Erzähl mir Gott

Theologie und Literatur stehen in einem kreativen Spannungsverhältnis. Erich Garhammer hat seine Theologie im Dialog mit Literatur und Literaten entwickelt. Er versucht eine „Dreinrede“ gegen Sprachschlamperei und Trivialitätenkonjunktur in kirchlicher Verkündigung. Eine Rezension von Johann Pock.

Im Mai 2017 durfte ich einem denkwürdigen Ereignis beiwohnen: Im Angesicht großer Literaten (Reiner Kunze, Sibylle Lewitscharoff und Arno Geiger), die ihm zu Weggefährten geworden waren, hielt Erich Garhammer in der Würzburger Neubaukirche seine Abschiedsvorlesung als Professor für Pastoraltheologie. Umgeben von theologischen Kollegen und Mitstreitern entwickelte Erich Garhammer nochmals seinen Entwurf einer Theologie, die im Gespräch mit der Literatur gewachsen ist und in der das Erzählen eine zentrale Rolle spielt.

‚Dreinrede‘ gegen Sprachschlamperei und Trivialitätenkonjunktur

Es gibt kaum ein spannenderes und zugleich vernachlässigteres Bezugsfeld für die Theologie als jenes der Literatur. Selbst auf literarischen (biblischen) Texten basierend, wurde und wird der Poesie wenig zugetraut. Erich Garhammer ist hier seit Jahrzehnten ein überzeugender und unermüdlicher Mahner, Akteur und Inspirator.

Nun legt er mit „Erzähl mir Gott. Theologie und Literatur auf Augenhöhe“, 2018 im Echter-Verlag erschienen, einen zweiten Band seiner Beschäftigung mit Literatur vor.[1] Dieser Band gibt einen Einblick in seine eigenen Entdeckungen. Dabei spannt sich der Bogen der Ausschnitte aus seinen 25 Jahren Lehrtätigkeit von seiner Würzburger Antrittsvorlesung im Jahr 2001 bis zu seiner Abschiedsvorlesung 2017.

Er selbst sieht sein Buch zu Recht als „eine ‚Dreinrede‘ gegen Sprachschlamperei und Trivialitätenkonjunktur in kirchlicher Verkündigung. Es ist auch eine Entdeckungsreise in den Reichtum der Poesie.“ (S. 9)

Das Buch bringt 7 unterschiedliche Beiträge im Spannungsfeld von Theologie und Literatur. Neben den beiden Vorlesungen sind sie Dichtern gewidmet, die für Garhammer wichtig geworden sind (wie Reiner Kunze oder Hermann Hesse). Oder auch thematische Beiträge, wie jener über die Auseinandersetzung von Dichtern mit ihren Vaterfiguren oder die Einflüsse von biblischen Texten auf verschiedene Dichterpersönlichkeiten.

Schon der Titel seiner Würzburger Antrittsvorlesung (2001) „Wider die zelotische Pfafferei“ ist ein Statement des Autors, der hier seine Widerständigkeit gegenüber kirchlichen Disziplinierungsversuchen (Stichwort Nihil-Obstat-Verweigerung) über seine Zweitqualifikation (Garhammer ist auch Germanist) ausspielt.

Beschäftigung mit Literatur ist ein Therapeutikum gegen kognitives Verschanzen.

„Wer die Bereiche Literatur auf der einen Seite, Theologie auf der anderen mit einem ‚und‘ verknüpft. muss also darum wissen, dass dieses ‚und‘ nicht harmlos sein kann oder je war, sondern höchst spannungsgeladen.“ (S. 12) In dieser Spannung profitieren beide voneinander:  „Die theologische Beschäftigung mit Literatur inszeniert also ein nicht vorgesehenes Gespräch mit dem Text, so dass er … etwas Neues und Unvorhergesehenes sagen kann.“ (S. 27)

Garhammer plädiert für eine „concordia discors“: „Beschäftigung mit Literatur ist ein Therapeutikum gegen kognitives Verschanzen. Sie verwickelt in Lebensgeschichten, löst Schwarz-Weiß-Töne auf, provoziert zu neuem Denken.“ (S. 37)

Sein Fazit bei der Antrittsvorlesung: „In der Literatur kommt uns das Eigene, die eigene Wahrheit oft pointierter entgegen. Deshalb ist das Gespräch zwischen Literatur und Theologie unverzichtbar.“ (S. 39)

„Seine Wörter stammen nicht von den Wühltischen der Sprache, sie sind dem Tod abgeschwiegen.“

Eine besondere Stellung im Werk von Garhammer nimmt Reiner Kunze ein: „Wahrheit bleibt für Kunze ein Lebensthema. Die Wahrheitsfrage ist in seiner Lyrik unhintergehbar, denn Gedicht und Lüge schließen einander aus, nicht weil ein Dichter ein besonders ehrlicher Mensch ist, sondern weil Poesie und Kalkül einander widersprechen.“ (S. 62)

Die Wertschätzung Kunzes durch Garhammer zeigt sich in Aussagen wie: „Seine Wörter stammen nicht von den Wühltischen der Sprache, sie sind dem Tod abgeschwiegen.“ (S. 62) Ebenso im Bekenntnis: „Wieder so ein Kunzewort: die Schuld knien hören. Ein erneuter Beweis dafür: Wer Kunze liest, bekommt andere Augen geschenkt, große und staunende Augen.“ (S. 63)

In der Auseinandersetzung Garhammers mit Kunze wird deutlich, was Poesie zu leisten im Stande ist. Es geht um eine neue Sicht auf die Wirklichkeit – ein Zugang, der jenem der Meditation ähnlich ist: „Dort, wo wir metaphorisch sprechen, steigen wir aus der positivistischen Sprache aus und schaffen Raum für eine Öffnung, für eine Ritze, für eine andere und neue Sicht der Wirklichkeit.“ (S. 69) „Poesie ist die gestaltete Leerstelle für eine Wirklichkeit jenseits aller sichtbaren Wirklichkeit. Für Kunze hat Poesie deshalb auch etwas mit Meditation zu tun; sie ist ebenfalls absolut absichtslos, lebt aus der Versenkung.“ (S. 69)

„Poesie hat die Kraft, in einer nichtpossessiven Sprache über das Unverfügbare zu sprechen.“

Die Poesie hat eine verwandelnde Kraft, die absichtslos und ohne Besitzansprüche daherkommt: „Wie die Meditation ist die Poesie absichtslos. Sie hat die Kraft, in einer nichtpossessiven Sprache über das Unverfügbare zu sprechen. Indem sie das tut, schenkt sie dem Lesenden neue Augen und macht ihn sehend.“ (S. 70)„Aufgabe des Dichters ist es also, die Stimme zu erheben, die Welt mit Welt anzureichern, sie neu sehen zu lassen und sie durch Poesie zu verwandeln. Besser könnte man das Anliegen der Poesie von Reiner Kunze nicht umschreiben.“ (S. 71)

Ein weiterer Beitrag unternimmt „Stichproben zum Vaterbild in der aktuellen Literatur“. Dazu geht Garhammer auf mehrere Größen der deutschen Literatur ein und untersucht ihren je unterschiedlichen Zugang zu den Vatergestalten: Botho Strauß, Sibylle Lewitscharoff, Hanns-Josef Ortheil, Arno Geiger, Ralf Rothmann.

Eine Lesefrucht aus diesem Abschnitt: „Hier distanziert sich ein Poet der Gegenwart … von einem gewalttätigen Zugriff auf den Glauben, von Monstranzhieben durch Bibelsätze und andere heilige Schriften, mit denen man auch heute noch Menschen verletzen und ihnen Gewalt zufügen kann.“ (S. 119)

„Poetische Pastoral ist die palliative Heimat für die Sehnsüchte der Menschen.“

Die im Buch wiedergegebene Abschiedsvorlesung bringt einerseits Historisches zu seiner persönlichen wissenschaftlichen Entwicklung. Zugleich versucht Garhammer hier, Linien einer „poetischen Pastoral“ zu entwerfen: „Wenn das Leben der Menschen Poesie ist, dann ist Liebe zur Sprache auch Menschenliebe“ (S. 143) Für ihn ist die „Poetische Pastoral“ gewissermaßen „die palliative Heimat für Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ wie für die „Sehnsüchte der Menschen“ (S. 148) Diesen Gedanken weiterführend, sieht er in der „Pastoraltheologie als Palliativtheologie die metanoetische Chance der gesamten Theologie“ gegeben (S. 149)

Das Buch ist somit Rückschau und Ausblick – vor allem aber das Bekenntnis eines durch die Poesie Verwandelten und mit der Poesie die Theologie Verwandelnden, der selbst als Resümee festhält: „Von Gott zu sprechen ist risikoreich, ein Abenteuer und immer neu ein Erlebnis. Für mich ist es zum Lebensabenteuer geworden.“ (S. 10)

[1] Im Jahr 2011 erschien: Erich Garhammer, Zweifel im Dienst der Hoffnung: Poesie und Theologie, Würzburg: Echter Verlag.

Buchangaben: Erich Garhammer, Erzähl mir Gott. Theologie und Literatur auf Augenhöhe, Würzburg: Echter 2018.

Beitragsbild: Buchcover

Rezensent: Johann Pock (Prof.f. Pastoraltheologie in Wien, Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net)

Von Pock u.a. auf feinschwarz erschienen:

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