Es geht um etwas. Frauen zeigen worum.

Ausstellung 200 Frauen - was uns bewegt, Bayerische Staatsbank, Bild: Birgit Hoyer

„Ich würde das Gefühl von ‚wir‘ und ‚die anderen‘ abschaffen. Und da setze ich vor allem auf die Frauen!“ Amy Eldon Turteltaub ist eine von 200 Frauen, die im gleichnamigen Bildband davon sprechen, was wichtig ist. Birgit Hoyer hat sich die daraus entstandene Ausstellung in München angesehen.

Frauen aus der ganzen Welt hat Kieran E. Scott mit seinem Team fotografiert und ihnen fünf immer gleiche Fragen gestellt: Was ist Ihnen wirklich wichtig? Was macht Sie glücklich? Was empfinden Sie als tiefstes Leid? Was würden Sie in der Welt verändern, wenn Sie könnten? Wählen Sie ein Wort, das Sie beschreibt. In Anlehnung an dieses Projekt entstand eine Fotoausstellung, die nun in München zu sehen ist. Ihr Ziel ist es, die Besucher*innen anzuregen, über Vielfalt, Chancengerechtigkeit, Gleichberechtigung und Mut nachzudenken.

Was ist Ihnen wichtig?

Der von Geoff Blackwell und Ruth Hobday herausgegebene Bildband wie auch die Ausstellung legen den Finger in eine klaffende Wunde der Gegenwart und strafen Lippenbekenntnisse zur Wichtigkeit von Vielfalt und dem Engagement für Gleichberechtigung Lügen. Der Macho-Mann in Politik und Kirche wähnt sich weit von jeder Ungerechtigkeit entfernt, wenn er ankündigt, Frauen zu beteiligen oder in die Verantwortung zu nehmen, und ist sich in keiner Sekunde bewusst, dass er der Falsche ist seiner Position. Bei allem Unverständnis für eine solch ignorante Unfähigkeit zur Selbstkritik muss man dankbar sein, wenn es in Machtverteilungsfragen verbal „zivilisiert“ abgeht, wenn man nicht in den USA, Brasilien etc. lebt, nicht als Frau in offenen wie latenten Männerdomänen selbstbewusst und selbstbestimmt mit Entscheidungsmacht arbeiten möchte.

Klaffende Wunde fehlender Gleichberechtigung!

Regierungen, Parteien, Konzerne, Kirchen, Hochschulen, Akademien, Gesellschaften – funktionieren reibungslos ohne Frauen. Der offensiv-bewusste wie unüberlegt-selbstverständliche Ausschluss von Frauen aus Entscheidungspositionen, öffentlichen Ämtern, Unternehmensvorständen bleibt sanktionsfrei, subtiler wie offener Sexismus hoffähig. Gleichberechtigung wird in vielen Kontexten als konsequenzfreies Geplänkel gespielt.

Dabei geht es für immer mehr Gesellschaften um die Entscheidung zwischen menschenwürdiger Demokratie und vernichtendem Autokratismus. Elena Wilczeck konstatierte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.10.2018, dass die Wahl in Brasilien den größten Stimmenunterschied zwischen Männern und Frauen seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 aufwies. „Jair Bolsonaro ist Statistiken zufolge besonders unter reichen und gebildeten Männern erfolgreich. Diejenigen, die ihn am vehementesten ablehnen, sind arme Frauen, darunter viele Schwarze. […] Seine Kritikerinnen haben innerhalb kurzer Zeit für bemerkenswerten Krawall gesorgt. Die Facebook-Gruppe ‚Vereinte Frauen gegen Bolsonaro‘ entstand außerhalb der politischen Zentren in Bahía, im Nordosten des Landes, auf Initiative einer schwarzen Frau, die in einem der ärmsten Stadtviertel von Salvador aufgewachsen ist. Inzwischen hat die Seite fast vier Millionen Mitglieder. Unter dem Hashtag #EleNão gingen am 29. September Hunderttausende auf die Straßen. Es war die größte von Frauen organisierte Demonstration in der Geschichte Brasiliens und die größte dieser Wahlen.“ Sie hat den Menschenverachter im Amt des Präsidenten genauso wenig verhindert wie der Marsch der Frauen nach Washington 2017.

Worum es geht.

Weltweit ist und wird Frauen klar, dass es um ihr Leben geht und es auf sie ankommt, wenn es um Menschenwürde und Frieden geht. „Alle wussten, es geht um etwas“, so führte Bettina Böttinger in die Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung „200 Frauen – Was uns bewegt“ in München ein. Bildband und Ausstellung konturieren allerdings nur umso schärfer die Analyse allein der deutschen Situation der in Berlin lebenden, französischen Journalistin und Autorin Cécile Calla in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung am 31.10.2018: „Deutschland fehlen die Frauen. Ich vermisse sie im Parlament, im diplomatischen Dienst, in Vorständen, in Zeitungsartikeln und Fernsehdebatten, aber auch in Diskussionen mit Freunden. Viele der Lebenserfahrungen und Themen, die Frauen bewegen, finden hierzulande wenig Resonanz. In der Folge wird die Gesellschaft zu wenig von und für Frauen gestaltet. Es ist, als ob der Feminismus und alles, wofür der Hashtag #MeToo seit einem Jahr steht, für den Großteil der Bevölkerung keine Rolle spiele.“

als Theologie getarnter Frauenhass

Für die katholische Kirche und Theologie fällt die frühere irische Präsidentin Mary McAleese mit einer Äußerung anlässlich des Frauen-Kongresses der Organisation voices of faith in Rom im März diesen Jahres ein vernichtendes Urteil: Während sie zu Beginn der Amtszeit von Papst Franziskus noch Hoffnung gehabt habe, sei sie inzwischen sehr enttäuscht, so McAleese. Zwar würden der „Genius“ und das „Mysterium“ der Frau beschworen, es fehle aber an konkreten Schritten zu einer stärkeren Beteiligung von Frauen an der Kirchenleitung. Den Ausschluss von Frauen von der Priesterweihe nannte McAleese einen „als Theologie getarnten Frauenhass“. 1

Was trägt?

Was dem Leben in der Welt fehlt oder verloren geht ohne die Gestaltungsmacht von Frauen zeigen die Bilder und Statements des Projekts „200 Frauen“, wie z.B. das der New Yorker Rabbinerin Sharon Brous: „Als Rabbinerin und Mutter werde ich jeden Tag damit konfrontiert, wie fragil das Leben ist. Ich glaube daran, dass wir zwar nicht die Kontrolle darüber haben, wie lange wir hier sind, wir aber durchaus Einfluss darauf nehmen können, wie wir unsere Zeit nutzen. Wir können uns entscheiden, mit Wut, dem Gefühl, Opfer zu sein, besessen von unseren Schwächen und Grenzen leben, oder aber wir finden Hoffnung und leiten mit unserer Liebe andere an. Es ist unsere Aufgabe, sowohl auf die Kostbarkeiten als auch auf die Unsicherheiten von allem aufmerksam zu machen. In Wahrheit stehen wir ständig am Abgrund, und immer wieder werden wir von dort zurück ins Leben geholt mit der sanften, aber auch dringenden Erinnerung daran, dass, solange wir am Leben sind, wir auch wirklich leben müssen. […] Unsere Aufgabe ist es nicht nur, Leid zu lindern, sondern auch Menschen dabei zu helfen, zu erkennen, dass sie wichtig sind.“

Erinnerung, dass, solange wir am Leben sind, wir auch wirklich leben müssen.

Die bildende Künstlerin, Rezitatorin und Dichterin Cleo Wade aus New Orleans möchte dafür, „den Raum zwischen den Menschen sakraler machen, damit wir die, die wir sind, in vollem Umfang würdigen und feiern können. Ich hoffe, das wird die Menschen innerlich wachsen und den Wunsch verspüren lassen, das Gleiche für ihre Familien, ihre Gemeinschaften und die Welt zu tun.“

Frauen formulieren mit und aus ihrem Leben den Kern und die Bedeutung von Religion, eine menschwürdige Theologie, der es um Konsequenzen aus ihrem Nachdenken über Vielfalt, Chancengerechtigkeit, Gleichberechtigung und Mut geht.

Die Ausstellung ist bis 14. Dezember 2018 in der Technischen Universität München, Immatrikulationshalle, Arcisstraße 21, 80333 München zu sehen.

Der Bildband ist 2017 im Elisabeth Sandmann Verlag erschienen. Die Zitate der Frauen sind dessen Texten entnommen.

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Text und Bild: Birgit Hoyer, Praktische Theologin, LehrerInnenbildnerin, Mitglied der Redaktion www.feinschwarz.net

  1. https://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2018-03-08/frauen-kongress-rom-enttaeuscht-von-papst-franziskus
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