Josef: DER Mann der zweiten Reihe.

Robert Habeck und der heilige Josef sind Männer der zweiten Reihe. Andreas Heek über Geschlechtergerechtigkeit als katholisches Jahresmotto 2021.  

Prolog: Ein „bittersüßer“ Tag der zweiten Reihe

Als Robert Habeck kürzlich im Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit vom „bittersüßen Tag“[1] sprach, an dem verkündet wurde, dass die Mit-Vorsitzende Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin der Partei Bündnis 90/Die Grünen wird, zollten ihm viele Respekt dafür, dass er zugunsten einer Frau offenbar freiwillig in die zweite Reihe getreten ist und dass er so ehrlich war, diesen Tag auch „bitter“ zu nennen, also auch als einen Tag der Enttäuschung und Niederlage. Immerhin aber war es für ihn kein „rabenschwarzer“ Tag, denn er besaß wohl so viel Realismus, zu wissen, dass er weiterhin wahrscheinlich eine herausragende Rolle in der deutschen Politik spielen würde. Und dennoch: die Inszenierung der Kandidat:innenkür hatte große symbolische Kraft: Robert Habeck bereitete Annalena Baerbock buchstäblich die Bühne und trat aus dem Rampenlicht in die zweite Reihe.

Aus dem Rampenlicht in die zweite Reihe

Hat Papst Franziskus Männer wie Robert Habeck im Sinn gehabt, als er 2021 zum Jahr des heiligen Josef ausrief? Will er solchen Männern, die bewusst auf das Rampenlicht verzichten, hervorheben? Ist Josef gar ein Prototyp eines postmodernen Mannes? Und wenn ja, was heißt das für die Männer in den ersten Reihen in der Kirche?

 

1 Männer und Frauen auf den ersten Seiten der Evangelien

Über den heiligen Josef wissen wir eigentlich fast nichts. Als „Verlobter“ (Mt 1,18) der Gottesmutter Maria, als kurz hadernder zukünftiger Vater eines „Kuckuckskindes“ (Mt 1,19ff.), dann als beschützender Vater der Kleinfamilie bei der Geburt Jesu (Lk 2,1ff.) und zeitweiliger Flucht nach Ägypten (Lk, 2,13ff.) hat er seine bescheidenen biblischen Auftritte. Kurz taucht er dann noch einmal auf beim Auffinden Jesu bei der Diskussion mit den Lehrenden im Tempel (Lk 2,41 ff.). Danach aber schweigt die Bibel über Josef gänzlich. Apropos Schweigen: Josef selbst sagt in der gesamten Bibel kein einziges Wort. Er ist vielmehr lediglich Empfänger göttlicher Befehle, die er dann gewissenhaft ausführt. Also eine typische traditionelle männliche Geschlechtszuschreibung: Schweigen, gehorchen, handeln.

Josef selbst sagt in der gesamten Bibel kein einziges Wort.

Wie anders hingegen die Schilderungen der Frauen auf den ersten Seiten des Matthäus- und Lukas-Evangeliums! Zwar folgen auch sie göttlichen Befehlen, wenn auch mit geäußertem und nicht verschwiegenem Protest wie bei Josef. Aber insgesamt gesehen strahlen die beiden Frauen auf den ersten Seiten der Evangelien im Gegensatz zu den Männern. Sie sind voller Kraft, Vitalität und Selbstbewusstsein, gipfelnd in dem berühmten programmatischen Hymnus (Lk 1, 46ff.).

 

2 In der zweiten Reihe: der Normalfall von Männerbiographien

Josef ist prinzipiell auch heute eher eine Fläche, auf der die Lage von Männern projiziert wird. Die Projektionen der Vergangenheit sind jedoch weitgehend obsolet. Denn die Rollenbilder von Männern sind fluider geworden, sie sind vielfältiger als in der antiken Welt der Bibel. Zum Glück für ein heutiges, emanzipiertes Männerleben, das sich nicht zuvörderst an den Bildern „Beschützer“ und „Ernährer der Familie“ orientiert, sondern an der Berufung zu einem individuellen Mannsein! Was sich hingegen nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der Männer nicht in Leitungspositionen von Konzernen arbeitet oder an den Schaltstellen der politischen Macht, sondern meistens weiterhin oftmals in Berufen, die „auf die Knochen gehen“. Männer leben weniger lang, nicht nur weil sie prinzipiell einen ungesünderen Lebensstil pflegen oder seine vulnerablere Genetik daran Schuld sind, sondern auch weil ihre Erwerbsbiographien länger sind und mehr Arbeitsstunden pro Woche aufweisen.[2] Männer sterben in Deutschland fünf Jahre früher als Frauen.[3]

Für leitende Kirchenmänner war Josef wohl nie eine  Identifikationsfigur

Hegemoniale Männlichkeit ist aber eine Tatsache. Männer besetzen die allermeisten Leitungspositionen in Deutschland. In der katholischen Kirche sogar alle. Aber dies betrifft zahlenmäßig nur einen kleinen Teil der Männer. Der Normalfall des Männerlebens ist die zweite Reihe. Josef kann in dieser Hinsicht eine Solidaritätsadresse für diejenigen Männer sein, die tagtäglich um sechs Uhr morgens aufstehen, arbeiten gehen und um sieben abends heimkommen.

Für die leitenden Männer innerhalb der Kirche war Josef hingegen wohl nie eine echte Identifikationsfigur. Kann sogar zwischen den Zeilen der Tradition eine gewisse Verachtung für „Josef, den Arbeiter“ gelesen werden? Zum Rang eines der großen Heiligen hat es jedenfalls in der Kirche bisher für ihn nicht gereicht.

 

3 In der ersten Reihe: die Ausnahme in Frauenbiographien

Schaut man in die aktuellen Listen der Leitungspositionen in Wirtschaft und Verwaltung und insbesondere der katholischen Kirche, können Frauen lediglich mit der Lupe gefunden werden. Echte Leitung im strengen Sinne der Kirche, sprich in Bezug auf das Lehramt, hat derzeit immer noch keine einzige Frau inne.

Was seltsam ist, wenn man die ersten, schwungvollen Seiten der genannten Evangelien liest, auf denen die Frauen Protagonistinnen der Handlung sind. Aber es sind eben nur die ersten Kapitel des Neuen Testaments und nicht die gesamte Geschichte der Kirche, wo Frauen derart dynamisch geschildert werden. Und selbst dort, in der Rezeption der Jesus-Erzählung in der Bibel, verblassen die Frauen schnell im Schatten der Männer. Zugespitzt formuliert: Solange Frauen die zukünftig machtvollen Männer zur Welt bringen, werden sie hervorgehoben und gepriesen. Nach deren Geburt werden sie dann aber still und heimlich an die Seite gedrängt. Die Überhöhung der Frauengestalt Maria in ihrer Rolle als „Mutter Gottes“ in der Kirchengeschichte, zusammen mit der Überbetonung ihrer gleichzeitigen Jungfräulichkeit, können sogar Indizien für die Verdrängung der Relevanz von Frauen insgesamt in Bezug auf die Heils- und Theologiegeschichte sein.

Aufarbeitung der frühen patriarchalen Geschichte der Kirche gebietet die Redlichkeit

Männliche Hegemonie hat schon im Neuen Testament offenbar weitere Frauen aus den herausgehobenen Positionen der neu entstehenden örtlichen Kirchen herausgedrängt oder beschwiegen. Bewusst oder unbewusst motiviert durch unreflektierte Männerstereotypen wurde Jesu Anspruch, dass alle gleich seien, nach und nach aus dem Gründungsmythos des „neuen Weges“ getilgt. Dies den Handelnden einer Kultur von vor zweitausend Jahren vorzuwerfen, wäre so ungeschichtlich wie nutzlos für heute. Aber eine ehrliche historisch-kritische Aufarbeitung der frühen patriarchalen Geschichte der Kirche vorzunehmen, gebietet die Redlichkeit des Diskurses über hegemonial-männliche Führung in der katholischen Kirche heute.

 

4 Lukas und Matthäus: Angleichung der Geschlechterverhältnisse

Deshalb ist auch nicht nachvollziehbar, sich auf die frühe Kirche für eine Rechtfertigung heutiger hegemonial-männlicher Strukturen der Kirche zu berufen. Eine Kirche, die auf der Höhe der Zeit einladend und überzeugend auf Menschen wirken will, kann sich dieser Entwicklungsnotwendigkeit nicht entziehen. Den Bruch mit den biblischen Zeugnissen muss dies allerdings nicht bedeuten. Die Anfangskapitel der Evangelien nach Lukas und Matthäus lassen nämlich eine Lesart zu, die anschlussfähig an eine „Verflüssigung der Geschlechterverhältnisse“ sind: Frauen spielen dort die Hauptrolle, Männer die zweite Geige. Dabei werden nicht die klassischen Rollen einfach vertauscht oder gar „dekonstruiert“. Aufgrund der Hochschätzung der Evangelien für die beiden Frauen Elisabeth und Maria kann eine andere Sicht auf Frauen in Bezug auf das Lehramt der Kirche erfolgen. Diese Frauen waren nicht einfach nur „Gefäße“ prophetischer bzw. göttlicher Personen, sondern Erkenntnisträgerinnen der Offenbarung Gottes ersten Ranges. Sie waren diejenigen, die ihre Söhne als das erkannt haben, was sie waren.

Männer in der zweiten Reihe sind nicht bedeutungslos

Andererseits werden die Männer in der zweiten Reihe dadurch nicht bedeutungslos. Im Gegenteil. Was wäre eine Gesellschaft oder die Kirche ohne die vielen stillen, treuen „Räder im Getriebe“? Das Gemeinwesen und die Kirchengemeinden würden schlicht nicht funktionieren. Darauf verweist Papst Franziskus zu Recht in seinen Hinweisen zum „Jahr des heiligen Josef“.[4] Was wären die Lenker*innen des Gemeinwesens ohne die akribische Arbeit im Detail, ohne die kreativen Schöpfungen und Ideen in der Ebene?

 

5 Was folgt daraus?

Das Jahr des heiligen Josef bekommt dann seinen instruktiven Sinn, wenn erstens die Selbstreflexion der herrschenden Kirchen-Männer in der ersten Reihe dahin führte, Frauen in ihre Reihen aufzunehmen. Es gibt weder anthropologische noch theologische Gründe für den grundsätzlichen Verweis weder dieser Frau, noch aller anderen Frauen in die zweite Reihe.

Zweitens ist ein Jahr des heiligen Josef auszurufen sinnvoll, weil der Mann der zweiten Reihe, Josef, in diesem Jahr die Hochschätzung all derjenigen religiös in den Mittelpunkt rückt, die ohne viel Aufhebens einfach die ihnen zugewiesenen Aufgaben abarbeiten. Josef repräsentiert den Normalfall des Lebens. Seine Männlichkeit ist ein ganz gewöhnlicher, aber systemrelevanter Dienst für die Nächsten in seiner Umgebung.

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Dr. Andreas Heek ist Leiter der Arbeitsstelle Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen e.V.

Bild: gruene.de

[1] Wochenzeitung Zeit Nr. 17 vom 22.04.2021, 4.

[2] Vgl. z.B. Jürges, Hendrik, Siegrist, Johannes, Stiehler, Matthias (Hg.), Männer und der Übergang in die Rente, Vierter Deutscher Männergesundheitsbericht der Stiftung Männergesundheit, Gießen (Psychosozial) 2020.

[3] Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/273406/umfrage/entwicklung-der-lebenserwartung-bei-geburt–in-deutschland-nach-geschlecht/, Abruf 28.04.2021.

[4] http://www.vatican.va/content/francesco/de/apost_letters/documents/papa-francesco-lettera-ap_20201208_patris-corde.html, Abruf: 27.03.2021

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