Seit 1731 stellt die Herrnhuter Brüdergemeine „Die Losungen“ zur Verfügung. Für jeden Tag des Jahres wird ein Vers aus dem Alten Testament per Los bestimmt und ein Vers aus dem Neuen Testament sowie ein kurzer Dritttext hinzugefügt. Die Auflagen der Losungen liegen weltweit in Millionenhöhe, dazu kommen vielgenutzte Digitalangebote. Ein Interview über theologische und organisatorische Hintergründe des Projekts mit Veronika Ullmann.
Frau Ullmann, Sie sind als Referentin der Herrnhuter Brüdergemeine eine der Verantwortlichen für „Die Losungen“. Wieso haben die Herrnhuter dieses Format überhaupt entwickelt?
Ullmann: Die Tradition der Losungen ist fest mit der Geschichte des Ortes Herrnhut verbunden. Dort haben sich Frauen und Männer zu einer christlichen Gemeinschaft zusammengefunden, in deren Zentrum Jesus Christus steht. Sie haben besondere Versammlungsformen entwickelt, eine davon ist die Singstunde, in der die Gemeinde einzelne Verse aus Gesangbuchliedern singt, direkt hintereinander, wie eine Art Liedpredigt zusammengefasst. Am 3. Mai 1728 gab der Gründer Nikolaus Ludwig Graf Zinzendorf in so einer Singstunde der Gemeinde einen Vers für den nächsten Tag mit. Was sich daraus entwickeln würde und dass dieses Konzept „Ein Bibelspruch für den Tag“ nun fast 300 Jahre Geschichte hat, das hat damals niemand geahnt. Aus dem der Gemeinde mitgegebenen Spruch hat sich inzwischen viel entwickelt: Die Losungen sind für den Tag, für die Zeit, in der sie gelesen und verinnerlicht werden – und also sind sie zeitgemäß und passen sich an die Medien an, die zur Verfügung stehen. Es ist, um auf den Ursprung zurückzuschauen, eine besondere Art der Verinnerlichung. Ein Wort, ein Satz, wird dem Tag ausgesetzt, an dem ich mein Leben lebe und ich lasse dieses Wort in mir und an mir arbeiten. Das ist eine Art, die aus der pietistisch geprägten Frömmigkeit der Gründungszeit von Herrnhut kommt – und die wirkt bis heute, nämlich die Worte der Bibel – hier in Form von einzelnen Versen – wirklich ins Alltagsleben zu lassen.
Warum werden die Bibelverse zugelost? Was spricht für diesen besonderen Auswahlmechanismus?
Ullmann: In den Anfangsjahren haben die Herrnhuter Fragen zur Entscheidung direkt Gott vorgelegt. Sie nutzten für die Antworten kleine Lose mit Ja, Nein, Unentschieden, und baten Gott im Gebet um Antwort. Bis heute begleiten wir das Ziehen der Losungsverse für ein Jahr durch ein Gebet, mit dem wir darum bitten, dass Menschen durch die Worte in den Versen Orientierung finden mögen, vielleicht sogar Antworten. Das Losungsziehen ist ein sehr konzentrierter Vorgang, der sehr genau dokumentiert wird. Dass dabei dennoch etwas Spielerisches zu erkennen ist, entspricht der Herrnhuter Frömmigkeit.
In den Anfangsjahren haben die Herrnhuter Fragen zur Entscheidung direkt Gott vorgelegt.
Bibelverse als Entscheidungshilfen einzusetzen, kann auch gefährlich werden: Der US-General William G. Boykin soll sich 1993 aufgrund einer gelosten Bibelstelle bspw. für die Bombardierung Somalischer Zivilist:innen entschlossen haben. Sehen Sie auch bei den Herrnhuter Losungen ein Gefahrenpotential?
Ullmann: Bei dieser schrecklichen Geschichte ist es sicher gut, zwischen der Befehlsgewalt eines Militärs und dem, was Menschen in Bibelversen suchen, zu trennen. Über diesen General ist allgemein bekannt, dass er militärische Entscheidungen damit begründete, dass das Christentum gegen Satanisches kämpfe. Insofern sind nicht Worte der Bibel als Tageslosung gefährlich, sondern Menschen, die Schlüsse solcherart ziehen, wie den, Gewalt gegen Menschen auszuüben. Wenn meine Kolleginnen/Kollegen und ich mit verschiedenen Gruppen in sogenannten Losungsleser-Versammlungen zusammenkommen, ist es uns ein Anliegen, das Offene und Freie und gleichzeitig die Verantwortung für das eigene Verstehen zu betonen, das im Umgang mit den Losungen liegt. Das geht über die Grenzen von Frömmigkeitsprägungen und sogar Konfessionen hinweg. Wozu wir strikt Nein sagen, ist die „Orakel“-Zuschreibung der Losungen. Das ist nicht, was wir mit den Losungen wollen.
Wozu wir strikt Nein sagen, ist die „Orakel“-Zuschreibung der Losungen.
Warum wird nur der Vers aus dem Alten Testament gelost? Nach welchen Kriterien wird der NT-Vers hinzugefügt?
Ullmann: Wie es dazu kam, dass die Bibelverse, die Losungen werden, ausschließlich aus dem Alten Testament kommen, ist nicht mehr ganz zu erhellen. Es gibt dazu historisch keine eindeutige Entscheidung, eher eine stetige wachsende Bejahung dieser Ordnung. Es gibt eine Menge gute Gründe, die dafürsprechen. Ein Vers aus dem Ersten Testament erinnert uns stets an die jüdischen Wurzeln unseres Glaubens. Immer sind beide Teile der Bibel beteiligt an einem Impuls für den Tag. Den Vers aus dem Neuen Testament sucht der Losungsbearbeiter zu jeder Losung mit viel Erfahrung und Gespür aus. Dabei wird eine theologische Entscheidung für die Richtung eines Impulses aus dem gezogenen Vers gefällt. Es gilt, dann eine gute „Antwort“ auf diesen Impuls im Neuen Testament zu finden. Die jeweilige Entscheidung, auch die zu einem Dritten Text, der jedes Paar aus Losung und Lehrtext begleitet, wird schließlich in einem Gremium diskutiert und verabschiedet.
Aus welchem Pool wird gelost? Sortieren Sie „unbequeme“ Verse aus?
Ullmann: Der Pool ist das sogenannte Losungs-Spruchgut. Das ist die Sammlung von reichlich 1.800 Bibelversen, die durch das Ziehen zu einer Losung werden können. Das Spruchgut wird gepflegt, es wird alle zehn Jahre durch einen Ausschuss einer eingehenden, viele Monate währenden Prüfung unterzogen. Dieser Prozess ist gerade im letzten Jahr durch den Losungsspruchgut-Ausschuss abgeschlossen worden, das Spruchgut ist also zurzeit frisch durchgesehen. Die Kriterien für ein „kann raus“ oder „kommt rein“ sind aber nicht die von „unbequem“ oder „Kuschelgott“. Solche Entscheidungen werden in einem eingehenden Gespräch zwischen den Ausschussmitgliedern über die Losungsverse getroffen und am Ende, wenn wir diskutiert haben, abgestimmt. Wir schauen dabei sowohl nach Verständlichkeit wie auch nach thematischen Dopplungen, suchen aber auch bewusst nach Themen, die uns durch Reaktionen unserer Leserinnen und Leser mitgegeben werden. Das sind seelsorgerliche Themen, aber auch die einer gesellschaftlichen Verantwortung und Fragen nach dem Umgang mit dem rasanten gesellschaftlichen Wandel.
Wie hat sich das Spruchgut im Lauf der Zeit verändert?
Ullmann: Im Laufe der fast 300 Jahre hat sich das Spruchgut immer gewandelt. Wenn ich an einem Stand der Losungen beim Kirchen- oder Katholikentag Menschen, die vor 1960 geboren sind, den Losungsvers vom Tag ihrer Geburt heraussuche und, hübsch auf einer Karte ausgedruckt, überreiche, bin ich manchmal erschrocken über Losungsverse, die wir heute nicht mehr im Spruchgut haben. Ich bekomme als Losungs-Korrespondentin fast täglich auch Kritik an unserer Auswahl der Losungsverse geschickt, auch an der redaktionellen Bearbeitung mancher Bibelverse, mit der wir sie zu Losungsversen machen. Ich sammle und beantworte diese Kritiken und gebe das regelmäßig weiter. Seit die Losungen während des 20. Jahrhunderts immer mehr Außenwirkung bekommen haben, betrachten wir auch unser Spruchgut immer genauer. Da das Verständnis für die Sprache der Lutherbibel zunehmend schwindet, müssen wir auch in Fragen der Verständlichkeit eines Losungsverses immer deutlicher mit „Außenaugen“ schauen, ob der Vers etwas vermittelt. Zusätzlich wird seit dem Ende des 20. Jahrhunderts in den Durchsichten des Spruchgutes nach Themen geschaut, die der gesellschaftlichen Entwicklung etwas sagen können: Teilen, Abgeben, Diversität, Natur, politische und soziale Verantwortung.
Die Losungen sind kein deutsches Phänomen, sondern weltweit verbreitet. Gibt es international signifikante Unterschiede im Umgang mit den Losungen?
Ullmann: Ich habe Kontakt zu Menschen weltweit, die die Losungen in ihre jeweiligen Sprachen übertragen. Sie berichten von ihrer Arbeit und wir lernen daraus. Der viel unbefangenere Umgang mit elektronischen Medien, das Weitergeben der Losungen über Kanäle wie WhatsApp, TikTok und Facebook – in afrikanischen Ländern zum Beispiel – beeindruckt. Und mir ist die Erfahrung wichtig, dass Losungen auf faszinierende Weise in die jeweilige, auch christliche Kultur übernommen und dort zu einer ganz eigenen Blüte reifen.
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Veronika Ullmann hat nach einer Berufsausbildung und Berufstätigkeit noch zu DDR-Zeiten mit dem Theologiestudium in Berlin begonnen. Sie ist ordinierte Pfarrerin und Redakteurin, war zwischen 2000 und 2010 als PR-Journalistin für die Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart tätig. Sie arbeitet heute mit je einer halben Anstellung für das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung, Brot für die Welt, als Theologische Redakteurin und für die Evangelische Brüder-Unität als Losungskorrespondentin.
Foto: privat
Das Interview führte Jonas Maria Hoff.
Beitragsbild: www.Losungen.de


