Im Bereich des Fairen Handels und seinen bildlichen Darstellungen identifiziert Doris Günther-Kriegel patriarchale Denkweisen. Sie untersucht Bildungsmaterialen und hinterfragt die unsichtbare Vorannahme, dass Geschlechterungerechtigkeit vor allem im sogenannten globalen Süden vorkomme. In einem vermeintlich guten Anliegen entstehen dabei problematische Formen der Viktimisierung von Frauen.
Patriarchale Strukturen werden als kulturell-religiöse Größe betrachtet und allein dem ‚globalen Süden‘ zugeordnet, was diesen vom ‚globale Norden‘ abspaltet. Diese Annahme will ich anhand eines Beispiels prüfen. Ich schaue mir an, wie Fairer Handel in den Kirchen um mich herum thematisiert wird. Genauer gesagt, konzentriere ich mich auf die Art und Weise, wie Frauen, die fair Gehandeltes herstellen, in den Bildungsmaterialien der evangelischen Entwicklungsarbeit repräsentiert werden.
In Materialien der kirchlichen Entwicklungsarbeit
ungleiche weltwirtschaftliche Beziehungen
Die Überlegungen, die ich hier zur Diskussion stelle, basieren auf meiner früheren Anstellung im kirchlichen Entwicklungsdienst einer evangelischen Landeskirche. Aus diesen Erfahrungen ist nach intensiver theoretischer Beschäftigung eine Dissertation hervorgegangen, die im Frühjahr 2026 unter dem Titel „Fairer Handel, Viktigenisierung und globale Ordnung. Eine Kritik intersektionaler Kategorien in der Entwicklungsarbeit“ erschienen ist. In dieser Arbeit wird deutlich, dass in Materialien aus der kirchlichen Entwicklungsarbeit über ungleiche weltwirtschaftliche Beziehungen informiert wird, was die besagte globale Spaltung bekräftigt. Erklärt wird die Spaltung allerdings weniger mit globalen Handelsbedingungen, als vielmehr mit kulturbedingter Rückschrittlichkeit, die an Geschlechterungleichheit festgemacht wird. Produzentinnen fair gehandelter Erzeugnisse werden als Opfer patriarchaler Kulturen repräsentiert und mit dem Maßstab mutmaßlich emanzipierter Frauen aus dem ‚globalen Norden‘ verglichen. Daraus leitet sich Geschlechterungerechtigkeit als genuines Problem des ‚globalen Südens‘ ab. Im Vergleich dazu, wird der ‚globale Norden‘ als geschlechtergerecht imaginiert.
Mein Anliegen ist es also zu zeigen, durch welche Mechanismen der Blick vieler Menschen hierzulande auf den ‚globalen Süden‘ gelenkt wird, wenn geschlechterungerechte Umstände zur Debatte stehen. Meine Überlegungen setzen sich demzufolge mit unhinterfragten Prämissen auseinander, die auf konkrete sprachliche Zuschreibungen zurückgehen. Sie fragen nach den Wirkungen von Sprachbildern in Broschüren oder Gottesdienstentwürfen, die über Fairer Handel informieren. Darin werden Frauen in mehr als nur einer Hinsicht als Unterdrückte porträtiert. Fair-Handels-Produzentinnen werden als Opfer verschiedenartiger kulturell-topografischer Marginalisierungen charakterisiert. Sie werden auf ihr mühsames Muttersein, auf ihre ärmlichen Lebensverhältnisse, auf ihr Betroffensein von männlicher Gewalt, auf ihre fehlende Bildung oder auf ihre provinzielle Wohnstätte festgelegt. In den Texten liest sich das dann so: „In vielen Ländern des Südens wird in Mädchen von Anfang an buchstäblich weniger ‚investiert‘ als in Jungen. Sie erhalten weniger Schulbildung, müssen bei der Gesundheitsversorgung zurückstecken und verdienen später oft weniger. Kulturelles Selbstverständnis spielt dabei eine große Rolle“[1]. Hier dient das kulturelle Selbstverständnis in Ländern des Südens als Begründung für die Benachteiligung von Mädchen gegenüber Jungen. Ärmliche Lebensumstände werden wiederum mit mütterlicher Sorgearbeit verknüpft und am Beispiel von Esther im ‚globalen Süden‘ verortet. Sie wird als „alleinerziehende Mutter und Ernährerin der Familie“ vorgestellt, die „sich nicht mehr als eine Wellblechhütte mit drei Räumen ohne festen Boden und ohne Strom und Wasser leisten konnte“[2]
Indigen-Machungen
Schon an diesen wenigen Beispielen lässt sich veranschaulichen, dass die Zuschreibungen einem bestimmten Grundmuster folgen. Dieses basiert darauf, dass Frauen als Opfer repräsentiert werden, weil sie beispielsweise „nicht alleine reisen dürfen […] [oder] finanzielle Abhängigkeit“[3] erleben. Diese Festschreibungen lassen sich also als Viktimisierungen ausweisen. Dazu kommt, dass derartige Benachteiligungen auf traditionelle Lebensweisen in der zivilisatorischen Peripherie zurückgeführt werden, wie das folgende Beispiel zeigt: „Und insbesondere in ländlichen Gegenden wird die Schulbildung von Mädchen behindert. Es existieren also weiterhin traditionelle bzw. kulturelle Barrieren“[4]. Die Art der Verortung in ländlich abgeschiedenen Räumen lässt sich als Indigen-Machung kennzeichnen. Viktimisierungen und Indigen-Machungen treten in den Texten allerdings nicht getrennt voneinander auf, sondern gehen Hand in Hand, weshalb sie unter dem Neologismus Viktigenisierung eingeführt werden. Aus solchen Viktigenisierungen ergibt sich nun der Effekt, dass Fair-Handels-Produzentinnen mit vermeintlich emanzipierten Frauen aus dem ‚globalen Norden‘ verglichen werden. Letztere werden nicht direkt benannt, sondern stehen als mutmaßlich weltweit gültiger Maßstab im Hintergrund, wenn von Frauen berichtet wird, die unter patriarchalen Bedingungen litten und ihnen nur „der Haushalt, Kochen und die Kinderbetreuung als gesellschaftliche Aufgaben zugewiesen werden“[5]. Es sind folglich solche Vergleiche zwischen Frauen aus verschiedenen Weltregionen, die Vorstellungen einer globalen Spaltung verfestigen.
Noch viel mehr
Grundlagenarbeit nötig.
Diese Erkenntnisse über viktigenisierende Bezeichnungsmechanismen bestätigen also meine eingangs formulierte Annahme. Es ist die globale Verortung des Patriarchats, die eine fundamentale Spaltung zwischen ‚globalem Süden‘ und ‚globalem Norden‘ zementiert. Meine Überlungen machen an dieser Stelle jedoch nicht halt. Denn die Schlussfolgerungen führen mich zu der These, dass die Verortung des Patriarchats in den ‚globalen Süden‘ den Blick für die vielfältigen Ausprägungen patriarchaler Praktiken in Gesellschaften weltweit verstellt. Damit erscheinen Herabsetzungen von Frauen, wie sie in den Epstein-Akten oder im Prozess um Gisèle Pelicot zutage treten, als bloße Ausnahmefälle einzelner Individuen und deren mächtigen Netzwerke. Die grundlegenden Prämissen, auf denen solche extremen Beispiele einer Ungleichgewichtung zwischen Frauen und Männern beruhen, bleiben jedoch unsichtbar. Wenn aber die Voraussetzungen verschleiert bleiben, auf denen global verbreitete Geschlechterungerechtigkeiten beruhen, wird sich weder an lokalen Gender Pay Gaps noch an konkreten Beispielen sexueller Ausbeutung grundlegend etwas ändern können.
Das heißt im Umkehrschluss, dass noch viel mehr Grundlagenarbeit zu leisten ist, die an spezifischen Beispielen patriarchale Strukturen sichtbar macht, die mit der Verortung des Patriarchats in den ‚globalen Süden‘ getarnt sind. Mit jeder einzelnen Untersuchung ließe sich der Blick für die patriarchalen Grundmuster weiten, die Gesellschaften weltweit strukturieren. Erst mit einer erweiterten Perspektive für die Globalität des Patriarchats, das nicht mehr nur in Sonderfälle bestimmter Individuen, Kulturen oder Weltgegenden verlagert werden kann, lassen sich seine konstitutiven Strukturen aushebeln.
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Doris Günther-Kriegel, Dr. theol., geb. 1983, ist Postdoc und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind intersektionale Identitätskonstruktionen in Entwicklungsdiskursen und globale Verflechtungen in ostafrikanischen Religions- Theologie- und Missionsgeschichten.
Foto: privat
TItelbild: Aroni’s Cottage / Shutterstock
- Welt & Handel 15/6 (2011), 5. ↑
- Eins Entwicklungspolitik 18-19/9 (2006) V. ↑
- Brot für die Welt, Aktuell 44, 2015, 2f. ↑
- Welt & Handel 6/12-13 (2002), 2. ↑
- Brot für die Welt, Aktuell 44, 2015, 4 ↑



