Eine britische Studie zeigt die katholische Vielfalt beim Thema Abtreibung. Michael Schüßler stellt wirklichkeitsnahe Forschungsergebnisse zu einem polarisierenden Thema vor.
Unter dem Stichwort „reproduktive Selbstbestimmung“ werden aktuell drei Rechte diskutiert, nämlich ein Kind nicht zu bekommen, ein Kind zu bekommen und ein Aufwachsen unter sicheren und förderlichen Bedingungen zu gewährleisten[1]. Die aktuelle öffentliche Debatte (z.B. die Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf) wird nur selten dem Niveau der damit verbundenen existenziellen und politischen Herausforderungen gerecht. Auch die katholische Kirche vertritt ihre strikte Ablehnung von Abtreibungen mit einer häufig drastischen und polarisierenden Sprache.
In der katholischen Theologie gibt es zwar differenzierte und abwägende Reflexionen. Zugleich findet das Thema aber überwiegend in der Moraltheologie und Ethik statt[2]. Auch wenn dort unterschiedliche Positionen verhandelt werden, bedeutet das meist eine ganz bestimmte Perspektive. Die ethische Rahmung versteht einen Schwangerschaftsabbruch vor allem als individuelle Entscheidungssituation und diskutiert dabei zulässige oder problematische Gründe. Andere Faktoren kommen als „Kontexte“ eher nachrangig in den Blick.
Der spezielle Blick von Moraltheologie und Ethik
Eine praktische Theologie des situierten Wissens[3] könnte versuchen, die vielfältigen und komplexen Lebenswirklichkeiten stärker einzublenden. Das war etwa der Fall bei der Kampagne #OutInChurch. Die vielen biographischen Zeugnissen haben die strukturelle Diskriminierung durch die katholische Lehre sichtbar und anerkennend nachvollziehbar gemacht. In eine ähnliche Richtung geht die Wortmeldung des Rates der EKD zur Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen aus dem Jahr 2023: „Eine verantwortungsethische Bearbeitung eines Schwangerschaftskonflikts kann sich nicht darauf beschränken, einen normativen Widerstreit zwischen Lebensrecht des ungeborenen Lebens und Selbstbestimmungsrecht der Frau zu identifizieren. Stereotype Alternativen wie ‚pro life‘ versus ‚pro choice‘ verkürzen die Sachlage unzulässig.“[4]
Stereotype wie ‚pro life‘ versus ‚pro choice‘ verkürzen unzulässig
Wie sieht hier die empirische Lage für das katholische Feld aus? Welche Erfahrungen und Einstellungen lassen sich finden? Überqueren wir dazu kurz den Ärmelkanal. 2024 ist eine Interview-Studie der Religionswissenschaftlerinnen Sarah-Jane Page und Pam Lowe zu Schwangerschaftsabbrüchen und Katholizismus in Großbritannien erschienen.[5] Befragt wurden Gemeindemitglieder und Priester in fünf Regionen, in denen es zu Anti-Abtreibungsprotesten kommt (etwa wegen einer „Abtreibungsklinik“). Eingangs beschreiben die Autorinnen einen besonders exemplarischen Ort. Dort befinden sich eine Abtreibungspraxis und eine katholische Pfarrei in der gleichen Straße. Page und Lowe skizzieren diese Situation als sehr diversen Mikrokosmos. Es gibt Pro-Life-Proteste, die verschiedenen Bewohner*innen vor Ort, die Kirchengemeinde, den Pfarrer – wobei sich die Gruppen und Akteure überschneiden: „Bewohner gehören zur Kirchengemeinde. Pfarrer sind Anti-Abtreibungs-Aktivisten. Katholikinnen beenden in der Praxis ihre Schwangerschaft“ (4).
Abtreibungspraxis und katholische Pfarrei in der gleichen Straße
Es geht in der Studie weniger um den isolierten Status ungeborenen Lebens, sondern um eine Situation mit vielen Beteiligten. Was sagen etwa die gelebten „Leutetheologien“[6] von Katholik*innen, wenn es um Abtreibung geht? In den Gesprächen wird deutlich, wie tabuisiert das Thema ist. Und wie vielfältig sich zugleich die Wirklichkeit darstellt. Wer sich katholisch für eine Akzeptanz von Schwangerschaftsabbrüchen ausspricht, hat meist den Eindruck, allein zu sein. Man stellt sich nicht nur gegen die lehramtliche Position, sondern nimmt auch an, dass diese von allen anderen Katholiken*innen geteilt wird (226). Das ist aber nicht der Fall. „Nur sehr wenige katholische Gemeindemitglieder in unserer Stichprobe folgten der Lehre des Vatikans zum Thema Abtreibung. Sie vertraten eine Vielzahl unterschiedlicher Standpunkte. Einige hatten selbst eine Abtreibung erlebt; andere hatten darüber nachgedacht, eine vornehmen zu lassen; einige hatten eine Freundin oder Verwandte bei einer Abtreibung unterstützt; einige argumentierten, dass sie persönlich keine Abtreibung vornehmen lassen würden, aber andere nicht verurteilten; einige waren der Meinung, dass es einen ‚guten‘ Grund dafür geben müsse und verurteilten Abtreibung daher nicht grundsätzlich; und einige unterstützten den Zugang zu Abtreibungen bedingungslos. Nur eine kleine Minderheit hielt an der Lehre der Kirche zum Thema Abtreibung fest“ (226). Die meisten sprechen von einer schwierigen Gewissensentscheidung, in die sich andere nicht ungefragt einmischen sollten.
Eine Vielzahl unterschiedlicher Standpunkte
Nur 29 Prozent der britischen Katholikinnen halten einen Schwangerschaftsabbruch für eine Sünde, so eine weitere Studie von 2022 (226). In den Kirchengemeinden aber ist Abtreibung häufig ein verschwiegenes Thema. Kommt es zu lokalen Skandalisierungen, polarisiert das die Kirche vor Ort. Die Verantwortlichen versuchen dann meist die Aktivitäten radikaler Abtreibungsgegner*innen einzudämmen oder diese zu besänftigen (227).
Die befragten Priester berichten teils von ihrem Versuch, aus einem politisierten Thema ein Seelsorgliches zu machen[7]. Insgesamt zeigen sich neben kämpferischen Abtreibungsgegnern auch abwägende Positionen. Durchgehend wurde Abtreibung von den Priestern aber als leidvolles und traumatisierendes Ereignis verstanden. Dass auch Katholik*innen mit einem Schwangerschaftsabbruch gut leben können und das auch später als richtige Entscheidung empfinden, bleibt außerhalb des Vorstellbaren (228).
Schwangerschaftsabbruch als richtige Entscheidung
Das ist nur ein kleiner Einblick in diese Studie. Am Ende halten Page und Lowe zwei Dinge fest. „Für die Teilnehmenden ist die Gewissensfreiheit der von vielen bekräftigte oberste Wert. Das persönliche Gewissen war das zentrale theologische Instrument der Gemeindemitglieder, um für Selbstbestimmung gegenüber katholischen Vorgaben zu argumentieren“ (245). Zweitens scheint Abtreibung einer der letzten tabuisierten Identitätsmarker des Katholischen zu sein. Während andere Bereiche wie die Öffnung von Weiheämtern oder die religiöse Gleichstellung queeren Lebens sogar in vatikanischen Synoden diskutiert werden, gehört das kategorische Verbot von Abtreibung quasi zum letzten unbesprechbaren Anker. Indem der Gewissensentscheidung von Frauen kategorisch misstraut und eine situierte theologische Ethik der Verhältnismäßigkeit[8] oft abgelehnt wird, drängt es viele Frauen immer weiter aus dem Bereich der verfassten Kirche, so Page und Lowe (so 252).
Abtreibung als einer der letzten tabuisierten katholischen Identitätsanker
Soweit die Erkenntnisse aus Großbritannien. Diese lassen sich nicht einfach eins-zu-eins auf Deutschland übertragen. Aber sie geben doch Einblick in die empirische Wirklichkeit der katholischen Kirche in Europa. Auch hierzulande findet die Vielfalt an Erfahrungen und Einstellungen katholischer Frauen (und vieler anderer Personen) zum Schwangerschaftsabbruch jedenfalls wenig Gehör, vor allem in lehramtlichen Stellungnahmen.
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Bild: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-54692-1.
Michael Schüßler ist Praktischer Theologe an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.
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[1] Vgl. Ulrike Lembke, Reproduktive Selbstbestimmung und reproduktive Gerechtigkeit – ein intersektionaler Menschenrechtsansatz, in: GENDER, H 1 (2024), 11-25.
[2] Vgl. Stephan Ernst / Stephan Goertz / Katharina Klöcker / Thomas Laubach (Hg.), Konfliktfeld Reproduktive Selbstbestimmung. Grundlagen und Konkretionen (Jahrbuch Moraltheologie, Bd. 9), Freiburg/Brsg. 2025.
[3] Vgl. https://www.feinschwarz.net/theologie-als-situiertes-wissen-eine-praxistheologische-orientierung/.
[4] https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/EKD-Stellungnahme_Schwangerschaftsabbruch_Rat_der_EKD.pdf, II.3., S.2.
[5] Sarah-Jane Page / Pam Lowe, Abortion and Catholicism in Britain. Attitudes, Lived Religion and Complexity, Palgrave Macmillan 2024. Alle Zitate wurden auf Basis von DeepL übersetzt. Sarah-Jane Page war Referentin bei der Tagung „(Non-)Reproductive Matters: Global Perspectives on Religion, Gender and Procreation“ im Juni 2024 in Tübingen: https://uni-tuebingen.de/forschung/zentren-und-institute/crcs/veranstaltungen/gender-and-religion-konferenz/.
[6] https://www.feinschwarz.net/leutetheologien-das-suchen-und-finden-der-einzelnen-und-ihre-wuerdigung/.
[7] Vgl. dazu exemplarisch für Deutschland: https://katholisch.de/artikel/64530-seelsorge-nach-abtreibungen-wird-gott-mir-verzeihen.
[8] https://www.feinschwarz.net/verhaeltnismaessigkeit-nicht-verbote/.


