Zehn Jahre Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen (1098-1179)

Hildegard von Bingen Hinweistafel vor der Pfarr- und Wallfahrtskirche Eibingen; Photo: Gosebrink

Hildegard von Bingen gilt als bekannteste Frau des Mittelalters. Sie sei ihrer Zeit voraus gewesen, habe ganz modern gedacht und gebe Antworten auf heutige Fragen. Spricht das nicht für unseren Mangel an Respekt: Wenn uns Mittelalterliches heute zusagt, hat es nicht mittelalterlich, sondern „modern“ zu sein…? Zu ihrem Todestag am morgigen 17. September, von Hildegard Gosebrink.

Hildegards Ernennung zur Kirchenlehrerin jährt sich diesen Herbst zum zehnten Mal. Sie ist die vierte Frau und die dritte Deutsche unter den aktuell 37 Kirchenlehrer*innen. Kirchenlehrer*innen sind Kinder ihrer Zeit. Ihre Lehre ist nicht irrtumsfrei – aber „herausragend“. So regelte es 1741 Papst Benedikt XIV. Das macht Mut, Hildegard wahrzunehmen als „herausragende Lehrerin“ aus dem zwölften Jahrhundert. Wie zutiefst mittelalterlich sie dachte, zeigen drei Beispiele. Sie sind gerade nicht modern. Was nicht aus-, sondern einschließt, dass diese Lehre uns heute zusagen kann.

Anthropozentrik ?

Hildegard gilt als Vorreiterin in Sachen Schöpfungsspiritualität. Sie beschreibt Bezüge zwischen Mikro- und Makrokosmos, sieht alles mit allem vernetzt – und in der Mitte den Menschen. Ihr – mittelalterlicher (!) – Anthropozentrismus ist kein Freibrief. Der Mensch ist zur Entscheidung berufen. Beutet er die Schöpfung aus, deren Teil er ist und die ihm anvertraut ist, schadet er sich selber.

Dass Hildegard so denkt, verdankt sie nicht zuletzt dem christlichen Neuplatonismus ihrer Zeit. Sie kennt und nutzt die Fachwörter Emanation (Ausfließen) und Reduktion (Rückführung). Gott fließt aus und teilt seine Schönheit mit – in den Engeln, in der Schöpfung, im Menschen. Und er führt das von ihm Ausgeflossene zu sich zurück. Die Schöpfung ist nicht identisch mit Gott, das wäre pantheistisch. Sie ist von ihm unterschieden und göttlich, abhängig und selbständig. Hildegard denkt die Schöpfung pan-en-theistisch: Gott ist in ihr gegenwärtig!

Warum wurde Gott Mensch? Bei uns im Westen rückte angesichts dieser Frage später (nur) unsere Erlösungsbedürftigkeit ins Zentrum. Hildegard macht Gottes Ratschluss zur Menschwerdung weit vor der Tragödie der Sünde fest. Da Gott von allem Anfang an ausfließen will, zielt er auf eine besondere Verbindung von Schöpfer und Geschöpf: die hypostatische Union Christi. Hildegard teilt die zu ihrer Zeit nicht unübliche Vorstellung, dass Gott auch Mensch geworden wäre, wenn der Sündenfall nicht passiert wäre. Dazu passt ihre Hochschätzung des Johannesprologs, den sie mehrmals auslegt.

Wer Hildegard liest, kann entdecken: Auf Glaubensfragen gibt es – anders als in modernen Katechismen – mehr als eine Antwort. Auch Hildegard glaubt an die Erlösung – aber die Menschwerdung ist für sie mehr als Reparatur. Sie ist Gottes große Liebeserklärung an seine Schöpfung.

„Die Frau ist schwach“ ?

Hildegard gilt als emanzipierte Frau, die gegen den männlichen Mainstream ihrer Zeit gedacht und agiert habe. In ihrem Erstlingswerk Scivias (Wisse die Wege, Wegweisung) lässt die göttliche Stimme die Leser*innen eindeutig wissen, dass keine Frau dem männlichen Priester gleichgestellt werden und zum Altardienst hinzutreten dürfe, denn die Frau sei schwach.

Hildegard benennt immer wieder die Verwandtschaft von „Schwäche“ bzw. „Weichheit“ und „Frau“. Das lohnt einen zweiten Blick. Denn Gott hat eine Schwäche für das Schwache und Weiche. Hildegard liest in Jer 31,33, dass das Gesetz beim Neuen Bund nicht mehr auf harte Steintafeln, sondern in weiche Herzen geschrieben wird. Und in 1Kor 1,27, dass Gott das Schwache erwählt hat, um das Starke zunichte zu machen. Er selber ist in der Menschwerdung dank dem Ja einer Frau schwach geworden.

Dazu passt Hildegards Interpretation von Gen 2,21f: Adam war zunächst nur Leib aus Erdenlehm, ehe ihm Gott mit dem Lebensatem die Seele einblies. Eva jedoch wurde durch einen einzigen Schöpfungsakt Gottes ein vollkommener Mensch aus Leib und Seele. Daher repräsentiert Eva, nicht Adam, die ganze Menschheit – und die Menschheit Christi! Plausibel ist dies auf der Basis der patristischen und mittelalterlichen Überzeugung, dass Gott in Gen 2,7 mit dem Lebensatem die Seele einbläst. Das ist im Rahmen moderner Exegese überholt.

Dennoch: Da war doch was mit der Christusrepräsentanz, die nur dem Mann möglich sei? Auch Hildegard kennt den Mann als Typus Christi. Und es gibt Stellen in ihrem Werk, in denen die Frau Vorausbild Christi ist. Und viele Stellen, die die Christusrepräsentanz von Mann UND Frau zum Thema machen. Wer Hildegard liest, kann lernen: „Die“ Tradition ist bunter als gedacht!

Die Frage bleibt: Was mag die göttliche Stimme veranlasst haben, mitten im zwölften Jahrhundert so eindeutig Position zu beziehen zu einer – offensichtlich auch schon – hochmittelalterlichen Frage?

Edelsteine …

Hildegard gilt als Heil-Kundige. In der Forschung gilt ihr theologisches Œuvre aufgrund der verlässlichen Handschriftenlage als gesichert, was ihre Autorinschaft angeht. Zwei Werke mit natur- und heilkundlichem Inhalt finden sich dagegen in jüngeren Handschriften, so dass wir ehrlicherweise nur sagen können, sie wurden unter Hildegards Namen überliefert. Dazu kommen weitere Schwierigkeiten: Etliche Pflanzennamen lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Dies gilt erst recht für mittelalterliche Krankheitsbezeichnungen. Die vielen Koch- und Backbücher, Ratgeber und Fastenkurse haben mit der Benediktinerin aus dem zwölften Jahrhundert wenig zu tun. Das Wort Heilkunde passt dennoch zu Hildegard –als Kunde vom Heil, das Gott der Schöpfung zugedacht hat. Dies lässt sich vor allem an den Edelsteinen zeigen.

Edelsteine entstehen im Osten (Gen 2,8) und kommen aus dem Paradiesstrom (Gen 2,12). Sie verbinden die Menschen jenseits von Eden mit dem heilen Ursprung – und mit der Perspektive auf das heile Ende im himmlischen Jerusalem, das auf zwölf Edelsteinen errichtet ist (Offb 21,19ff). Eine weitere Bibelstelle ist wichtig: Die Klage über den König von Tyrus (Ez 28,11-17) liest Hildegard wie viele Kirchenväter als Klage über den Sturz des schönsten Engels Lucifer, der aus Hochmut zu Fall kam. Er war mit Edelsteinen geschmückt, deren Glanz er bei seinem Sturz verlor.

Im Laufe der Heilsgeschichte zeigt sich, wer der wahre Lucifer (=Lichtträger) ist: Christus. Auch ihn sieht Hildegard mit Edelsteinen geschmückt. Sie sind jedoch nicht Zeichen des Hochmuts, sondern die gewandelten Wunden des Auferstandenen. In ihnen zeigt sich seine Solidarität mit den Wunden der ganzen Schöpfung und deren Hoffnung auf Heilung. Heilung bedeutet nicht das Abstellen störender Symptome, sondern Wandlung durch die Gnade.

Den Schwestern in ihrem Kloster sagt Hildegard zu: Jerusalem wird mit Edelsteinen gebaut, und zwar mit lebendigen Steinen (1 Petr 2,5) – das sind nicht makellose Heilige, sondern Steine mit Rissen und Narben: Zöllner und Sünder, die sich wandeln ließen und so wichtige und blitzende Steine wurden. Genau diese verwundeten und gewandelten Steine tragen die heilige Stadt, die Kirche!

Wer in den unter Hildegards Namen überlieferten und in ihren authentischen Texten der Spur der Edelsteine folgt, begegnet einem plausiblen Symbolsystem, gespeist aus Bibelauslegung. Das lässt sich nicht verrechnen in Rezepten. Dessen Weisheit reicht tiefer.

Von ihr inspiriert eigene Antworten wagen

Es lohnt sich, bei der Kirchenlehrerin Hildegard und ihrer „herausragenden Lehre“ in die Schule zu gehen – und, wie es für alle alten weisen Lehrerinnen gilt, informiert und inspiriert die eigenen Antworten zu wagen!
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Dr. Hildegard Gosebrink leitet die Arbeitsstelle Frauenseelsorge der Freisinger Bischofskonferenz.

Bild: Hildegard Gosebrink  

Jüngst erschien von ihr bei Patmos: Hildegard von Bingen: Die Welt ist voll Licht. Information – Deutung – Anregungen. Mit einem Geleitwort von Sr. Maura Zátonyi OSB, Ostfildern 2022.

 

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