohe Libido immer hatte und wirklich lange damit gekämpft habe. Und in diesen Kreisen wurde aber immer versprochen, wenn du rein bleibst, wenn du wartest, wenn du dich aufhebst für deinen zukünftigen Ehemann, dann wird diese Verbindung dafür besonders heilig und von Gott höchstpersönlich belohnt, mit erfülltem Sex, mit besonders intimem Sex. Ich dachte mir, es kann einfach nicht sein, dass ich mich mein ganzes Leben so quäle, um da reinzupassen, um die perfekte Frau, die perfekte Christin zu sein, alle Erwartungen zu erfüllen, um dann zu merken, ich werde nicht belohnt von Gott, sondern ich werde bestraft. Und an dem Punkt hatte ich schon viele andere Sachen, die mir in diesen fundamentalistischen Kreisen gelehrt wurden, hinterfragt. Es kann nicht sein, dass Gott das will, dass man so leidet und dann noch weiter leidet und die Ehe dann auch noch dadurch herausgefordert wird. Das war der Ausgangspunkt, wo ich gesagt hab, ich möchte damit an die Öffentlichkeit gehen.
…als spirituelle
Verunreinigung gedeutet.
Feinschwarz: Für Leser*innen, die den Begriff noch nicht kennen: Was genau versteht man unter „Purity Culture“?
Nana Myrrhe: Purity Culture könnte man übersetzen mit Reinheitskultur oder Keuschheitskultur oder je nachdem, wie extrem das ausgelebt wird, sagen auch manche Keuschheitskult dazu. Dieses Regelsystem taucht in verschiedenen religiösen Räumen auf, in verschiedenen kulturellen Räumen. Es ist es nicht nur ein rein evangelikales Problem, obwohl ich dieses ganze Phänomen aus der evangelikalen Sichtweise heraus schildere, weil ich das dort selbst erlebt habe. Es gibt aber auch eine katholische Version, eine muslimische Version, eine jüdische Version, die teilweise sehr parallel sind. So parallel, dass wie gesagt ich mich bei der Serie über die ultraorthodoxe Jüdin so stark wiedergefunden habe. Also diese Scham gegenüber dem eigenen Körper, Schuldgefühle in Bezug auf alles, was man sexuell empfindet, in Bezug auf Erregung, Fantasien, wenn man masturbiert hat, wenn man schwärmt sogar, weil man weiß, eigentlich soll ich diese Gefühle nur für meinen zukünftigen Ehepartner haben und zeigen. Genau das ist die Grundidee von Purity Culture, dass alles an sexueller Aktivität, aber auch schon emotionaler Bindung, also auch verliebt sein, vor der Ehe tabu sind. Die werden nämlich als spirituelle Verunreinigung gedeutet, also als eine Art Abwertung vor Gott. Das ist die Sache, die ich auch am allermeisten kritisiere, dass es wirklich mit einer Wertigkeit verbunden ist. Also dass Menschen innerhalb von Purity Culture, die Vorerfahrung haben im sexuellen Bereich oder Beziehungen hatten, extrem abgewertet werden, als minderwertige B-Ware. Dafür gibt es viele Bilder, die dann verwendet werden, eine bunte Bildsprache, weil man auch nicht direkt über Sexualität spricht in diesen Kreisen, weil alle, die dort aufgewachsen sind, extrem schambehaftet mit dem ganzen Thema umgehen. Aber dann heißt es eben zum Beispiel, dein Körper ist eine Hochzeitstorte und die ist natürlich gedacht für den zukünftigen Ehemann. Das wird dann schon kleinen Mädels bei Pfadfindern in Jugendgruppen auf Camps, in Predigten oder Andachten erzählt. Es ist mit viel Druck verbunden, diese Lehre. Das Masturbationsverbot ist ganz wichtig. Das wird sanktioniert in diesen Kreisen und teilweise überwacht, dass Jugendliche dann die Pflicht haben zu melden, wenn sie masturbiert haben. Denen wird dann sehr ins Gewissen geredet, dass Gott es sieht und dass Gott sie bestraft, wenn sie damit nicht ehrlich sind. Das heißt, viele teilen dann auch Informationen über sich mit den Gemeinschaften, die sie eigentlich gar nicht teilen möchten. Also ein übergriffiges Verhältnis, Machtverhältnis, was dann ausgenutzt wird. Dann Verbot von Queerness, also jegliche Sexualität, die eben nicht in der Ehe und auch nicht in einer monogamen, heterosexuellen und kirchlich getrauten Ehe stattfindet, ist einfach tabu und sündig und schlecht. Alles was man selbst empfindet, Erregung und so weiter, wofür man teilweise nicht mal wirklich was kann, also auch schon so körperliche Prozesse, werden dann schambehaftet oder als sündig betrachtet oder sogar als dämonische Energie oder als teuflisch, je nachdem aus welchen Kreisen man da kommt.
Feinschwarz: Du schreibst in deinem Buch in dem Kapitel über unterschiedliche betroffene Gruppen. Wie wirkt sich Purity Culture langfristig negativ auf Betroffene aus?
Nana Myrrhe: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die eine normale Pubertät erleben und menschliche Anziehung und Sexualität empfinden, die in solchen Räumen groß werden, lernen, ich bin minderwertig, ich bin B-Ware und Gott stößt mich eigentlich ab oder Gott liebt mich weniger. Das ist eine fatale und auch unchristliche Botschaft. Es ist konträr zu allem, was wir als christliche Gläubige über Vergebung und Nächstenliebe lernen. Es hat damit nichts mehr zu tun, aber es ist eben eine sehr gesetzliche, sehr gnadenlose Perspektive auf Sexualität.
Gläubige wählen in diesem System verschiedene Umgänge damit. Es gibt die Biografien, wie es bei mir ist, die wirklich versuchen sich daran zu halten, die da dann auch wirklich sehr lange warten mit dem ganzen Thema Sexualität. Manche sind radikal und sagen wirklich, ich hebe mir den ersten Kuss sogar bis zum Altar auf. Was da für Probleme entstehen können, ist zum Beispiel eine krasse Abschottung vom eigenen Körper, eine Entfremdung vom eigenen Körper, die über die Jahre dann einfach entsteht. Das wird durch bestimmte religiöse Kreise begünstigt, weil es heißt, man soll eigentlich nur noch im Geist leben. Das Problem ist aber, während man hier auf diesem Planeten lebt, ist man einfach in diesem Körper und dann entwickeln Viele einen negativen Umgang mit dem eigenen Körper bis hin zu Selbsthass, Selbstgeißelung und auch selbstverletzendem Verhalten. Dazu forsche ich aktuell und führe Gespräche mit Betroffenen. Zum Beispiel schwören Menschen Gott, nicht zu masturbieren, und tun es dann doch wieder und fangen dann an, sich zu ohrfeigen oder die Genitalien zu schlagen, zu kneifen, zu zwicken, zu boxen oder abzudrücken, abzuklemmen.
Purity Culture ist auch für Betroffene von sexualisierter Gewalt, die es in Kirchen auch leider zuhauf gibt, wirklich brutal. Statt Heilung heißt es dann, du bist sexuell verunreinigt, du bist spirituell verunreinigt, du bist weniger wert, du bist die angeschnittene Hochzeitstorte oder die Rose, bei der Blütenblätter abgerissen wurden oder der angebissene Apfel, der gekaute Kaugummi. Egal ob das freiwillig oder unfreiwillig war, das macht dann gar keinen Unterschied, weil in der Lehre wird keine Rücksicht genommen auf Betroffene von sexualisierter Gewalt. Es wird einfach gepredigt, man wird verunreinigt, wenn man vor der Ehe aktiv war und es wird gar nicht auf den Fall eingegangen, explizit gesagt, wenn das nicht freiwillig war, dann gilt das für dich nicht.
Queere Menschen erleiden psychologisch massive Schäden in diesen Räumen. Es passieren da Dämonenaustreibungen, es passieren Konversionstherapien, die verharmlost werden als Heilungsgebete. Dann gibt’s noch Frühehen, die geschlossen werden, die scheitern, weil eben aufgrund von Sexualtrieben, die einfach da sind, dann überstürzt geheiratet wird oder auf Druck von Gemeindemitgliedern hin oder auf Druck von Leitungen, auf Druck von Familie, weil man schon intim geworden ist.
Es braucht ein
Ernstnehmen.
Feinschwarz: Du beschreibst in deinem Buch auch den Zusammenhang von Purity Culture und rape culture, eine Kultur, die dazu führt, dass Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt toleriert und verharmlost werden. Wie zeigt sich das?
Nana Myrrhe: Da gibt es leider sehr viele Überschneidungen, und zwar hat das zu tun mit Überzeugungen, die sehr frauenfeindlich sind, was uns leider in religiösen Räumen uns heute auch noch viel begegnet. In den Purity Culture Ratgebern, also Dating Ratgebern für christliche Jugendliche, die ich in meinem Buch analysiere, wird gelehrt, Männer haben eine Sexualität von Gott und sind quasi Opfer ihrer Triebe. Frauen hätten angeblich keine eigene Lust, was absolut nicht stimmt. Die Lehre ist: Da Frauen keine eigene Lust hätten, haben sie die Verantwortung ihre Brüder im Geiste nicht zu verführen. Alles kann als Einladung gedeutet werden, wenn eine Frau zu nett war oder sich einfach nur allein im gleichen Raum mit einem Bruder bewegt oder Kleidung trägt, die dann als Einladung gedeutet wird. Die Täter-Opfer-Umkehr ist klassisch für Rape Culture. Es ist in dem Weltbild verankert, dass die Frau am Ende schuld ist. Lange bevor es einen konkreten Übergriff gab, lernt man das.
Feinschwarz: Du bist selbst in christlichen Kontexten aufgewachsen. Was wünscht du dir von theologischen Ausbildungsorten, Gemeinden und kirchlichen Medien?
Nana Myrrhe: Ich wünsche mir Stellen, an die Betroffene sich wenden können mit Personen, die wirklich für diese Betroffenen Fürsprecher*innen sind, die nicht vertuschen, die nicht sagen, das ist alles halb so schlimm, das beten wir jetzt weg, du musst dem Täter vergeben, sondern das ernst nehmen. Es braucht Menschen, die sagen, wir möchten, dass das aufgeklärt wird, damit das nicht mehr passiert. Es braucht endlich diese Signalwirkung an Täter*innen, in den meisten Fällen Täter, dass da drauf geschaut wird und dieses Verhalten strafbar ist und Konsequenzen hat. Solange der Automatismus Täterschutz ist, werden Taten begünstigt und werden weiter stattfinden. Es braucht Betroffenen-Anlaufstellen, Betroffenenräte, es braucht ein Ernstnehmen. Wenn jemandnicht bereit ist, das anzuerkennen, dass es ein aktives Problem ist, muss diese Person auch in Frage gestellt werden, ob die in ihrer Position richtig ist, weil Taten begünstigt werden.
Ich würde mir viel Berichterstattung wünschen, weil die natürlich den Druck erst mal überhaupt entstehen lässt, damit Leute sich da aktiv mit beschäftigen und hinschauen. Und was Purity Culture insgesamt betrifft, wünsche ich mir Aufklärung und dass Menschen, die darüber aufklären, deren Stimmen gestärkt werden. Also ich werde von verschiedenen kirchlichen Räumen, sogar von freikirchlichen Räumen, eingeladen, die echt was verändern wollen, denen das Thema am Herzen liegt, die merken, dass da viel schiefläuft und da aufklären wollen. Aktuell gibt es noch nicht so viele Leute, die zu Purity Culture arbeiten. Da wünsche ich mir auch mehr Leute. Ich wünsche mir auch mehr Forschung. Und für mich persönlich auch natürlich mehr Aufträge und mehr Raum und Plattformen, wie zum Beispiel diese hier. Vielen Dank.
Feinschwarz: Wenn Menschen dieses Buch lesen, die selbst von Purity Culture geprägt wurden: Was möchtest du ihnen mitgeben?
Nana Myrrhe: Ich möchte Betroffenen gerne mitgeben, dass sie nicht alleine sind. Wir sind viele. Außerdem möchte ich unabhängig vom Geschlecht vermitteln, dass sexuelle Vorerfahrung nicht abwertet. Sexuelle Erlebnisse oder sexualisierte Gewalterfahrungen machen dich nicht zu einem* einer weniger wertvollen Gläubigen. Es ist wichtig darüber zu sprechen & es gibt Orte, wo du dich darüber austauschen kannst. Es gibt zum Beispiel den Verein Fundamentalfrei, dann gibt es meinen Podcast Fck Purity. Außerdem entstehen gerade neue Bücher, Fernseh- & Social media-Beiträge zu dem Thema, auf die ich auf meinem Instagram bspw. hinweisen werde. Sich informieren & selbst das Umfeld aufzuklären kann helfen, sich empowernd statt minderwertig zu fühlen und wieder in Kontakt zu treten oder sogar eine positive Beziehung mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität einzugehen
Feinschwarz: Vielen Dank für das Gespräch und deine wichtige Arbeit.
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Anna-Lena Passior arbeitet als Referent*in für urban churching im ka.punkt in Hannover und beschäftigt sich mit intersektionalem Feminismus..
Titelbild: Doidam 10 / Shutterstock



