Sklaverei und das Licht des christlichen Glaubens in den Amerikas

Sklaverei

Angesichts von „Black Lives Matter“ macht sich Hans Gerald Hödl auf historische Spurensuche zum Zusammenhang von Sklaverei und Glaubensgemeinschaften.

In der Diskussion um die mit dem transatlantischen Sklavenhandel verbundene Sklaverei in Amerika ging es hauptsächlich um moralische Schuldzuweisungen Menschen gegenüber, die als Nutznießer des Sklavenhandels oder Rassisten angesehen wurden. Wenig wurde auf historische Bedingungen des Sklavenhandels mit den Amerikas eingegangen—und zusätzlich war der Blick relativ einseitig auf die USA resp. die englischen Kolonien in Nordamerika gewandt. Es folgt ein knapper historischer Überblick, bewusst ohne Schuldzuweisungen, und eine kurze Skizze zur Rolle der katholischen und anglikanischen Christen in dieser Geschichte.[1]

Dieser Sklavenhandel beruhte darauf, dass es in den meisten afrikanischen Gesellschaften die Institution der Sklaverei gab.

Im 15. Jhdt. begannen portugiesische Seefahrer, den Seeweg um den afrikanischen Kontinent zu erkunden. Einer ihrer Beweggründe war, auf diese Art und Weise direkte Handelsbeziehungen mit den Völkern an der Küste Westafrikas (heute: Goldküste, Elfenbeinküste, Sklavenküste) zu führen, um den seit dem 7. Jhdt. bestehenden Transsaharahandel von Muslimen über nahe an der Sahelzone liegende Königreiche (Ghana[2], Mali u.a.), die als Marktplätze dienten, zu umgehen. Man schätzt, dass zwischen 650 und 1600 u.Z. um die 4,8 Mio. afrikanischer Sklav*innen im Transsaharahandel aus Afrika exportiert wurden. Dazu kommen ca. 2,5 Mio., die in dieser Zeit im Handel über den indischen Ozean oder an dessen Küste verkauft wurden.[3] Dieser Sklavenhandel beruhte darauf, dass es in den meisten afrikanischen Gesellschaften die Institution der Sklaverei gab.

In der Literatur wird das damit begründet, dass „Macht“ in diesen Gesellschaften nicht über Landbesitz, sondern über Einfluss auf Menschen definiert war. Das sind nun entweder Verwandte (v.a. Nachkommen), die aber potentielle Konkurrenten darstellen, oder Sklav*innen. Letztere sind, auch wenn sie durchaus hohe Positionen einnehmen konnten, Eigentum wie das Vieh, das jemand besitzt, und sie können wie Vieh verkauft werden (von einschränkenden Regeln abgesehen).

1532 wurden die ersten afrikanischen Sklav*innen direkt nach Amerika verbracht. Der sog. „Dreieckshandel“ entstand.

Portugiesische Händler hatten wenig Bedarf an direktem Sklavenhandel (u.a. Haussklav*innen für europäische Länder) — er beläuft sich von ca. 1450-1500 auf etwa 80.000 Personen — es ging ihnen um Gold, Elfenbein usw. Sie waren eher „Mittelsmänner“ im afrikanischen Sklavenhandel — man tauschte europäische Waren gegen Sklav*innen und diese wiederum am Kontinent gegen Gold, Elfenbein usw. Das änderte sich bald nach der „Entdeckung“ Amerikas, als man für die dortige Plantagenwirtschaft Arbeitskräfte brauchte, die für die anstrengende Arbeit in großteils (sub)tropischem Klima widerstandsfähig genug waren. 1532 wurden die ersten afrikanischen Sklav*innen direkt nach Amerika verbracht. Der sog. „Dreieckshandel“ entstand: an der afrikanischen Küste wurden europäische Manufakturwaren verkauft und Sklav*innen eingekauft, nach den Amerikas verschifft und verkauft (die sog. „Middle Passage“), mit „Kolonialwaren“ segelte man zurück zu den europäischen Märkten. Dieser beständig wachsende Handel erreichte seinen Höhepunkt infolge des europäischen „Zuckerbooms“ im 18. Jhdt., in dem geschätzte 6,5. Mio. Afrikaner*innen nach den Amerikas verkauft wurden. Dabei gab es auf dem durchschnittlichen Sklavenschiff 0,4m² Platz pro Sklav*in, bei einer Sterblichkeitsrate von wohl über 50%, wobei viele schon vor der Verschiffung starben. Anfang des 19. Jhdt.s wurde der Sklavenhandel zwar illegal, setzte sich aber noch bis in die Mitte des 19. Jhdt.s fort.

Afrikaner*innen würden durch ihre Verfrachtung in christliche Länder zum Licht des christlichen Glaubens geführt

Nutznießer dieser Ökonomie mit menschlicher Ware gab es (außer den Schiffsleuten selbst) an allen drei Punkten des „Dreieckshandels“ — Plantagenbesitzer bekamen ausbeutbare Arbeitskräfte, Europäer*innen verkauften Waren und bezogen Genuss– und Lebensmittel, und afrikanische Königreiche verdienten am Sklavenverkauf, wie etwa Ọ̀yọ́ und Dahomey. In Dahomey waren Sklav*innen immer Fremde, meist Kriegsgefangene. Der wachsende Bedarf an Sklav*innen für den amerikanischen Markt brachte so eine Ausweitung der Kriegshandlungen zum Zweck der Sklavenrekrutierung mit sich. Jene, die nicht verkauft wurden, arbeiteten auf den königlichen Feldern (in dem Fall wurden sie in der 2. Generation frei) oder wurden bei entsprechenden Anlässen geopfert. Abgesehen davon, dass, wer seine Sklav*innen (sein Eigentum) opfern konnte, damit Macht und Wohlstand anzeigte, dienten die Opfer dem Überbringen von Botschaften an die Ahnen im Jenseits, der Übersendung von Sklav*innen für jene, oder einfach deren Ernährung und Stärkung („Bewässern“ der Gräber mit Blut). Die in Westafrika verbreitete Praxis von Menschenopfern — wozu auch die Exekution von Verbrechern zählte —, in europäischen Schilderungen sicher übertrieben, war einer der Rechtfertigungsgründe von Sklavenhändlern: demnach wäre das Schicksal der in die Amerikas verbrachten Arbeitssklav*innen immer noch besser gewesen als was sie in afrikanischen Königtümern zu gewärtigen gehabt hätten. Zum historischen Kontext des transatlantischen Sklavenhandels gehört aber auch die Argumentation, der zufolge die als wilde, unbekleidete, ethischer Begriffe ermangelnder Heiden dargestellten Afrikaner*innen durch ihre Verfrachtung in christliche Länder zum Licht des christlichen Glaubens geführt würden.

Missionsstrategien zwischen Katholiken (Brasilien, spanische Karibik) und Anglikanern (nordamerikanische und karibische englische Kolonien) unterschieden sich deutlich.

War dem auch so? Missionsstrategien zwischen Katholiken (Brasilien, spanische Karibik) und Anglikanern (nordamerikanische und karibische englische Kolonien) unterschieden sich deutlich: Katholiken tauften nach knappster Unterweisung im Glauben und setzten auf nachherige Katechese (die dann nur rudimentär, wenn überhaupt geschah, blieb doch bei der harten Arbeit wenig Zeit dafür). Die Sklav*innen wurden in Bruder- und Schwesternschaften, resp. in „naciones“ — nach  (tw. konstruierter) ethnischer Herkunft — eingeteilt, mit einem Schutzpatron, und gelegentlicher Unterweisung im Glauben. Es bildeten sich afroamerikanische Religionen (Candomblé in Brasilien, Santería in Kuba, Vodou in Haiti — letzteres aufgrund der Geschichte ein Sonderfall) heraus, in denen afrikanische Traditionen transformiert fortlebten und Elemente des iberischen Volkskatholizismus und später des europäischen Spiritismus in das west- oder zentralafrikanische religiöse System integriert wurden.

So bildeten sich in den englischen Kolonien und später den USA zunächst afrikanisch geprägte Christentümer, nicht, wie in den katholischen Ländern, afroamerikanische Religionen mit identifizierbaren west- und zentralafrikanischen Traditionen.

Die anglikanische Kirche setzte auf der Taufe vorausgehende Katechese, die aber auch auf Widerstand der Sklavenbesitzer stieß, teils, weil man sich unsicher war, ob man Christen als Sklav*innen halten dürfe, teils, weil man fürchtete, die Sklav*innen würden sich, einmal getauft, überheben, teils wegen rassistischer Vorurteile, und, weil auch einfach keine Zeit blieb für christliche Unterweisung. Getaufte Sklav*innen besuchten die Kirchen mit ihren Herren, aber getrennt. Christliche Predigt für Sklav*innen bestand vor allem darin, ihnen gutes Verhalten zu vermitteln („don’t steal your master’s chicken“ usw.). Größeren Erfolg hatten dann Denominationen wie Methodisten und Baptisten, die auf Erweckung und Bekehrungserlebnisse setzten. So bildeten sich in den englischen Kolonien und später den USA zunächst afrikanisch geprägte Christentümer, nicht, wie in den katholischen Ländern, afroamerikanische Religionen mit identifizierbaren west- und zentralafrikanischen Traditionen.

Die Missionsstrategie war nicht der einzige Faktor für diese Unterschiede.

Die Missionsstrategie war nicht der einzige Faktor für diese Unterschiede: nach Nordamerika wurden insgesamt weniger Sklav*innen verbracht, der Sklavennachschub kam hauptsächlich von den Nachfahren der Sklav*innen, die auch in überschaubareren Plantagen näher bei ihren weißen Herren lebten. Die Erinnerung an die afrikanische Heimat wurde so mit jeder Generation blasser. Die brasilianischen und kubanischen Plantagen hingegen bekamen immer neuen Nachschub an frischen Sklav*innen, wenn die alten starben, und so kamen bis zuletzt (als der Sklavenhandel schon illegal war) Afrikaner*innen mit einer frischen Erinnerung an das Heimatland nach Lateinamerika. Die religiösen Traditionen der Yorùbá wurden für die afrobrasilianischen und –kubanischen Religionen u.a. deshalb prägend, weil die Macht des dominanten Yorùbá-Königreichs Ọ̀yọ́ Anfang des 19. Jhtds. verfiel und so am Ende des Sklavenhandels viele Yorùbá versklavt wurden.

Menschen aus unterschiedlichsten Gegenden Afrikas, verschiedenster ethnischer Herkunft sind über Jahrhunderte hinweg zu der „ethnischen Gruppe“ geworden, die man heute als „Afroamerikaner*innen“ bezeichnet.

Sowohl an der stärkeren Rückbindung an afrikanische Traditionen in den katholischen Ländern Amerikas als auch an der historischen Distanz zu jenen unter den Nachkommen der Sklav*innen in Nordamerika zeigt sich – aus scheinbar entgegengesetzten Gründen —, dass man von einer schwarzen „Rasse“ nicht sprechen wird können — Menschen aus unterschiedlichsten Gegenden Afrikas, verschiedenster ethnischer Herkunft sind über Jahrhunderte hinweg zu der „ethnischen Gruppe“ geworden, die man heute als „Afroamerikaner*innen“ bezeichnet. Hier sollte die Frage danach ansetzen, was Rassismus ist, aber das ist eine andere, wenn auch naheverwandte Geschichte, denn gerade die Erklärung von Menschen schwarzer Hautfarbe zu solchen zweiter Klasse rechtfertigt die Sklaverei von der Seite der europäischen Kolonisatoren aus.

Autor: Hans Gerald Hödl ist Ao.-Prof. für Religionswissenschaft an der Universität Wien

Titelbild: Erich Konecky 2009, Agbodrafo, Togo. Das Bild zeigt den „Keller“ in Porto Seguro, einem Sklavenlager in der Zeit, als der Sklavenhandel schon illegal war (19. Jhdt.), das durch den Vertrag portugiesischer Sklavenhändler mit einem örtlichen Herrscher zustande kam. In diesen „Räumen“ wurden die Sklav*innen vor ihrer Verschiffung zusammengepfercht. Besichtigung im Rahmen einer vom Autor geleiteten Exkursion.

[1] Das ist eine grobe Skizze, nicht mehr.

[2] Das historische Königreich Ghana lag weiter nordwestlich vom heutigen Staat Ghana, im Südosten des heutigen Mauretanien und den angrenzenden Gebieten des heutigen Mali.

[3] Die Schätzungen variieren. Alle Zahlen in diesem Beitrag aus: Paul. E. Lovejoy, Transformations in Slavery. A History of Slavery in Africa. New York: Cambridge University Press 2012.

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